Covid-19 Corona-Mutante Delta auf dem Vormarsch – wann löst sie die vierte Welle aus?

Der Anteil der Corona-Variante Delta in positiven Proben steigt auch in Deutschland. Schon bald wird sie wohl – wie in Großbritannien – vorherrschend sein. Was bedeutet das für eine mögliche vierte Welle?

6,2 Prozent. So hoch (oder so gering) war der Anteil der indischen Mutante B.1.617.2, die mittlerweile Delta genannt wird, in positiven Proben in Deutschland in Kalenderwoche 22. Es ist die neueste Zahl, die das Robert Koch-Institut in seinen Berichten zu Virusvarianten von SARS-CoV-2 in Deutschland gestern veröffentlicht hat.

6,2 Prozent. Das klingt wenig. Warum also Sorgen machen?
Zum einen, weil diese Zahl Woche für Woche gestiegen ist.
Und zum anderen, weil man bei der britischen Mutante B.1.1.7 (mittlerweile Alpha genannt) gesehen hat, wie es vonstattengeht, wenn eine Virusvariante deutlich ansteckender als alle anderen ist:

Zuerst (im einstelligen Prozentbereich) steigt ihr Anteil nur allmählich. Dann aber exponentiell, bis die Variante klar dominiert und die Steigerung wieder abflacht.
Variante Alpha brauchte in Deutschland für all das nur wenige Wochen.

Zum Vergleich: Variante Alpha ist etwa 30 Prozent ansteckender als der ursprüngliche Wildtyp des Virus. Variante Delta aber ist laut neuesten Studien noch einmal 60 Prozent ansteckender als Alpha. Das spricht dafür, dass die Verdrängung des "schwächeren" Virustyps diesmal sogar noch schneller ablaufen könnte.

Großbritannien

Im Vereinigten Königreich war das so. Anfang Mai machte Delta dort rund ein Viertel der Fälle aus. Mitte Mai überholte Delta dann schon Alpha. Und nur zwei Wochen später gab es fast nur noch Delta-Fälle.

Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt in Großbritannien derzeit wieder bei rund 70 – vorher rangierte sie wochenlang bei etwa 20. Die Inzidenzen legten also rasant zu, obwohl mittlerweile bereits mehr als 57 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien vollständig geimpft sind.

Deutschland

Was bedeutet das nun hierzulande? Löst Delta in Deutschland schon in wenigen Wochen die vierte Welle aus?

Dagegen spricht die aktuelle Situation: Die absoluten Fallzahlen sind so gering, dass Delta länger brauchen könnte, um sich durchzusetzen.
Es ist Sommer, wir nähern uns dem längsten Tag des Jahres, es gibt viel UV-Strahlung, die Viren nicht mögen. Laut einer neuen Preprint-Studie ist die Reproduktionszahl R im Sommer 42 Prozent niedriger als im Winter.

Aber:
Bald werden die Tage wieder kürzer. Die Urlaubszeit beginnt. Auslandsreisende könnten noch mehr Delta-Viren nach Deutschland bringen. Und im Vergleich mit Großbritannien ist die Impfsituation hierzulande deutlich schlechter. Nur reichlich ein Viertel der Bevölkerung ist derzeit vollständig geimpft.

Bei Delta kommt es aber noch mehr als bei anderen Varianten darauf an, vollständigen Impfschutz zu haben. Die Erstdosis schützt kaum. Delta gelingt es, den Immunschutz etwas zu umgehen, wie der Dortmunder Immunologe Carsten Watzl auf Twitter schreibt.

Daher sind die Antikörper von Personen nach der ersten Impfung kaum in der Lage, die Delta Varianten zu neutralisieren.

Carsten Watzl, Immunologe Twitter

Wahrscheinlich sind momentan also knapp drei Viertel der Bevölkerung Deutschlands nicht ausreichend vor der Variante Delta geschützt.

Sorgen macht dem Immunologen Carsten Watzl auch, dass sich die Delta-Variante in Schottland vor allem unter den Jüngeren verbreitet. Das könnte auch in Deutschland so kommen. "Daher wird die Diskussion zur Impfung von Kindern und Jugendlichen noch wichtig werden."

Die vierte Welle

Alles deutet darauf hin, dass Variante Delta auch in Deutschland die Vorherrschaft erlangen wird.
Und dann wird sie mit ihrer viel größeren Ansteckungskraft höchstwahrscheinlich dafür sorgen, dass die Infektionszahlen steigen, weshalb man wohl spätestens im Herbst von der vierten Welle sprechen wird.

Fraglich (und vielleicht noch beeinflussbar) sind zwei Dinge: Wann wird das beginnen? Und wie schlimm wird es werden?

Ein Sommer voller Zweitimpfungen wäre hilfreich.

rr

62 Kommentare

MDR-Team vor 3 Wochen

Hallo liebe:r DermbacherIn, Antworten auf Ihre Fragen gibt es. Das schwierige ist nicht das Virus in seiner Alpha-Variante, sondern die Mutationen und die Dynamik, die das Virus zeigt. Die Wissenschaft trägt an der Situation keine Schuld. Wenn es zu Infektionen und Ausbreitung des Virus kommt, steckt oft der unachtsame Mensch dahinter. Entweder weil er sich nicht an Präventivmaßnahmen halten will oder die Situation falsch einschätzt. Übrigens unterstellen Sie den Forscher*innen, dass diese nicht arbeiten sondern "jeden Tag ihren Kopf in Talkshows zu zeigen." Keine Grundlage mit Ihnen über Wissenschaft zu diskutieren. Liebe Grüße

MDR-Team vor 3 Wochen

Ja, liebe:r DermbacherIn, aus diesem Grund ist es die Pflicht des Staates aus Artikel 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland heraus, Präventivmaßnahmen zu ergreifen. Sie als Bürger*in haben immer die Möglichkeit vermeintlich nicht geeignete Maßnahmen gerichtlich überprüfen zu lassen. Auch das bietet unsere freiheitlich demokratische Grundordnung. Liebe Grüße

DermbacherIn vor 3 Wochen

Wie verbreitet sich der Virus? Wie lange überlebt er in der Luft jetzt im Sommer?
Welche Auswirkungen haben die UV-Strahlen nach bisheriger Erfahrung bekommen, gefallen die den Viren nicht, lässt sich dies künstlich erzeugen?
Wo sind die Helmholzler, die Drostens, die Virologen mit ihren Studienerkenntnissen aus dem letzten Sommer, die uns jetzt helfen?
Pandemien verlaufen immer in einem bestimmten Muster, im Mittelalter oder jetzt.
Für mich ist für den jetzigen Zustand auch die Wissenschaft verantwortlich.
Wie sorgt sie im Sommer vor damit das, was uns dann droht, zu vermeiden? Seinen Kopf jeden Tag in einer Talkshow zu zeigen, wie
z. B. Frau Brinkmann hilft hier nicht weiter.