Corona Gibraltar: Hohe Inzidenz trotz hoher Impfquote? Ja, das geht

Das kleine Gibraltar hat eine Top-Impfquote. Und sehr viele Corona-Fälle. Was sagt das über die Wirksamkeit der Impfung aus? Es bestätigt das, was wir schon wissen: Die Impfungen schützen sehr sicher vor schweren Verläufen und Todesfällen, Ansteckungen sind dennoch möglich. Und auch in Mitteldeutschland gibt es ähnliche Fälle mit auffällig hohen Inzidenzen. Gibt es hier Gemeinsamkeiten?

Abendstimmung mit warmen, orangefarbenen Licht: Blick auf Gibraltar – hoher Fels mit kleinem Städchten davor. Wolkenmuster und Berge im Hintergrund.
Idyllischer Fels am Ende Europas: Das britische Gibraltar Bildrechte: imago images/CHROMORANGE

Gibraltar, dieses kleine Zipfelchen an britischem Überseegebiet südlich von Spanien, hat sich zum Ende des Julis als gefundenes Fressen für Anti-Impfkampagnen herausgestellt. Von offizieller Seite heißt es dort, es seien alle Menschen in dem teilautonomen Land geimpft. Auf der anderen Seite stand eine Inzidenz von 600. Dafür gibt es jedoch verhältnismäßig einfache Erklärungen. Und es lohnt sich durchaus ein Blick auf die Besonderheiten der Stadt am Fels. Also:

Punkt eins: Die Sache mit der Impfquote

Hat Gibraltar eine Impfquote von hundert Prozent? Nein. Es hat sogar eine Impfquote von 115 Prozent, wenn man sie auf die im Land verabreichten Impfdosen bezieht: Über 78.000 bei gut 35.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Das bedeutet allerdings nicht, dass einige Menschen mehr als zwei Spritzen bekommen hätten. Die Süddeutsche Zeitung weist darauf hin, dass auch mindestens 8.000 spanische Pendlerinnen und Pendler in Gibraltar geimpft worden seien. Zudem zeige z.B. der Fall einer ungeimpften infizierten Person über hundert, dass es auch in Gibraltar noch keine flächendeckende Immunisierung gibt.

Punkt zwei: Die Sache mit dem Krankheitsverlauf

Nachdem im Corona-Winter 2020/2021 die Zahl der Todesfälle stark gestiegen ist, stagniert sie seit dem 13. März: Zu den bis dahin 94 Todesfällen kam seither kein weiterer hinzu, etwa genau so lang gilt die Bevölkerung als weitestgehend durchgeimpft. Das Ausbleiben von schweren Verläufen ist also auf die hohe Impfquote zurückzuführen. Gerade durch die auch in Gibraltar vorherrschende Delta-Variante kann es immer mal wieder zu Impfdurchbrüchen kommen (mit einem zumeist milden Verlauf). Die Durchbruchsquote ist gering und gilt auch in dem britischen Überseegebiet. Abweichungen von der statistischen Verteilung fallen allerdings durch die geringe Einwohner/-innenzahl stärker ins Gewicht. Damit wären wir bei …

Punkt drei: Die Sache mit der Einwohner/-innenzahl

Gibraltar ist zwar ein Land mit teilautonomen Status, aber eigentlich nur ein 35.000-Seelen-Städtchen. Die statistische Größe der Inzidenz – also der Corona-Fälle in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner/-innen – ist dadurch deutlich anfälliger auf Veränderungen (und auch auf Störungen) als bei einem 80-Millionen-Land wie Deutschland. Nicht falsch verstehen: Die Berechnung ist völlig korrekt, aber Inzidenz und Impfquote sind besser mit einer kleineren Stadt vergleichbar als mit einem anderen Staat. So lohnt sich statt eines Vergleichs zwischen Gibraltar und Deutschland eher ein Vergleich zwischen Gibraltar und Mühlhausen.

Wie uns die Vergangenheit gezeigt hat, gehen in kleineren Gemeinden die Zahlen schnell mal durch die Decke. Jüngstes Beispiel dafür ist der Altmarkkreis Salzwedel (der mit etwa 80.000 Einwohner/-innen etwas mehr als doppelt so groß ist wie Gibraltar). Hier lag die Inzidenz vergangene Woche noch bei null, jetzt bei über vierzig, was im deutschlandweiten Vergleich derzeit weit an der Spitze ist. Hier gehen die Werte auf eine größere Familienfeier zurück, außerdem habe es Infektionen bei einem Unternehmen gegeben. Das ist eine Auswirkung auf die Inzidenz, wie sie auch in Gibraltar zu beobachten gewesen wäre, aber nicht in Gesamt-Deutschland. Nur, dass wir im Vergleich zum Altmarkkreis nicht wissen, ob es eine oder mehrere solcher zentralen Ursachen gab.

Was dagegen bekannt ist: Die Inzidenz für Gibraltar liegt derzeit, Stand 3. August, bei etwas über 500, ist also wieder zurückgegangen. Insgesamt wurden seit Beginn der Pandemie 5.000 Infektionsfälle gemeldet, mehr als 4.600 gelten als genesen.

flo

23 Kommentare

wo geht es hin vor 17 Wochen

Na und? Wenn derjenige, der es dann auch bekommt, genauso nichts davon merkt - wo ist das Problem? Und schon kommen wir mit dem 2. "G" (genesen) der Herdenimmunität wieder etwas näher. Diesem Ziel wird doch mit der Impfung auch alles andere (z.Bsp. Grundrechte) untergeordnet. Und wenn trotz Kenntnis, dass auch Geimpfte Überträger sein können, Ungeimpfte als alleinige Sündenböcke herhalten sollen, ist das für mich eine klare Diskriminierung und ein klarer Verstoß gegen Art. 1 GG , in dem es heißt: die Würde des Menschen ist unantastbar. Gerade wird die hier in D mit Füssen und Knüppeln getreten. Aber DARÜBER berichtet der MDR ja auch nicht.

ollio vor 17 Wochen

Wenn man sich die Daten aus dem Artikel der SZ anguckt (bspw. an einem Tag 18 infizierte, davon 10 vollständig geimpft) und ein wenig damit rumrechnet, kommt man bei der Thematik eher zu dem gegenteiligen Ergebnis, welches die Anti-Impfkampagner einem weißmachen wollen. Ich habe damit eine 7-Tage Inzidenz bei geimpften von ca. 220, bei ungeimpften von ca. 2380 errechnet. Alles sehr hemdsärmlich und bei der geringen Datenmenge auch ziemlich unwissenschaftlich. Es verdeutlicht aber, dass man vielleicht mehr als nur die Überschriften lesen sollte, um sich eine Meinung zu bilden. Was man noch erkennt ist aber, dass diese verf**te Delta-Variante extrem leicht übertragbar ist.

MDR-Team vor 17 Wochen

Hallo @Freies Moria, Sie haben Recht, die Impfung vernichtet das Virus nicht. Dafür ist sie aber auch nicht da. Sie soll die Menschen vor einem schweren Verlauf oder gar dem Tod schützen, wenn sie sich infizieren. Eine hohe Impfquote bewirkt außerdem die Verlangsamung der Zirkulation des Virus und kann so dafür sorgen, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Die natürliche Immunabwehr kann das Virus allerdings auch nicht vernichten. Infizieren sich Menschen mit SARS-CoV-2 und entwickeln Antikörper hat auch ihr Körper eine Immunantwort im Falle eines weiteren Kontaktes mit dem Virus. Das heißt aber auch nicht, dass sie sich nie wieder damit anstecken können. Die Zulassung der Covid-19 Impfstoffe war eine eingeschränkte Zulassung auf Grund der Dringlichkeit und ist an eine kontinuierliche Prüfung gebunden. LG vom MDR Wissen Team

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