Carbfix-Projekt Auf Island wird CO2 in Gestein gepresst

Der Weltklimagipfel in Glasgow ist zu Ende und die Klimaschützer sind unzufrieden: Der große Wendepunkt, der er hätte sein müssen, war der Gipfel nicht. Während die Politik keine Lösungen findet, sucht die Wissenschaft nach ihren Antworten auf die Krise. "Carbfix" heißt eine davon aus Island. Mit dieser Methode soll das klimaschädliche Kohlendioxid einfach aus der Luft gefiltert werden, um es in Basaltgestein einzuschließen – aus Gas wird so Stein. Doch die Methode ist nicht unumstritten.

Direct Air Capture Anlage
Die DAC-Anlage Orca in der nähe von Reykjavik Bildrechte: IMAGO / Cover-Images

Das isländische "Carbfix"-Projekt betreibt rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Reykjavik entfernt die weltweit größte Anlage, um Kohlenstoffdioxid aus der Luft zu holen. Inzwischen gibt es weitere "Carbfix"-Anlagen in verschiedenen Ländern – unter anderem auch in Deutschland. Aus dem CO2 aus der Luft macht "Carbfix" Stein. Sandra Snaebjörnsdottir, Geologin am Carbfix-Projekt auf Island, erklärt in einem Promovideo des Unternehmens, was sie genau tun.

Wir nehmen Kohlendioxid und lösen es in Wasser auf. Das ist genau der gleiche Prozess, der in einem Sodasprudler geschieht.

Sandra Snaebjörnsdottir, Carbfix-Projekt

Die neue Technologie, die seit 2007 entwickelt wird, ist eine sogenannte Senktechnik. Andreas Kuhlmann von der Deutschen Energieagentur, DENA, erklärt, dass dabei CO2 aus der Luft gesaugt und anders verwendet werde. So werde es "im Fall in Island letztendlich in gesteinsartige Dinge umgewandelt", erläutert Kuhlmann.

Orca presst Gas in Basaltgestein

"Von 2014 an haben wir über 100.000 Tonnen verarbeitet", sagt Hildigunnur Thorsteinsson von Reykjavik Energy. "Wir sind gerade dabei, eine Absauganlage zu installieren, die 4.000 Tonnen pro Jahr verarbeiten kann, und wir versuchen immer mehr zu verarbeiten." Die Isländer haben die Anlage Orca getauft, nach dem isländischen Wort orka – zu Deutsch: Energie.

Vulkan Hengill
Das CO2 wird in das Gestein des Vulkans Hengill gepresst. Bildrechte: IMAGO / agefotostock

Dort wird am Fuß des Vulkanmassivs Hengill das klimaschädliche CO2 aus der Luft herausgefiltert. In Sammelbehältern mit einem selektiven Filter werden die CO2-Moleküle aufgefangen. Ist der Filter voll, wird er auf über 100 Grad erhitzt. Das so entstandene reine Gas kann dann – in Wasser gelöst – mit einem hohen Druck in 800 bis 2.000 Meter Tiefe in das poröse vulkanische Basaltgestein eindringen, und dort mit dem im Stein enthaltenen Kalzium, Magnesium und Eisen reagieren. Im Laufe von zwei Jahren verfestigt sich dann das einstige CO2 zu weißen Kalkkristallen in den Hohlräumen des Basaltgesteins.

Basalt ist der älteste Gesteinstyp und bedeckt fünf bis zehn Prozent der Welt. Ich denke, eine Menge Staaten haben das Potential, diese Technologie zu nutzen.

Hildigunnur Thorsteinsson, Reykjavik Energy 

Es gebe bereits Forschungsprojekte in der Türkei und in Deutschland, ergänzt Thorsteinsson. "Und wir arbeiten mit Weltfirmen global zusammen, um zu sehen, wo ist der Übergangsbereich von CO2." Er denke, das sei eine globale Lösung, die aber auch global genutzt werden müsse.

Zu gut, um unproblematisch zu sein?

So ideal jedoch, wie sich alles anhört, ist es nicht, meint Umwelttechniker und Ingenieur Carsten Smid von Greenpeace: "Der hohe Druck kann Mikroerdbeben auslösen."

Es besteht eine permanente Gefahr, das CO2 aus der Lagerstätte durch Leckagen oder andere Unwägbarkeiten in die Atmosphäre entweicht, und wieder freigesetzt wird.

Carsten Smid, Greenpeace
Basaltformation "Giant's Causeway"auf Irland.
Basaltgestein gibt es fast überall auf der Welt - wie hier in Irland. Bildrechte: Colourbox.de

Deshalb lehne Greenpeace das Verpressen von Kohlendioxid in CO2-Lagerstätten grundsätzlich als nicht nachhaltige Risikotechnologie ab, so Smid. Auch wenn beim isländischen Carbfix-Projekt das CO2 innerhalb von zwei Jahren in reaktivem Basaltgestein eingebunden sei, dürfe man sich keine Illusionen machen. Es bleibe ein Eingriff in geochemische Prozesse, der lokale Erdbeben hervorrufen kann.

Lokal in Island, in Verbindung mit dem Geothermie-Kraftwerk, mag das eine Option sein. Im großtechnischen Maßstab ist es eine ungewisse Wette auf die Zukunft.

Carsten Smid, Greenpeace

Löst Absaugen von CO2 die Klimakrise?

Die isländische "Carbfix"-Methode gehört zu den sogenannten Direct-Air-Capture-Techniken, kurz DAC – also dem Absaugen von CO2 aus der Luft. Es gibt verschiedene Verfahren innerhalb dieser Technologie, die 1999 vom deutschen Physiker Klaus Lackner erstmals vorgeschlagen wurde.

Im kanadischen Bundesstaat British-Columbia etwa wird eine Pilotanlage vom Unternehmen Carbon Engineering des Milliardärs Bill Gates betrieben und es gibt weitere Anlagen in der Schweiz, in Alabama und anderswo. In Deutschland wird eine Anlage am Hamburger Technologiezentrum Energie-Campus betrieben. Doch ist die DAC-Technologie wirklich eine Lösung für das deutsche Klimaproblem?    

Ich glaube, die Frage ist nicht die richtige, ob das eine Lösung für Deutschland ist, sondern die Frage ist, wie wir es in der Welt hinbekommen, natürliche Senken und technische Senken so zu kombinieren, dass das Ziel der Klimaneutralität wirklich auch erreichbar wird.

Andreas Kuhlmann, Deutsche Energieagentur DENA

Die Zeit drängt jedenfalls, denn der Point of no return rückt näher – also der Zeitpunkt, an dem die jetzige Entwicklung unaufhaltbar ist und wir kaum noch etwas für die Zukunft unseres Planeten machen können.

4 Kommentare

augu vor 37 Wochen

Was da chemisch passiert, ist mir nicht ganz klar. Im Basaltgestein gibt es Ca, Mg,... , natürlich nicht elementar, sondern chemisch gebunden. Als salz geht wohl nicht, denn H2CO3 kann wohl keine andere Säure aus ihren Salzen verdrängen. Bleibt nur eine Art von Ca-, Mg-.....Hydroxid im Basaltgestein, aus denen dann CaCO3, MgCO3 entsteht. Wenn es so wäre, bedeutet das aber, dass Basaltgestein an der Luft sehr schnell durch CO2 chemisch angegriffen würde, was aber tatsächlich nicht der Fall ist. ???

part vor 39 Wochen

Nun gibt es ja unterirdische Erdgaslagerstätten, die von außen immer wieder befüllt werden für Krisenlagen und als Reserve. Gleiches wurde schon mal mit CO₂ geplant in Europa. Nicht auszudenken, wenn eine solche Lagerstätte plötzlich undicht wird und das Gas in Bodennähe auf eine Ortschaft trifft. Die Verpressung in Basaltgestein erscheint mir aber als weniger gefährlich. Die wertvollste Art der Umwandlung von CO₂ ist und bleibt die Fotosynthese, dafür dar man aber aus Profitgründen nicht die Regenwälder abholzen und die Meere leer fischen und vergiften.

MDR-Team vor 39 Wochen

@Peter W.
Theoretisch ist die CO2-Bilanz dieser Technologie negativ, da ja Kohlendioxid aus der Luft gefiltert wird. Praktisch könnte es aber wie geschildert Probleme geben, etwa mögliche Leckagen. Dazu ist das Potenzial dieser Technologie begrenzt, sodass es mit Sicherheit noch weiterer Maßnahmen bedarf, um die globalen CO2-Emissionen zu verringern.
LG, das MDR-Wissen-Team