Nachhaltige Energieerzeugung Warum Atomkraft nicht im Kampf gegen den Klimawandel hilft

Nicht zuletzt im Rahmen der Weltklimakonferenz ist sie wieder Thema: Kernkraft. Von vielen Staaten wird sie als wichtige Technologie im Kampf gegen den Klimawandel angesehen. Forschende machen jetzt noch mal klar: Ein Trugschluss, der höchsten für kurze Symptomlinderung sorgt – wenn überhaupt. Denn Kernenergie ist teuer, langsam, risikobehaftet und ein schweres Erbe für kommende Generationen.

Zwei dunkle Kühltürme eines Atomkraftwerks schauen aus bodennahen Nebel heraus. Im Vordergrund Wasser, im Hintergrund Hochspannungsleitung, Bäume und heiterer Himmel.
Atomkraft: Kurzes Aufbäumen in Folge der Klimakrise – oder ein nebulöses Zukunftsversprechen? Bildrechte: IMAGO / CHROMORANGE

Nun, in Deutschland ist das Thema weitestgehend vom Tisch. Kernenergie wird für das Land in Zukunft nur noch durch ihre Altlasten eine Rolle spielen. Anders in vielen anderen Staaten der Welt, insbesondere Industrienationen: Finnland, Frankreich, Vereinigtes Königreich. Atomkraft, die sei ja nur ein Teil des Strommixes, das betonte die britische Botschafterin Jill Gallard gleich mehrfach am Montagmorgen im Deutschlandfunk und verwies auf den hohen Anteil erneuerbarer Energien. Im Subtext heißt das: Wir wollen öko, aber ganz ohne Kernspaltung wird es nicht laufen.

Zwei neue Reaktoren sind im südwestenglischen Hinkley Point im Bau, basierend auf der europäischen EPR-Plattform – einer der modernsten ihrer Art. Die Baustelle ist im Sinne des Baufortschritts und der Kostenexplosion so etwas wie der BER. Mit dreißig Milliarden Euro aber mehr als viermal so teuer. Großbritannien ist mit dieser Dynamik kein Einzelfall. Kernkraftwerke bleiben kompliziert, immens teuer und lassen nicht zuletzt eine Reihe von Fragen offen. Denn auch die aktuelle Reaktorgeneration kann im Störfall eine Katastrophe auslösen. Und die Suche nach einem Ort für den radioaktiven Müll ist längst nicht abgeschlossen.

Kernenergie war finanziell nie konkurrenzfähig

Auch in der Wissenschaft zeigen sich Zweifel, ob es denn im Jahr 2021 noch eine gute Idee ist, sich in Loriot-Manier so "ein schönes Atomkraftwerk zu bauen". Fachwissenschaftler*innen von Scientists for Future sind sich hier schon mal einig: Kernenergie kann nicht zur Lösung der Klimakrise beitragen. In ihrer Metastudie zum Thema wird etwa dargelegt, dass Kernkraft jeglichen Wirtschaftlichkeitsberechnungen widerspreche. Die Stromerzeugung sei außerordentlich teuer, erklärt Christian Breyer, Co-Autor der Studie: "Kernenergie war wirtschaftlich nie konkurrenzfähig und hat im Energiemarkt von Anfang an nur durch massive staatliche Finanzierung überlebt. Schon heute ist die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien kostengünstiger als durch fossile und nukleare Technologien."

Unbezahlbar hingegen seien Versicherungsbeiträge, die einen nuklearen Großunfall absichern würden. Katastrophen wie Fukushima und Tschernobyl gehen nicht nur durch das Unglück selbst, sondern auch finanziell zu Lasten der Gesellschaft. Und selbst wenn ein geeignetes Endlager für mehr als eine Millionen Jahre gefunden wäre: Langfristige Risiken seien aus heutiger Sicht schlichtweg nicht kalkulierbar.

Zu langsam, zu hinderlich

Und wenn's denn wenigstens schnell gehen würde: Ein Kernkraftwerk mit ein, zwei Jahrzehnten Bauzeit ist ein zu langsames Kernkraftwerk. Um die Treibhausgasemissionen bis 2030 zu halbieren – für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels ist das notwendig –, taugen diese Prestigeprojekte schon mal nichts. Den Forschenden zufolge können nur erneuerbare Energien mit der erforderlichen Geschwindigkeit bereitsgestellt werden.

Hinderlich sei an dieser Stelle, dass das Übergewicht an Ausgaben für Kernenergie den Ausbau erneuerbarer Energien und die Entwicklung neuer Technologien im Bereich Energieeffizienz und Energiespeicherung blockiere. Auch die radioaktiven Rückstände, die uns noch Millionen von Jahren beschäftigten werden, sind in ihren entgültigen Kosten noch nicht zu beziffern.

Angesichts der aktuellen Datenlage stellt sich eigentlich nicht Frage, ob das 1,5-Grad-Ziel ohne Kernkraft erreicht werden kann, sondern wie. Angesichts der wenigen, aber – vor allem in China – ambitionierten Bauvorhaben ist eine globale Lösung bei dieser Frage nicht in Sicht. In welche Richtung die Reise geht, werden wir allerdings eher früh als spät erfahren: In diesen Tagen auf Weltklimakonferenz COP26.

flo

Link zur Studie

Das Paper Kernenergie und Klima erschien am 16. Oktober 2021 auf Zenodo.

DOI: 10.5281/zenodo.5573719

54 Kommentare

hinter-dem-Regenbogen vor 11 Wochen

@MDR-Team meint: "es ist möglich, ausreichend Energie für die Menschheit . . . "

Wenn es so einfach wäre, dann reisen Sie doch mal durch die Länder dieser Welt und halten Ausschau nach der Realität.

Energie bedeutet nicht nur Geld - Energie bedeutet auch Macht.
Und allein aus diesem Grunde werden die meisten Länder dieser Erde keine eigene Energieversorgung aufbauen (können) .
Der Kolonialismus, auch wenn er heutzutage diskret und versteckt betrieben wird, hat hochkonjunktur.
Der Streit um das Wasser auf diesem Globus (siehe z.B. Nord-Afrika) kann gleichgesetzt werden mit dem Streit um die Energieressourcen und die Verteilung der Energie auf diesem Globus.

Wenn in Deutschland 100Tausend Windräder aufgestellt werden, dann ist damit noch lange nicht die Welt gerettet. . . . Soviel zu der Energiewende, die unseren Globus rettet soll und aktuell mit der EEG-Umlage nur vom deutschen Steuerzahler bezahlt wird.

Die Wahrheit 2021 vor 11 Wochen

Dieser Artikel ist unter Grünen wir haben immer Recht dokumentiert.
Man bekommt den Eindruck alles was Grün in die Welt setzt ist unabdingbar.
Meine Meinung, wir werden auf die saubere aber gefährliche Atomenergieerzeugung zurückfinden. Glaubt den jemand, dass die jetzt neu zu bauenden Atomkraftwerke in China, Russland, Tschechien, USA, Frankreich usw. nicht nach modernsten Sicherheitskriterien gebaut werden. Wir in Deutschland haben mit den ansässigen und vom Staat/Steuergeld unterstützten Forschungszentren doch Möglichkeiten an der Sicherheit neuer Atomkraftwerke uns zu beteiligen. Dies betrifft auch die Forschung an der Aufarbeitung Wiederwendung der Brennstäbe. Man muss nur wollen.

ralf meier vor 11 Wochen

Hallo Eulenspiegel, die von Ihnen unbelegte aber durchaus glaubwürdige Tatsache, das seit geraumer Zeit mehr Kapital alleine in die Windenergie fließt als wie in Kohle-und Atomkraft zusammen, ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt , mit wie viel Milliarden Steuergeldern jährlich die Windenergie subventioniert wird, weil Sie auf dem Markt auch nach jahrzehntelangen 'Anschubfinanzierungen' nicht marktfähig ist.
Außerdem dürft Ihnen bewußt sein, das Dank der rotrünen Merkelregierung gar kein Geld mehr in die Kohle- und Atomindustrie fließen darf.