Unser Immunsystem | Teil 5 Teil 5 | Immunantworten werden vererbt

Wir vererben unseren Kindern alles Mögliche: Unser Äußeres, wie wir uns bewegen, sogar Vorlieben, aber auch Krankheiten. Jetzt zeigen Forscher: Auch Immunantworten werden vererbt. Heißt: Wenn wir eine heftige Infektion haben, unser Immunsystem darauf reagiert und wir wieder gesundwerden, dann geben wir das durch unser Erbgut weiter. Das fand jetzt ein internationales Forscherteam heraus. Allerdings erstmal nur durch Studien an Mäusen. Ob das auch beim Menschen funktioniert? 

Epigenetik und Mensch Grafik 3 min
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Es gibt das Genom und das Epigenom. Während das Genom nur im evolutionären Schneckentempo Veränderungen in unserem Erbgut zulässt, würde man das Epigenom eher zur Spezies der Renn-Schnecken zählen. Es macht Veränderungen schon von einer zur nächsten Generation möglich. Zum Beispiel Eltern, die ein glückliches, erfolgreiches Leben hatten, geben dieses Lebensgefühl über das Epigenom direkt an ihre Kinder weiter, ebenso traumatische Erlebnisse.

Erlebte Krankheitserreger werden integriert

Dr. Andreas Schlitzer von der Universität Bonn, der an der Studie beteiligt war, erklärt es so: "Wir sind die Summe unserer Erfahrungen in Bezug auf unsere Erlebnisse und die unserer Eltern und Großeltern und auch in Bezug auf unser Immunsystem. Denn es integriert alle Krankheitserreger, die es erlebt hat und gibt diese Informationen auch weiter."

Labormäuse spielen mit Reagenzgläsern
Mäuse geben ihre Immunantworten an ihre Nachkommen weiter. Bildrechte: imago/imagebroker/Stefan Klein

Dass auch Immunantworten vererbt werden, hat Schlitzer nun mit einem Forscherteam aus den Niederlanden, der Schweiz, Griechenland und Deutschland nachgewiesen. Sie infizierten männliche Mäuse und ließen sie, nachdem sie genesen waren, Nachkommen zeugen. Die wurden dann abermals infiziert und ihre Immunantwort gemessen.

Der Epigenetik-Experte Prof. Dr. Jörn Walter von der Universität des Saarlandes sah sich die Spermien der Mäuse an: "Wir haben gesehen, dass über das gesamte Genom hinweg epigenetische Signaturen leicht verändert sind – in den behandelten Tieren gegenüber der Kontrollgruppe. Das heißt, diejenigen, die offensichtlich vorher eine Infektion gehabt haben und trainiert waren in ihrer Immunität, haben da anders ausgesehen."

Funktionsweise bislang unbekannt

Walter wendet aber ein, dass man noch nicht wisse, "wie dieses initiale Signal aus den Spermien dazu führt, dass in der nächsten Generation auch wirklich in den Zellen des angeborenen Immunsystems diese Prägungen gesetzt werden".

Grafik DNA Strang 2 min
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Der Epigenetik-Experte konnte die Veränderungen zwar messen, weiß aber nicht, auf welchem Weg es dazu kommt. Fakt ist, die Mäuse gaben die Immunantworten an ihre Kinder weiter. Doch können wir daraus Rückschlüsse auf den Menschen ziehen?

Andreas Schlitzer räumt ein: "Wir wissen nicht, ob diese Art der Informationsweitergabe beim Menschen auch funktioniert." Es sei zwar wahrscheinlich, aber es müsse jetzt erst einmal weiter geforscht werden.

Weitergabe über zwei Generationen

Der Infektionsimmunologe Prof. Dr. Andreas Müller von der Magdeburger Universität findet die Studie aber schon in diesem Stadium höchst interessant: "Diese Studie zeigt ja erstmal in Wirbeltieren, die ein Immunsystem haben, das mit dem Menschen vergleichbar ist, dass die Veränderungen, die eine Infektion auslösen, über zwei Generationen weitergegeben werden können."

Dies könnte ein wichtiger Aspekt für die Berechnungen eines Pandemieverlaufs sein. Da könne man sich schon überlegen, ob solche "epigenetischen Mechanismen", die bisher nicht beachtet wurden, künftig mit in die Bewertung und Analyse solcher pandemischen Situationen mit einzubeziehen sind, so Müller.

Die beteiligten Forscher sind aber noch zurückhaltend und wollen erst einmal weitere Studien durchführen, um Rückschlüsse auf den Menschen ziehen zu können.

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