Teasergrafik Altpapier vom 25. Juni 2019: Puppenhaus
Bildrechte: Panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 25. Juni 2019 Neues aus der Puppenstube

Muss man bei der Antwort auf die Frage, was guten Journalismus ausmacht, das Wort Haltung “fett und mit Textmarker neonfarben“ unterstreichen, wie Theodor-Wolff-Preiskandidatin Anna Hunger sagt? Oder wird Haltung “überschätzt“ (Armin Wolf neulich beim Netzwerk Recherche)? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 25. Juni 2019: Puppenhaus
Bildrechte: Panthermedia / MEDIEN360G

Die Jahrestagung des Netzwerks Recherche, die am Montag und Dienstag vergangener Woche hier bereits Erwähnung fand, hat in den letzten Tagen noch einmal einen Aufmerksamkeits-Push erfahren - dank der Online-Verfügbarkeit eines Mitschnitts einer Diskussion unter dem Titel “'Sich (nicht) gemein machen‘ - Haltung(en) im Journalismus“ und vor allem dank von Äußerungen des Zeit-Redakteurs und renommierten Zivilisationsbruch-Experten Jochen Bittner von der Zeit, die bei Twitter unter anderem Fatma Aydemir und Maximilian Pichl aufgegriffen haben.

Seinen Platz auf dem Podium - auf dem außerdem Anja Reschke, Julian Reichelt, Patricia Schlesinger und als Moderator Stephan Lamby saßen - hatte sich Bittner mit einem im Frühjahr erschienenen Beitrag zum Thema Haltungsjournalismus erarbeitet, in dem “rasch klar“ wurde, “dass Bittners Problem mit Haltungen im Journalismus nur jene betrifft, die nicht seine sind“, wie Ex-Altpapier-Autor Matthias Dell seinerzeit für den Deutschlandfunk analysierte. Das fällt ja im Übrigen nicht nur bei Bittner auf, sondern auch, um einen etwas bekannteren Namen zu nennen, beispielsweise bei Mathias Döpfner, der Haltung ebenfalls als eine Art negativen Kampfbegriff verwendet (siehe hier).

Da über den berechenbaren Provo-Onkel von der Zeit im Altpapier schon das eine oder andere Notwendige gesagt worden ist (von Klaus Raab, von mir), möchte ich lieber auf ein paar andere Dinge eingehen, die mir bei der Diskussion aufgefallen sind. Zunächst einmal:

Es saß niemand unter 30 auf dem Podium, niemand, der sich wegen seiner Haltung schon mal rassistisch motivierter Bedrohungen ausgesetzt sah. Es fehlte eine linke und/oder aktivistische Stimme aus dem Journalismus. Es war auch niemand von denen vertreten, die auch in Talkshows immer fehlen (siehe dazu aktuell Anne Roth). Ohnehin fiel bei der Besetzung die Ähnlichkeit zu Talkshows auf: Bittner und Reichelt waren für die Rolle des Rabauken vorgesehen, die sie dann auch bestens ausfüllten.

Zum Inhaltlichen: Patricia Schlesinger, die Intendantin des RBB, merkte in ihrem ersten Statement-Block an “bisschen für mich zum Modewort geworden“. Mag sein. Das heißt aber noch lange nicht, dass Haltung “in Mode“ ist, im Gegenteil. Wäre das in einem nennenswerten Umfang der Fall, hätte es, um mal gleich ein großes Fass aufzumachen, das Video “Die Zerstörung der CDU“ oder die Fridays-for-Future-Bewegung vielleicht nie gegeben, denn die sind ja, neben vielem anderen, auch eine Reaktion sind auf das (nicht nur) moralische Versagen etablierter Medien (was letztere ja auch so verstanden haben, wie insbesondere die teilweise giftige Berichterstattung über Rezo zeigt).

Bei 12:07 benennt Armin Wolf, der “Haltung“ im Übrigen für “überschätzt“ hält, dann ein “Problem“:

“Dadurch, dass Journalisten in den letzten 10, 15 Jahren aus sehr, sehr ähnlichen Milieus rekrutiert werden, (…) sind sich die Journalisten so ähnlich in ihren Meinungen (…) Wir haben Redaktionen, in denen das Meinungsbild relativ beschränkt ist“,

sagt er, die seien nämlich geprägt von “aufgeklärte Liberalen“. Es gebe halt “keinen Löwenthal“ (gemeint ist der zuletzt in diesem Altpapier in einem Apartheid-Kontext erwähnte Gerhard Löwenthal), oder zumindest zu wenige von seiner Sorte. Die Forderung nach mehr Diversität ist natürlich unterstützenwert, und zwar in dem Sinne, dass in den Redaktionen “mehr Leute mit Migrationshintergrund sitzen, schreiben und berichten“ müssten, “mehr Behinderte, mehr Menschen mit verzweigten Biografien“ (Anne Fromm, taz, bereits 2016). Aber:

Wolf tut so, als habe es im deutschen Journalismus keinen Rechtsruck gegeben (ohne den die Berichterstattung über das Bamf nicht so ausgefallen wäre, wie sie ausgefallen ist, siehe aktuell dazu das Editorial der Juli/August-Ausgabe von iz3w) und als ob nicht "überproportional viele frühere Journalisten“ (Dietrich Leder) bei der AfD mitwirkten.

Nach ungefähr fünfunddreißigeinhalb Minuten sagt Anja Reschke: Dass “jeder Mensch die gleiche Würde“ habe, sei “nicht verhandelbar, wir können nicht jedes Mal wieder bei null anfangen.“ Und Wolf zu diesem Thema: “Ich will nicht darüber diskutieren, ob die grundlegenden Menschenrechte sinnvoll sind.“

In Zeiten, in denen die Flüchtlingspolitik der EU den Eindruck erweckt, dass für sie die Menschenwürde und Menschenrechte ungefähr so viel wert sind wie ein benutztes Papiertaschentuch, sollten die vermeintlich “aufgeklärte Liberalen“ (Wolf) durchaus mal über diese Themen “diskutieren“ (ders.) bzw. gern auch mal “bei Null anfangen“ (Reschke).

Später sagt Schlesinger:

“Wir reden hier ein bisschen in der Blase.“

Aber hallo! Ja, es gab zwar Zoff auf dem Podium, aber in einem sehr engen Korridor. Statt Blase würde ich in diesem Zusammenhang übrigens den Begriff Puppenstubenwelt bevorzugen.

Am morgigen Mittwoch wird in Berlin der Theodor-Wolff-Preis verliehen, und eine der Nominierten ist Anna Hunger von der Kontext Wochenzeitung. In einem Interview mit den Preisstiftern sagt sie auf die Frage “Was macht für Sie persönlich guten Journalismus aus?“ auch etwas zum Thema Haltung:

“Gute und wahrhaftige Recherche, das Einordnen in den größeren Zusammenhang und Empathie. Seit einigen Jahren möchte ich dem noch das mittlerweile schon abgedroschene Wort Haltung hinzufügen. Fett und mit Textmarker neonfarben unterlegt.“

Nominiert ist sie für einen Beitrag über einen Breivik-Fan, die für die AfD arbeitet. Weil der Artikel juristisch attackiert wurde, auch im Altpapier oft Erwähnung fand, etwa hier und hier. Lektüre-Anleitung für den gerade verlinkten Kontext-Beitrag: Bitte im Text nach den Stichworten “Götz“ (gemeint ist der Herr Kubitschek) oder “Bewerbung“ suchen!

Zum obigen Thema Haltung passt auch ein kürzlich in der NZZ erschienener “Gastkommentar“ Wolfgang Boks. “Grün ist die Redaktion – die deutschen Mainstream-Medien haben aus der Flüchtlingskrise nichts gelernt“ lautet die Überschrift: Und der Vorspann: “Bei der Debatte um Klimawandel und Energiewende spielen abweichende Meinungen eine untergeordnete Rolle, wieder einmal obsiegt der Kampf um die richtige Moral.“

Eine der vielen Verrücktheiten an dieser, nun ja, Haltung: Tatsächlich haben sich die von Bok gemeinten Politikjournalisten ja tatsächlich von jeder Moral verabschiedet - halt genau wie jene, über die sie berichten. Nur, wann sie das getan haben - das wäre noch zu erforschen.

Ich bin mir grundsätzlich nicht sicher, ob es zielführend ist, sich akribisch mit einem Produkt des Wahnvorstellungs-Sortiments-Anbieters Neue Zürcher Zeitung zu beschäftigen - “über hundert, meist ganzseitige“ Anti-PC-Artikel innerhalb eines Jahres hat der Tages-Anzeiger dort kürzlich gezählt (siehe Altpapier) -, aber die Art, wie es Stefan Fries für Übermedien getan hat, ist dann doch lobenswert.

“(Bok) hantiert mit falschen Zitaten, Dekontextualisierung, falschen Interpretationen wissenschaftlicher Daten und Unkenntnis der Sachverhalte“,

schreibt Fries.

Die witzigste Stelle ist i.Ü. die, an der Bok eine Umfrage, die vor über 20 Jahren stattgefunden hat, als Indiz für vermeintlich aktuelle Entwicklungen in den Text mischt. Wobei man zum Thema Umfragen zur politischen Positionierung von Journalisten sowieso das sagen muss, was das Institut für Medienpolitik in diesem Zusammenhang angemerkt hat.

“Die Zahl der wirklich “linken“ Journalisten ist klein; (…) die bisherigen Studien sind weder reliabel noch valide.“

Zur Thema Kritik an der Berichterstattung zum Mord an Walter Lübcke und rechtsextremistischem Terror im Allgemeinen (Altpapier, Altpapier) seien heute vier aktuelle Beiträge erwähnt.

“Über 220 Menschen wurden von 1945 bis heute von Nazis getötet. Es ist (…) mit Sicherheit nicht zu fragen, ob die Ermordung Walter Lübckes Ergebnis einer 'Braunen Armee Fraktion‘ sei, oder etwa zu urteilen, dass der Mord an die RAF erinnere, sondern vielmehr, warum er nicht in der Tradition organisierter Nazis gesehen wird“,

schreibt Merle Stöver bei den Belltower News, und man kann den Text unter anderem als Reaktion auf die aktuelle Spiegel-Titelzeilen-Unterzeile (“neuer Terror von rechts“) sehen.

Am Wochenende kursierten von der Bild am Sonntag in einem Artikel erwähnte Zahlen. Dort hieß es beispielsweise, für das Jahr  2017 seien 28 rechtsextreme Gewalttaten verzeichnet worden. Unter anderem die Nachrichtenagentur AFP und die “Tagesschau“ verbreiteten es weiter.

“Nicht einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin scheinen diese extrem niedrigen Zahlen merkwürdig vorgekommen zu sein. Sie wurden einfach veröffentlicht. Weil sie uns im Endeffekt nichts sagen. Dabei hatte es 2017 bereits 1.054 rechte Gewalttaten gegeben“,

schreibt Juri Sternburg dazu in seiner taz-Kolumne “Lügenleser“. Patrick Gensing greift für den Faktenfinder der “Tagesschau“ ebenfalls die Verbreitung der falschen Zahlen auf - und benennt auch den Fehler des eigenen Hauses.

Und zumindest indirekt den Vorwurf der Falschdarstellung erhebt Spiegel TV laut einem Spiegel-Online-Beitrag gegenüber “Monitor“.


Altpapierkorb (Konstruktiver Journalismus, PR bei Wikipedia, “Rabiat“, Springers Fröschejagd, Playboy)

+++ Drei Wochen nach der SZ (siehe Altpapier) veröffentlicht nun auch die FAZ-Medienseite ein Interview mit Maren Urner, der Pionierin des konstruktiven Journalismus hier zu Lande. Obwohl konstruktiver Journalismus nicht mehr der neueste Hut ist, muss offenbar immer noch erklärt werden, was das ist oder aus Sicht ihrer Verfechter*innen sein soll. Urner sagt im Gespräch mit Felix Hooß: “Es geht nicht darum, positiven Journalismus zu betreiben. Konstruktiver Journalismus geht davon aus, dass die Frage ist: Was jetzt? Wie geht es wei­ter? Er beruht auf der Annahme, dass wir Probleme und Herausforderungen angehen wollen.“

+++ Mit “Paid Edits“ bei Wikipedia, also Einträgen, die Bagaluten aus der PR-Branche im Auftrag von Unternehmen erstellen und die sich entsprechend weichgespült lesen, beschäftigt sich Adrian Lobe auf der SZ-Medienseite.

+++ Warum es wünschenswert wäre, wenn häufiger Produktionen aus dem Funk-Kosmos “ins Schaufenster des linearen Fernsehens gestellt würden“, begründe ich in einer ausführlichen Nachkritik der zweiten “Rabiat“-Staffel in der Medienkorrespondenz. Vom Y-Kollektiv, das “Rabiat“ produziert, war zuletzt in der vergangenen Woche an dieser Stelle die Rede.

+++ Ich verlinke ja ungern auf die Bild-Zeitung, aber der Hinweis darauf, dass es dort auch Mitarbeiter gibt, die Frösche “jagen“, ist mir ein Verstoß gegen meine berufsethische Regeln wert (via @PaulBartmuss).

+++ Der deutsche Playboy erscheint ab Anfang 2020 nicht mehr bei Burda, sondern in einem neuen Unternehmen, das die bisherige  Verlagsleiterin Myriam Karsch und der bisherige Chefredakteur Florian Boitin gründen werden. Dass es “in den vergangenen Jahre bereits einige erfolgreiche Management-Buy-Outs bekannter Magazinmarken“ gegeben habe, schreibt Horizont mit Verweis auf Emotion und Impulse. Schöne Sache natürlich, dass die Arbeit bei einer Zeitschrift zumindest für Führungskräfte immer noch so viel Geld abwirft, dass sie den Laden übernehmen können. Allerdings: “Für die 21 Mitarbeiter ist das nicht automatisch eine gute Nachricht. Zwar besteht die Möglichkeit, sich auf die Stellen innerhalb des neuen Unternehmens zu bewerben, aber eine Jobgarantie gibt es nicht“, schreibt David Denk in der SZ.

+++ Auf jeden Fall Redakteursjobs zu haben sind dagegen im taz-Medienressort - und zwar gleich zwei.

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.