Das Altpapier am 9. April 2019 Elf Talkshows müsst ihr sein

Der Brexit-Talk ist die Fußballübertragung des öffentlich-rechtlichen Politikfernsehens. Der Fachdienst epd Medien feiert 70. Geburtstag. Beim SWR sorgt der Modus der Intendantenwahl weiter für Kritik. Und die KKR-Shoppingtour geht weiter. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Fußballarena mit Schrift "Talkshopws" auf den Zuschauerrängen und statt Rasen die britische Fahne
Bildrechte: MEDIEN360G / Panthermedia

Eine ehemalige Heimat dieser Kolumne, evangelisch.de, veröffentlichte gestern eine Nachricht des Evangelischen Pressedienstes, der wie evangelisch.de zum Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik gehört. Sie handelte vom unter dem selben Dach erscheinenden Fachdienst epd Medien: Dieser, hieß es darin, “feiert am Dienstag sein 70-jähriges Bestehen“.

Kurz auf den Kalender geschaut. Dienstag? Kuckuck, das wäre dann ja… heute. Also dann in aller “Altpapier“-geschichtsbedingter Befangenheit: Wir wünschen was! Gerne auch nochmal, denn der eigentliche Geburtstag ist ja schon vorbei. Die erste Ausgabe erschien, damals noch unter dem Titel “epd Kirche und Rundfunk“ – kurz KiFu, denn lustige Abkürzungen wurden nicht erst im Internet erfunden – am 21. Januar 1949, also vor 70 Jahren, zwei Monaten, zwei Wochen und fünf Tagen.

Heute aber ist nun der Tag, an dem auch die Medienrestwelt Jubiläumstexte spendiert. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Blendle-Link) etwa, die Süddeutsche Zeitung und die taz. Selbstredend heben alle drei auf die “Sternstunde“ von epd Medien ab – und FAZ und taz gehen da formulierungstechnisch sogar Hand in Hand, während die SZ vom Mitwerkeln “an der deutschen Mediengeschichte“ spricht. Gemeint ist die Enthüllung dessen, was heute als “Marienhof“- oder Schleichwerbe- oder natürlich auch “Marienhof“-Schleichwerbeskandal bekannt ist:

“Da war die Bierflasche mit dem Etikett, auf dem jeder Fernsehzuschauer sehen konnte, welche Marke dem Schauspieler so gut schmeckt; da waren die Chips, das Duschgel, das Reisebüro für den billigen Urlaub. Volker Lilienthal, damals Chef von epd medien, fiel das unangenehm auf beim Betrachten der Vorabendserie Marienhof. Er recherchierte; am 1. Juni 2005 erschien sein Artikel 'Bavaria Connection‘, in dem er belegte, wie die Produktionsfirma Bavaria systematisch Schleichwerbung zuließ. In der Folge dieses Skandals änderten die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Regeln für die Produktplatzierung.“ (SZ)

Ansonsten unterscheiden sich die drei Jubiläumsartikel wohltuend in der Art der Schwerpunktsetzung:

Michael Hanfeld findet in der FAZ Freude daran, epd Medien zum einen als “Gegenöffentlichkeit zum digitalen Manipulationskomplex“ zu loben sowie Zahlen des die ARD betreffenden Skandals (“Preise von 17500 Euro an“, “keine Abschlüsse unter fünf Folgen“ usw.) noch einmal aufzuschreiben – man muss die Feste halt feiern, wie sie fallen.

Matthias Drobinski, Kirchenreporter der Süddeutschen, bemerkt, dass sich der Fachdienst “im Dienst des Qualitätsjournalismus und als Anwalt der Medienethik“ sehe, “nicht als Instrument, kirchliche Anliegen den Programmmachern nahezubringen“, wenngleich er kirchlich finanziert sei.

Und Steffen Grimberg, der auch hier nebenan für den MDR kolumniert, steigt in der taz mit einem kleinen tazzigen Insiderwitz ein, indem er die “apokryphen Büchern der Diemut (Dmt I, 2-6.)“ zitiert. Ein Teil der Auflösung für alle, die das Impressum von epd Medien nicht auswendig können (bitte bis morgen nachholen!), findet sich darin unter dem Stichwort “Verantwortliche/r im Sinne von § 55 Absatz 2 RStV“. Dem folgt eine Kritik an der Quotenfixierung der Öffentlich-Rechtlichen in Gestalt einer Adolf-Grimme-Mahnung aus der laut taz ersten epd-KiFu-Ausgabe, “die sich so unverblümt keine IntendantIn mehr zu sagen traut: ‚Der Rundfunk darf nicht der verführerischen Jagd nach Popularität verfallen.’“

Service-Link des Tages: Das Interview, das Diemut Roether – ups, verraten – für die anlässlich des Geburtstags erschienene Sonderausgabe von epd Medien mit Alexander Kluge geführt hat und aus der Juliane Wiedemeier an dieser Stelle schon im Januar zitiert hat, ist mittlerweile  zusammen mit der ganzen Ausgabe online.

Brexit-Talks als Fußball betrachtet

Bleiben wir bei der “verführerischen Jagd nach Popularität“, von der Grimberg und Grimme abraten: Warum liefen im Kalenderjahr in den Hauptprogrammen von ARD und ZDF bislang eigentlich nicht sieben, nicht acht, nicht neun und auch nicht zehn Talkshows zum Thema Brexit, sondern elf? Die Frage, was es eigentlich derzeit in epischer Breite zu diskutieren gibt, hat gestern mindestens drei Rezensenten der Sonntagsausgabe von “Anne Will“ beschäftigt. Neben mir auch Daland Segler (fr.de) und Thomas Hummel (sz.de).

Ist es, wie Hummel schreibt: “Der Gruselfaktor des Brexit ist da schwer zu überbieten“? Denkbar: der Brexit-Talk als Fortsetzung der öffentlich-rechtlichen Krimis im Informationsbereich.

Vielleicht ist aber auch nicht allein der mediale Gruselfaktor entscheidend (dem Joachim Huber in anderem Zusammenhang im Tagesspiegel nachgeht), sondern – die Echtzeitlichkeit des Themas und seine zeitliche und räumliche Begrenzung, die es erlaubt, über Politik zu diskutieren wie über ein Fußballspiel: Irgendwann wird es zu Ende sein, vielleicht gibt es noch eine Verlängerung, vielleicht ein Elfmeterschießen, vielleicht sogar noch ein Rückspiel. Aber bis dahin will niemand was “verpassen“ (Hummel). Das Personal ist halbwegs begrenzt, die Wiedererkennungsmöglichkeit hoch.

Völlige Ungeklärtheit in einem ziemlich klar definierten Diskussionsrahmen – das sind ideale Talkbedingungen, auch wenn es so viel am Donnerstag bei “Maybrit Illner“, Sonntag bei “Anne Will“ und Montag bei “hart aber fair“ eigentlich gar nicht so viel zu sagen gab, weil ja der Abpfifftermin, zu dem theoretisch Vermeldbares feststehen könnte, erst der kommende Freitag ist. Ja, also, es ist Fußball.

Peter Voß ist verärgert

Wann ist übrigens die Europawahl, an der vielleicht trotz allem auch die Briten teilnehmen? Medienseiten-Aficionados können sich das leicht merken: Sie beginnt am gleichen Tag, an dem beim SWR die neue Intendantin gewählt wird, die dann wohl Stefanie Schneider oder Kai Gniffke heißen wird. 23. Mai.

Unfair, dass ich hier subtil pro Schneider und contra Gniffke formuliere, indem ich das generische Femininum verwende, oder? Stimmt, sorry. Richtig muss es natürlich heißen: Die Wahl beginnt am gleichen Tag, an dem beim SWR der neue Intendant gewählt wird und ob er Kai Gniffke oder Stefanie Schneider heißt. So, gleich besser.

Die SWR-Intendantenwahl war hier nun geschlagene 15 Tage kein Thema mehr. Letzter Eintrag an dieser Stelle zur Sache: “Die Unruhe (Altpapier) wegen der vorsorglichen Reduzierung des Kandidatenfelds auf zwei hat sich gelegt.“ Einen allerdings gibt es, der sie nicht liegen lassen will. Der ehemalige SWF- bzw. SWR-Intendant Peter Voß schreibt auf der FAZ-Medienseite (Blendle-Link, Zusammenfassung bei DWDL), er finde “das inzwischen festgelegte Wahlverfahren, gelinde gesagt, mehr als misslich und sehe darin ein Armutszeugnis für die Gremien des Senders“. Es sei vielleicht legal, schreibt er, aber schwerlich legitim,

“wenn von zunächst fünf zweifelsfrei qualifizierten Bewerbern drei sich nicht einmal einer 'Findungskommission‘, geschweige denn den Gremien selbst vorstellen dürfen. Wozu dann überhaupt eine öffentliche Ausschreibung, die doch gerade bei den seriösen Bewerbungen für Chancengleichheit sorgen soll, um selbst noch den Anschein von Diskriminierung und Mauschelei zu vermeiden?“

Interessanter Kniff dabei, der für meine Begriffe aber nicht ganz aufgeht: Voß schreibt, die Mitglieder der SWR-Gremien würden keineswegs “nur den vorgegebenen Interessen der gesellschaftlich relevanten Gruppen folgen, von denen sie entsandt wurden“, sondern seien “für das Für und Wider von Argumenten offen und, zumal in geheimer Abstimmung, auch gern mal bereit, über den Teller­rand ihres Gruppeninteresses hinauszublicken und dem Charme einer gemeinwohlorientierten Lösung zu erliegen“.

Gleichzeitig äußert er den Verdacht, “dass hier eine allein wahltaktisch motivierte, durchaus unheilige Allianz am Werkeln beziehungsweise Kungeln war und ist. Anscheinend spekulieren Gremiale unterschiedlicher Couleur darauf, sich nun leichter mit dem jeweils präferierten Kandidaten durchzusetzen.“ Es handle sich um eine “nahezu einmütige Selbstentmachtung der SWR-Gremien“.

Würde das, wenn sie wirklich nahezu einmütig war, dann aber nicht bedeuten, dass die Gremienmitglieder gerade nicht “für das Für und Wider von Argumenten offen“ sind? Hm. Am Ende sind Gremien dann doch Gremien. Und Brexit means Brexit. Aber, alte Fußballweisheit, es ist auch nie vorbei, bis es vorbei ist.

Altpapierkorb (KKR-Shopping, Türkei-Korrespondent, Carmen Nebel, World Press Photos, geschlechtergerechte Sprache)

+++ Die Medienwirtschaftsnachricht des Montags: KKR, gerade auf Einkaufstour (Altpapier), übernimmt zusammen mit Fred Kogel nun auch noch die Filmproduktion von Wiedemann & Berg. Klingelingeling: “Die Akquisition ergänzt das umfassende Medien-Portfolio, das Private-Equity-Investor in den letzten Wochen aufgebaut hat: Dazu zählen die Tele-München-Gruppe, die ehemalige RTL-Tochter Universum Film und Günther Jauchs Produktionsfirma i&u TV“ (wuv.de). Ziel, heißt es in der entsprechenden Mitteilung, sei es “immer gewesen, ein ‚Entertainment-Haus für audiovisuelle Inhalte aufzubauen und nicht nur einzelne Unternehmen zu kaufen‘“ (DWDL); entstehen soll also ein noch namenloses Haus, das Produktion, Lizenzhandel und Distribution über die gesamte Wertschöpfungskette abdecke. Okay, alles schawinski! Da es nach wie vor – sofern wir hier nichts übersehen haben – an Einschätzungen fehlt, die über die Verbreitung von Pressemitteilungen wesentlich hinausgehen, und ich auch keine parat habe, warten wir mal ab, was das konkret gibt…

+++ Meanwhile nimmt der Mainzer Lerchenberg womöglich die Welteroberung in den Blick… (ebenfalls DWDL)

+++ Vier Wochen nachdem der Türkei-Korrespondent des Tagesspiegels, Thomas Seibert, das Land verlassen musste (Altpapier, Altpapier), ist er wieder in Istanbul – genau wie der ZDF-Korrespondent Jörg Brase, dem ebenfalls zunächst die Akkreditierung verweigert worden war. Der Tagesspiegel meldet in eigener Sache, faz.net und, knapper, Print-FAZ berichten ebenfalls.

+++ “Selbst mit Fotografien, die als authentisch oder dokumentarisch wahrgenommen werden, wird immer auch Politik gemacht.“ Sagt die Mitherausgeberin des Buchs “Images in Conflict / Bilder im Konflikt“, Karen Fromm, im SZ-Interview. Anlass ist die Verleihung der World Press Photo Awards am Donnerstag.

+++ “Carmen Nebel hat Willkommenskultur nicht nur im Titel behauptet, sondern in ihrer ZDF-Show auch immer gelebt“, schreibt David Denk in der SZ. War das so? So ein Frechdachs, der Autor: “Als Willkommen bei Carmen Nebel Ende März 2018 in Hof gastierte, waren sowohl David Hasselhoff als auch Matthias Reim dabei, A-Promis von vorgestern, denen Nebel Asyl gewährte“. Nach drei für 2020 geplanten Ausgaben soll nun Schluss sein – das ist die Nachricht.

+++ Wie die FAZ im Zusammenspiel mit dem Verein Deutsche Sprache “unter großzügiger Mithilfe des ZDF“ Ablehnung für geschlechtergerechte Sprache produziere, darum geht es im Engelbert-Galaxis-Blog.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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