Stilisierte Grafik von mehreren Fernsehern, die aufeinandergestapelt sind. Auf einigen ist ein bunter Hintergrund und die Logos von deutschen Privatsendern zu sehen. 6 min
Der 1. Januar 1984 war der Startschuss für das deutsche Privatfernsehen. Im Gegensatz zum Programm der Öffentlich-Rechtlichen stand bei den Privaten die Unterhaltung im Vordergrund. Bildrechte: MDR MEDIEN360G | Panthermedia

Reality-TV, Daily Soaps und Skandalshows 40 Jahre Privatfernsehen

31. Dezember 2023, 23:59 Uhr

Am Neujahrstag 1984 startete in Deutschland das kommerzielle Fernsehen sein Programm. Dabei hatte dieses Vorhaben zuvor zahlreiche politische wie auch private Debatten ausgelöst. Manch ein Kritiker blickte damals mit Sorge auf das Geschehen und befürchtete, mit dem Privatfernsehen käme es zu einer Verdummung der Menschheit, andere erhofften sich vielmehr eine größere programmliche Vielfalt. Inzwischen ist das Privatfernsehen 40 Jahre alt.

Fernsehen entgegen der Norm und für die Quote

Der Satiriker und Scharfrichter des deutschen Fernsehens, Oliver Kalkofe, erinnert sich an die Anfänge des Privatfernsehens und beschreibt diese Zeit so: "Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, was lange Zeit halt alleine existierte, hatte immer so einen Bildungsanspruch, es wollte immer auch belehren. Und das Privatfernsehen kam und sagte: So, wir wollen jetzt einfach nur unterhalten, Belehrung? Überhaupt nicht. Und Informationen? Ach, zweitrangig – braucht auch kein Mensch. Wir wollen Spaß haben. – Und das war so gesehen, als es anfing, in gewisser Weise eine Erweckung für das deutsche Publikum. Weil uns plötzlich Unterhaltung erlaubt wurde."

Als erster ging der private TV-Sender PKS, die Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenfunk und Vorgänger des heutigen SAT.1 an den Start, auf den nur einen Tag später am 2. Januar 1984 der Sender RTL plus folgte, der seit 1993 nur noch RTL heißt.

Doch bevor Formel-1-Übertragungen, Trash-Talkshows, Doku-Soaps, Reality-Formate, Casting-, Container-, Superstar- und Spielshows sowie vieles andere mehr einen Großteil des auch heute noch bestehenden Bildes privater TV-Sender zeichnen, wich bei vielen Konsumenten der Glaube an mehr Vielfalt – zumindest anfänglich – erst einmal der Ernüchterung. Denn in den ersten Jahren wurde bei den Privaten zunächst ausgetestet, was sich so alles senden lässt. Insbesondere Unterhaltung aus der Konserve, etwa US-Serien, bildeten damit zu Beginn einen recht eintönigen Programminhalt. Doch mit der Zeit und zahlenden Werbeinteressenten flimmerten alsbald eigene Shows und Programminhalte über die Mattscheibe der privaten TV-Sender.

Medienindustrie, milliardenfache Umsätze, Quotendruck und Millionenpublikum

Was mit dem Münchner Bachorchester und Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel am Neujahrstag ‘84 begann, wurde alsbald zum bunten Feuerwerk aus Krawall, knapp bekleideter junger Frauen und einigen manchmal vielleicht etwas zu ehrlichen und zu tiefen Einblicken in das (Seelen-)Leben von Menschen. Dennoch sind gleichfalls – und nicht zuletzt insbesondere auch dadurch – zahlreiche "normale Leute" zum Teil schlicht über Nacht hinweg prominent geworden. Privat-Fernsehen kann – und das auch noch bis heute – aus nahezu jedem einen Star machen.

Rückblickend weiß man, dass in den neunziger Jahren, als Breitbandausbau, neue terrestrische Frequenzen und Satellitenverbreitung immer mehr TV-Zuschauer vor die Fernsehgeräte lockte, auch die Werbeumsätze explodierten. Diesem Phänomen folgte dann eine zweite Gründungswelle privater TV-Anbieter – mit Spartenprogrammen wie VIVA, n-tv oder RTL II sowie später dann auch Sportsendern und Pay-TV-Angebote. Und nicht zu vergessen die Zeit, in der private Sender fusionierten und schließlich damit begannen, Reality-Formate zu entwickeln – nicht zuletzt um Kosten zu sparen. Denn mit unbekannteren Menschen, lässt sich nicht nur der Alltag abbilden, sondern vor allem Programm mit wenig Geld machen. So steht das Privatfernsehen bis heute vor allem für Doku-Soaps, Daily-Talkshows und Reality-TV.

Ich glaube, dass im Privatfernsehen jetzt durchaus mehr Relevanz eingezogen ist: Nachrichten und Reportagen – man will auch ein bisschen mehr.

Peter Imhof | Fernsehmoderator

"Ich glaube das im Privatfernsehen jetzt durchaus mehr Relevanz eingezogen ist: Nachrichten und Reportagen – also man will auch ein bisschen mehr", resümiert beispielsweise Fernsehmoderator Peter Imhof, der nach seinen Anfängen beim Radio und Musikfernsehen selbst Anfang der 2000er Jahre durch eine tägliche Talkshow das Programm im Privatfernsehen mitgestaltet hat.

Dass die Privaten nicht nur "mehr wollen", sondern neben Unterhaltung auch gut gemachte Nachrichten und Informationsangebote haben, ist mit mehrfachen Grimme-Nominierungen und -Auszeichnungen bewiesen.

Wofür steht das Privatfernsehen heute?

Von Serien, Trash-TV, Wiederholungen aber ebenso auch seriöser und kompetenter Nachrichten- und Wissensvermittlung, hat das Privatfernsehen heute die ganze Bandbreite an Sendungsformaten im Angebot. Der sich durch die entwickelten Strukturen veränderte Medienkonsum der Zuschauerinnen und Zuschauer und damit einhergehende Quotendruck hat jedoch zugleich auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender beeinflusst und dazu geführt, dass ARD und ZDF unter anderem mehr Boulevard, Unterhaltung und Spielshows in ihr Programm aufgenommen haben. Damit bietet die Fernsehlandschaft in Deutschland heute insgesamt ein unterhaltsames abwechslungsreiches Programm, legt aber oft genauso Wert auf das Vermitteln wichtiger Themeninhalten und Nachrichten.

"Privatfernsehen steht für gute – wenn es gut gemacht ist –, Unterhaltung; für ganz neue Formate, die außerordentlich amüsant sind", meint Medienpsychologe und Fernsehforscher Jo Groebel. Und auch Oliver Kalkofe schätzt das private Fernsehen: "Wir müssen dem Privatfernsehen sehr dankbar sein, dass sie uns gerade im Bereich Unterhaltung und Fiction sehr viel Innovationen gebracht haben."

Aktuelle MEDIEN360G-Themen

Kinderschnuller mit digitalem Mundstück
Der Medienkonsum von Kindern kann mittels verschiedener Apps besser von den Eltern kontrolliert werden. Bildrechte: MDR MEDIEN360G
Eine Frau blickt durch einen weißen Rahmen, auf dem "facebook" steht und wirft der Kamera einen Kuss zu.
Im Februar 2004 startete die weltweite Erfolgsgeschichte von Facebook. Auch wenn die Plattform vor allem bei Jüngeren an Bedeutung verloren hat, ist das Urgestein der Sozialen Netzwerke noch lange nicht tot. Bildrechte: MDR MEDIEN360G | Panthermedia
Auf einem Gewässer schwimmt ein durchsichtiger Ball, in dem eine Person steht.
Durch den Einfluss von Algorithmen in (Sozialen) Medien können sogenannte Filterblasen entstehen, in denen nur bestimmte Themen und Meinungen stattfinden. Bildrechte: dpa
Eine Frau sieht mit gespanntem Blick in die Kamera und isst Popcorn.
Binge-Watching beschreibt das "Durchschauen" einer Serie in kurzer Zeit. Was früher verpönt war, gehört heute zur Normalität. Bildrechte: MDR MEDIEN360G | Foto: Panthermedia
Zwei Frauen sitzen an einem Tisch und blicken auf Dokumente. Eine der Frauen spricht in ein Telefon.
Auf der Suche nach einem neuen Handy-Vertrag kann man schnell den Überblick verlieren. Um die Tarife der Anbieter vergleichen zu können, ist es hilfreich, den eigenen Bedarf an Freiminuten und mobilen Daten zu kennen. Bildrechte: PantherMedia / Antonio Guillem Fernandez
Mehrere Kinder sitzen nebeneinander vor Computern und spielen Videospiele.
Manche Lehrer setzen bereits Games in ihrem Unterricht ein. Christoph Kehl aus Jena ist der Meinung, dass er so mehr Kinder aus seiner Klasse erreicht als mit einem Sachtext. Bildrechte: Lucas Haasis