Eine Hand hält die Hand einer älteren Person im Bett.
Die eigenen Eltern zu pflegen ist eine große Herausforderung. Bildrechte: picture alliance/dpa | Paul Zinken

Eltern pflegen Viele pflegende Angehörige zeigen depressive Symptome

25. Oktober 2022, 11:42 Uhr

Wenn die Eltern pflegebedürftig werden, ist das ein emotionaler Prozess – die eigene Rolle als Kind verändert sich. Alltägliche Dinge, die früher selbstverständlich waren, gehen dann nicht mehr: sich waschen, anziehen oder Essen kochen. Manche Kinder entscheiden sich, ihre Eltern bis zu ihrem Tod zu pflegen. Was macht das emotional mit ihnen und wie bekommen sie Untersützung von der Pflegekasse? Eine Reportage.

Sarah Bötscher moderiert den YouTube-Nachrichtenrückblick recap. Sie steht vor einem grünen Hintergrund und lächelt in die Kamera.
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk/ Toni Gräfe

Katrin legt ein Handtuch um die Schultern ihrer 85-jährigen Mutter. Sie stehen im Bad, Katrin reicht ihr eine Zahnbürste mit Zahnpasta drauf: "Schön gründlich putzen." Dann cremt sie das Gesicht ihrer Mutter ein. So wie Katrin geht es vielen Menschen in Deutschland. Im Jahr 2020 wurden etwa 65 Prozent der Pflegebedürftigen allein von Angehörigen versorgt. Ein Großteil davon sind Frauen. Katrin hat das Gefühl, sie muss es einfach tun – wenn die Eltern einen selbst schon erzogen und umsorgt haben, könne man das auch zurückgeben.

Ich finde einfach, sie hat es verdient, dass wir uns um sie kümmern. Es ist einfach so aus meinem Inneren heraus, dass ich meine Mutti einmal am Tag sehen muss. Gucken, ob es ihr gut geht. Mich um sie sorgen.

Katrin, pflegt ihre 85-jährige Mutter
Junger Mann umarmt und tröstet depressiven alten Mann. 23 min
Wenn Eltern alt werden, kehren sich die Rollen komplett um. Das kann für beide Seiten schwer sein. Bildrechte: Colourbox.de

Angst vor Autonomieverlust

Anlass für die Pflege war ein Sturz ihrer Mutter, erzählt Katrin. Sie sei damals lange nicht ans Telefon gegangen, sei in der Küche gestürzt und habe dort am Ende 15 Stunden gelegen. Als sie aus der Klinik wiederkommt, merken Katrin und ihre Geschwister, dass es so nicht weitergehen kann. Doch ihre Mutter lehnt ein Pflegeheim vehement ab, auch eine mobile Pflegekraft, die zu ihr nach Hause kommt. Dahinter kann oft die Angst stehen, seine Autonomie zu verlieren, meint Gabriele Wilz. Sie ist Professorin an der Uni Jena und leitet die Abteilung für klinisch-psychologische Intervention. Zu pflegenden Angehörigen forscht sie seit fast 30 Jahren.

Ich habe mein ganzes Leben, meine ganzen 80 Lebensjahre selbstbestimmt gelebt und entschieden, was ich für mich brauche. Und das ist dann natürlich ein riesiger Eingriff, wenn jetzt vermeintlich fremde, also erstmal fremde Menschen, in die Privatsphäre kommen.

Gabriele Wilz Uni Jena

Pflegende Angehörigen zeigen depressive Symptome

Doch auch für die Kinder ist die neue Situation schwer. Die Rollen tauschen sich komplett um, viele Angehörige übernehmen die Pflege neben ihrer 40-Stunden-Woche. Deshalb zeigen laut der Professorin etwa die Hälfte der Angehörigen depressive Symptome wie Reizbarkeit, Schlafstörungen oder körperliche Erschöpfung. Im Gespräch frage sie oft: "Wenn Sie mal überlegen, in ein bis zwei Jahren oder auch Monaten, wie lange halten Sie das noch durch?" Es sei außerdem wichtig, sich selbst Auszeiten zu erleben, sogenannte Oasentage zu haben, die andere Familienmitglieder mit ermöglichen.

Musik kann bei Demenz Erinnerungen wecken

Für die Angehörigen hat Wilz deshalb ein Teletandem entwickelt. Dabei werden sie einmal die Woche von Psychotherapeutinnen und -therapeuten angerufen, können etwa eine Stunde über ihre Situation sprechen.

Die Professorin forscht auch viel zu Demenzerkrankungen, die eine Beziehung zwischen Eltern und Kind nochmal besonders auf die Probe stellen können. Aktuell sucht Wilz noch Probanden. Dafür kommt sie zu Menschen mit Demenz nach Hause, erstellt mit ihnen eine Playlist mit ihren Lieblingsliedern.

Menschen mit Demenz singen dann plötzlich wieder mit, erkennen die Texte und das ist ganz wundervoll, mitzuerleben. Für die Angehörigen ist es zeitgleich selbst entlastend, weil sie in der Zeit auch mal eine Pause haben oder sich anderen Dingen widmen können.

Pflegegrad erst nach einem Widerspruch?

Auch Katrin pflegt zusätzlich zu ihrer Vollzeitstelle als Erzieherin ihre Mutter knapp zehn bis 15 Stunden pro Woche. Von der Pflegekasse bekommt sie dafür 316 Euro im Monat, also bei der höchsten Stundenzahl etwa fünf Euro pro Stunde. Wer Geld von der Pflegekasse bekommen möchte, der muss in Deutschland zunächst einen Pflegegrad beantragen. Ist das erledigt, kommt ein Gutachter zum Hausbesuch vorbei – um zu schauen, wie pflegebedürftig jemand ist. Das Gutachten entscheidet über die Höhe des Pflegegrads. Er geht von eins bis fünf.

Doch Angehörige berichten immer wieder, dass die Anträge beim ersten Mal abgelehnt werden. Nach Recherchen von MDR AKTUELL wurde im Jahr 2019 bundesweit jeder sechste Erstantrag abgelehnt. Eine Zahlung klappe dann erst nach einem Widerspruch. Johannes Gärtner arbeitet beim Medizinischen Dienst Sachsen und macht solche Hausbesuche. Er sagt, oft gebe es eine Differenz zwischen dem, was sich jemand gerne wünsche und was der Gutachter tatsächlich anrechnen könne.

Dann ist die Sichtweise unterschiedlich. Aber es passt eben nicht in die Pflegebedürftigkeit. Klassisches Beispiel wäre: Einkaufen, Fenster putzen, Bettwäsche bügeln. Hauswirtschaft ist vielen älteren Menschen sehr wichtig. Da brauche ich aber nicht diskutieren, wenn ich über Körperpflege spreche.

Johannes Gärtner, Medizinischer Dienst Sachsen

Bei einem Gutachten kommt Johannes Gärtner zu den Gepflegten nach Hause – fragt dort verschiedene Bereiche ab, zum Beispiel, wie gut man sich selbst noch waschen und anziehen kann oder wie mobil man ist. Am Ende werden Punkte verteilt und zusammengezählt. Je mehr Punkte, desto höher ist der Pflegegrad und damit auch die Geld-oder Sachleistungen.

Bei Katrins Mutter allerdings fand dieses Gutachten zu Beginn der Corona-Pandemie und deshalb am Telefon statt. Die Erzieherin kritisiert, dass sich dann gar kein richtiges Bild gemacht werden konnte. Als sie mit ihrer Mutter spazieren geht, wünscht sie sich vor allem eins für die Zukunft: "Dass man für die älteren Menschen ein bisschen mehr Zeit hat. Und dass sie auch mal wahrgenommen werden." Bunte Blätter rieseln langsam von den Bäumen.

MDR AKTUELL (sbö/asü)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 24. Oktober 2022 | 19:00 Uhr

11 Kommentare

THOMAS H am 25.10.2022

AndreaH: "Da kann ich nicht erwarten, dass Kinder od. andere Familienangehörige ihr Leben komplett umstellen, nur um für mich und alle Eventualitäten da sein zu können."
Ich habe diesen Satz nun mehrmals gelesen und stelle die Fragen:
Ist es nicht auch eine gewisse Ablehnung, wenn Sie nicht erwarten, von ihren Kindern oder Familienangehörigen unterstütz und/oder gepflegt zu werden, nur weil diese dann ihr Leben "komplett?" umstellen müssten?
Was würden Ihre Kinder oder Familienangehörigen von Ihnen erwarten?
Wie stehen sie zu Ihrer Meinung, nachdem Sie sich einen Teil Ihres Lebens um sie gekümmert haben, das Sie nicht erwarten von ihnen unterstützt und/oder gepflegt zu werden?

AndreaH am 25.10.2022

Da ich vor 11 Jahren ein Pflegekind aufgenommen habe und dieses seitdem wie mein eigenes Kind bei mir lebt und da es schwerbehindert ist mit dem Pflegegrad 2, kenne ich mich aus mit den Leistungen der Pflegekasse. Ich nutze diese unterschiedlich, z.B. Hilfe im Haushalt od. früher auch die Verhinderungspflege. Ich habe aber wiederholt erlebt, wenn ich pflegebedürftigen Personen diese Möglichkeit empfohlen habe, dass sie es ablehnen. Womöglich wollen sie sich ihre Bedürftigkeit nicht eingestehen. Anders kann ich es mir nicht erklären. Ich kenne aber einige Menschen, die ein Anrecht auf Pflegeleistungen hätten und entweder die Leistung ablehnen od. es nicht zulassen können, dass fremde Menschen ihnen helfen. Auch lehnen sie es ab, einen Antrag auf Schwerbehinderung zu stellen. Meine Meinung ist, dass man sich nicht dafür zu schämen braucht, dass man pflegebedürftig ist. Man sollte damit so normal wie möglich umgehen. Das fällt vielen Menschen leider schwer.

AndreaH am 25.10.2022

Als ich den Beitrag in MDR Aktuell gehört habe und die zu pflegende Mutter sagte, sie wolle eben nicht von fremden Personen gepflegt werden, hat mich das sehr empört. Manche Menschen verdrängen die Frage, was wird mit ihnen um Alter, wenn es einmal nicht mehr geht. Ich vertrete die Auffassung, dass man sich rechtzeitig mit dieser Frage auseinandersetzen sollte. Ich selbst bin 55 Jahre alt und stelle mich schon jetzt darauf ein, dass ich nicht bis ins hohe Alter hinein in meinem Haus wohnen bleiben kann. Ich weiß doch, dass der Moment kommt, wo ich es nicht mehr alleine auf die Reihe bekomme, alles in Ordnung zu halten und mich selbst zu versorgen. Da kann ich nicht erwarten, dass Kinder od. andere Familienangehörige ihr Leben komplett umstellen, nur um für mich und alle Eventualitäten da sein zu können. Es ist etwas Anderes, wenn jemand die Pflege freiwillig übernimmt, aber im Falle des Beitrages hatte die fremde Hilfe abgelehnt. Das finde ich nicht in Ordnung!

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