Passanten gehen über den Marktplatz vorbei an der Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof
Die Galeria-Filiale in Chemnitz gehört zu den Standorten, an denen buero.de Interesse zeigt. Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt

Insolvente Kaufhauskette Buero.de will 47 Galeria-Filialen übernehmen: Das ist bisher bekannt

08. November 2022, 09:51 Uhr

Der Onlinehändler buero.de hat nach eigenen Angaben sein Übernahmeangebot für Filialen der insolventen Kaufhauskette Galeria ausgeweitet. Das hat Vorstandschef Markus Schön am Montag dem MDR bestätigt. Demnach verhandelt das Unternehmen über die Übernahme von 47 Filialen vor allem in mittelgroßen Städten wie Halle oder Magdeburg. Wer steckt hinter dem Übernahmeangebot und welche Folgen hat das für die Kaufhäuser und die Mitarbeiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen? Eine Einordnung.

Was ist bisher über das Übernahmeangebot bekannt?

Nur der Fakt, dass buero.de insgesamt 47 Filialen übernehmen will. Dabei habe man vor allem "mittelgroße Städte" im Blick, sagte der Vorstandsvorsitzende Markus Schön dem MDR. Über den Kaufpreis sagte er nichts. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz und das Unternehmen Galeria Karstadt Kaufhof wollten sich auf MDR-Anfrage nicht zu konkreten Inhalten des Übernahmeangebotes äußern. Zwischen dem Insolvenzverwalter und Markus Schön sollees aber "in Kürze ein persönliches Treffen geben", kündigte Patrick Hacker an, Sprecher für den Insolvenzverwalter und Galeria Karstadt Kaufhof.

Wer ist buero.de?

Buero.de mit Hauptsitz in Detmold in Nordrhein-Westfalen war bis vor Kurzem ein reines Online-Unternehmen. Das mittelständische Unternehmen verkauft nach eigenen Angaben 60.000 Produkte, darunter Schulbedarf für Kinder, Material für Büros, komplette Home-Office-Ausstattungen und Geschenke. Inzwischen hat der Onlinehändler nach Angaben seines Vorstandsvorsitzenden auch feste Standorte in Innenstädten. Davon gebe es bisher drei im Raum Frankfurt/Main.

Buero.de ist im direkten Vergleich mit Galeria Karstadt Kaufhof deutlich kleiner. Der Warenhauskonzern gab für das Geschäftsjahr 2020/21 einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro an und beschäftigte zuletzt 17.400 Mitarbeiter. Buero.de hat nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden Markus Schön aktuell rund 200 Mitarbeiter. Zum Umsatz des Unternehmens wollte er sich im Gespräch mit dem MDR nicht äußern. 

Warum hat buero.de jetzt ein Übernahmeangebot abgegeben?

Das Interesse an den großen Kaufhäusern in Innenstädten ist dem Unternehmen zufolge nicht ganz neu. "Wir haben uns auch schon 2018 bemüht, als Nicolas Berggruen bei Karstadt eingestiegen ist. Auch da ging es um mittelgroße Standorte", sagt buero.de-Vorstandschef Schön. Er sieht für die großen Warenhäuser zumindest in Städten wie Halle, Erfurt oder Chemnitz eine Zukunft: "In mittelgroßen Städten gibt es ein anderes Kaufverhalten als in Großstädten wie Leipzig, eine andere Erwartungshaltung. Dort wird auch ein Vollsortiment erwartet."

Für das mittelständische Unternehmen buero.de sei eine Übernahme von gleich 47 Standorten eine Chance, meint der Vorstandsvorsitzende. "Dann können wir sehr schnell sehr stark in die Fläche gehen." Und er versichert: "Das Angebot ist ernst gemeint. Ich spiele nicht mit dem Schicksal von Menschen, von den Mitarbeitern an den Standorten."

Welche Kaufhäuser möchte buero.de übernehmen?

Galeria Kaufhof hatte Anfang November Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz kündigte harte Einschnitte an. Nur ein harter Kern von den aktuell noch 131 Kaufhäusern werde übrig bleiben. In Mitteldeutschland betreibt Galeria Karstadt Kaufhof aktuell noch sechs Warenhäuser: Dresden, Chemnitz, Leipzig, Halle/Saale, Erfurt und Magdeburg.

Von diesen sechs Standorten will buero.de Magdeburg, Chemnitz, Erfurt und Halle übernehmen. Das hat Schön dem MDR bestätigt. "Unser Interesse an Magdeburg und Halle ist sehr groß. Halle mag den einen oder anderen überraschen, weil schon länger bekannt ist, dass am 31. Januar 2023 dort Schluss sein soll. Aber wir glauben an den Standort", sagt Schön. Magdeburg habe als Stadt eine hervorragende Entwicklung vor sich. Daher sehe man auch eine Zukunft für das Kaufhaus in der Stadt.

Was hat buero.de mit den 47 Kaufhäusern vor, die das Unternehmen übernehmen will?

"Ich glaube, dass viel von dem, was aktuell ist, erhalten bleibt. Aber wir werden an manchen Stellen Veränderungen vornehmen", sagt Schön. Man würde nicht über einen Personalabbau in Halle und Magdeburg nachdenken. Ohne die Mitarbeiter würden die Standorte schon lange nicht mehr funktionieren. "Daher sind die Mitarbeiter für uns ganz wichtig. Wir wollen mit allen weitermachen, die mitmachen wollen", sagt der buero.de-Chef.

Ein Vorteil einer Übernahme der Kaufhäuser könnte aus seiner Sicht eine stärkere Vernetzung von stationärem Handel und online sein. "Die Leute wollen nach der Pandemie auch wieder im Laden einkaufen, was anfassen. Und alles dann kombiniert mit online und anderen Maßnahmen und Marketing, das wird aus unserer Sicht auch erfolgreich sein."

Wie realistisch ist eine Übernahme der Galeria-Filialen durch buero.de?

Der Experte für Handel und Konsumgüter Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist skeptisch. "Das Unternehmen, das sich um den Kauf der Galeria-Kaufhäuser bemüht, ist praktisch unbekannt. Bei einer ersten Recherche im Netz findet man überhaupt keine Informationen zur Finanzkraft. Und über Markus Schön, der dahintersteht, ist auch nur bedingt was bekannt", sagt Roeb. Das lässt aus Sicht des Experten nur einen Schluss zu: Der übernahmewillige Investor hat keine Expertise, die sich speziell auf Warenhäuser bezieht.

Dabei ist aus Sicht des Experten gerade das Warenhausgeschäft sehr komplex. Roeb verweist auf ähnliche Ankündigungen in der Vergangenheit, bei anderen pleite gegangenen Unternehmen. "Diese Übernahmeankündigungen gab es bei Drogeriemärkten, die gab es bei Schlecker-Märkten. Und vor über 15 Jahren hat jemand die ausgemusterten, zu kleinen und nicht wettbewerbsfähigen Standorte von Karstadt übernommen. Das waren interessanterweise am Ende auch um die 50 Standorte", sagt der Handelsexperte. Nach einem Jahr war der Investor dann pleite.

"Das Warenhaus-Konzept insgesamt krankt und hat große strukturelle Schwierigkeiten. An schlechten Standorten wird das zum Verlustbringer", sagt Roeb. Bisher gibt es aus seiner Sicht keinen Ansatz, der dieses Problem erfolgreich löst. Erfolg mit einer Übernahme könnten aus seiner Sicht aber Investoren von vor Ort haben, die den Standort und seine Besonderheiten ganz genau kennen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 07. November 2022 | 10:30 Uhr

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