Energiekrise Preise für Gas sinken: Kommt das bei den Verbrauchern an?

Durch die Energiekrise infolge des Ukraine-Krieges sind die Preise für Gas stark gestiegen, doch seit einiger Zeit fallen die Großhandelpreise. MDR AKTUELL hat nachgefragt, ob sich das auf die Endverbraucher auswirkt und wie der Trend einzuordnen ist.

Eine Katze liegt auf einem Heizkörper
Gas ist infolge des Ukraine-Krieges sehr teuer geworden, jetzt fallen die Preise wieder etwas. Kommt das auch bei den Verbrauchern an? (Symbolbild) Bildrechte: PantherMedia/Murat Subatli

Großhandelspreis für Gas sinkt

Während der vergangenen Monate sind die Energiepreise deutlich gestiegen, der Gaspreis für Neukunden bei den überregionalen Anbietern in Deutschland erreichte Anfang September den Spitzenwert von 40 Cent pro Kilowattstunde. Doch der Trend scheint aufgehalten und sich sogar vorsichtig umzukehren: Zuletzt sank der Großhandelspreis für Gas und damit auch für die Endverbraucher bei den überregionalen Anbietern in Deutschland.

Die Preise haben sich seit Anfang September halbiert.

Lundquist Neubauer Sprecher für Gas und Strom bei Verivox

Lundquist Neubauer, Sprecher für Gas und Strom bei Verivox, sagte dazu dem MDR auf Anfrage: "Die Preise haben sich seit Anfang September halbiert." Inzwischen kostet eine Kilowattstunde Gas für Neukunden rund 19 Cent (Stand: 15. November 2022).

Beruhigung des Gasmarktes

Weshalb das Gas im September so teuer war, habe mehrere Gründe, so Neubauer: "Zu diesem Zeitpunkt war der Lieferstopp für russisches Gas gerade aktuell, es war noch nicht sicher, ob die Gasspeicher gefüllt werden können, da war sehr viel Ungewissheit eingepreist." Nun seien die Gasspeicher "sehr überdurchschnittlich" gefüllt und es sei deutlich geworden, dass Gas auch auf anderen Wegen beschafft werden könne. "Das führt zu einer Beruhigung des Marktes", sagt der Energieexperte. Deshalb seien die Preise gesunken. Neubauer: "Es ist ja eine Börse. Da ist immer ein bisschen Psychologie mit dabei."

Gaspreise bei Grundversorgern derzeit im Schnitt günstiger

Doch geben Gasversorger die Preissenkung an ihre Kunden weiter? Die Grundversorger, also die örtlichen Energieanbieter, wohl nicht, sagt der Energieexperte. Denn diese kauften Gas langfristig ein. Dadurch seien die Grundversorgungspreise im Schnitt günstiger und nicht so sprunghaft stark gestiegen wie zuletzt die Preise der Anbieter mit überregionalen Tarifen, die sich am Großmarktpreis für Gas orientieren. "Die Preise ändern sich täglich und deshalb schwankt der Preis hier stark bei den Neukundenangeboten."

Die Grundversorger, zu denen beispielsweise die Stadtwerke zählen, profitierten hingegen von einer langfristigen Beschaffung und reagierten deshalb später auf Preisentwicklungen. Der Vorteil: "So konnten sie hohe Preise abfedern." Grundversorger seien eher träge, sagt Lundquist Neubauer. "Das ist in Hochpreiszeiten günstiger für Verbraucher." Das bedeute aber jetzt, da die Gaspreise auf dem Großmarkt wieder sinken, dass die Endverbraucherpreise bei den Grundversorgern vorerst "weiter nach oben gehen" und das wohl über einen längeren Zeitraum.

Der gesunkene Großmarktpreis wirkt sich so schnell nicht auf die Endverbraucherpreise aus.

Martin Schreiber Sprecher der Thüringer Energie (Teag)

Martin Schreiber, Sprecher der Thüringer Energie (Teag), bestätigt das. "Der gesunkene Großmarktpreis wirkt sich so schnell nicht auf die Endverbraucherpreise aus." Außerdem könne man bei den Großhandelspreisen noch lange nicht von Entspannung reden. "Die Preise sind immer noch sehr hoch." Die Teag, die rund 400.000 Kunden in ganz Thüringen mit Gas, Strom und Wärme versorgt, habe das Gas für Bestandskunden zwei bis drei Jahre im Voraus eingekauft. So ist es bei allen Grundversorgen, bei denen wir angefragt haben: etwa bei der Dresdner Sachsen-Energie, den Stadtwerken Erfurt, bei der "Energie aus der Mitte" (EAM) und bei den Stadtwerken Jena. Auch der Sprecher der Leipziger Stadtwerke, Frank Viereckl teilte dem MDR mit: "Um unterjährige Preisschwankungen auszugleichen, beschaffen wir als Stadtwerke Strom und Gas langfristig und garantieren dann Preise für ein oder zwei Jahre."

Gaspreise weiter auf hohem Niveau

Gefallen seien ohnehin insbesondere die Spotpreise, sagt Viereckl, also die Gaspreise, die eine Lieferung für den morgigen Tag beinhalten. Diese Spotpreise "haben keinen Einfluss auf die Preisbildung bei Strom- und Gasverträgen", erklärt er weiter. Stadtwerke seien ausdrücklich keine spekulativen Marktteilnehmer. Die sogenannten Terminmarktpreise, zu denen die Stadtwerke Gas einkaufen, seien zwar auch gefallen, "befinden sich aber weiterhin auf einem hohen Niveau, insbesondere im Vergleich zum Vorjahreszeitraum".

Wir sind in der Nahrungskette vor den Endkunden die Vorletzten.

Martin Schreiber Teag

Die Teag, sagt Sprecher Schreiber, rechne die Preise immer neu. "Sobald es eine Preissenkung in irgendeiner Form gibt, geben wir diese sofort an unsere Endkunden weiter." Das gehe aber in beide Richtungen, dasselbe gilt also auch für Preissteigerungen. "Der Gaspreis schwankt sehr stark. Deshalb haben wir eine Mischkalkulation", erklärt Schreiber. "Dieser Mischpreis ist stabiler, als wenn wir jeden Tag auf die Börsenpreise schauen würden." Bestandskunden profitierten davon. Bei Neukunden allerdings liege der Gaspreis sehr viel höher, weil die Einkaufspreise nun viel höher seien. "Wir haben im Gegensatz zu den Erzeugern nicht das Problem, dass wir Übergewinne haben. Wir sind in der Nahrungskette vor den Endkunden die Vorletzten."

Viele Grundversorger erhöhen Preise erneut

Zum 1. Januar heben viele Grundversorger sogar noch einmal die Bestandspreise an. Die Stadtwerke Halle etwa schreiben: "Bisher profitierten die Kundinnen und Kunden noch von einem teilweisen Einkauf der Energiemengen aus der Vorkrisenzeit." Diese "Bezugsverträge" endeten zum neuen Jahr, es sei notwendig, "die Preise für Strom und Erdgas erneut anzupassen". Auch die Stadtwerke Jena erhöhen die Preise. "Energie aus der Mitte" (EAM), die unter anderem Kunden in Thüringen versorgt, erhöht Preise für Gas bereits zum 1. Dezember.

Auch bei der Teag steigt der Gaspreis zum 1. Januar noch einmal. Allerdings, sagt Sprecher Martin Schreiber, seien die Marktpreise ohnehin nicht von Belang, da die Gaspreisbremse kommen werde. Außerdem übernimmt der Bund als Soforthilfe den Dezember-Abschlag für Gas und Wärme für private und kleine und mittlere gewerbliche Kunden. "In diesem Jahr bekommen unsere Kunden keine Rechnung mehr", so Martin Schreiber. "Wir begrüßen alles, was die Preise herunterbringt." Auch der Umsatzsteuersatz auf Gaslieferungen wird rückwirkend ab dem 1. Oktober 2022 bis Ende März 2024 von 19 auf 7 Prozent reduziert.

Gaspreisbremse

Für private Haushalte, kleine und mittlere Unternehmen (unter 1,5 Millionen Kilowattstunden Gasverbrauch im Jahr) sowie für Vereine soll der Gaspreis von spätestens März 2023 bis April 2024 bei zwölf Cent pro Kilowattstunde gedeckelt werden - angestrebt wird die rückwirkende Geltung zum 1. Februar. Eine befristete Gaspreisbremse soll ab Januar 2023 ebenfalls der von den hohen Preisen betroffenen Industrie dabei helfen, Produktion und Beschäftigung zu sichern. Der Preis für die Kilowattstunde wird hier auf sieben Cent gedeckelt. 

Strompreisbremse

Eine Strompreisbremse soll ab Januar 2023 dazu beitragen, dass die Stromkosten insgesamt sinken. Der Strompreis für private Verbraucher sowie kleine und mittlere Unternehmen wird daher bei 40 Cent pro Kilowattstunde gedeckelt. Dies gilt für den Basisbedarf von 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs. Für Industriekunden liegt der Deckel bei 13 Cent für 70 Prozent des Verbrauchs. Dazu muss auch der Anstieg der Netzentgelte im deutschen Stromnetz gedämpft werden. Die Netzentgelte sind Bestandteil der Stromkosten und werden somit von den Stromkundinnen und -kunden getragen. Um die Strompreisbremse für den Basisverbrauch und eine Dämpfung der Netzentgelte für Strom zu finanzieren, sollen Zufallsgewinne von Stromproduzenten zumindest teilweise abgeschöpft werden.

Vor allem die Gaspreisbremse dürfte Haushalte entlasten. So spart etwa eine Familie in einer 100-Quadratmeter-Wohnung und einem Jahresverbrauch von 12.000 Kilowattstunden Gas bei einem mittleren Gaspreis von 28,3 Cent pro Kilowattstunde 1.564,80 Euro im Jahr.

Ermuntert die Gaspreisbremse zu höheren Preisen?

Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl
Der Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl von der Universität Leipzig zur Gaspreisbremse: "Einen höheren Preis können Sie leichter vom Staat verlangen als von den Bürgern." Bildrechte: Gunther Schnabl

Der Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl, der eine Professur an der Universität Leipzig innehat, sieht die Gaspreisbremse dennoch nicht nur optimistisch. "Wir Bürger haben ein bestimmtes Budget. Wenn die Preise steigen, müssen wir sparen. Jetzt gleicht der Staat die Differenz aus. Einen hohen Preis können Sie immer leichter vom Staat verlangen als von den Bürgern. Das heißt, die Gasunternehmen profitieren von der Gaspreisbremse und werden möglicherweise noch höhere Preise verlangen."

Durch die öffentliche Kommunikation ist jedem klar, dass die Preise steigen müssen. Das gleicht einem Freibrief, die Preise anzuheben.

Gunther Schnabl Wirtschaftswissenschaftler Universität Leipzig

Er fügt hinzu: "Wir werden vor allem bei der Energie und den Lebensmitteln stärkere Preiserhöhungen haben, denn auf beides sind wir angewiesen, wir müssen beides kaufen. Durch die öffentliche Kommunikation ist jedem klar, dass die Preise steigen müssen. Das gleicht einem Freibrief, die Preise anzuheben."

Gaspreisentwicklung schwer vorherzusagen

Und wie wird sich der Gaspreis weiterentwickeln? "Die Gaspreisentwicklung lässt sich schwer vorhersehen. Es kommt zum Beispiel darauf an, wie kalt der Winter wird. Wenn er sehr kalt wird, werden die Preise vermutlich wieder anziehen. Aber: Die Preise sind sowieso noch auf einem sehr hohen Niveau", sagt Energieexperte Lundquist Neubauer. Zum Vergleich: Vor einem Jahr kostete das Gas den Endverbraucher im Durchschnitt gerade mal 5,7 Cent pro Kilowattstunde, rund 13 Cent weniger als jetzt.

"Das ist außergewöhnlich", sagt Neubauer. "Diese Ausnahmesituation hat es so noch nie gegeben. Es ist das erste Mal, dass die Preise sich um 20 Cent pro Kilowattstunde verteuert haben und dann wieder so zurückgegangen sind." Fest steht, dass die Grundversorger von den Großhandelspreisen abhängig sind, auch wenn sie langfristig einkaufen, und damit auch die Endverbraucher.

MDR (caf)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 15. November 2022 | 20:15 Uhr

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