Menschen an einem Strand
Egal ob Ostsee, Pazifik oder Mittelmeer: Die Reiselust und auch die Reiseausgaben der Deutschen haben 2023 ein Rekordniveau erreicht. Bildrechte: dpa

Urlaubspreise Warum Reisen so teuer geworden ist

29. Juli 2023, 10:56 Uhr

Wir reisen, was das Zeug hält - und greifen dafür auch ordentlich in die Tasche. Obwohl die Preise in die Höhe geschossen sind, ist die Reiselust der Deutschen in diesem Jahr wieder so groß wie vor der Pandemie. Reiseunternehmen verbuchen Rekordumsätze. Matthias Firgo ist Tourismusökonom an der Hochschule München. Er erklärt, wie sich die Preissteigerungen zusammensetzen – und warum wir dazu tendieren, uns in Zeiten der Unsicherheit besonders teure Urlaube zu gönnen.

Nikta Vahid-Moghtada
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

MDR AKTUELL: Herr Firgo, warum sind die Preise fürs Reisen in diesem Sommer so extrem hoch?

Matthias Firgo: Generell bestimmt bei Märkten, also auch im Tourismus, immer ein Zusammenspiel aus Angebot und Nachfrage den Preis. Im Tourismus erleben wir gerade Folgendes: Angebotsseitig haben wir einen Kostenschock durch beispielsweise höhere Personalkosten, durch höhere Erzeugerpreise, durch höhere Energiepreise. Und das trifft auf einen sogenannten Nachfrageschock: Wir haben nach den Pandemiejahren eine extrem hohe Nachfrage nach Urlaubsreisen und eine hohe Zahlungsbereitschaft. Und dieses Zusammenspiel treibt die Preise in die Höhe.

Vor Beginn einer Saison kaufen Reiseveranstalter gewisse Kontingente bei Airlines, Hotels etc. auf. Welche Rolle spielen diese Kontingente bei der Preisgestaltung?

Bei den Kontingenten handelt es sich um Preise, die bereits vor Monaten ausgehandelt worden sind. Diese Kontingente wurden auch schon vor Monaten von den Reiseanbietern gekauft. Da hatte man aber auch noch deutlich höhere Energiepreise als jetzt. Das mag also ein Grund sein, weshalb jetzt, trotz der niedrigeren Energie- und Kerosinpreise, die Preise so hoch sind.

Urlauber zahlen also Preise, die gar nicht mehr aktuell sind?

Der Tourismusökonom Matthias Firgo.
Matthias Firgo Bildrechte: MDR/WIFO

Die Verträge sind schon ein paar Monate alt. Vor allem Fernreisen buchen wir ja schon einige Monate im Voraus. Das heißt, viele der Buchungen für diesen Sommer wurden im vergangenen Winter getätigt - auf dem Höhepunkt der Energiekrise. Und gleichzeitig war im Winter der Euro-Dollar-Wechselkurs aus Sicht der Amerikaner unglaublich günstig. Also ist Europa für Amerikaner in diesem Jahr besonders günstig. Und auch das treibt die Nachfrage an. Gleichzeitig ist Urlaub für Europäer in den USA durch den für uns ungünstigen Wechselkurs sehr teuer, ein weiterer Grund dafür, dass wir hauptsächlich innerhalb Europas Urlaub machen. 

Gerade im Hotel- und Gastro-Gewerbe fehlt es vielerorts an Fachkräften. Treibt auch der Personalmangel die Preise in die Höhe?

Indirekt, ja. Viele Betriebe können nicht in vollem Umfang öffnen, weil sie nicht genügend Personal zur Verfügung haben. Es bleiben auch viele Flugzeuge am Boden, unter anderem weil die Lieferketten bei den Ersatzteilen noch nicht so funktionieren wie vor der Pandemie. Beim Thema Fliegen sehen wir noch einen Effekt: Der russische Luftraum ist gesperrt. Das heißt, alles, was in Richtung Asien fliegt, muss relativ große Umwege in Kauf nehmen. Das bedeutet längere Flugzeiten und demnach höhere Kosten. Auch das zieht einen Rattenschwanz nach sich. 

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Steigen die Preise weiter?

Das ist ein Blick in die Glaskugel. Was klar ist: Kostensteigerungen treten erst mit einer gewissen Verzögerung auf. Das liegt an den Lieferketten. Tourismusbetriebe haben viele Zulieferbetriebe, aus der Bauwirtschaft zum Beispiel, auch Nahrungsmittelproduzenten etc., für die die Preise auch gestiegen sind. Und die Preissteigerungen der Zulieferer in der Wertschöpfungskette werden erst nach und nach weitergegeben. Tourismus ist typischerweise am Ende der Wertschöpfungskette mit Service und Dienstleistungen, die an die Endverbraucher weitergegeben werden. Wenn also der Kerosinpreis, oder die Energiepreise generell, jetzt zurückgehen, dann spüren wir das erst in ein paar Monaten in den Verbraucherpreisen.

Das klingt, als könnten wir durchatmen?

Meine Prognose für den Winter und die kommende Sommersaison wäre, dass die Preissteigerungen zurückgehen, nicht aber das Preisniveau. Ich gehe davon aus, dass die Preise hoch bleiben werden, dass wir aber nicht noch einmal Preisexplosionen wie in den vergangenen Monaten erleben werden. Auch weil sich der Effekt der Reiseeuphorie, die wir nach den Pandemiejahren erlebt haben, abschwächen wird. 

Gilt das auch für Flugreisen?

Das Fliegen wird mit großer Wahrscheinlichkeit immer teurer werden, weil wir auch ein immer größeres Bewusstsein entwickeln und auch die gesetzliche Lage immer stärker Emissionen bepreist. Und Fliegen ist bekanntlich emissionsintensiv. Das heißt, da muss der Preis fürs Fliegen künftig steigen.

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Sie sprechen von Reiseeuphorie: Dieser Sommer ist doch nicht der erste nach der Pandemie, in dem Reisen wieder möglich ist.

Ja, aber ich glaube, dass dieses Jahr das erste ist, in dem viele wieder längerfristige Buchungen vor allem auch für Fernreiseziele getätigt haben. Im vergangenen Jahr war noch viel Unsicherheit und die Angst vor neuen Einschränkungen im Spiel. Diese Saison ist die erste, die sich zumindest so anfühlt wie vor der Pandemie.

Nur zu anderen Preisen!

Ja. Zwei Dinge, die man wirklich unterscheiden muss, sind Preisniveau und Preissteigerungen. Selbst wenn die Inflation 2024 auf Null zurückgehen sollte, dann heißt es ja nicht, dass wir wieder die Preise wie zu Zeiten vor der Pandemie bekommen, sondern, dass wir die gleichen Preise wie im Jahr davor haben werden. Also wie 2023. Man muss davon ausgehen, dass wir die Preise der Vor-Pandemie-Jahre nicht mehr haben werden. Das betrifft nicht nur den Tourismus, sondern alle Bereiche, auch den täglichen Einkauf. Um wieder ein Preisniveau von 2019 zu haben, bräuchten wir rund 15 bis 20 Prozent Deflation. Das ist sehr, sehr unwahrscheinlich. Wir sind ärmer geworden, das ist leider so.

Dennoch verbuchen Reiseveranstalter in diesem Jahr Rekordumsätze. Wie erklären Sie sich diesen Effekt?

Der Unsicherheitsfaktor spielt auch eine Rolle. Man kann auf kurze Sicht beobachten, dass Menschen in Zeiten höherer Unsicherheit, sei es durch Krisen, sei es durch Inflation, dazu tendieren, ihr Geld auszugeben. Mit dem Gedanken im Hinterkopf: Ich weiß nicht, wie es im nächsten Jahr sein wird, vielleicht wird es ja noch teurer. Wenn ich meine Ersparnisse in Zeiten der Inflation auf dem Konto liegen lasse, dann verlieren sie an Wert. Und so haben Menschen die Tendenz zu Anschaffungen wie Autos oder eben teureren Urlaubsreisen. Längerfristig sind Inflation und Unsicherheit natürlich schlecht, weil die Leute beginnen zu sparen. Gerade für Branchen wie den Tourismus. Wie werden ärmer, verlieren die Kaufkraft und somit auch die Lust zu reisen.

Reiseunternehmen verzeichnen gerade eine Tendenz zu Flugreisen außerhalb Europas. Da sind zwei Wochen Pauschalreise nach Mexiko fast genauso teuer wie zwei Wochen irgendwo in Südeuropa am Mittelmeer. Warum ist das so?

Was teuer ist, ist der Flug. Gerade die Preise für Flüge innerhalb Europas sind stärker angestiegen als die Interkontinentalflugpreise. Und der Reisepreis setzt sich ja auch aus den Preisen für Unterkünfte und Lebenskosten vor Ort zusammen. Da kann ein Langstreckenflug an einem Ort mit günstigen Unterbringungskosten im Gesamtpreis durchaus günstiger sein.

Und warum sind Flüge innerhalb Europas so viel mehr angestiegen als die für Interkontinentalflüge?

Man kann nur mutmaßen. Ein Faktor ist, dass wir in Europa eine sehr hohe Marktkonzentration haben. Wir haben innerhalb Europas sehr wenige Anbieter und bei vielen Flugstrecken eine gewisse Monopolstellung, also nur einen Anbieter, der eine bestimmte Strecke bedient. Aber generell ist alles nicht auf eine Ursache zurückzuführen. Es ist wirklich ein Cocktail aus unterschiedlichen Faktoren, der die Urlaubspreise generell so in die Höhe treibt. 

Kann man sagen, dass die Zeit von Last-Minute-Reiseschnäppchen vorbei ist?

Das hängt von der verfügbaren Kapazität ab. In Zeiten, in denen die Nachfrage sehr hoch ist und die Kapazitäten für beliebte Destinationen weitestgehend aufgebraucht sind, ist es eher so, dass die letzten verfügbaren Plätze fast versteigert werden. Da könnt ihr davon ausgehen, dass Last Minute keine gute Idee ist. In Zeiten mit viel Überschuss macht Last Minute Sinn. Im Moment würde ich sagen ist es eher keine gute Strategie.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN – Das Radio | 26. Juli 2023 | 12:21 Uhr

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