Eine Frau schaut durch den Sucher einer Praktica BX20 S Spiegelreflexkamera.
2001 lief die letzte Praktica vom Band, heute hat die Fotokamera immer noch Kultstatus. Bildrechte: picture-alliance/ ZB | Matthias Hiekel

Kultkamera Praktica Das Ende des DDR-Kameraherstellers Pentacon

16. Mai 2023, 11:30 Uhr

Die Praktica war für die DDR so legendär wie Rotkäppchen-Sekt oder Spee-Waschmittel: Eine Marke, die nicht nur in den ostdeutschen Haushalt gehörte, sondern auch den Sprung aufs internationale Parkett schaffte. Die Kamera entstand in den Werken des VEB Pentacon Dresden. Das Kombinat stellte rund 40 Jahre lang Fotoapparate, Kinogeräte und Diaprojektoren her – bis 1990. Am 2. Oktober liquidierte die Treuhand den traditionsreichen Betrieb.

Sie war das Aushängeschild der Pentacon-Betriebe: Eine Fotokamera für das Volk sollte die Praktica sein. Zwischen 1949 und 1990 verließen rund neun Millionen Stück die Werke in Dresden. Zu Hochzeiten arbeiteten etwa 9.000 Menschen an diesem und anderen Modellen.

Erinnerungen an die Praktica

Einer von ihnen war Günter Wunderlich. Mitte der 60er Jahre begann er bei Pentacon seine Lehre als Feinmechaniker. Heute ist Wunderlich 71 und hat eine eigene Firma. Der elegant gekleidete Mann erinnert sich an die legendäre Praktica: "Die Kamera war eigentlich vor allem so ausgerichtet, dass man möglichst ein Konsumprodukt hatte. In der DDR war sie ja teilweise sogar schwer zu erhalten. Und es ging alles möglichst in die Bundesrepublik Deutschland und ins Ausland, um Devisen zu erhalten."

Aber die Kamera war schon ein Qualitätsprodukt. Mit all seinen kleinen Schwächen.

Günter Wunderlich, ehemaliger Pentacon-Mitarbeiter

Geburtsstunde der Pentacon

Pentacon knüpfte mit seinen Kameras an die lange Tradition der sächsischen Fotoindustrie an. Der volkseigene Betrieb entstand aus der Zusammenlegung diverser Unternehmen. Über die Jahre wuchs das Kombinat immer weiter – bis es 1985 dem DDR-Optikriesen Carl Zeiss Jena angegliedert wurde. Da waren die besten Zeiten für Pentacon schon fast vorbei.

Der politische Umbruch brachte den Kamerahersteller endgültig ins Straucheln. Wunderlich erzählt: "Ich wusste damals schon relativ frühzeitig, dass wir aufgrund unserer Devisenrentabilität auf dem Markt nicht mehr bestehen können. Man wollte es dann auf jeden Fall verkleinern, aber wir waren dann ja fast alle arbeitslos geworden."

Helles Eckgebäude mit Turm auf Ecke
Das Pentacon-Gebäude in Dresden-Striesen. Bildrechte: MDR/Nadine Jejkal

Nach der Wende war Schluss

1990 übernahm die Treuhand die Geschicke des Betriebes. Kurzzeitig interessierten sich ein paar Japaner für Pentacon, hielten ein Zusammenwirken aber für unrentabel. Auch die Umwandlung in eine privatwirtschaftliche GmbH half nichts. Die Produktionskosten waren zu hoch, die Kameras veraltet, die asiatische Konkurrenz zu stark. Die Sanierungspläne, die Pentacon vorlegte, lehnte die Treuhand ab. Am 2. Oktober liquidierte sie das Unternehmen.

In der Tagesschau hieß es damals: "Das Dresdner Traditionsunternehmen für Kameras, Pentacon, wird stillgelegt. Wie am Abend auf der Kölner Photokina bekanntgegeben wurde, hat die Treuhandgesellschaft die Firma veranlasst, die Einstellung der Produktion einzuleiten und die Stilllegung für die 5.000 Arbeitnehmer sozial verträglich vorzunehmen." Am Tag vor der Wiedervereinigung ging diese Nachricht fast unter.

Schock für die Mitarbeiter

Der Dresdner Fotograf Franz Zadnicek arbeitete 20 Jahre als Werkzeugmacher bei Pentacon. Auch er wurde von der Schließung überrascht. Er war davor zwei Wochen lang im Urlaub gewesen: "Ich komme wieder, nichts ahnend, und da ist eine Kette vor der Tür. Da ist die große Stahltür, eine große, schwere Eisenkette mit einem Schloss. Keiner ist da. Und dann hieß es, wir sollen alles Werkzeug, was wir haben, auf einen Haufen schmeißen. Und dann kam eine niederländische Firma und hat das abgeholt, mit der Schaufel auf den Wagen geknallt."

Zu dieser Zeit erklärte die Treuhand noch, dass die Abwicklung keinesfalls bedeute, dass alle Arbeitsplätze verlorengehen würden. Sondern, so führte Rechtsanwalt Jobst Wellensiek aus: "Weiterführen, damit keine wirtschaftlichen Werte vernichtet werden und gleichzeitig eine Überleitung auf neue Firmen leichter bewerkstelligt werden kann, ohne dass zu große Zwischenräume entstehen."

Das gelang nur bedingt. Von rund 5.000 Mitarbeitern 1990 waren im Juli 1991 nur noch etwa 230 übrig. Das Nachfolgeunternehmen von Pentacon übernahm die Produktion der Praktica. 2001 lief die letzte Spiegelreflexkamera dieses Namens in Dresden vom Band.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. September 2019 | 05:00 Uhr

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