Industriebauten: Hohe, schlanke, röhrenartige Türme mit Leitungen und Gerüst
Wasserstoff-Elektrolyseur in einem Chemiepark der Shell AG in Wesseling in Nordrhein-Westfalen Bildrechte: imago images/Klaus W. Schmidt

Energiewende Auch alte Gasleitungen für Wasserstoff nutzbar

06. Juli 2023, 09:20 Uhr

Es ist gewissermaßen das "Wundergas der Energiewende": Wasserstoff, erzeugt durch Elektrolyse aus Windstrom und Wasser. Das ökologische Gas soll der Chemie als Rohstoff dienen, Kraftwerke und Autos antreiben. Darum werden nun Elektrolyseure gebaut. Wie jedoch kommt das Gas zum Kunden? Gibt es dafür passende Leitungen? Ein Beispiel aus Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt zeigt: Es geht – auch mit alten DDR-Leitungen.

Etwas ungelenk liegt es auf der Baustelle: Ein Stahlrohr, mit Anflügen von Rost. Es soll hier bei Bad Lauchstädt unter die Erde, damit es später grünen Wasserstoff transportieren kann. Heute sind technische Prüfer da, denen Ralf Borschinsky vom Gasnetzbetreiber Ontras über die Schultern schaut. Mit der Drahtbürste säubern sie Schweißnähte, um zu sehen, ob sie dicht sind.

Keine 200 Meter entfernt beginnt der Energiepark. Hier bei Bad Lauchstädt wird einer der größten Elektrolyseure Deutschlands gebaut, gleich dahinter Windräder. Das Rohr soll der Anfang für ein 900-Kilometer-Wasserstoffnetz in Ostdeutschland sein. Der größte Teil liegt schon unter der Erde, alte DDR-Erdgasleitungen, die man für Wasserstoff-Transport ertüchtigen könne, wie Projektmanager Richard Funke sagt – und so erhebliche Kosten sparen.

Wir können dadurch erhebliche Kosten sparen im Vergleich zum Neubau von Leitungen.

Richard Funke, Projektmanager bei der Leipziger VNG AG

Neue Leitungen könnten nach Angaben von Funke mindestens das doppelte kosten. Außerdem mache es "generell wenig Sinn, viele Leitungen parallel zu legen". Die meisten Erdgasrohre kommen mit Wasserstoff klar. Das hat auch der Verteilnetzbetreiber Avacon bereits getestet.

Im Jerichower Land, ebenfalls in Sachsen-Anhalt, mischte Avacon in einem Pilotprojekt Wasserstoff seinem Erdgas bei. Rohre und Endgeräte der 350 Kunden hätten das mitgemacht, erzählt Projektleiterin Angela Brandes.

Man habe 2021 mit zehn Prozent angefangen, sagte Brandes, das Vorgehen vier Wochen getestet und bei ausgewählten Kunden auch Abgasmessungen gemacht. Dann habe man auf 15 Prozent Wasserstoff-Anteil erhöht, dann zweimal 20 Prozent beigemischt und keine schlechten Abgaswerte und keine Unregelmäßigkeiten bei der Rohrnetzprüfung am Gasnetz festgestellt.

Leitungen werden geprüft

Für 100 Prozent Wasserstoff müsse man aber viele Endgeräte erst noch ertüchtigen, sagt Brandes. Die bestehenden Leitungen des Gasnetzes seien weitestgehend für 100 Prozent Wasserstoff geeignet und nur vereinzelt müssten Komponenten getauscht werden.

Rohre einer Gasleitung.
Verteiler einer Erdgasleitung: Für Wasserstoff muss alles sehr dicht sein. Bildrechte: imago images/blickwinkel

Wasserstoff ist ein sehr wendiges Gas. Moleküle können durch feinste Risse entweichen. Vor der Umstellung werden Erdgasleitungen deshalb mit einem Prüfgerät befahren. Das sehe aus wie ein riesiger Molch und werde in Fachkreisen auch so genannt, erzählt Ralf Borschinsky von der VNG-Tochter Ontras.

Und während der "Molch" mit ungefähr drei Metern pro Sekunde durch Rohrleitungen rutscht, macht er sie sauber mit einer Art von Besen. Zugleich misst er dabei aber auch die Wandstärke, die Geometrie des Rohrs, ob die Isolierung und die Schweißnähte in Ordnung sind.

H2-Leitungen vorläufig nur für die Industrie

Nach der Überprüfung bleibt die Frage, ob grüner Wasserstoff in Zukunft wirklich bis in einzelne Haushalte strömen wird. Denn zum Verheizen ist er eigentlich zu teuer. Bad Lauchstädt liefert zunächst an Leuna, wo die Total-Raffinerie das Gas weiterverarbeiten wolle, wie Funke von der VNG sagt.

"Künftig wird am Ende auch der Markt entscheiden", sagte er dazu. Wo Nachfrage sei, werde Wasserstoff zum Einsatz kommen. "Wir speichern das Gas in den Leitungen", wo es am Ende rauskomme, "entscheidet tatsächlich der Markt." Bis dahin aber zieht noch Zeit ins Land. In zwei Jahren soll es erstmals grünen Wasserstoff aus Bad Lauchstädt geben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Juli 2023 | 06:00 Uhr

15 Kommentare

Anni22 vor 33 Wochen

Jo sagt dann einfach Bescheid, wenn ihr wisst, was nun werden soll... ich möchte nur nochmal darauf hinweisen, das die Wärmepumpe in den ungedämmten Altbauten ohne Fußbodenheizung auch nicht funktionieren wird. Und diese Altbausubstanz gibt es reichlich!

AufmerksamerBeobachter vor 33 Wochen

Es ist eigentlich schon mit dem Wissen der POS einsichtig, es will aber Niemand hören. Fängt jemand in einem TV/Radio-Talk mit Sowas an, heißt es schnell 'Bitte keine Zahlen.. ..das verwirrt nur'

Leider schweigen auch inzwischen Diejenigen, die es definitiv wissen, Professoren in Energieclustern und Forschungsverbünden, weil dort derart viel Geld reingepumpt wird, dass es dumm wäre, sich das wegzuargumentieren. Inzwischen würde ich auch zu Aktien von H₂-Firmen raten, der Hype hält sicher noch zehn Jahre, bis dann doch Alles elektrifiziert wird.

H₂ ist nur im Stahlwerk sinnvoll, da dort die nötige Abwärme für eine effiziente Elektrolyse da ist. Strom braucht man aber auch dort. Alle 40min müsste das Gasometer in OH leergesaugt werden, soviel H₂ braucht man bei Vollumstellung in DU, sagt Thyssen/Krupp… also etwa 300.000m³/h.

Bei Salzgitter-Stahl gibt es eine Pilotanlage im Großversuch, die schaffen dort 200m³/h mit 1MW Power… die Anforderungen sind also gigantisch!

Der Pegauer vor 33 Wochen

Na endlich mal einer, der Mathematik, Physik und Chemie nicht abgewählt und den Taschenrechner geholt, und das Hexeneinmaleins der Energiewender an einem Punkt mal kritisch hinterfragt hat.

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