Baubranche 400.000 Wohnungen im Jahr nicht mehr zu schaffen

Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur
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Die Bundesregierung will, dass jedes Jahr 400.000 neue Wohnungen in Deutschland gebaut werden. Doch dieses Ziel ist aufgrund der steigenden Baukosten immer unrealistischer. Immer mehr Bauunternehmen müssen Bauvorhaben auf Eis legen. Weniger Auflagen beim Bau und eine größere Wohnungsbauförderung von der Regierung könnten helfen.

Mehrere Baukräne auf einer Großbaustelle
Der Bundesverbandes der Wohnungs- und Immobilienunternehmen schätzt, dass im nächsten Jahr nur 250.000 neue Wohnungen entstehen werden. Bildrechte: dpa

Steffen Jäckel will ja bauen, aber er kann nicht. Der Chef der städtischen Wohnungsgesellschaft Wohnen in Dresden sagt, Baumaterial sei noch immer knapp und teuer. Hinzu kämen steigende Kreditzinsen. Unterm Strich ließen sich die Baukosten durch bezahlbare Mieten nicht mehr hereinholen.

Deswegen stoppte Jäckel vor zwei Wochen gleich drei Neubauprojekte in Dresden für 140 Sozialwohnungen. Allein im letzten Quartal sei die Kalkulation seiner Baukosten um 22 Prozent gestiegen. "Das haben wir ansonsten in fünf bis sechs Jahren gehabt so etwas. Da merkt man auch, die Relationen sind so weit weg, dass man über die Finanzierbarkeit einer weiteren Neubaumaßnahme nicht mehr nachdenken muss. Da muss man nicht mal den Taschenrechner anmachen dafür", erzählt Jäckel.

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Befürchtung: Nur 250.000 statt 400.000 neue Wohnungen

Auch andere legen ihre Vorhaben frustriert auf Eis. Das ifo-Institut meldet, dass im August fast zwölf Prozent der Baufirmen Stornierungen zu verzeichnen hatten. Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen, hält die hehren Ziele der Bundesregierung inzwischen für nicht mehr erreichbar: "400.000 Wohnungen in diesem und im nächsten Jahr und vielleicht auch darüber hinaus, das wird mit Sicherheit nichts werden." Gedaschko befürchtet, dass in Deutschland nächstes Jahr nur 250.000 Wohnungen neu gebaut werden können – statt 400.000.

Für Sorgenfalten sorgt das beim Deutschen Mieterbund. Denn gerade günstige Wohnungen würden dringend benötigt, sagt Bundesdirektorin Melanie Weber-Moritz: "Aus Sicht des Deutschen Mieterbundes wäre es ganz wichtig, dass von den 400.000 Wohnungen, von denen ja 100.000 als Sozialwohnungen gebaut werden sollen, diese Priorität haben. Wir müssen den Fokus jetzt, wo es ohnehin schwierig geworden ist, neu zu bauen, auf diese 100.000 geförderten Wohnungen legen. Damit wenigstens die gebaut werden können." Dort sieht Weber-Moritz den allergrößten Bedarf.

Hohe Anforderungen an den Wohnungsbau

Doch wie soll das gelingen? An fehlendem Material und hohen Bauzinsen kann die Bundesregierung nichts ändern. Doch einige Probleme, findet Axel Gedaschko, seien hausgemacht. Die Bauförderung sei mehrfach hektisch geändert worden, was viele verunsichert habe.

Außerdem seien die Anforderungen ans Bauen gestiegen. So wünsche die Regierung mehr Wohnungen in Holzbauweise. Doch Holz gäbe es nur noch teuer. Die Regierung müsse davon Abschied nehmen, findet Gedaschko: "Genauso wie von der Idee, alles mit Wärmepumpen im Neubau oder bei umfassender Sanierung ausstatten zu müssen. Warum? Im Moment werden knapp 150.000 Wärmepumpen pro Jahr in Deutschland gebaut. Und ab 2024 sollen schon 500.000 Wärmepumpen pro Jahr eingebaut werden. Die sind definitiv nicht da."

Mehr Pragmatismus, weniger Auflagen, eine größere Wohnungsbauförderung. All das könne mehr Wohnungen bringen, sagt Gedaschko. Ein Bauboom sei allerdings auch dann nicht zu erwarten – allein schon mangels Handwerkern. Die Politik müsse die Situation ungeschminkt betrachten. Wer noch vor sich hinmurmle: 400.000 Wohnungen – wir schaffen das, begehe Selbstbetrug.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 23. September 2022 | 06:00 Uhr

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