Eine alleinerziehende Mutter geht 2016 mit ihrem Sohn durch einen Hausflur die Treppe herunter.
Fast jeder Fünfte ist in Sachsen-Anhalt armutsgefährdet. (Symbolbild) Bildrechte: picture alliance / Marcel Kusch/dpa | Marcel Kusch

30 Organisationen und Verbände Suche nach Lösungen: Erste Armutskonferenz in Sachsen-Anhalt

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

15. November 2023, 19:19 Uhr

Am Mittwoch hat in Burg die erste Armutskonferenz in Sachsen-Anhalt stattgefunden. Etwa 30 Organisationen und Verbände kamen dafür zusammen. Ziel war es, die Armut im Land besser zu bekämpfen und auch zu verhindern. Welche Probleme es aktuell in Sachsen-Anhalt gibt.

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Die Armut in Sachsen-Anhalt hat viele Gesichter. Sie betrifft Kinder und Jugendliche ebenso wie chronisch Kranke, Alleinerziehende oder Rentner. Natürlich lebt ein Armer in Deutschland deutlich besser als ein Armer in Asien oder Afrika.

Barbara Höckmann ist Präsidentin des Landesverbandes der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Für sie ist klar, dass Armut sich immer konkret auf die Umstände in einem Land bezieht: "Armut ist nicht relativ, sondern orientiert sich immer an dem, was gesamtgesellschaftlich zur Verfügung steht. Und hier, in unserer Gesellschaft, ist der Arme eindeutig ausgeschlossen."

Armut versteckt sich

Die aktuelle Debatte um das Bürgergeld zeigt, dass Armut als Problem in Deutschland von so manchem bestritten wird. Die Betroffenen sollten doch lieber arbeiten gehen. Barbara Höckmann beklagt in diesem Zusammenhang einen Endsolidarisierungseffekt.

Sie berät seit dreißig Jahren Menschen in schwierigen Lebenssituationen und aus ihrer Sicht sind die Probleme ganz andere: "Aus meiner Erfahrung sind es zwischen 40 und 60 Prozent der Betroffenen, die ihre Ansprüche nicht wahrnehmen."

Einerseits seien die bürokratischen Hürden der Antragstellung zu hoch und zum anderen würde sich so mancher grundsätzlich scheuen, seine Bedürftigkeit offen zu legen. Armut geht nicht selten mit Mutlosigkeit einher, was es den Menschen zusätzlich schwer macht, Wege zu finden, um ihre Situation zu verbessern.

Fehlende Chancen

So wie Häuser oder Sparbücher vererbt werden, so wird in Deutschland auch die Armut vererbt. Von einer Chancengleichheit könne keine Rede sein. "Kinder aus armen Familien haben einen besonderen Förderungsbedarf. Allerdings zeigt sich in der Praxis, dass sie kaum Chancen haben auf einen Aufstieg durch Bildung", so Höckmann

Auch in Sachsen-Anhalt kann man inzwischen beobachten, wie Familien, die nach den Umbrüchen der Wende ins Abseits gerieten, bis heute am Rand der Gesellschaft leben. Bislang ist es nicht gelungen, diesen Kreislauf wirkungsvoll zu durchbrechen.

Breites Bündnis gegen Armut

Mit der Armutskonferenz sollte das Thema nun zum ersten Mal in Sachsen-Anhalt in seiner Vielschichtigkeit abgebildet werden. Etwa 30 Organisationen hatten sich zu diesem Zweck zusammengetan, von den Tafeln über den Kinder- und Jugendring, der Krebsgesellschaft bis hin zur AWO, dem DRK oder dem DGB Landesverband. Parteien sind im Bündnis nicht vertreten.

Das sei eine bewusste Entscheidung sagt Barbara Höckmann: "Wir verstehen uns überparteilich und wollen Berater sein. Deshalb wollen wir unsere Expertise einbringen und dann die Lösungsansätze mit der Politik diskutieren." Die Bekämpfung von Armut haben viele Parteien in Sachsen-Anhalt auf ihrem Programmzettel, doch in der Praxis habe sich so gut wie nichts getan, so Barbara Höckmann.

Armutsbericht gefordert

Wie viele Menschen in Sachsen-Anhalt arm sind, ist statistisch erfasst. Doch sehr viel mehr ist nicht bekannt. Der letzte Armutsbericht aus Sachsen-Anhalt ist zehn Jahre alt. Seitdem haben Corona, Inflation, Maßnahmen gegen die Klimawandel und der Krieg in Ukraine die Situation auch in Sachsen-Anhalt verändert. Doch welche konkrete Folgen das für arme Menschen in Sachsen-Anhalt hat, ist derzeit allenfalls zu ahnen, denn es fehlt an konkreten Daten.

Deshalb wurde auf der Konferenz die Landesregierung aufgerufen einen aktuellen Armutsbericht vorzulegen, so Höckmann: "Wenn man kein Datenmaterial hat, dann kann man auch keine Handlungsstrategien entwickeln. Ich finde es unglaublich, dass da in den letzten Jahren derart geschlampt worden ist." Sucht man übrigens im Internet nach "Armut in Sachsen-Anhalt" zeigt die Suchmaschine rund zwei Millionen Treffer an. Die Landesregierung findet man unter den ersten einhundert Eintragungen nicht.

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MDR (Uli Wittstock, Annekathrin Queck) | Erstmals veröffentlicht am 14.11.2023

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. November 2023 | 19:00 Uhr

6 Kommentare

Shantuma vor 26 Wochen

Typische sozialdemokratische Ausweichantwort.

Es ist eine Schande was die Sozialdemokraten in Zusammenarbeit mit der CDU/CSU, Grünen und FDP aus diesem reichen Land gemacht haben.

Der Reichtum bleibt bei wenigen sehr Wohlhabenden hängen und der triggle-down-Effekt bleibt, wie zu erwarten, aus.

Wer über Armut sprechen will, der muss auch über Reichtum sprechen.
Wir müssen über Mehrwert sprechen. Denn nur Mehrwert kann an andere verteilt werden.
D.h. Positonen die Mehrwert erzeugen müssen entsprechend bezahlt werden.

pwsksk vor 26 Wochen

Berichtet wird viel. Kommt bei den öffentlichen Gesprächsrunden hier und anderswo etwas heraus? Unsere Kinder haben wir in der Bildungspolitik schon verloren, das Gesundheitssystem ist finanziell nicht mehr tragbar und die Infrastruktur fährt immer mehr auf Grundeis.
Armut? Wen von den Politikern interessiert das denn schon.

THOMAS H vor 26 Wochen

Peter: Da "... halbwegs über die Runden zu kommen." nicht am soziokulturellen Leben teilhaben zu können bedeutet, dann ist für viele Arme ja alles in Ordnung.

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