zwei Katzenbabys
Tierheime in Sachsen-Anhalt müssen immer wieder ausgesetzte Katzen und Kätzchen versorgen. (Symbolbild) Bildrechte: colourbox

Notfall für Tierhilfe Katzenbabys in Plastiktüte im Wald ausgesetzt: Kein Einzelfall in Sachsen-Anhalt

12. Juni 2024, 09:14 Uhr

In einem Wald bei Wittenberg sind vergangene Woche sechs Baby-Katzen in einer Plastiktüte ausgesetzt worden. Für die Tierheime in Sachsen-Anhalt ist das kein Einzelfall, insbesondere in der Wurfsaison der Katzen. Um die ungeplante Vermehrung von Streunern zu vermeiden, kastrieren Tierschutzvereine die Katzen. Wenn Hauskatzenbesitzer keine Kätzchen wollen, so empfehlen es Tierheime und -ärzte, sollten sie das Gleiche tun.

In einem Wald bei Wittenberg sind Anfang Juni sechs Katzenbabys in einer Plastiktüte gefunden worden. Das hat die Tierklinik Wittenberg auf ihrer Facebook-Seite mitgeteilt. Die Kätzchen waren demnach zwei bis drei Tage alt und allein noch nicht überlebensfähig. Das Ordnungsamt habe sie in Sicherheit gebracht. Zuerst hatte die Mitteldeutsche Zeitung von dem Vorfall berichtet – der in Sachsen-Anhalt kein Einzelfall zu sein scheint.

Eine Katze wird am Kopf gestreichelt 1 min
Bildrechte: picture alliance/dpa | Franziska Gabbert

Ungewollte Kätzchen von Haus- und Streunerkatzen

"Das passiert oft", sagt Peggy Schneider wenige Tage später im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT, "sehr oft". Sie ist Vorsitzende der "Tierhilfe Hof Samtschnute", des Vereins, der die sechs Katzenwelpen aus der Tierklinik aufgenommen hat. Was oft passiert, ist in dem Fall nicht, dass Unbekannte Katzenbabys in einer Plastiktüte im Wald aussetzen, sondern, dass Welpen unversorgt, ohne Mutterkatze aufgefunden werden – von Haus- und von Streunerkatzen.

Warum die Welpen von ihrer Mutterkatze oder ihrem Besitzer alleine gelassen werden, könne viele Gründe haben. "Junge Streunerkatzen wissen oft gar nichts mit ihren Jungen anzufangen", sagt Schneider. Es könne aber auch passieren, dass die Mutterkatze verletzt ist, "irgendwo überfahren wurde", so Schneider weiter. Oder schlichtweg, dass der Besitzer mit dem ungeplanten Katzen-Nachwuchs überfordert ist.

Im Notfall zum Tierarzt, sonst ins Tierheim

"Pro Wurfsaison versorgen wir ungefähr zehn Würfe, die vom Ordnungsamt gefunden werden", sagt Franziska Petschke. Dieses Jahr aber hätten sie Glück gehabt, es seien noch nicht so viele gewesen, wie vor zwei oder drei Jahren. Petschke ist Sprecherin in der Tagestierklinik von Manuela Schwede. Bei der Tierärztin aus Wittenberg werden die Kätzchen medizinisch untersucht, "aufgepäppelt", wie Petschke sagt, und danach dem Tierheim oder anderen Tierhilfevereinen übergeben. Dort werden die Jungtiere dann mindestens bis zu zehnten Woche versorgt und anschließend weitervermittelt.

Wann werden Katzen geboren? Katzen können zwei – teilweise auch drei – Mal im Jahr trächtig werden. Die typischen Wurfsaisons sind daher im Frühjahr und im Herbst. In dieser Zeit werden die meisten Katzenbabys geboren. Katzenwelpen, die im Frühling zur Welt kommen, werden auch Maikätzchen genannt. Lea Birnstein | Veto Tierschutz

"Für den Laien ist es schwierig zu erkennen, wie es den Kätzchen geht", sagt Petschke. Daher würden auch Privatpersonen gefundene Katzenwelpen in die Tierklinik bringen, obwohl das Fachpersonal neben dem Alltagsgeschäft kaum Zeit für die intensive Versorgung der Kätzchen habe. "Wir sind eben keine Auffangstation", sagt Petschke. Sind Katzenbabys unverletzt, sind sie im Tierheim besser aufgehoben. Dort seien sie nicht den Infektionen und Keimen aus der Klinik ausgesetzt.

Falls ein Finder sich unsicher sein sollte, ob die Welpen gesund genug fürs Tierheim sind oder wie Kätzchen zu transportieren sind, empfiehlt Petschke, das Ordnungsamt zu rufen. Die Beamten könnten die Kätzchen zur Not, wie auch die sechs Welpen, zum Tierarzt bringen.

Sechs Baby-Katzen in einer Plastiktüte

"Lange konnten die noch nicht dort gelegen haben", sagt Peggy Schneider von der "Tierhilfe Hof Samtschnute". Die Kätzchen seien am Fundtag erst zwei oder drei Tage alt gewesen. Alle hatten noch ihre Augen zu, einige hätten noch ihre Nabelschnur gehabt, erzählt auch Franziska Petschke. Damit hätten die Welpen nicht lange alleine überleben können, so Schneider. Mittlerweile haben sich die Kätzchen gut erholen können, vier sind weiterhin auf dem Hof in Wiesenburg, zwei werden von einer Mitarbeiterin des Vereins privat versorgt.

Dem Unbekannten, der die sechs Kätzchen im Wald gelassen hat, drohen bis zu 25.000 Euro Strafe. Laut Bußgeldkatalog gilt das Aussetzen einer Katze als Ordnungswidrigkeit. Tierärzte, -heime und andere -hilfsorganisationen empfehlen Katzenbesitzern daher die Kastration ihrer Hauskatze, sofern sie ungewollten Nachwuchs vermeiden wollen. Oft sind es nämlich die Tierfachkräfte, die sich letztendlich um die Katzenbabys kümmern müssen.

Kastration – die Lösung gegen ungeplanten Nachwuchs

"Vergangenes Jahr hatten wir ganz viele junge unkastrierte Katzen"", heißt es auf MDR-Anfrage aus dem Tierheim in Köthen. Dort lebt aktuell eine "Mutti" mit ihren Jungen. Ausgelastet sei das Tierheim noch nicht – womöglich wegen der Kastration, die das Land finanziell unterstützt, mutmaßt man in Köthen. Damit streunende Katzen und Kater sich nicht unkontrolliert vermehren, kastrieren Tierschutzvereine in Sachsen-Anhalt die freilaufenden Tiere. Seit September 2020 erhalten die Vereine finanziellen Unterstützung vom Land.

Ich ziehe mein Hut vor allen, die das machen. Kätzchen müssen alle zwei Stunden mit der Flasche gefüttert werden, das ist ein 24/7 Job.

Julia Senst stellvertretende Leiterin des Tierheims in Zerbst

Auch Julia Senst wundert sich: "Letztes Jahr um diese Zeit waren wir voll", sagt die stellvertretende Leiterin des Tierheims in Zerbst. Momentan hätten sie zwei Mutterkatzen mit Welpen und noch genügend Platz. "Was aber nicht heißen soll, dass wir morgen nicht überrannt werden", so Senst weiter. 2023 hat sie ein Aufnahmestopp aussprechen müssen, Katzenbabys die keinen Platz im Tierheim bekommen haben, wurden von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen versorgt. "Ich ziehe mein Hut vor allen, die das machen. Kätzchen müssen alle zwei Stunden mit der Flasche gefüttert werden, das ist ein 24/7 Job".

Ein Aufnahmestopp wäre auch Claudia Müllers größter Albtraum. Sie arbeitet im Tierheim in Freyburg. Noch musste sie ihn "zum Glück" nicht aussprechen. Doch es ist "Maikatzen-Saison. "Vor einer Woche hatten wir noch Platz, jetzt haben wir nur noch eine freie Box", sagt Müller. Sie hat in den vergangenen Tagen vor allem freilaufende Katzen mit ihren Welpen aufgenommen. "Viele sind so runtergewirtschaftet, die schaffen es einfach nicht, sich alleine um fünf, sechs Junge zu kümmern", sagt sie.

Um ungeplanten Nachwuchs von Hauskatzen zu vermeiden, empfiehlt Müller allen Besitzern, die keine Welpen haben wollen, ihre Katze zu kastrieren. Auch stimme es nicht, dass eine Katze erst rollig oder trächtig sein muss, um sie kastrieren zu können, sagt Petschke von der Tierklinik in Wittenberg. Sollte es dennoch wie bei den sechs Katzenbabys aus Wittenberg dazu kommen, dass ein Katzenbesitzer ungewollt Nachwuchs bekommt, könne er sich von den Tierheimen bei der Versorgung helfen lassen. Wichtig sei nur, dass die Mutterkatze nicht von ihren Jungen getrennt wird. "Das ist nicht nur für die Welpen gefährlich", sagt Petschke weiter. "Der Trennungsschmerz ist für die Mutterkatze mindestens genauso groß wie bei einer Frau."

MDR (Cynthia Seidel) | Erstmals veröffentlicht am 08.06.2024

MDR SACHSEN-ANHALT

2 Kommentare

Stealer vor 1 Wochen

Nun gut, früher wurden junge Katzen auch getötet, wenn im Bauernhof kein Bedarf war. Aber in Zeiten von Kastration und Tierheimen hat so etwas einfach keinen Platz mehr. Und lebende Tiere hilflos in einer Tüte in den Wald zu schleppen... da fehlt irgendwas.

DermaX vor 1 Wochen

Traurig wenn den Tieren so etwas passiert. Was müssen das für Menschen sein die so etwas über das Herz bringen. Wahrscheinlich würde solche Menschen auch ihr eigenes Kind aussetzen. Leider wird es nicht als Straftat geahndet, denn Tiere zählen leider nur als Sache.

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