Uniprojekt "Klimatopia" Wie Halle beim Klimaschutz Vorbild für ganz Deutschland sein könnte

Extreme Hitze, Starkregen und Überschwemmungen: Die Auswirkungen des Klimawandels sind jetzt schon spürbar. Wenn wir mit dieser Entwicklung leben wollen, müssen sich auch unsere Städte verändern. Wie genau, haben Studierende von der Universität Kassel am Beispiel der Stadt Halle untersucht.

Ein Schild des Stadt Museums Halle hängt an einer Hauswand.
Im Stadtmuseum Halle ist seit Anfang Juni die Ausstellung "Stadtwende Halle" zu sehen. Das "Klimatopia"-Projekt der Studierenden aus Kassel ist ebenfalls dort ausgestellt. Bildrechte: MDR/Annekathrin Queck

Der weiße Ausstellungsraum in der ersten Etage des Stadtmuseums Halle wirkt steril und bildet damit einen deutlichen Kontrast zum sonnengelben Äußeren des Hauses. Etwa 15 Studierende aus dem Masterstudiengang Stadtplanung der Universität Kassel, ihr Professor Harald Kegler und ein paar einzelne Gäste verteilen sich im Raum, in dem die Ausstellung "Stadtwende Halle" gezeigt wird. In ihrer Mitte steht ein "Planwagen" mit bunten Zetteln, auf denen die Seminargruppe Wünsche, Kritik und utopische Vorstellungen der Hallenserinnen und Hallenser gesammelt hat. Daneben stehen zwei graue Stellwände mit Plakaten, auf denen das "Klimatopia"-Projekt erklärt wird. An diesem Samstagnachmittag haben nur wenige Besucher den Weg ins Museum gefunden. Student Elias Kändler ist trotzdem zuversichtlich. Es seien zwar nicht viele, dafür aber sehr wichtige Leute da, sagt er mit Blick auf den Bürgermeister.

Halles Bürgermeister Egbert Geier spricht ein paar einleitende Worte, übergibt an Professor Harald Kegler und der wiederum an seine Seminargruppe. Moritz Strömich, ein junger Mann mit kurzen dunkelblonden Haaren und Brille, tritt an eines der Plakate und beginnt die Präsentation. Er spricht darüber, wie das Projekt entwickelt wurde und beschreibt den utopischen Ansatz mit einem Zitat von Fernando Birri:

Die Utopie – sie steht am Horizont. Ich bewege mich zwei Schritte auf sie zu und sie entfernt sich um zwei Schritte. Ich nähere mich zehn weitere Schritte und sie entfernt sich wieder um zehn Schritte. Und wenn ich noch so weit gehe, ich werde sie nie erreichen. Wofür ist sie also da: die Utopie? Dafür ist sie da: um zu gehen!

Fernando Birri, argentinischer Regisseur, Dichter, Maler

Genau so sei auch die Einstellung der Seminargruppe bei ihrem "Klimatopia"-Projekt gewesen, sagt Moritz Strömich. Man wolle inspirieren und anregen, erwarte aber nicht, dass alle Vorschläge genauso umgesetzt würden. Es gehe eher um eine gemeinsame Vision, wie Stadt in Zukunft funktionieren könne. Seine Kommilitonin Nadja Diemunsch ergänzt: "Wir erhoffen uns erst mal, Impulse zu setzen und neue Ideen zu streuen, aber auch mal größer zu denken und uns auch Ideen auszudenken und auszuarbeiten, die vielleicht auf den ersten Blick noch nicht ganz realistisch wirken, sondern viel zu groß und viel zu weit weg sind. Aber genau diese Ideen braucht man eben, um dem Klimawandel zu begegnen."

Wichtig war laut Professor Harald Kegler auch, zu zeigen, dass Klimawandel und Klimaschutz nicht nur etwas Negatives sind, uns also nicht nur Dinge wegnehmen oder uns einschränken, sondern auch positive Entwicklung und einen Gewinn an Lebensqualität bedeuten können. Dafür müssten sich Städte in sehr komplexer Weise verändern und anpassen. Diese Anpassung hat die Seminargruppe mit den Begriffen Klimaresistenz und Klimaresilienz beschrieben und analysiert, was Städte brauchen, um zum Beispiel extremer Hitze, Starkregen oder Überflutungen zu trotzen.

Menschen stehen in einem Ausstellungsraum.
Professor Harald Kegel eröffnet die Präsentation der Projektergebnisse im Beisein von Halles Bürgermeister. Bildrechte: MDR/Annekathrin Queck

Musterstadt der Moderne

Das Projekt "Klimatopia" hat eine längere Vorgeschichte. Bereits seit fünf Jahren beschäftigt man sich an der Universität Kassel im Bereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung mit Halle. "Es gibt zwei historische Gründe, weswegen wir uns der Stadt zugewandt haben", sagt Professor Harald Kegler. Zum einen sei Halle-Neustadt die größte neugebaute Stadt in Deutschland nach 1945, die nicht als Großsiedlung, sondern als eigene Stadt angelegt wurde. Damit sei sie eine Musterstadt der Moderne.

Zum anderen gebe es die Altstadt, eine tausendjährige Stadt, die nicht im Krieg zerstört wurde und sich gerade in einem Transformationsprozess befinde. "Hier haben wir also eine alte europäische Stadt, die in einem Umbruch war und wieder ist und quasi das Gegenstück zu Halle-Neustadt", erklärt Kegler. Eine bessere Kombination könne man sich gar nicht vorstellen.

Hier haben wir also eine alte europäische Stadt, die in einem Umbruch war und wieder ist und quasi das Gegenstück zu Halle-Neustadt. Eine bessere Kombination kann man sich gar nicht vorstellen.

Harald Kegler, Professor für Stadtplanung

Im Master Stadtplanung gibt es laut Kegler die Schwerpunkte Resilienz und Klimaschutz. In diesem Rahmen sei das Projekt "Klimatopia" entstanden. Am Beispiel der Stadt Halle haben die Studierenden Strategien entwickelt, wie eine solche klimaresistente und -resiliente Stadt aussehen könnte. Dafür waren sie im Mai fünf Tage auf Exkursion in Halle und haben in kleinen Gruppen an verschiedenen Themen gearbeitet. Jede Gruppe zog mit einem Planwagen durch die Stadt und befragte die Hallenserinnen und Hallenser nach ihren Wünschen und Visionen, sammelte aber auch Kritik. Außerdem tauschte sich die Seminargruppe mit der Stadtverwaltung aus. Von dort hätte es viel Interesse und Wohlwollen gegeben, erinnert sich Student Moritz Strömich. Es freue alle sehr, dass man in Halle auf offene Ohren gestoßen und die Ideen aus dem Projekt so positiv aufgenommen worden seien.

Blick auf den von Menschen und Marktständen bevölkerten Marktplatz im Zentrum von Halle (Saale)
Den Marktplatz stellen sich die Studierenden mit entsiegelten und begrünten Flächen, einem Wasserspiel und Solarbäumen vor. Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Der Bürgermeister lobt im Laufe der Präsentation immer wieder die Ideen der Studierenden und stellt viele Fragen. Ihn interessiert vor allem, wie praktikabel die Vorschläge der Seminargruppe sind, denn in der Realität sei es teilweise sehr schwierig, Veränderungen auf den Weg zu bringen. So stehe schon länger eine Umgestaltung des Marktplatzes an, bisher habe man sich aber auf kein Konzept einigen können. An anderer Stelle sei man an der Denkmalschutzbehörde oder anderen Regelungen gescheitert.

Grüne Oasen für Halle

Im Mittelpunkt des "Klimatopia"-Projekts stehen die sogenannten Oasen. Die grundlegende Idee sei, Halle mit einem Netz aus begrünten Straßen und Orten – den "Oasen" – zu durchziehen, erklärt Nadja Diemunsch. Dabei habe man zum Beispiel den Marktplatz genauer in den Blick genommen, weil dieser unter massiver Überhitzung leide. Die Studierenden würden ihn gerne in verschiedene Zonen einteilen und etwa die Marktstände mit begrünten Dächern ausstatten.

Auf den Begriff der "Oase" sei die Seminargruppe gestoßen, als sie die verschiedenen Dokumente zu Klimaschutz und Klimawandel sichtete, die die Stadt Halle bereits veröffentlicht hat. Man habe das Wort aufgegriffen und zunächst einmal überlegt, welche Eigenschaften eine Oase eigentlich ausmachen und wie sie sich auf klimaresistente Städte – also Städte, die verschiedenen klimatischen Bedingungen trotzen können –  übertragen lassen.

"Oasen sind zum Beispiel Orte, an denen ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen, wo Leben stattfindet, wo Gemüse wächst, wo eine hohe Aufenthaltsqualität herrscht und an denen es auch ein bisschen kühler ist als in der Umgebung", erklärt Studentin Nadja Diemunsch. All das seien positive Eigenschaften von klimaresilienten Städten. Die Grundidee sei, einfach die Natur zurück in die Stadt bringen und sie dadurch lebenswerter zu machen.

Fehlende Visionen

Aus der Bevölkerung kam öfter der Wunsch nach mehr Grün in Halle, aber große utopische Ideen und Visionen hatten die meisten nicht. Niemand schlug etwa vor, Straßen zu Parks werden zu lassen oder Hochstraßen für Fußgänger statt Autos zu nutzen – also all die Ideen, die die Seminargruppe später selbst entwickelt hat. Der Student Elias Kändler glaubt aber, dass in dem Wunsch schon viel drinsteckt. Es könne ja nicht jeder eine eigene Utopie entwickeln. Dazu brauche es erst mal jemanden, der einen Impuls gibt. Dann könne auch Begeisterung für solche Ideen entstehen.

An einer Pinnwand sind Papierzettel angebracht.
Den Hallenserinnen und Hallenser fielen zwar Wünsche und Kritik zu ihrer Stadt ein, aber mit Zukunftsvisionen taten sie sich schwer. Bildrechte: MDR/Annekathrin Queck


Laut Kändler gibt es leider viele Einschränkungen und Vorgaben, die es erschweren, das Stadtbild fundamental zu ändern. "Es geht gar nicht um eine gerechte Abwägung von sozialen, ökologischen und verkehrlichen Bedürfnissen, sondern es ist schon vorabgewogen", meint er, "Es ist zum Beispiel nicht möglich, auf einer Straße Tempo 30 einzuführen. Und wenn man nicht mal Tempo 30 auf einer Hauptstraße einführen kann, wo bleiben dann die Träumereien?" Stattdessen sei die oberste Maxime der Straßenverkehrsordnung, dass der Verkehr fließe. Vielleicht hätten wir uns abgewöhnt, in Utopien zu denken, weil so vieles rein rechtlich nicht möglich sei, vermutet der Student.

Immerhin sind Investoren laut Kändler zunehmend bereit, Ideen wie die Reduzierung von Stellplätzen für Autos aufzugreifen, beziehungsweise schätzen sie generell Vorschläge für eine attraktive urbane Lebensqualität. Dadurch könne man als Stadt mit Investoren durchaus für solche Visionen zusammenkommen. "Da sind wir aber auch schnell bei den Details, die wir jetzt gar nicht unbedingt klären wollten mit unserem Projekt", wirft sein Kommilitone Moritz Strömich ein. "Ziel war es einfach, eine Vision zu entwickeln, Bilder in die Stadtgesellschaft zu transportieren und ich denke, das ist es auch, was es braucht." Wenn man solche Bilder in einer Stadtgesellschaft etabliere und dann eine gewisse Diskussion entstehe, dann gebe es da viele neue Möglichkeiten.

Stadtplanung der Zukunft

Diese Ideen, die sie jetzt im Studium entwickeln, später mit in die Stadtplanung zu bringen, dort neue Impulse zu setzen und den Herausforderungen des Klimawandels mit resilienter Stadtentwicklung zu begegnen, sei das große Anliegen ihrer Generation, sagt Moritz Strömich. "Wir sind die Generation, bei der die Nachhaltigkeit im Fokus steht und die das dann auch in die Praxis bringen wird in den nächsten Jahren", ergänzt Nadja Diemunsch.

Es wird, glaube ich, noch nicht die gesamte Dimension, die der Klimawandel wirklich bedeutet, erfasst.

Harald Kegler, Professor für Stadtplanung

Professor Harald Kegler stimmt seinen Studierenden zu, dass Stadtpolitik und Stadtplanung sich im Zusammenhang mit dem Klimawandel fundamental wandeln müssten. "Es wird, glaube ich, noch nicht die gesamte Dimension, die der Klimawandel wirklich bedeutet, erfasst", meint Kegler, "Wir sind noch sehr stark in der Vergangenheit und modifiizieren sie nur ein bisschen. Das eine oder andere kommt hinzu, hier ein bisschen Elektromobilität, da ein Solardach. Das alles reicht bei Weitem nicht."

Man werde sich auf eine vollkommen neue Situation einstellen müssen, die die Städte in den nächsten zehn oder 20 Jahren erreiche. Das bedeute, wirklich an den Grundfesten zu rühren. Genau das wolle Kegler mit seinen Studierenden machen, damit sie in diese zukünftige Aufgabe besser hineinwachsen. Der Begriff "Resilienz" werde in seinen Augen ein Schlüsselbegriff der Zukunft sein.

Ob und inwiefern die Stadt Halle die Vorschläge der Seminargruppe aufgreifen wird, ist noch unklar. Es steht aber der Vorschlag im Raum, dass die Studierenden ihr Projekt möglicherweise dem Stadtrat vorstellen könnten, um die Bereitschaft für eine klimafreundlichere Gestaltung von Halle zu erhöhen. Außerdem soll die Stadtwende-Ausstellung, zu der auch das "Klimatopia"-Projekt gehört, Teil von Halles Bewerbung für das "Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und europäische Transformation" werden.

MDR (Annekathrin Queck)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. Juli 2022 | 07:30 Uhr

7 Kommentare

snob blop vor 27 Wochen

Natürlich muss der Verkehr fliessen, das tut er aber beizeiten besser mit 30 km/h – und ob in den schmalen Straßen der Innenstadt unbedingt so viele Autos Platz und Luft wegnehmen müssen, muss außerdem diskutiert werden! Was bringen eine schöne Innenstadt und ein schneller Verkehr wenn heißes Teer und Blech den Aufenthalt außerhalb der klimatisierten Bereiche verunmöglichen. Die Alternative – teilweise Begrünung (die gibt es übrigens auch mit flachen Wurzeln, in Töpfen, etc.) erscheint mir da deutlich attraktiver und wirtschaftlich sinnvoller.

snob blop vor 27 Wochen

Deswegen ja der Verweis auf den utopischen, kreativen Ansatz – es geht denen nicht um die technisch einwandfreie Lösung, denn dafür sind die Ämter zuständig. Es scheint vielmehr darum zu gehen, dass endlich offen und lösungsorientiert darüber diskutiert wird, dass etwas getan werden muss. Dieses Ziel – die Diskussion – haben sie ja offenbar schon erreicht!

snob blop vor 27 Wochen

Mitnichten – während sich die Hallenser*innen mehr Grün gewünscht haben, scheint es keine Vorschläge gegeben zu haben, wie das bewerkstelligt werden kann, oder? Im Artikel wird m.E. deutlich, dass das Ziel der Studis war, mit ihren eigenen übertriebenen Ideen das Denken über Lösungen vor Ort anzuregen. Was ist denn bspw. Ihr Vorschlag, wie mehr Grün in die Stadt kommen kann?

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Gutshaus Briest 4 min
Bildrechte: IMAGO / Shotshop