Petra Paetzold als Schamanin von Bad Dürrenberg Gästeführerin
Die "Schamanin von Bad Dürrenberg" wird bei Führungen und kleinen Theaterstücken von Petra Paetzold zum Leben erweckt – und bald sogar in einem eigenen Musical. Bildrechte: Uwe Heinze

Fund aus der Steinzeit Wie die "Schamanin von Bad Dürrenberg" vor Ort weiterlebt

22. Oktober 2022, 10:58 Uhr

Nach neuen Untersuchungen sind die Fundstücke der "Schamanin von Bad Dürrenberg" künftig wieder im Landesmuseum in Halle zu sehen. Doch gerade in Bad Dürrenberg selbst sind viele stolz auf den bedeutenden Fund aus ihrem Ort: Ehrenamtliche lassen die Schamanin aus der Steinzeit weiterleben, wollen ihre Geschichte bekannter machen – mit Führungen, Büchern, und bald mit einem eigenen Musical. Ein Wunsch jedoch blieb bisher unerfüllt: Die Rückkehr der Fundstücke an ihren Heimatort.

MDR AKTUELL Mitarbeiter Felix Fahnert
Bildrechte: MDR/punctum.Fotografie/Alexander Schmidt

Die vielen Auftritte mit Kindern und Jugendlichen, sie machen sich für Petra Paetzold in der Öffentlichkeit dann doch bemerkbar. "Ich heiße nicht mehr Petra Paetzold, ich bin die Schamanin", scherzt die 58-Jährige. Immer wieder werde sie auf der Straße oder auch bei der Arbeit erkannt. Und zwar als diejenige Figur, die nicht nur für die Menschen vor Ort etwas ganz Besonderes ist: die Schamanin von Bad Dürrenberg. "Man wird schon ein bisschen regional beachtet", sagt Paetzold.

Grab wurde 1934 zufällig entdeckt Es war ist ein spektakulärer Fund, der 1934 in Bad Dürrenberg zufällig bei Kanalarbeiten gemacht wurde: Entdeckt wurden die Überreste einer Frau, die vor rund 9.000 Jahren in der Mittelsteinzeit gelebt hat. Es ist das wohl älteste bekannte Grab in Sachsen-Anhalt – und auch deshalb faszinierend, weil die junge Frau in der damaligen Zeit offenbar eine besondere Stellung hatte. Wegen ungewöhnlicher Grabbeigaben, ein Kopfschmuck aus Rehgeweih sowie Tierzähne, und wegen anatomischer Besonderheiten gehen Forscherinnen und Forscher davon aus, dass es sich um eine Art Schamanin gehandelt haben könnte. Offenbar hatte die Frau für viele Menschen eine spirituelle Bedeutung. Das haben auch neue Ausgrabungen in den vergangenen Jahren bestätigt: Der Fund zweier Masken aus Hirschgeweih in unmittelbarer Nähe deutet sogar darauf hin, dass Menschen noch lange nach ihrem Tod zum Grab der mutmaßlichen Schamanin gekommen sind, denn die Masken wurden Untersuchungen zufolge erst 600 Jahre später am Grab im heutigen Kurpark von Bad Dürrenberg abgelegt. Ohnehin wurden Menschen vor rund 9.000 Jahren nur selten aufwendig bestattet – die "Schamanin" muss also sehr wahrscheinlich eine Sonderrolle eingenommen haben.

Laut Wissenschaftlern wurde die mutmaßliche Schamanin nur 30 bis 35 Jahre alt – doch in Bad Dürrenberg lebt sie in Form von Petra Paetzold auch heute weiter. Seit zehn Jahren macht sie Führungen und kleine Theaterstücke, verkleidet als Schamanin. "Wir erzählen auf amüsante Art und Weise, wie die Schamanin 1934 gefunden wurde." Kindergarten- und Grundschulkinder aus der Region kennen die Geschichte deshalb – häufig sogar mehr als die Eltern, sagt Paetzold.

Die Kinder reagierten neugierig, fasziniert, teils ehrfürchtig, und wollen dann häufig bei der "Schamanin" ihr Herz ausschütten. Paetzold hört sich die Sorgen und Nöte an, um da zu sein, um weiterzuhelfen – und ist damit womöglich gar nicht so weit weg von dem, was die echte Schamanin vor rund 9.000 Jahren für Menschen leistete.

Eigenes Musical zur "Schamanin" geplant

Um die Geschichte und die Besonderheiten rund um den Fund im heutigen Saalekreis weiterzutragen, ist Paetzold nicht nur als Gästeführerin im Einsatz, sondern hat mit ihrem Mann auch schon ein Kinderbuch zur "Schamanin von Bad Dürrenberg" veröffentlicht. Die neuesten Erkenntnisse sollen in eine Neuauflage einfließen, die noch in diesem Jahr erscheinen soll.

Das wohl aufwendigste Vorhaben wird allerdings nichts geringeres als ein eigenes Musical zur Geschichte der Schamanin sein. Es soll zur Landesgartenschau 2024 in Bad Dürrenberg uraufgeführt werden. Paetzold und ihr Mann haben dafür einen eigenen Verein gegründet – mehr als 60 Leute sind bereits jetzt fleißig am Proben und Vorbereiten. "Alles Laien, keine Profis", sagt die 58-Jährige vorfreudig. "Wir haben sensationell gute Leute gefunden."

Einsatz für die Schamanin mit "Feuer im Herzen"

Dass möglichst viele Menschen etwas von der Schamanin mitbekommen, dafür ist auch Sina Mähnert seit Jahren ehrenamtlich im Einsatz, und zwar beim Heimatbund Bad Dürrenberg. Seit kurzem ist sie dessen neue Vorsitzende und sagt: "Ein Großteil der Bürger ist stolz auf die Schamanin." Sie selbst habe "Feuer im Herzen", wenn sie an die Schamanin von Bad Dürrenberg denke.

Die Landesgartenschau im Jahr 2024 ist deshalb ein ausgezeichneter Anlass, die Geschichte der Schamanin und ihre kulturhistorische Bedeutung weiterzutragen. Im Kurpark von Bad Dürrenberg, also dort, wo sich das Grab befand, wird seit langem gebaut, um alles für die Landesgartenschau schick zu machen. Am Fundort soll künftig ein neuer Gedenkstein entstehen, im südlicheren Teil ist eine moderne Installation geplant, an der Besucherinnen und Besucher visuell über Brillen entdecken können, wie die Schamanin wohl einst gelebt hat.

Ich finde, die Bad Dürrenberger haben ein Recht auf die Funde, die im Kurpark gemacht wurden.

Sina Mähnert Vorsitzende Heimatbund Bad Dürrenberg

Einen besonderen und bisher unerfüllten Wunsch hat Sina Mähnert, die sich auch im Stadtrat engagiert, allerdings noch: Die Schamanin, die eigentlich im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt wird, soll für eine gewisse Zeit in ihre Heimat zurückkehren. "Ich finde, die Bad Dürrenberger haben ein Recht auf die Funde, die im Kurpark gemacht wurden."

Kehrt die Schamanin 2024 nach Bad Dürrenberg zurück?

In etwa zwei Jahren soll es im Landesmuseum in Halle eine Sonderausstellung zur Schamanin geben. Doch davor, zur Landesgartenschau in Bad Dürrenberg, wäre die Gelegenheit optimal – auch, um noch mehr Besucherinnen und Besucher für die "Laga" zu begeistern. Ob das klappt, steht noch nicht fest, doch Sina Mähnert und viele andere hoffen darauf. Es gehe darum, dass neben den Blumen auch die besondere Geschichte von Bad Dürrenberg gezeigt wird. Wenn die Fundstücke der Schamanin vor Ort ausgestellt werden, würde das den Anreiz für viele Gäste sicherlich noch einmal erhöhen, sagt die 64-Jährige.

Dass die Schamanin begehrt ist und viele fasziniert, weiß man auch am regulären Ausstellungsort, dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. "Die Leute kommen aus ganz Deutschland nur dafür", sagt ein Aufseher, der schon lange in dem Museum arbeitet. Die Schamanin im zweiten Obergeschoss, sie ist in der Dauerausstellung ganz klar einer der Hotspots neben der Himmelsscheibe von Nebra. Viele Besucher fragten ganz speziell danach, erzählt der Mann.

Landesmuseum für Vorgeschichte Halle
Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt, Andrea Hörentrup

Zuletzt war die Schamanin wegen der Untersuchungen und einer gemeinsamen Reise mit der Himmelsscheibe nach London nicht im Landesmuseum zu sehen. Ab kommender Woche soll sich das ändern, und die Überreste der 9.000 Jahre alten Frau können dann wieder in Halle besichtigt werden. Wenn es nach Sina Mähnert, Petra Paetzold und vielen anderen im Saalekreis geht, heißt die nächste Station dann in rund anderthalb Jahren: Bad Dürrenberg. Wäre ja auch irgendwie schade, wenn die Schamanin die Premiere ihres eigenen Musicals nur aus der Ferne erleben könnte.

MDR (Felix Fahnert)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. Oktober 2022 | 10:00 Uhr

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