Nach Bildungsgipfel Eltern, Gewerkschaft und Opposition sehen Mehrarbeit für Lehrer skeptisch

Lehrer in Sachsen-Anhalt sollen eine Stunde mehr arbeiten, um so die Unterrichtsversorgung zu verbessern. Diesen Plan hat die Landesregierung am Donnerstag vorgestellt. Das Vorhaben stößt bei Gewerkschaften und der Opposition auf Kritik, bei Elternvertretern auf Skepsis.

Stühle stehen auf Tischen in einem Klassenraum.
Mit mehreren Maßnahmen will die Landesregierung eine Unterrichtsversorgung von 100 Prozent erreichen. Bildrechte: dpa

Sachsen-Anhalts Landeselternrat hat sich skeptisch zu den Plänen der Landesregierung geäußert, Lehrer künftig eine Stunde länger arbeiten zu lassen. Wie der Vorsitzende Matthias Rose MDR SACHSEN-ANHALT sagte, glaubt er nicht, dass das am Ende ausreicht.

Elternrat: Mehr um Seiteneinsteiger werben

Er hätte sich gewünscht, dass mehr für die Anwerbung für Lehrer getan wird, so Rose weiter. An Schulen und bei Seiteneinsteigern werde zu wenig geworben. Der Elternvertreter begrüßte dagegen eine Stärkung der Lehrerausbildung an der Universität Magdeburg. Das sei überfällig, genauso wie die angekündigte bessere Bezahlung von Grundschullehrern.

Mit großem Interesse haben auch die Eltern der August-Bebel-Sekundarschule in Blankenburg den Gipfel verfolgt. Dort fällt seit Monaten ein Drittel des Unterrichts pro Woche aus. Katy Löwe von der Elterninitiative Blankenburg erklärte MDR SACHSEN-ANHALT, ein offener Brief an die Landesregierung habe zu einer Antwort des Bildungsministeriums geführt, die sie sich in Blankenburg nicht erhofft hätten. Viele Vorschläge seien nicht mal diskutiert worden, sondern seien sofort als nicht machbar abgestellt worden.

Keine Hoffnung auf schnelle Besserung

Intention sei, so Löwe, ein Gesprächsangebot gewesen. Das sei vom Ministerium als "nicht nötig" abgelehnt worden. Der Gipfel sein ein guter erster Schritt gewesen. Die Mehrarbeit sehen auch die Blankenburger kritisch. Löwe sagte: "Dass wir den Lehrern noch mehr Arbeit zumuten mit den vielen Nebenaufgaben, wo wir jetzt schon wissen, dass wir bei den Lehrern extrem hohe Krankenstände haben, sehr viele Langzeitkranke haben – ich glaube das steht sich ein bisschen im Weg. Und ich glaube auch nicht, dass es das richtige Signal ist, die Lehrer zu motivieren etwas mehr zu tun." Stattdessen sollten die Lehrer eher entlastet werden. Dass sich an der August-Bebel-Schule schnell etwas ändert, glaubt sie nicht.

Eltern von Grundschulkindern glauben nicht an Maßnahme

Auch an der Albert-Einstein-Grundschule in Burg sind Eltern skeptisch, ob die eine Stunde Mehrarbeit für Lehrer etwas bringen wird. Das zeigt eine stichprobenartige Umfrage von MDR SACHSEN-ANHALT am Freitagmorgen. "Mit einer Stunde ist es nicht getan! Das Land sollte besser werben um Lehrkräfte und sie besser bezahlen, damit sie nicht abwandern", findet eine Mutter. "Mir tun die Lehrer und die Kinder leid. Die müssen jetzt das ausbaden, was jahrelang woanders versaut wurde", ergänzt eine andere. "Langfristig bringt das keine Besserung", meint ein Vater.

Mir tun die Lehrer und die Kinder leid. Die müssen jetzt das ausbaden, was jahrelang woanders versaut wurde.

Mutter aus Burg zu den Ergebnissen des Bildungsgipfels

Eine andere Befragte glaubt, dass die Lehrer durch die Maßnahme überlastet werden könnten. Sie vermutet, dass der Lehrermangel auch etwas mit schwierigen Kindern zu tun haben könnte. "Das liegt vielleicht auch an der Generation von Kindern. Ich sehe viele, die nicht vernünftig sind."

Ein leeres Klassenzimmer einer Grundschule in Dessau
In der Albert-Einstein-Grundschule in Burg sind die Eltern skeptisch, ob die Maßnahme gegen den Lehrermangel helfen wird. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO/Hartmut Bösener

Gewerkschaft will Mehrarbeit juristisch prüfen lassen

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eva Gerth, hatte den Gipfel aus Protest vorzeitig verlassen. Gerth kritisierte, die Veranstaltung sei kein Dialog gewesen. Die Landesregierung habe lediglich Maßnahmen mündlich vorgestellt. Den "Zwang", dass Lehrkräfte zu einer Stunde mehr Unterricht pro Woche verpflichtet werden sollen, lehne sie ab. Die Maßnahme sei unnötig und ein falsches Signal an Schulen. Die GEW kündigte in einer Stellungnahme an, das Vorhaben juristisch prüfen lassen zu wollen.

Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT erklärte Gerth, der Plan der Mehrarbeit würde auf eine Lehrerschaft treffen, die nach den Corona-Jahren geschafft sei. Andererseits begrüßte sie Pläne wie die veränderte Ausbildung oder die Möglichkeit zu einer besseren Kooperation zwischen Grundschule und Hort.

Grundschulverband fordert schnelle Klarheit

Der Grundschulverband Sachsen-Anhalt hat rasche Klarheit über das konkrete Vorgehen gefordert. Die Vorsitzende Thekla Mayerhofer erklärte am Freitag, es seien nur noch zwei Wochen bis zu den Halbjahresferien. Sie forderte transparente Informationen, schließlich müssten Stundenpläne erstellt werden. Mayerhofer regte zudem an, zu prüfen, ob nicht die Lehrkräfte aller Schulformen künftig 28 Stunden pro Woche arbeiten können. Durch die Pläne der Landesregierung steigen die Wochenstunden bei Grundschullehrern auf 28, bei den Lehrern an anderen Schulen auf 26.

Der Lehrer, Personalrat und Gewerkschafter Torsten Richter begrüßt auf Twitter die angekündigte bessere Bezahlung für Grundschullehrer. Die Mehrarbeit bezeichnet er als kontraproduktiv. Er erwartet dadurch keine bessere Unterrichtsversorgung. Die Magdeburger Schulleiterin Elke Noah zeigt sich bei Twitter enttäuscht. Sie schreibt von einer verpassten Chance. Noah hätte sich Maßnahmen gewünscht, die ältere Lehrkräfte länger im System halten.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hält die Mehrarbeit für Lehrerinnen und Lehrer für "unverantwortlich". Damit steige die Belastung der vorhandenen Lehrkräfte, die das System derzeit unter großen Anstrengungen am Laufen hielten, sagte die DGB-Landesvorsitzende Susanne Wiedemeyer am Freitag. Anstatt Perspektiven für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen aufzuzeigen, werde der Druck auf die vorhandenen Lehrkräfte abgewälzt.

Linke und Grüne: Ergebnisse "desaströs" und "ernüchternd"

Die Linke sprach von einem "desaströsen Ergebnis" des Bildungsgipfels. Die Mehrarbeit für die Lehrer nennt der bildungspolitische Sprecher der Linken-Fraktion im Landtag, Thomas Lippmann, den "Gipfel der Rücksichtslosigkeit". Er sprach von einer "Krisenbewältigung auf dem Rücken der Lehrkräfte". Dieser Irrweg der Landesregierung sei zum Scheitern verurteilt, so Lippmann. Diese verpasste Chance werde noch lange Nachwirkungen haben.

Als "ernüchternd" hat die Grünen-Landtagsfraktion die Ergebnisse des Bildungsgipfels bezeichnet. Man freue sich über positive Signale, erklärte die bildungspolitische Sprecherin, Susan Sziborra-Seidlitz, die Maßnahmen würden allerdings verzögert kommen, obwohl die Lösungen schon lange auf dem Tisch liegen würden. Die Landesregierung scheine nicht zu erkennen, dass die Hauptursache für den Lehrkräftemangel die fehlende Attraktivität des Lehrberufes ist. Die bessere Bezahlung von Grundschullehrern und die Reformen bei der Lehrerausbildung begrüßen die Grünen.

IHK spricht von "vielen, vielen guten Ideen"

Lob für die Ergebnisse kam von der Industrie- und Handelskammer Magdeburg. Geschäftsführer Klaus Olbricht sprach bei MDR SACHSEN-ANHALT von "vielen, vielen guten Ideen", die der Gipfel gebracht habe. Sie hätten das Potenzial, zeitnah aus der "Misere" zu kommen und das Bildungssystem zu verbessern. Olbricht sagte, für die Wirtschaft sei wichtig, "für die Ausbildung reife Menschen zu bekommen".

Uni Magdeburg begrüßt Änderungen bei Lehrerausbildung

Die Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg begrüßt die geplanten Änderungen bei der Lehrerausbildung. Rektor Jens Strackeljan sagte, die Öffnung der frei wählbaren Fächerkombination mache das Lehramtsstudium in Magdeburg variantenreicher und attraktiver. Auch die Einführung von Chemie als Lehramtsfach sei sinnvoll. Das Anwärtermodell werde geprüft. In jedem Fall sei Bewegung in die Lehrerausbildung gekommen.

Bildungsgipfel mit 50 Teilnehmern

Am Donnerstag hatte die Landesregierung zu einem Bildungsgipfel in die Staatskanzlei geladen. Mit dabei waren Eltern- und Lehrervertreter, Vertreter der Handwerkskammern, der Kommunen, aus Politik und Wissenschaft sowie Gewerkschafter und Verbände. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sprach von 50 Teilnehmern.

Die Landesregierung präsentierte danach mehrere Maßnahmen, die die Unterrichtsversorgung verbessern sollen. Lehrer sollen demnach eine Stunde mehr arbeiten. Grundschullehrer in Sachsen-Anhalt sollen künftig besser bezahlt werden. Außerdem erhalten Schulen künftig ein Budget, um die Unterrichtsversorgung sicherstellen zu können. Sie sollen so Quereinsteiger oder Hort-Mitarbeiter bezahlen können.

Lehrerausbildung wie Polizeiausbildung

Außerdem soll die Lehrerausbildung an der Universität Magdeburg reformiert werden. Studierende können die Fächer künftig einfacher kombinieren. Außerdem soll Chemie als Unterrichtsfach eingeführt werden. Hinzu kommt, dass das Land bei der Ausbildung von Grund- und Sekundarschullehrern auf das sogenannte Anwärtermodell setzen will. Die angehenden Lehrer werden im Öffentlichen Dienst beschäftigt und beginnen dann erst ihr Studium. Vorbild ist dabei die Ausbildung bei der Polizei.

Reiner Haseloff, CDU, Ministerpräsident, im Schaltgespräch 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Land geht davon aus, dass insgesamt 1.000 Personen in Lehrerberufen fehlen. Zu Beginn des Schuljahres waren in Sachsen-Anhalt 93,5 Prozent des Unterrichts abgesichert. Zahlen vom Dezember zeigen eine Unterrichtsversorgung an Grundschulen von 95 Prozent und an Gymnasien von fast 98 Prozent. Sekundar- und Gemeinschaftsschulen erreichten 88 Prozent.

Nach Angaben des Bildungsministeriums fehlten zum Stichtag Anfang Oktober das Volumen von 846,6 Vollzeitlehrkräften. Hinzu kamen im vergangenen Jahr Überstunden bei Lehrern, die 150 Vollzeitkräften entsprechen.

MDR (Mario Köhne), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. Januar 2023 | 05:00 Uhr

20 Kommentare

Anita L. vor 9 Wochen

Unterrichten Sie bitte erst einmal selbst. Danach reden wir gern noch einmal, ob die fünf Fragezeichen gerechtfertigt sind. Sie können sich auch gern alternativ fragen, ob Sie eine angeordnete Mehrarbeit von 1,6 Zeitstunden (das bedeutet die eine Unterrichtsstunde nämlich durchschnittlich, wenn man die 25 Unterrichtsstunden für Vollzeitangestellte in Sachsen-Anhalt auf 40 Zeitstunden aufteilt) mal eben akzeptieren würden. Und das ist nur der offizielle Durchschnitt, da Lehrer in aller Regel sowieso auf eine Arbeitszeit von 50 und mehr Zeitstunden kommt.

Denkschnecke vor 9 Wochen

"Das Erstellen/Befolgen von Stoffverteilungsplänen u Kompetenzverteilungsplänen kommt an der Uni nie vor."
Entschuldigung, das ist wirklich hanebüchener Unsinn. Haben Sie schon mal das Modulhandbuch und die Scheinbedingungen einer Lehrveranstaltung gesehen? Was glauben Sie, wer die schreibt? Wir machen für jede einzelne Übungsstunde einen detaillierten Plan, damit alle Studierenden bei den
verschiedenen Übungsleitern dasselbe bekommen. Auch die Prüfungsergebnisse müssen wir selbst verwalten.

Denkschnecke vor 9 Wochen

@Merseburger, @mensrea: Ich habe den Eindruck, dass über die Arbeit des Mittelbaus an Hochschulen mindestens so unrealistische Fabelvorstellungen herrschen wie über den Lehrerberuf. Ja, wir haben ein Lehrdeputat von "nur" 10 Semesterwochenstunden. Dafür sollen wir 50% unserer Arbeitszeit auf Forschung verwenden. Wir müssen unsere Lehre genau so vorbereiten, dokumentieren, Klausuren gestalten und korrigieren, uns um individuelle Fälle kümmern... Semester"ferien" sind alles andere als Freizeit, im Februar jagt bei uns eine Prüfung die andere, dazu die Vorbereitung des kommenden Semesters.
Ich halte mich für gut organisiert und brauche während des Semesters für Lehre und Lehrkoordination ca. 30 h/Woche. Mit (relativ wenig) Forschung, Anträgen, Kommissionssitzungen bin ich bei ca. 45 h/Woche (ohne dass Überstunden bezahlt würden), andere in der Forschung aktivere Kollegen liegen deutlich darüber.

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