Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter mit «Sp» am Anfang an eine Tafel.
Ein Ergebnis des Bildungsgipfels: In Sachsen-Anhalts Schulen sollen künftig weniger Unterrichtsstunden ausfallen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Maßnahmen gegen Lehrermangel Unterrichtsversorgung: Lehrer in Sachsen-Anhalt sollen eine Stunde mehr arbeiten

20. Januar 2023, 06:27 Uhr

Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen-Anhalt sollen künftig ihre Wochenarbeitszeit um eine Stunde erhöhen. Das hat die Landesregierung am Donnerstag auf dem Bildungsgipfel mitgeteilt. Damit soll dem Lehrermangel begegnet werden. Die Gewerkschaft lehnt den Vorschlag ab.

Um dem Unterrichtsausfall entgegenzuwirken, will Sachsen-Anhalts Landesregierung die Lehrerinnen und Lehrer eine Stunde mehr pro Woche arbeiten lassen. Diesen Vorschlag hat Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) auf einem Bildungsgipfel am Donnerstag gemacht. Dadurch soll die Unterrichtsversorgung wieder auf 100 Prozent steigen, wie Haseloff weiter erklärte.

Nach Angaben des Ministerpräsidenten würden die Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen-Anhalt dann so viel arbeiten wie in allen anderen Bundesländern. Ziel sei, das System der Schulen in Sachsen-Anhalt zu erhalten. Haseloff verwies auf zahlreiche kleine Schulen im Land und das im Vergleich zu anderen Ländern gute Lehrer-Schüler-Verhältnis.

Die Mehrarbeit soll demnach bezahlt werden oder auf einem Arbeitszeit-Konto landen. Das Land geht derzeit von 1.000 fehlenden Personen aus. Durch die Mehrarbeit sollen 500 dieser Stellen aufgefangen werden. Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) kündigte an, das Vorhaben schnell umsetzen zu wollen. Außerdem soll Geld bereitgestellt werden, damit Schulen auch Nicht-Pädagogen für den Unterricht einkaufen können. Dadurch will das Land weitere 350 fehlende Personen kompensieren.

Haseloff kündigte an, Grundschullehrerinnen und -lehrer künftig besser bezahlen zu wollen. Schon in diesem Jahr soll mit der schrittweisen Erhöhung der Besoldung begonnen werden. Vor Ort soll das Personal von Schulen und Hort besser aufeinander abgestimmt werden. Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) begrüßte die Möglichkeit. Magdeburg und Halle hätten am Donnerstag erklärt, bereits Konzepte dafür in der Schublade zu haben.

Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) erklärte, dass im laufenden Wintersemester nur 960 der 1.220 Lehramts-Studienplätze belegt seien. Geplant sei, den Praxisanteil während des Studiums zu erhöhen. Das könne Anwärter an die Region binden. Willingmann sprach sich zudem dafür aus, die Zeit an den Schulen zu bündeln und nicht mehr auf einzelne Tage pro Woche zu setzen.

Ausbildung von Grund- und Sekundarschullehrern soll an Polizeiausbildung angeglichen werden

Sachsen-Anhalt will zudem künftig auch auf das sogenannte Anwärtermodell setzen. Da laut Willingmann vor allem Grund- und Sekundarschullehrkräfte fehlen, können angehende Pädagoginnen und Pädagogen für diesen Bereich künftig dual studieren. Sie werden demnach im Öffentlichen Dienst eingestellt und beginnen dann ihre Ausbildung. Als Vorbild nannte der Minister die Ausbildung der Polizei. Alle Hochschulen sollen das Projekt mit entwickeln. Es soll an er Otto-von-Guericke-Universität (OvGU) in Magdeburg umgesetzt werden.

Auch das Lehramtsstudium an der Universität Magdeburg soll gestärkt werden. Laut Minister sollen Fächer einfacher kombiniert werden können. Außerdem soll die OvGU künftig auch Chemielehrerinnen und -lehrer ausbilden können. Die bisherigen Seiteneinsteigerprogramme sollen beibehalten werden.

Entscheidend ist, dass keine Kinder mehr nach Haus geschickt werden, weil keine Lehrer da sind.

Reiner Haseloff, CDU Ministerpräsident

Haseloff: Alle an einem Strang ziehen

Haseloff erklärte MDR SACHSEN-ANHALT im Anschluss an den Gipfel, es sei wichtig, dass alle an einem Strang zögen, weil es keinen Stundenausfall mehr geben dürfe. "Entscheidend ist, dass keine Kinder mehr nach Haus geschickt werden, weil keine Lehrer da sind." Die zusätzliche Arbeitsstunde für Lehrkräfte solle es nur auf Zeit geben. Und, so Haseloff weiter, für das Engagement von Nicht-Pädagogen bekommen die Schulen vom Land rund 20 Millionen Euro. Als Beispiele nannte Haseloff Quereinsteiger oder auch Hort-Mitarbeiter, die entsprechend auf die Arbeit an Schulen vorbereitet wurden.

Gewerkschafts-Chefin verlässt Gipfel aus Protest vorzeitig

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eva Gerth, hatte den Gipfel aus Protest vorzeitig verlassen. Gerth kritisierte, die Veranstaltung sei kein Dialog gewesen. Die Landesregierung habe lediglich Maßnahmen mündlich vorgestellt. Den "Zwang", dass Lehrkräfte zu einer Stunde mehr Unterricht pro Woche verpflichtet werden sollen, lehne sie ab. Die Maßnahme sei unnötig und ein falsches Signal an Schulen.

Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT erklärte Gerth, der Plan der Mehrarbeit würde auf eine Lehrerschaft treffen, die nach den Corona-Jahren geschafft sei. Andererseits begrüßte sie Pläne wie die veränderte Ausbildung oder die Möglichkeit zu einer besseren Kooperation zwischen Grundschule und Hort.

Eva Gerth
Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eva Gerth, zeigte sich enttäuscht über den Ablauf des Bildungsgipfels. Bildrechte: imago images/Christian Schroedter

Den Bildungsgipfel hatte Ministerpräsident Haseloff initiiert. Ziel war, Wege zu finden, wie der Unterrichtsausfall abgemildert werden kann. In die Staatskanzlei waren weitere Mitglieder der Landesregierung geladen aber auch Eltern- und Lehrervertreter, Vertreter der Handwerkskammern, der Kommunen, aus Politik und Wissenschaft sowie Gewerkschafter und Verbände.

Fehlende Lehrer, schlechte Unterrichtsversorgung

Zu Beginn des Schuljahres waren in Sachsen-Anhalt 93,5 Prozent des Unterrichts abgesichert. Zahlen vom Dezember zeigen eine Unterrichtsversorgung an Grundschulen von 95 Prozent und an Gymnasien von fast 98 Prozent. Sekundar- und Gemeinschaftsschulen erreichten 88 Prozent.

Nach Angaben des Bildungsministeriums fehlten zum Stichtag Anfang Oktober das Volumen von 846,6 Vollzeitlehrkräften. Hinzu kamen im vergangenen Jahr Überstunden bei Lehrern, die 150 Vollzeitkräften entsprechen.

MDR (Mario Köhne)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 19. Januar 2023 | 18:00 Uhr

41 Kommentare

Anita L. am 21.01.2023

Gerade für Respekt und Sozialkompetenz sollte in allererster Linie Elternhaus und Familie verantwortlich sein? Lehrer könnten Wissen einfacher vermitteln, wenn sie diese Grundlagen gesellschaftlicher Fähigkeiten nicht auch noch überhaupt erst einmal vermitteln müssen. Was angesichts der Tatsache, dass der Respekt der Schule gegenüber oftmals sehr zu wünschen übrig lässt, schwierig ist. Es würde den Lehrern auf der anderen Seite auch helfen, wenn Eltern ihren Kindern zuhörten und sie nicht zu Bildungswegen zwängen, die sie nicht möchten und/nicht schaffen. Das Bildungssystem "versagt" unter anderem auch, weil viele Probleme, mit denen die Gesellschaft sich nicht auseinandersetzen will, auf es abgeladen wird.

trade am 20.01.2023

Lassen wir mal die Bekannten raus. Meine Arbeitszeiten variieren von 35-60 Stunden die Woche. Je nachdem ob gerade Klassenarbeiten, Test usw. anstehen.

Davon mal abgesehn rechne ich die Konferenzen nicht ein. Werden ebenfalls nicht bezahlt.

trade am 20.01.2023

Hier sehe ich einige Probleme:

1. Zum Halbjahr, also im Feb. soll das Starten...Ja logisch. Die gesamten Pläne stehen. Was soll da neu geplant werden? Es sind nicht mehr Schüler vorhanden.

2. Es wird mal wieder für alle Schulformen gleich entschieden. Ach halt...Berufsbildende Schulen interessiert einfach niemanden.

3. Direkt Vergütung. Zeitkonto als Lehrkraft? Das kann man entspannt vergessen. Wann soll man die Zeit nehmen? Einfach mal Gleitzeit und zum Unterricht nicht erscheinen?

4. Es ist ein super Signalwirkung. Es zeigt, dass die Regierung die Fehlplanung auf die Lehrkräfte abwälzt. Top. Es wurden über Jahre Lehrkräfte weggeschickt, abgestoßen mit der Begründung: Es gibt zuviele Lehrkräfte, brauchen wir nicht.


5. Liebe Regierung im Zeitraum von 5-8 Jahren gehen ca. 20-25% der aktuellen Lehrkräfte in den Ruhestand. Die jüngeren Lehrkräfte gehen dann einfach 30 Stunden?

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