Frauen im Landtag Wissenschaftlerin: Frauenquote in der Politik einführen – wenigstens für den Übergang

Nirgends sonst in Deutschland sitzen prozentual gesehen so wenige Frauen in einem Parlament wie in Sachsen-Anhalt. Über die Gründe hat MDR SACHSEN-ANHALT in den vergangenen Tagen ausführlich berichtet. Im sechsten und letzten Teil der Reihe über Frauen im Landtag soll der Blick nach vorn gehen: Wie werden junge Frauen hierzulande gefördert? Und wäre die Einführung der Quote wirklich ein Allheilmittel? Antworten auf drängende Fragen.

Eine Kinderbetreuung im Landtag, familienfreundlichere Sitzungszeiten, oder aber eine verbindliche Frauenquote  – all das sind Vorschläge, um den Landtag in Sachsen-Anhalt weiblicher zu machen. Geäußert haben sie die weiblichen Landtagsabgeordneten im Magdeburger Parlament. Neu sind diese Ideen gewiss nicht – doch umgesetzt wurden sie bislang eben auch nicht. Genau das allerdings müsste passieren, sagt die Politikwissenschaftlerin Corinna Kröber.

Kröber lehrt Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Greifswald, Fragen zur Gleichberechtigung in der Politik sind einer ihrer Schwerpunkte. Eine verbindliche Frauenquote hält die Wissenschaftlerin für ein wichtiges Instrument, um die Geschlechterverhältnisse der Gesellschaft gerechter abzubilden. Ähnlich sehen es die weiblichen Landtagsabgeordneten, die unsere Fragebögen beantwortet haben. Zur Erinnerung: In Sachsen-Anhalt sind 51 Prozent der Menschen Frauen – im Landtag sind es nicht einmal 22 Prozent. Corinna Kröber sagt: "Es gibt sehr umfassende politikwissenschaftliche Forschung, die die Effektivität von Quoten belegt. Sie helfen dabei, Widerstände gegen Frauen als Kandidatinnen zu überwinden."

Die Quote als Übergangslösung

Zudem zwinge die Quote Entscheidungsträger in Parteien, sich mit Frauen auseinanderzusetzen. Sie müssten nach Kandidatinnen suchen – "und können sich nicht hinter der Aussage verstecken, es gebe einfach keine kompetenten oder verfügbaren Frauen für die Listen", wie Kröber ergänzt. Langfristig würden Frauen in der Politik durch Quoten mittelfristig sichtbarer und zum Normalfall, sodass die Quote am Ende auch wieder abgeschafft werden könne. "Sie ist ja immer nur als Übergangslösung gedacht", erklärt Kröber.

Doch warum sollten überhaupt die Parlamente, in Sachsen-Anhalt und deutschlandweit, weiblicher werden? Die Politikwissenschaftlerin nennt dafür drei Gründe. Erstens: Es sei eine Frage der Gerechtigkeit. "Wenn Frauen 50 Prozent der Bevölkerung darstellen, warum sollen sie dann nicht auch 50 Prozent der Macht haben?". Zweitens: Es gehe um eine angemessenere Abbildung der Interessen von Frauen. "Das können weibliche Abgeordnete oft besser, weil sie die Probleme von Frauen kennen, weil sie gleichen Erfahrungen gemacht haben Dieses Argument trifft übrigens auch für Menschen mit Migrationshintergrund zu", sagt die Kröber. Und der dritte Punkt: Die Forschung zeige, dass ein hohrer Frauenanteil in Parlamenten sich positiv auswirke. "Demokratien werden dadurch beispielsweise stabiler.”

Eine Quote allein reicht nicht

Corinna Kröber weist aber auf ein Problem hin, dessen Lösung sie als komplexer bezeichnet – es ist die Frage, wie die Vergabe von Direktmandaten geschlechtergerechter verteilt werden könnten. Klar ist: Am Ende entscheiden darüber Wählerinnen und Wähler. Sie können aber nur die Kandidatinnen und Kandidaten wählen, die Parteien zuvor aufgestellt haben. "Gerade für Sachsen-Anhalt ist es wichtig, auf die Wahlkreise zu schauen", sagt die Wissenschaftlerin und verweist auf die Landtagswahl im März 2016. "Damals wurden nur vier Frauen über die 43 Direktmandate gewählt", rechnet Kröber vor.

In der Tat: Auf Seiten der Frauen hatten seinerzeit nur die heutige Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch (CDU), ihre Fraktionskollegin Angela Gorr, die Linken-Abgeordnete Christina Buchheim und die heute fraktionslose Abgeordnete Sarah Sauermann (damals AfD) einen Wahlkreis für sich entschieden. Alle weiteren 15 Frauen zogen über die Landeslisten ihrer Parteien in den Landtag.

Hinter der Recherche

Warum sitzen im Landtag von Sachsen-Anhalt so wenige Frauen? Und wie kann sich das nach der Landtagswahl am 6. Juni ändern? Das waren die Ausgangsfragen dieser Recherche, die sich ein Team von MDR SACHSEN-ANHALT im vorigen Herbst gestellt hat. Noch im Jahr 2020 fragte das Team alle weiblichen Abgeordneten im Magdeburger Parlament an, zu ihrer politischen Sozialisation, Hürden für Frauen in der Politik und der Gleichberechtigung im Landtag. Befragt wurden außerdem Wissenschaftlerinnen und Expertinnen.

Herausgekommen ist ein sechsteiliger Schwerpunkt. Dies ist der letzte Teil.

Das womöglich noch größere Problem ist nach Einschätzung von Corinna Kröber indes ein anderes – und es hat mit Angebot und Nachfrage zu tun, wenngleich das in diesem Kontext erst einmal irritieren mag. Die Wissenschaftlerin erklärt: "Frauen haben oft auch geringere politische Ambitionen. Sie sind also weniger gewillt als Männer, öffentliche Ämter anzutreten und eine politische Karriere zu verfolgen." Auch das "Angebotsproblem", erklärt Kröber, ist zu großen Teilen die Baustelle von Parteien – wie auch die der fehlenden Nachfrage. "Politische Arbeit muss besser mit der Familie vereinbar gemacht werden", betont die Wissenschaftlerin.

Die klassische Ochsentour von einem kommunalpolitischen zu einem landespolitischen und einem bundespolitischen Amt ist in Deutschland immer noch der Normalfall.

Corinna Kröber, Politikwissenschaftlerin Universität Greifswald

Und: Weil viele politische Karrieren nun mal auf kommunaler Ebene beginnen, müssen Frauen nach Meinung der Expertin auch dort stärker einbezogen werden. "Oft hilft es schon, wenn Frauen bei der Listenaufstellung für den Gemeinderat explizit angesprochen werden, ob sie nicht kandidieren möchten." Denn: "Frauen neigen dazu, sich seltener von selbst freiwillig zu melden."

Fahnen wehen vor dem Landtag in Magdeburg 10 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 07.03.2021 17:00Uhr 10:02 min

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Bleibt noch eines: die gezielte Förderung von Frauen – in etwa durch Mentoring-Programme. Welche Bedeutung solche Programme haben können, ist bei der Recherche für diesen Themenschwerpunkt mehr als deutlich geworden. Die Linken-Abgeordnete Kristin Heiß etwa erzählte, wie sehr sie ihre heutige Fraktionschefin Eva von Angern als Mentorin bei ihrer ersten Kandidatur unterstützt habe. Die langjährige SPD-Landtagsabgeordnete Verena Späthe betonte, wie viel sie von Ute Fischer gelernt habe, SPD-Abgeordnete zwischen 1994 und 2006. Drei Wahlperioden später wird Verena Späthe selbst 15 Jahre für die Sozialdemokraten im Landtag gesessen haben, wenn sie sich am Ende dieser Legislaturperiode in den politischen Ruhestand verabschiedet.

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Auch Cornelia Lüddemann von den Grünen hält eine gezielte Förderung von unabdingbar. Vor mehr als 25 Jahren lernte sie selbst bei der Bundestagsabgeordneten Steffi Lemke, vor wenigen Jahren etablierte sie als Fraktionsvorsitzende ein Mentoring-Programm der Grünen. "Politische Strukturen erscheinen oft starr und die gepflegte Kultur wenig attraktiv auf junge Menschen", sagt Lüddemann. Sie ist überzeugt: "Durch persönliche Betreuung können viele Vorbehalte ausgeräumt werden."

Klar ist auch: Das braucht Zeit. Dass der Frauenanteil im Parlament nach der Landtagswahl Anfang Juni plötzlich signifikant steigt, erwartet jedenfalls kaum einer. Doch 2026 wird ja wieder gewählt.

Mit diesem Bericht endet die Themenwoche von MDR SACHSEN-ANHALT über Frauen im Landtag.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Martin Neuhoff

Über Marie-Kristin Landes Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über Luca Deutschländer Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

MDR/Marie-Kristin Landes, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. März 2021 | 19:00 Uhr

6 Kommentare

Sonnenseite vor 32 Wochen

"Wissenschaftlerin: Frauenquote in der Politik einführen"

Das ist meiner Meinung nach mehr wie sexistisch!
Was ist mit den anderen Geschlechtern, warum bekommen Minderheiten keine Quote? 🤔



gerko vor 32 Wochen

Solche Artikel sind sicher kein Beitrag, etwas an der Situation zu ändern.
"Es gibt sehr umfassende politikwissenschaftliche Forschung, die die Effektivität von Quoten belegt."
Was sind das für Forschungen? Wie unterstreicht oder belegt das die Aussage?
Ansonsten lese ich, dass sich Frauen mehr trauen sollten, inneren Trieb entwickeln sollen um in der Politik tätig zu werden.
OK: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

ule vor 32 Wochen

@ . . ."umfassende politikwissenschaftliche Forschung, die die Effektivität von Quoten . . ."

Jetzt wird das Thema auch noch wissenschaftlich aufgelegt. Das deutet wohl eher auf ein Alibi hin > Wissenschaftlichkeit als Alibi, verhindert dabei den Diskurs.
Wissenschaft zielt immer auf eine Gegebenheit oder eine Notwendigkeit ab.

Dabei geht es doch bei der Zusammensetzung des Parlaments nach soziologischen Gesichtspunkten, weniger um Wissenschaft, vielmehr spielen hier die Emotionen eine Rolle. Unterschwellig ist sogar eine Prise Neid zu vernehmen. So aber kann man für das Gemeinwohl und nach freiheitlich demokratischen Gesichtspunkten keine Politik machen.
Jede vorgeschriebene Quote in der parlamentarischen Wahl, ist ein Einstieg in die Diktatur. Es schränkt dabei die Wahlfreiheit ein und untergräbt den Status der Demokratie.
Und wer wollte auch Wählerschaft und Gewählte in der Wahl auseianander zelebrieren und nach geschlechterspezifischen Merkmalen klassifizieren ?

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