Landtagswahl 2021 Die Linke: Kritik aus Linksjugend nach Wahlschlappe

Bei der Linken fühlen sich Teile der Parteijugend übergangen, nachdem ihre Vertreter es nicht auf die Landesliste der Partei geschafft haben. Jetzt will man sich vor der Landtagswahl zurückziehen. Der Landesvorsitzende Stefan Gebhardt kann die Kritik nicht verstehen. Im Gegenteil: "Junge Leute haben ausdrücklich Bock auf Wahlkampf."

In der Partei Die Linke gibt es Streit nach der Aufstellung der Landesliste für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Kritik kommt aus den Reihen der lokalen Parteijugend. "Weil ihr uns nicht an Bord geholt habt, legt dieses Schiff jetzt ohne uns ab", heißt es in einem Facebook-Post, in dem vor allem der Landesvorstand angegriffen wird und der die Zustimmung zahlreicher Vertreter der Linksjugend findet. Am Samstag waren zwei von der Organisation aufgestellte Jungendkandierende krachend durchgefallen.

Rebekka Grotjohann, 22, und Timon Kniewel, 23, waren gleich fünfmal – abwechselnd – für die Plätze von 11 bis 20 der Landesliste angetreten, hatten sich aber mit keiner ihrer Kampfkandidaturen durchsetzen können. Während der Versammlung sagte Grotjohann MDR SACHSEN-ANHALT: "Junge Leute sollten auf einem aussichtsreichen Listenplatz sitzen." Gegenüber dem "Neuen Deutschland" schob sie nach: Das Ergebnis sei "einer emanzipatorischen Partei nicht würdig", so Grotjohann. Vorerst will sie sich nicht weiter dazu äußern.

Michael Waßmann, Linksjugend: "Die Partei hat unserem Jugendwahlkampf eine klare Absage erteilt"

Stattdessen spricht Michael Waßmann, 28, langjähriger Landessprecher der Linksjugend und heute Mitglied im Jugendwahlbüro der Organisation. Er hat den Facebook-Post verfasst. Schon bei der Aufstellung für die Landtagswahl vor fünf Jahren seien die Jungkandidaten nur mit wenig aussichtsreichen Plätzen bedacht worden, so Waßmann. Trotzdem habe man sehr engagiert Wahlkampf gemacht. Das sei nach der erneuten Enttäuschung nicht mehr möglich.

"Die Partei hat unserem Jugendwahlkampf eine klare Absage erteilt", sagt Waßmann. Junge Leute wollten wissen, ob sie auch im Parlament vertreten sind, wenn sie eine Partei unterstützen. Das könne die Partei nun nicht mehr glaubhaft vermitteln.

Mit der Linken verbundene Organisationen ließen sich nun auch schwerer mobilisieren. Das sei das Feedback, was Waßmann seit Samstag erhalten haben will. Die Linksjugend hatte zuletzt ein eigenes Jugendwahlprogramm erarbeitet und sei dafür auch mit der ver.di-Jugend, Organisationen von Medizinstudierenden und antifaschistischen Gruppen im Austausch gewesen. "Die Partei hat nicht mitbekommen, wie gut wir als Linksjugend, als junge Menschen, vernetzt sind", sagt Waßmann.

Er und andere wollen sich deshalb zurückziehen und allein auf den Wahlkampf um die Direktmandate konzentrieren. Rebekka Grotjohann tritt im Wahlkreis 7 - Burg an, Timon Kniewel im Wahlkreis 34 - Bad Dürrenberg-Saalekreis. In beiden waren die Kandidaten der Linken 2016 deutlich hinter CDU und AfD gelandet.

Stefand Gebhardt, Landesvorsitzender: "Linksjugend spricht nicht für alle jungen Menschen"

Der Landesvorsitzenden der Linken, Stefan Gebhardt, gibt sich unbekümmert. "Ich hab gar keine Sorge, dass uns junge Leute verlassen könnten", sagte Gebhardt am Donnerstag MDR SACHSEN-ANHALT. "Ganz im Gegenteil: Junge Leute haben ausdrücklich Bock auf Wahlkampf." Er glaube nicht, dass der Jugendverband für alle jungen Menschen in der Partei sprechen könne, so Gebhardt weiter.

Die Kritik entzündet sich auch daran, dass die Linksjugend zwar Grotjohann und Kniewel als ihre Vertreter in den Landesvorstand entsendet und somit aufgebaut hatte, das Gremium die beiden aber dennoch nicht auf die Vorschlagsliste für die Aufstellungsversammlung kamen.

Konnte der Vorstand auch gar nicht, sagt Stefan Gebhardt. Er verweist auf einen Parteitagsbeschluss, wonach man nur Kandidierende vorschlagen haben dürfe, die vorher von den Kreis- und Stadtverbandsvorsitzenden nominiert wurden. Rebekka Grotjohann und Timon Kniewel hätten diese Nominierung aber nicht bekommen.

Vorgeschlagen und auch gewählt wurden stattdessen Carola Kunde, Sozialarbeiterin und Kreisvorsitzende Mansfeld-Südharz, und Marco Heide, Sportjournalist und Stadtrat von Salzwedel. Beide sind 33 bzw. 32 Jahre alt – zu alt für die Kritikerinnen aus der Parteijugend.

Carola Kunde und Marco Heide stünden für junge Familien im ländlichen Raum, sagt Gebhardt. Er findet: "Das ist ein tolles junges Angebot" – und sieht die Linke hier besser aufgestellt als CDU, SPD und Grüne. Auch sei die derzeitige Landtagsfraktion im Schnitt sehr jung. Die jüngste Linke-Abgeordnete, die Hallenserin Henriette Quade, ist 36 Jahre alt. Gebhardt selbst war 25, als er 1998 erstmals in den Landtag einzog.

Was meinen Sie: Sollte es im Landtag von Sachsen-Anhalt mehr Abgeordnete unter 30 geben?

Sie wollen mitreden? Wir würden uns freuen, wenn Sie an unserer Umfrage zum Thema teilnehmen. Gemeinsam mit MDRfragt – das Meinungsbarometer für Mitteldeutschland startet MDR SACHSEN-ANHALT jetzt wöchentlich die "Frage der Woche zur Landtagswahl". Mit der ersten Frage beschäftigen wir uns direkt mit diesem Beitrag. Die Auswertung gibt es dann jeden Freitagabend im #LTWLSA – unserem wöchentlichen multimedialen Briefing zur Landtagswahl am 6. Juni. Alle Infos zu MDRfragt finden sie unter mdrfragt.de.

Im März will sich die Partei ein Wahlprogramm geben

Bei derzeit nur 16 Abgeordneten und Umfragewerten von 16 Prozent, also auf dem Niveau der letzten Landtagswahl, sei man vor allem froh, dass die jetzige Liste alle Stadt- und Kreisverbände abbildet, so Gebhardt. Angesichts des ausgegebenen Wahlziels von 20 plus x Prozent, hätte er sich gewünscht, dass Grotjohann und Kniewel dieses ernstgenommen und auch für die Listenplätze 21, 22 kandiert hätten. Eine Deligiertenschelte sei nicht angebracht. Er sei sich sicher, dass beide einen guten Wahlkampf als Direktkandidaten machen werden.

Mit Eva von Angern, am Samstag auf Platz eins gewählt, schickt die Linke als einzige der drei großen Parteien eine Frau und eine Person unter 45 Jahren ins Rennen um das Amt des Ministerpräsidenten. Im März will Die Linke ihr Wahlprogramm beschließen. Junge Mitglieder seien "selbstverständlich" dazu eingeladen, sich an diesem Prozess zu beteiligen, so Gebhardt. "Bisher haben sie das auch sehr energisch und lustvoll getan.

Thomas Vorreyer, Marie Landes

5 Kommentare

W.Merseburger am 04.02.2021

Wenn ich im Präsidium oben im Bild den SED-Funktionär, Altkommunisten und ehemaligen Bundestagsfraktions Vorsitzenden der Linken Roland Klaus (Clauß?) sitzen sehe, dann kommt nicht nur bei den Junglinken sondern auch bei mir ein gespenstisches Gefühl auf. Linke Politik wird nur erfolgreich in Thüringen gemacht. Aber das sehen die "Berliner Parteialtvorderen" mit großem Argwohn!

elbcom am 04.02.2021

Was ist denn die Mitte? Sozial- und Marktliberalismus?
Zur Kritik des Mitte-Begriffs empfehle ich:
"Extremismus der Mitte" nach Wilhelm Heitmeyer oder "Mythos Mitte" nach Ulf Kadritzke

MDR-Team am 04.02.2021

Für einen Platz auf der Landesliste kann jeder und jede kandidieren, der oder die die Voraussetzungen füllt. Um die Wahlen schneller und einfacher durchführen zu können, stimmen in den allermeisten Parteien der Landesvorstand und die Kreis- und Ortsverbände eine Vorschlagsliste für die vorderen Plätze ab. Wer dafür nominiert ist, muss sich aber als Kandidat erst noch der Wahl bei der Aufstellungsversammlung stellen. Und da können anderen auch antreten. Man spricht dann von einer Kampfkandidatur. Bei der Aufstellungsversammlung der Linken haben ab Platz 11 immer mehrere Bewerber und Bewerberinnen für einen der Plätze kandidiert.

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