Die erkrankte Patientin Denise Hohmann aus der Region Salzwedel
Denise Hohmann ist die erste Myasthenie-Patientin, an der die Ärzte in Magdeburg die neue Therapie erfolgreich angewendet haben. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

An der Uniklinik Magdeburg Seltene Autoimmunerkrankung: Salzwedlerin als erste weltweit erfolgreich therapiert

von Michael Brandt, MDR SACHSEN-ANHALT

02. Januar 2024, 10:37 Uhr

Denise Hohmann wurde mit der seltenen Autoimmunerkrankung Myasthenie diagnostiziert, bei der es zu einer schweren Muskelschwäche kommt. Ärzte aus Magdeburg haben einen neuen Behandlungsweg gefunden, der bei der 34-Jährigen aus der Region Salzwedel Erfolge erzielte. Menschen in aller Welt schöpfen nun neue Hoffnung im Kampf gegen die Krankheit.

Die Autoimmunkrankheit "Myasthenia gravis" (auch Myasthenie genannt) galt bisher als unheilbar: eine schwere Muskelschwäche, ausgelöst durch eine Störung des Botenstoffsystems im Gehirn. Diese sehr seltene Krankheit trifft oftmals junge Mütter im ersten Jahr nach der Geburt, die Diagnose wird häufig erst nach Jahren gestellt.

Denise Hohmann, Mutter von vier Kindern aus der Nähe von Salzwedel in der Altmark, hatten einige ihrer behandelnden Ärzte schon aufgegeben. Jetzt ist die 34-Jährige die weltweit erste Patientin, bei der ein Magdeburger Neurologe und ein Onkologe einen spektakulären Heilungsfortschritt erzielen konnten. Und das mithilfe einer neuartigen Immunzellen-Therapie, die im besten Fall in ein paar Jahren tausenden Patientinnen und Patienten auf der ganzen Welt helfen könnte.

Denise Hohmann: "Ich war mehr in der Klinik als zu Hause"

Vor einem Jahr hätte Denise Hohmann nicht mehr damit gerechnet, noch einmal ein Weihnachtsfest mit ihren vier Kindern zu erleben: "Ich war mehr in der Klinik als zu Hause, meine Kinder kannten keine gesunde Mutter mehr. Ohne sie hätte ich vielleicht resigniert, und hätte wohl nicht überlebt", sagt die 34-Jährige, die nach einer schweren Corona-Infektion auch wochenlang im künstlichen Koma gelegen hat. "Ich habe immer an meine Kinder gedacht, und dass ich sie nicht allein zurücklassen darf."

Sie überlebt den schweren Corona-Verlauf, während ihre Muskeln weiter abbauen. Sie kann nicht mehr deutlich sprechen, beim Kauen kann sie das Essen nicht mehr im Mund behalten, laufen kann sie nur noch mit einem Rollator, immer häufiger ist sie auf den Rollstuhl angewiesen.

Denise Hohmann spricht diese Sätze erstaunlich nüchtern aus. Die gelernte Bäckerei-Fachverkäuferin kann über ihr Krankheitsbild inzwischen sprechen und dozieren wie eine Fachärztin, was wiederum fast normal erscheint, nach mehr als zwölf Jahren Leidenszeit. Sie kennt jeden ihrer Befunde. Sie kannte jede sich daraus unter Umständen ergebende Konsequenz. Und sie wusste auch, dass es Ärzte gab, die sie eigentlich schon aufgegeben hatten.

Die erkrankte Patientin Denise Hohmann aus der Region Salzwedel
Vor der Therapie konnte Denise Hohmann nicht mehr alleine laufen, sie war auf Hilfsmittel angewiesen. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Erkrankung festgestellt: Seltene Autoimmunkrankheit Myasthenie

Ein halbes Jahr nach der Frühgeburt ihrer Zwillinge sacken der jungen Mutter beim Gehen plötzlich die Beine weg, sie stolpert immer häufiger, immer wieder scheint ihr Gleichgewichtssinn auszusetzen, oft ohne jedes Vorwarnsignal. Die Ärzte schieben es lange auf den Stress, unter dem sie damals steht. Die Ursache sei eher psychosomatischer Natur, wird Denise Hohmann immer wieder gesagt.

Zwei Jahre kann sie dies nur so hinnehmen, während ihrer Odyssee von Arzt zu Arzt. Dass sie unter einer schweren Störung des Dopamin-Stoffwechsels im Gehirn leidet, wie er in dieser Form nur sehr selten und eher bei relativ jungen Müttern vorkommt, wird erst sehr spät festgestellt: Myasthenie, eine seltene und bis jetzt unheilbare Autoimmunkrankheit. "Ich musste nicht wirklich überlegen. Ich wusste sofort, dass ich diesen Therapie-Versuch riskieren würde", sagt Hohmann über die neue Therapie-Möglichkeit aus Magdeburg.

Therapie-Erfolg dank zwei Professoren der Uniklinik Magdeburg

Die Professoren der Uniklinik Magdeburg: Prof. Dr. med. Aiden Haghikia (links) und Prof. Dr. med. Dimitrios Mougiakakos
Die Professoren Aiden Haghikia (links) und Dimitrios Mougiakakos von der Uniklinik Magdeburg haben die CAR-T-Zell-Therapie erfolgreich angewendet. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

An der Uniklinik Magdeburg beobachten damals zwei Professoren schon länger ihren Krankheitsverlauf. Der Onkologe Dimitrios Mougiakakos und der Neurologe Aiden Haghikia überlegen, bei ihr ein revolutionäres Immunzellen-Verfahren anzuwenden, die sogenannte CAR-T-Zell-Therapie, ein gentechnisch basierter Ansatz, der nur mit Spezialisten in den USA verfolgt werden kann. Haghikia und Mougiakakos intensivieren ihre Zusammenarbeit, sie wissen, dass Denise Hohmann die weltweit erste Patientin mit diesem Krankheitsbild sein kann, bei der diese Immunzellen-Therapie angewendet werden würde.

"Sie hatte den Glauben an die Ärzte schon verloren. Dass sie zugestimmt hat, war am Ende auch ein Vertrauen in das, was wir ihr erklären konnten", erinnert sich Aiden Haghikia, der auch schon bei Parkinson- und Multiples-Sklerose-Patienten Behandlungserfolge erzielt hat. "Ich wusste, dass ich dies vor allem für meine vier Kinder mache, sie sollten wieder eine gesunde Mutter haben", sagt Denise Hohmann heute, etwa acht Monate nach der Therapie. Auf einmal kann Denise Hohmann wieder laufen, draußen im Klinikpark – ohne Rollator.

So verlief die neuartige CAR-T-Zell-Therapie

Um mit der CAR-T-Zell-Therapie die schädlichen Immunzellen gentechnisch auszuschalten, muss Denise Hohmann im Mai zunächst zur Chemotherapie. Zuvor hatte man ihr Zellen entnommen, die in die USA geflogen und dort gentechnisch behandelt wurden. Es ist ein Therapie-Ansatz, der auf der Wirkungsweise der modernen Vector-Impfstoffe gegen das Corona-Virus basiert.

"Man muss sich das zunächst wie eine normale Blutentnahme vorstellen, die Zellen wurden Denise Hohmann dabei entnommen, dann tiefgefroren in die USA geflogen", erklärt Dimitrios Mougiakakos. Dort wurden die Zellen dann gentechnisch so umprogrammiert, das sie danach eine andere Zellinformation weitergeben konnten.

Professor Dimitrios Mougiakakos erklärt die CAR-T-Zell-Therapie

Laut Professor Dimitrios Mougiakakos funktioniert die CAR-T-Zell-Therapie so: "Der Patientin wurden zunächst ihre eigenen T-Zellen – eine Schlüsselkomponente des Immunsystems – entnommen und genetisch zu sogenannten chimären Antigenrezeptor-(CAR-)T-Zellen reprogrammiert. Diese erkennen ein bestimmtes Eiweiß auf der Oberfläche von B-Zellen und zerstören sie dann. Anschließend haben wir dieses 'lebende Medikament' der Patientin als Infusion verabreicht. Nach kurzer Zeit waren alle B-Zellen, auch die schädlichen, eliminiert und die Therapie wurde sehr gut vertragen."

Weitere Details können hier nachgelesen werden.

Als Denise Hohmann im Mai die in den USA behandelten Zellen in der Uniklinik Magdeburg wieder transplantiert werden, passiert nach wenigen Wochen etwas Erstaunliches, wie Hohmann selbst beschreibt: Sie kann sich zu diesem Zeitpunkt auf den Klinikfluren schon wieder sicher mit dem Rollator bewegen. Sie wagt sich das erste Mal wieder allein heraus aus dem Klinikgebäude für Onkologie.

Im kleinen Park auf dem Uniklinik-Campus lässt sie plötzlich einfach den Rollator stehen – und kann wieder gehen. Allein, erstaunlich sicher, trotz ihrer immer noch schwachen Muskeln, aber ganz ohne Hilfe, ohne das Pflegepersonal. Es geht, sie kann wieder allein laufen.

Was auf der einen Seite ein großer Erfolg ist, entsetzt das Pflegepersonal auf der anderen Seite, als sie zurück zur Station kommt: "Ich hatte mir in den wenigen Minuten draußen in der Sonne sofort einen Sonnenbrand geholt", erinnert sich Denise Hohmann und fügt hinzu: "Niemals hätte ich ohne Sonnencreme und derart ungeschützt nach Monaten nur im Krankenbett und der Chemotherapie so rausgehen dürfen." Noch ist ihr Abwehrsystem eigentlich zu geschwächt. Aber auch den Sonnenbrand übersteht Hohmann. Ende August kann sie die Klinik verlassen, zurück nach Hause, zu ihrem Lebenspartner und ihren vier Kindern.

Hoffnung für Behandlung weitere Krankheitsbilder

Kurz nach ihrer Entlassung besucht sie mit ihren Kindern in Salzwedel das Stadtfest. Ohne Rollator, ohne Gehhilfen, frei von der Angst zu stolpern, hinzufallen, und sich anzustecken. "Dies war auch der Tag, an dem meine Kindern das erste Mal glaubten, das sie wieder eine gesunde Mutter haben können", erzählt Denise Hohmann kurz vor Weihnachten. "Wir müssen jetzt aber aufpassen, wenn wir die Mama ärgern – sie kann uns ja wieder richtig hinterherlaufen, hat mein jüngster Sohn dann abends im Bett gesagt." Die 34-Jährige kann auch darüber inzwischen wieder lachen.

Im November präsentierten die Magdeburger Professoren Aiden Haghikia und Dimitrios Mougiakakos das erste Mal öffentlich ihren Therapie-Erfolg. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff ist zu Gast, er spricht von einem Meilenstein für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Sachsen-Anhalt. Die beiden Mediziner äußern sich noch zurückhaltend: "Dieser erste Therapie-Erfolg bedeutet sicher noch keine vollständige Heilung, aber er gibt zu größten Hoffnungen Anlass, auch für andere Krankheitsbilder."

Denise Hohmann kann und will sich 2024 neue Ziele setzen. Zum ersten Mal seit 13 Jahren hofft sie, wieder als Verkäuferin arbeiten zu können. Sie hat viel nachzuholen. Vor allem aber will sie endlich wieder eine Mutter sein, die immer für ihre Kinder da sein kann.

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MDR (Michael Brandt, Johanna Daher) | Erstmals veröffentlicht am 30.12.2023

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 30. Dezember 2023 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

Maria A. vor 20 Wochen

Erfreuliche und mutmachende Nachricht. Bei dieser Gelegenheit nicht nur den Erkrankten Heilungserfolg, sondern noch allen Usern einen Jahresverlauf in stabiler Gesundheit und mit Zufriedenheit.

Freies Moria vor 20 Wochen

Solche Nachrichten über echten medizinischen Fortschritt sind leider viel zu selten - und umso erfreulicher wenn sie einmal vorkommen!
Ich freue mich mit den Kranken, die wieder eine Perspektive bekommen und hoffe mit den vielen angrenzenden Fällen, dass die Methode auch dort Fortschritte liefern kann!

Anita L. vor 21 Wochen

Eine mutmachende Nachricht! Alles Gute für Frau Hohmann und auf dass viele Betroffene von dieser Therapie profitieren können!

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