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Junge Pflege Zwischen Aufwachsen und Aufpassen: Wenn Kinder ihre Familie pflegen

26. Februar 2024, 18:24 Uhr

Sie sind jung und doch früh erwachsen – pflegende Kinder und Jugendliche. Bundesweit pflegen im Schnitt pro Klasse bis zu zwei Schüler und Schülerinnen ihre kranken oder beeinträchtigten Familienmitglieder. Neben Schule, Freizeit, Erwachsenwerden. Ronja (13) und Nico (22) waren zwei von ihnen.

Michaela Reith
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Wenn bei Ronja M. die Schule vorbei war, fing für sie der Tag erst an. Die 13-jährige Schülerin aus Staßfurt besuchte nach Unterrichtsschluss ihre Oma Hannelore im benachbarten Förderstedt. Bei ihrer Oma war vor einigen Jahren Krebs diagnostiziert worden – für die Familie ein Schock. Ihre Mutter Anja ist Alten- und Palliativpflegerin und pausierte kurzerhand ihren Job in der Pflege, um sich zusammen mit Ronjas Onkel Vollzeit um die Oma zu kümmern.

Doch auch für die Schülerin änderte sich der Alltag grundlegend: "Als ich mitbekommen habe, dass Oma immer kranker wird, bin ich kaum rausgegangen." Ronja unterstützte, wo es nur ging.

Eine junge Frau mit Brille sitzt neben einer älteren Frau im Rollstuhl.
Ronja (l.) bei einem der letzten Urlaube mit ihrer Oma. Bildrechte: MDR/ privat

Es fing an mit Putzen im Haus von Oma Hannelore, Botengänge, Wäsche waschen, Einkäufe, Kochen, Essen reichen, Körperpflege. In den letzten Lebensmonaten der Oma, die mittlerweile bei ihnen zuhause wohnte, wuchsen die Aufgaben. "Sie hat viel Freizeit gelassen. Sie ist ein tolles Kind, aber sie hat es auch freiwillig gemacht. Dabei habe ich immer gesagt, gehe so weit wie du gehen möchtest", erzählt Mutter Anja. Für Ronja war die Antwort klar – sie möchte für ihre Oma da sein. "Kind sein" - das könne sie später noch.

Knapp eine halbe Million junger Menschen hilft bei der Pflege

Ronja zählt damit zu den rund 479.000 jungen Menschen im Alter von zwölf bis 17 Jahren, die nach einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege in Deutschland Pflegeverantwortung übernehmen und etwa bei Haushalt, Körperpflege oder medizinischer Hilfe ihre kranken Eltern, Großeltern oder Geschwister regelmäßig und dauerhaft unterstützen. Das bedeutet, in jeder Schulklasse sitzen etwa ein bis zwei Schüler und Schülerinnen mit Pflegeverantwortung.

Wer krank und pflegebedürftig wird, hat Anspruch auf Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung – manche holen sich ambulante Pflegedienste nach Hause, andere gehen in Einrichtungen wie Pflegeheime, viele aber werden zu Hause von Familienmitgliedern versorgt. In Sachsen-Anhalt haben sich 2021 rund zwei von drei Pflegebedürftigen – also etwa 117.000 Menschen – ausschließlich von Angehörigen pflegen lassen.

Kaum erfasst ist aber die Rolle von Kindern und Jugendlichen mit kranken Familienteilen. In Sachsen-Anhalt gibt es nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 5.000 und 12.000 sogenannte Young Carers, die ihre kranken oder beeinträchtigten Eltern, Großeltern oder Geschwister (mit-)pflegen. Neben Schule, Freizeit und Erwachsenwerden.

Eine Schulklasse sitzt im Kreis.
Im Durchschnitt pflegen ein bis zwei Jugendliche pro Schulklasse Angehörige zuhause. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/ David Bochmann

Pflege zuerst, Schule danach

Früh Verantwortung zu übernehmen, das hat auch der Erfurter Student Nico H. gelernt. Seine Mutter erkrankte noch zu Schulzeiten an Brustkrebs. Weil Vater und Bruder beruflich stark eingespannt waren, übernahm er schon als Schüler einen Großteil der Aufgaben zuhause. Einmal am Tag kam ein ambulanter Pflegedienst für eine halbe Stunde für Wundpflege und Verbandswechsel vorbei. Eine Haushaltshilfe nahmen sie nicht in Anspruch.

"Für meinen Bruder und meinen Papa wäre es schwieriger gewesen, sich die ganze Zeit unbezahlten Urlaub zu nehmen. Sie mussten ja auch arbeiten. Ich konnte sagen: Schule, Abitur – da mache ich ein bisschen Freestyle", so Nico. Den Online-Unterricht zu Coronazeiten nutzte er oft, um seine kranke Mutter zu unterstützen. Doch selbst als es wieder Präsenzunterricht gab, blieb er zwei Tage in der Schulwoche ganz zuhause, um seine Mutter mitzupflegen. Als Noch-Teenager kam er damit häufig an seine Grenzen: "Ich war kein Arzt, ich war oft hilflos". 

Zu sehen ist der Erfurter Student Nico in seiner Erfurter Wohngemeinschaft.
Nico aus Erfurt musste schon als Jugendlicher Angehörige pflegen. Bildrechte: MDR/ David Bochmann

Auch als Nico sich nach dem Tod seiner Mutter nach und nach in Erfurt ein eigenes Leben aufbaute, begleitete ihn die Pflege aus seiner Jugend bis heute. Über das Café B – einen Anlaufpunkt für Menschen mit Behinderungen und chronischer Erkrankung sowie Pflegebedürftige und deren Angehörige – bot er an, neben seinem Studium pflegebedürftige Menschen im Haushalt zu unterstützen. Als jedoch seine erste Pflege-Patin verstarb, kamen die Erinnerungen aus der Pflege seiner Mutter wieder hoch und er brach die ehrenamtliche Hilfe ab.

Jung, pflegend, unsichtbar

Junge Pflegende nehmen sich selbst oft gar nicht als solche war. Sie packen selbstverständlich mit an, auch aus scheinbarem Mangel an Alternativen, sagt Mara Rick vom Beratungsangebot "echt unersetzlich" des Diakonischen Werks Berlin-Stadtmitte. Die Rolle, in der die Kinder und Jugendlichen heranwachsen, empfänden sie dabei als normal. Das mache es so schwer, sie zu erreichen. Trotzdem melden sich jede Woche junge Menschen aus ganz Deutschland bei ihr, obwohl die Anlaufstelle eigentlich nur ein Berliner Angebot ist. Selbst Fachkräfte aus der Gesundheitsbranche, aber auch Lehrer- und Lehrerinnen an Schulen hätten die Gruppe junger pflegender Angehöriger oft nicht im Blick. Dass es in Deutschland kaum direkte Angebote gibt, findet Mara Rick fatal: "Jedes Jahr, das verstreicht, ohne dass etwas getan wird, ist eine Generation verloren", sagt sie.

Zu sehen ist Mara Rick, Projektleiterin von "echt unersetzlich" vom Diakonischen Werk Berlin Stadtmitte, eine Anlaufstelle, die sich an junge Pflegende richtet, die zuhause ihre Eltern, Großeltern oder Geschwister betreuen.
Mara Rick arbeitet beim Beratungsangebot "echt unersetzlich" in Berlin. Bildrechte: MDR/ David Bochmann

Wo finde ich als junger Pflegender oder Angehöriger Hilfe?

Wo sich junge Menschen mit kranken oder behinderten Familienmitgliedern Hilfe holen können:


Hier geht es zum Projekt "Pausentaste" vom Bundesministerium für Familie.
Wie funktioniert Letzte Hilfe? – Hier geht es zu den Kursen.
Nummer gegen Kummer für ratsuchende Kinder und Jugendliche: 116 111 (Mo bis Sa jeweils von 14 bis 20 Uhr).
Zusammenfassung Entlastung und Hilfe für pflegende Angehörige.
Bürgertelefon zur Pflegeversicherung: 030 - 340 60 66-02

Sie möchten in Ihrer Region selbst Hilfe anbieten?
Anmeldung etwa über die Landeskoordinierungsstelle Nachbarschaftshilfe

Die jungen Pflegenden, die sich bei ihr melden, bleiben dabei meistens anonym. "Auch, weil sie Angst vor Sanktionen haben", erklärt Rick. "Das heißt, bei Jugendlichen unter 18 Jahren geht es um das Thema Kindeswohlgefährdung. Die Jugendlichen, aber auch die Familien haben Angst, dass das Jugendamt in die Familien geht und die Jugendlichen herausholt." Das sei aber oft unbegründet.

Einmal Young Carer, immer Young Carer?

Umso wichtiger sei deshalb Aufklärungsarbeit. Junge Pflegende werde es immer geben, meint Mara Rick. Die Frage müsse vielmehr lauten: "Wie unterstützen wir sie?" Erste Initiativen wie das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2017 gegründete Online-Angebot "Pausentaste" seien ein erster Schritt.

Das Angebot richtet sich zwar vorrangig an junge Pflegende, nimmt aber auch Fachkräfte aus der Gesundheits- und Schulbranche und die erkrankte Person selbst in den Blick: "Ein wichtiger Baustein unseres familienorientieren Hilfsansatzes besteht darin, die pflegebedürftige Person und die pflegenden Angehörigen so gut wie möglich zu unterstützen und zu beraten. Damit werden auch pflegende Kinder und Jugendliche maßgeblich in ihrer Pflegeverantwortung entlastet", so eine Sprecherin des Ministeriums. Auf MDR-Nachfrage, wie viele Aufrufe die Seite im Monat und auf Jahr das hochgerechnet hat, gab es keine Rückmeldung.

Balanceakt zwischen Aufwachsen und Aufpassen

Er habe sich in seiner Trauer um seine Mutter zurückgenommen, sagt Nico heute. Rückblickend hätte er sich mehr Austausch mit gleichgesinnten Young Carern gewünscht. Doch sonst hätte er wenig anders gemacht. "Es war für uns als Familie extrem intensiv, anstrengend und fordernd, aber im Endeffekt auch schön, da man sie begleiten und ihr helfen konnte. Ich würde es wieder tun", sagt er heute.

"Young Carer übernehmen sehr früh viel Verantwortung, was auch bedeutet, dass sie im Schnitt deutlich empathischer sind als Gleichaltrige", so Mara Rick von der Beratungsstelle "echt unersetzlich". "Sie sind es gewohnt, sich auch in die Perspektive von jemand anderem hineinzuversetzen. Das kann auch dazu führen, dass sie sich in ihrem Berufsleben für den sozialen oder den Gesundheitsbereich entscheiden. Es ist auch ein Schatz, den sie mitbringen aus ihrer Zeit als Young Carer." Ein Umstand, der auch bei Ronja zum Tragen kommt. Denn die 13-Jährige möchte später einmal Rettungssanitäterin werden.

MDR (Michaela Reith, Oliver Leiste)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 28. Februar 2024 | 20:45 Uhr

1 Kommentar

DanielSBK vor 6 Wochen

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