Mehr Inobhutnahmen Wie überforderte Eltern unterstützt werden (sollen)

17. November 2023, 05:00 Uhr

40 Prozent mehr Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen als im Vorjahr gab es 2022 bundesweit. Doch dass Kinder vom Jugendamt aus ihren Familien geholt werden, ist nur der letzte Schritt. Davor gibt es viele Angebote, um überforderten Eltern zu helfen.

Zwei Jahre ist es her, dass bei Sarah aus Chemnitz überraschend der Kinderjugendnotdienst in der Wohnung stand – nachts um halb eins. Das Amt hatte sich um das Wohl von Sarahs kleiner Tochter Luna gesorgt. An den Schock in der Nacht erinnert sich die 24-Jährige bis heute. "Mir ging ziemlich die Pumpe und meine Beine waren wie Gummi", erzählt sie. Es bestand der Verdacht, dass die kleine Luna über eine Woche kein Essen bekommen hätte. Der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung hat sich am Ende nicht bewahrheitet.

Bis zu 66 Prozent mehr Inobhutnahmen

Später stellte sich heraus: In Sarahs Fall waren die Sorgen des Jugendamtes unbegründet. In vielen Fällen ist das anders.

Eine Karte von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, darüber steht "Inobhutnahmen in Mitteldeutschland in 2022". In Sachsen steht "66,4%", in Sachsen-Anhalt "24,8%" und in Thüringen "32,1%".
In Sachsen-Anhalt ist die Zahl der Inobhutnahmen 2022 am stärksten gestiegen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im letzten Jahr gab es in Deutschland 40 Prozent mehr Inobhutnahmen als zuvor. In Sachsen ist die Zahl sogar um mehr als 66 Prozent gestiegen. In Sachsen-Anhalt waren es fast 25 Prozent und in Thüringen etwa 32 Prozent.

Grund dafür ist einerseits, dass mehr minderjährige Geflüchtete ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind. Sie müssen laut Gesetz bei Ihrer Ankunft in Deutschland vorläufig in Obhut genommen werden. Auf der anderen Seite zeigen mehr Kinder Anzeichen von Vernachlässigung oder Misshandlung auf und Eltern in Deutschland sind zunehmend überfordert.

Eine Frau mit blonden Haaren und einer Brille steht in einer Küche und schaut in die Kamera
Beim Elterntreff in Chemnitz ist auch Jana Wittig mit dabei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Oftmals ist man auch nur Krisenbewältiger und Feuerwehr.

Jana Wittig leitet die Familienhilfe der AWO in Chemnitz

Das bestätigt auch Jana Wittig. Sie leitet die sozialpädagogische Familienhilfe der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Chemnitz. Wittig sagt: "Oftmals ist man auch nur Krisenbewältiger und Feuerwehr." Die pädagogische Arbeit bleibe häufig außen vor, weil zuerst die Lebenssituation der Betroffenen gesichert werden müsse. "Das sind so grundlegende Themen, die wirklich im Moment sehr brennen", erklärt Wittig.

Familienhilfe: Unterstützung bei der Erziehung

Auch Sarah und Luna werden von der Familienhilfe der AWO in Chemnitz unterstützt. Diese "Hilfe zur Erziehung" ist ein Angebot des Jugendamtes. Dem ist Sarah schon seit ihrer eigenen Kindheit bekannt. Sie ist selbst in Pflegefamilien aufgewachsen. Ihre Tochter soll nun bei ihr groß werden – mit Unterstützung der Familienhilfe, die sie seit zwei Jahren bekommt. Davor lebte sie mit ihrer Tochter in einer Einrichtung für alleinerziehende Mütter in Leipzig.

Bevor ich hier irgendwelchen Mist baue, nehme ich Familienhilfe zur Seite.

Sarah Junge Mutter aus Chemnitz

Sarah erzählt: "Ich habe eine chronische psychische Erkrankung und war unsicher, ob ich das mit einem Kind überhaupt schaffe." Aus der Einrichtung in Leipzig sei sie direkt in eine eigene Wohnung gezogen. "Da habe ich gesagt, bevor ich hier irgendwelchen Mist baue, nehme ich Familienhilfe zur Seite."

Familienkinderkrankenschwester kommt einmal die Woche

Bevor die Hilfe des Jugendamtes angenommen wird, gibt es auch andere Angebote, die vor allem frisch gebackene Eltern vor Überforderung schützen sollen: zum Beispiel die "Frühen Hilfen". Ein bundesweites Netzwerk, das Eltern ab der Schwangerschaft bis zum dritten Lebensjahr des Kindes Hilfe zur Erziehung gibt. Ganz ohne Antrag. Das hat auch eine Familie aus Bad Salzungen in Thüringen entschieden. Die Eltern stammen aus Turkmenistan und studierten bis Kriegsbeginn in der Ukraine. Sohn Resul wurde viel zu früh im sechsten Schwangerschaftsmonat geboren. Die ersten neun Monate seines Lebens verbrachte er im Krankenhaus. Damit die Eltern jetzt zu Hause besser mit der Situation klarkommen, haben sie sich an das Netzwerk Frühe Hilfen gewandt.

Jetzt kommt die Familienkinderkrankenschwester Anja Berlit einmal die Woche zu Resul und seiner Familie nach Hause. Sie betreut insgesamt sieben Familien mit Kindern, die bis zu drei Jahre alt sind. Es sind Familien mit besonderen Bedürfnissen, sagt sie: "Eventuell ist ein Kind krank, es gibt vielleicht eine Überforderungssituation oder einfach einen größeren Unterstützungsbedarf."

Eine Frau mit Brille schaut in die Kamera
Anja Berlit betreut sieben Familien, die sie jede Woche besucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eventuell ist ein Kind krank, es gibt vielleicht eine Überforderungssituation oder einfach einen größeren Unterstützungsbedarf.

Anja Berlit Familienkinderkrankenschwester in Bad Salzungen

Seit drei Monaten hat der einjährige Resul eine kleine Schwester. Das bringt neue Herausforderungen mit sich. Auch, weil Resul regelmäßig zur Physiotherapie und Logopädie muss. Was andere Kinder in seinem Alter schon können, muss er erst mühevoll lernen. Essen beispielsweise. Weil Resul bisher über eine Magensonde ernährt wurde, ist er es nicht gewohnt, Dinge in den Mund zu nehmen.

Verschiedene Gesichter der Familienhilfe

"Er hat nie an der Brust oder mit der Flasche getrunken. Das ist was, was ihm jetzt fehlt", erklärt Kinderkrankenschwester Berlit. Bei Kindern, die so früh zur Welt kommen, könne es sich bis zum zweiten Lebensjahr ziehen, bis sie das Essen lernen. Unter anderem dabei hilft Berlit der Familie.

Während Vater Perhat Resul auf dem Schoß hat und nebenan die kleine Schwester Aymelek weint, erklärt die Familienkinderkrankenschwester, wie die Eltern mit einem Fingerling vorsichtig in den Mund des Kindes fahren können, um logopädische Übungen mit ihm durchzuführen. Doch als der Vater es versuchen will, hält Resul den Mund fest verschlossen.

Eine Frau hockt vor einem Mann mit Kind auf dem Schoß, sie hat einen Fingerling über den Finger gezogen.
Mit dem Fingerling soll Resul üben, Dinge in den Mund zu nehmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Präventivangebote für Eltern

Ziel der "Frühen Hilfen" ist es, dass die Eltern lernen, in Zukunft alleine mit der schwierigen Situation zurecht zu kommen.

Schwierige Situationen selbst meistern können – das ist auch das Ziel der Eltern bei der Familienhilfe in Chemnitz. Beim regelmäßigen Elterntreff geht es an diesem Tag um kreative Ideen für den Herbst. Die Mütter und Sozialarbeiterinnen sitzen an einem herbstlich dekorierten Tisch und schnitzen Muster in die Kürbisse. Aus dem Kürbisfleisch entsteht dann ein leckeres Mittagessen. Sarah lacht und erzählt mit den anderen Frauen, während ihre Hände mit den rot lackierten Fingernägeln ein kleines Messer durch den Kürbis führen.

Frauen sitzen um einen Tisch und lachen, auf dem Tisch sind Kürbisse und Herbstdekoration.
Beim Elterntreff können sich die Anwesenden vertrauensvoll austauschen und über Probleme sprechen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sich austauschen beim Elterntreff

Neben Inspiration für zu Hause bieten solche Angebote den Eltern die Möglichkeit, sich auszutauschen, und dienen damit indirekt dem Kinderschutz. Das Thema heute am Tisch: Probleme in der Beziehung ansprechen und Verantwortung übernehmen. Die Stimmung ist offen und vertrauensvoll. Sarah erzählt, dass die Familienhilfe für sie durchaus schon positive Effekte hatte. "Wir reden mehr miteinander", sagt sie über sich und ihren Partner.

Die Familienhilfe hat sehr geholfen, dass er auch das Psychische lernt zu verstehen.

Sarah Junge Mutter aus Chemnitz

"Mein Partner hat zu 100 Prozent Behinderungen. Er hat arg Probleme, was das Verstehen betrifft", erzählt sie. "Die Familienhilfe hat sehr viel geholfen, dass er auch das Psychische vor allen Dingen lernt zu verstehen."

Hausbesuch von der Sozialpädagogin

Die junge Mutter ist zum zweiten Mal schwanger. Diesmal mit Zwillingen. Obwohl diesmal der Kindsvater mit im Boot ist, fühlt sich Sarah unsicher. Das möchte sie ihre Tochter aber nicht spüren lassen. "Ich versuch, es gelassen zu nehmen, sonst dreht sie mir am Sender, weil ich am Sender dreh", erklärt sie. Aber: "So gelassen, wie ich aussehe und wirke, bin ich nicht."

Zwei Frauen stehen in einer Küche.
Beim Herstellen von Nudeln haben Katja Weber und Sarah Gelegenheit, zu reden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sozialpädagogin Katja Weber ist jede Woche regelmäßig zum Hausbesuch bei der jungen Familie. Heute empfängt Luna sie tanzend im Treppenhaus. Später spielen sie ausgelassen miteinander. Zum Mittag kochen Weber und Sarah zusammen selbstgemachte Nudeln. Für die Sozialpädagogin Weber sind Termine wie dieser eine Möglichkeit, einen Einblick in den Familienalltag zu bekommen. Nur so kann sie in Stresssituationen und bei Problemen mit Ämtern die passende Hilfe anbieten.

Das Ziel: Sicherheit und Stabilität

"Unsere Arbeit basiert auf dem Vertrauensverhältnis. Das ist natürlich nichts, was man nach ein, zwei Terminen hat, sondern das baut sich auf", erklärt Weber. Sicherheit und Stabilität für Eltern und Kinder geben, sagt sie – das sei das Ziel. "Dass es halt nicht immer nur heißt, das Jugendamt, das guckt auf uns, sondern es sind wirklich diese Unterstützungsformen da, um ganz viel zu helfen."

Dass es nicht immer nur heißt, das Jugendamt guckt auf uns, sondern es sind wirklich Unterstützungsformen da, um ganz viel zu helfen.

Katja Weber Sozialpädagogin in Chemnitz

Dass auch die Zwillinge in ihrem Bauch bei ihr gut aufwachsen können, ist Sarahs größtes Ziel. Das wird auch Thema beim halbjährlichen Gespräch mit dem Jugendamt in wenigen Wochen. Damit die junge Familie weiterhin zusammenbleiben kann.

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