Osterburg Häuser und Windräder
In Osterburg standen mit die ersten Windräder in der Altmark. Bildrechte: MDR/ Frank Menzel

Bürgerbeteiligung Osterburg hat Bürgerrat für Klimaschutz

14. April 2023, 14:11 Uhr

In der Einheitsgemeinde Osterburg profiliert sich ein Rat aus interessierten Bürgern. Sein Thema: der Klimaschutz auf dem Gebiet der Kommune. Wer meint, das sei nur ein global zu lösendes Problem, irrt zum Teil. Das sagt Dr. Otto Kaufmann vom Klima-Bürgerrat. Auch im Kleinen kann für Klimaschutz eingetreten werden. Entsprechende Vorschläge soll das neue Gremium dem Stadtrat unterbreiten.

Die altmärkische Einheitsgemeinde Osterburg macht seit Jahren einiges anders als andere Kommunen: Seit einem Vierteljahrhundert pflegt man die "Osterburger Literaturtage", obwohl andernorts der Bücher-Tod angesichts von E-Books und Apps vorausgesagt wird. In Osterburg standen mit die ersten Windräder in der Altmark.

Diese Bereitschaft lässt sich die Einheitsgemeinde vom Windpark-Betreiber durch jährlich ansehnliche Spenden belohnen. Jüngst ist beschlossen worden, einen hauptamtlichen Beauftragten für die Belange von Kindern und Jugendlichen in der Kommune einzusetzen. Nun auch noch: ein Bürgerrat für den Klimaschutz.

Empfehlungen verpflichten Stadtrat zu nichts

Der soll und darf zu jedem Vorhaben der Kommune seine Meinung abgeben. Daran gebunden ist der Stadtrat aber nicht. Bürgermeister Nico Schulz sagte MDR SACHSEN-ANHALT, es gehe ja nicht nur um die Entwicklung der Freiflächen und künftigen Fotovoltaikanlagen in der Einheitsgemeinde. Es gehe auch um Radwege, Kaltluftzufuhr für die Stadt, grüne Inseln. Dafür wollte er nicht nur die Meinung der auf fünf Jahre gewählten Volksvertreter, sondern auch Vertreter des Volkes hören – im Bürgerrat Klimaschutz.

Nico Schulz
Mit Hilfe des Klimarats will Oberbürgermeister Nico Schulz den Meinungen der Bürgerinnen und Bürger mehr Gewicht geben. Bildrechte: picture alliance/dpa/Franziska Höhnl

Viele Menschen in der Einheitsgemeinde würden nicht für politische Ämter kandidieren, seien am Thema Natur- und Klimaschutz aber dennoch interessiert. Deren Urteil wolle er bei kommenden Entscheidungen mit beachten. Der Bürgermeister erklärt: "Um zu verhindern, dass nicht eine bestimmte Interessengruppe allein die Richtung bestimmt, haben wir stichprobenartig aus dem Einwohnermelderegister eine Auswahl getroffen – eine zufällige Auswahl –, die Bürger angeschrieben und eingeladen, im Bürgerrat mitzumachen."

Um zu verhindern, dass nicht eine bestimmte Interessengruppe allein die Richtung bestimmt, haben wir stichprobenartig aus dem Einwohnermelderegister eine Auswahl getroffen.

Nico Schulz Bürgermeister

Bevölkerung ernstnehmen

Dabei geht es Nico Schulz nicht nur um die Beurteilung von Freiflächen hinsichtlich neuer Fotovoltaik, sondern um den detaillierten Blick, der Stadträten und Verwaltung manchmal abgeht. So hat der Bürgerrat schon darauf aufmerksam gemacht, dass an einer Stelle vermeintlich ungeklärte Abwässer in die Biese laufen und, dass eine große alte Esche in Gladigau hätte gerettet werden können, wenn man mit Herzblut daran gegangen und die trockenen Äste herausgeschnitten und nicht gleich den ganzen Baum gefällt hätte.

Wasserhaushalt ausgleichen

Dr. Otto Kaufmann, der im Bürgerrat mitarbeitet, legt Wert auf den Wasserhaushalt. Noch immer ist der Gladigauer entsetzt von seinen Eindrücken aus dem vergangenen Jahr: Zum ersten Mal in seinem Leben hatte der Rentner die Biese völlig ausgetrocknet erlebt.

Klimarat Osterburg
Die Biese bei Gladigau: Nicht nur Dr. Otto Kaufmann verschlug es im vergangenen Jahr die Sprache, als er den Fluss zum ersten Mal in seinem Leben völlig ausgetrocknet erlebte. Bildrechte: Katharina Häckl

Er hat Landwirtschaft studiert, zuletzt an der Berliner Universität gelehrt und plädiert für einen sanfteren Umgang mit dem Boden. Landwirte sollten möglichst das ganze Jahr über die Felder mit Pflanzen bedeckt halten. So trockne der Boden nicht aus, und es könne sich besser Humus ausbilden, außerdem würden in der Erde mehr Schadstoffe gebunden.

Eigenheimsiedlungen im Fokus

Ein Augenmerk hat der Bürgerrat schon jetzt – das zeigt seine bereits ausgearbeitete Klima-Konzeption für die Einheitsgemeinde – auf neu zu erschließende Eigenheimsiedlungen gelegt. Dort mögen die Straßen so angelegt werden, dass zum Beispiel der Wind als Kühlung gut hindurch fegen kann.

Kommunalpolitik und Klimaschutz

Ob sich der Stadtrat an die Empfehlungen hält und ob er sie überhaupt ernst nimmt, bleibt abzuwarten. Bis zur Sommerpause wollen sich die Fraktionen zur Klima-Konzeption geäußert haben. Manch ein Kommunalpolitiker sagt hinter vorgehaltener Hand, er habe sich mit dem Klimaschutz regional noch nicht beschäftigt. Es sei alles so schön grün in der Altmark, die Luft meist sauber – müsse man da über regionalen Klimaschutz überhaupt nachdenken?

Wie zäh der Kampf sein kann um die Erkenntnis, dass Klimaschutz direkt vor der eigenen Haustür beginnt, hat Bürgermeister Nico Schulz im vergangenen Jahr erlebt. Er hatte vorgeschlagen, in Osterburgs Einkaufsmeile mehrere Bäume zusätzlich zu pflanzen. So gebe es mehr Schatten und weniger Kohlendioxid in der Luft. Bürger hatten sich bei ihm beschwert, dass sie bei Hitze nicht mehr die Breite Straße entlangschlendern würden, weil sie kaum Luft bekämen, so stickig sei es da. Des Bürgermeisters Vorschlag wurde vom Stadtrat abgelehnt.

MDR (Katharina Häckl, Moritz Arand)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. April 2023 | 15:30 Uhr

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