Steinsturz droht Bautzen lässt Felsenwände an seinem Wahrzeichen sichern

Bei den regelmäßigen Kontrollen der Felsen an der Alten Wasserkunst im Bautzener Spreetal sind Risse im Gestein festgestellt worden. Mit bis zu vier Meter langen Felsnägeln sollen Abbrüche des Granits verhindert werden.

Michael Schkoldow platziert den Bohrer an der Felswand unterhalb der Alten Wasserkunst für das nächste Bohrloch.
Michael Schkoldow platziert den Bohrer an der Felswand unterhalb der Alten Wasserkunst für das nächste Bohrloch. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Der Teleskoplader fährt seinen Arm bis zur Oberkante der Felswand aus. Die Arbeitsbühne stoppt in zehn, zwölf Metern Höhe. Spezialtiefbauer Michael Schkoldow zieht den Reißverschluss seines noch weißen Overalls zu, stülpt den Gehörschutz über die Ohren und setzt den Helm auf den Kopf. Kurzer Blick nach unten. Dort wirft Kollege Frank Bielefeldt Kompressor und Hydraulikaggregat an. Schkoldow drückt ein paar Knöpfe auf der Konsole vor ihm. Dann setzt sich der Bohrkopf hoch oben am Fels in Bewegung.

Michael Schkoldow hat das Gerät im 35 Grad-Winkel an einem Felsüberhang platziert. Unter dem Gesteinsmassiv klafft eine Kerbe. Mit rotem Farbspray sind Kreuze auf den Fels gesprüht. Hier sollen die Männer von der Bergsicherung Freital Nägel aus Spezialstahl in das Gestein verpressen. Damit solle sichergestellt werden, dass sich das Gestein nicht löst und die Wand hinabstürzt, erklärt Schkoldow. Kleinere Abbrüche habe es in der Vergangenheit schon gegeben. Die Stadtverwaltung Bautzen sah Handlungsbedarf. "Risse im Felsen, Bewuchs, Abplatzungen und lose Gesteinsbereiche machen die Arbeiten notwendig", teilt eine Stadtsprecherin mit. Es bestehe die Gefahr, dass größere Gesteinsbrocken herabstürzen und Passanten treffen.

Mit diesem Bohrer treiben die Bauarbeiter bis zu vier Meter tiefe Löcher in den Granit.
Mit diesem Bohrer treiben die Bauarbeiter bis zu vier Meter tiefe Löcher in den Granit. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

34 Felsnägel und 18 Kubikmeter Beton für eine sichere Felswand

Im Sommer vergangenen Jahres wurde bereits die Felswand auf der anderen Seite der Alten Wasserkunst gesichert. Dort ragen die Enden zahlreicher Felsnägel aus der Wand. 34 solcher Anker sollen nun auch auf der der Friedensbrücke zugewandten Seite gesetzt werden. Michael Schkoldow lässt das Bohrgerät auf den Fels einhämmern. Staub wirbelt auf. Kühlwasser spritzt. Der rotierende Bohrkopf frisst sich Zentimeter für Zentimeter voran und schleudert das zermalmte Gestein umher. Schkoldows Overall färbt sich grau. Sein Gesicht ist mit Dreck verschmiert. Mehr als eine Viertelstunde dauert es bis die zwei Meter Zieltiefe erreicht sind. Ein gutes Vorankommen, freut sich Michael Schkoldow. "Es gibt Stellen, da bohrt man stundenlang drauf herum", schildert der 45-Jährige.

Die Tiefbauer bohren mehrere Löcher nacheinander, bevor sie die verzinkten Stahlstifte einzementieren. Aufs Ende des Felsnagels werde eine kleine Stahlplatte geschoben und mit Mörtel mit dem Fels verbunden, erklärt Schkoldow das Vorgehen. Eine mit dem richtigen Drehmoment angezogene Mutter sichert den Stahlnagel. "Der Felsnagel muss 30 Tonnen Zugkraft aushalten", betont Michael Schkoldow. Dass sich bei dem ohrenbetäubenden Hämmern auf den Fels mal Gestein lösen könnte, davor hat der Spezialtiefbauer mit 20 Jahren Berufserfahrung keine Angst. Das Duo der Felssicherung habe mit Geologen die gesamte Felswand nach Hohlstellen untersucht und loses Gestein heruntergeholt. "Bereißen" nennen das die beiden Fachmänner. "Ich fühle mich wohl da oben", sagt Schkoldow über seine Arbeit an der Felswand.

Massive Stahlstangen, die schräg in das Gestein verpresst werden, sollen den Granit an Ort und Stelle halten.
Massive Stahlstangen, die schräg in das Gestein verpresst werden, sollen den Granit an Ort und Stelle halten. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Spritzbeton soll später wie Felsen aussehen

Dabei ist der Tiefbauer um seinen Job nicht zu beneiden. Zum Lärm kommt die Hitze. "Die Felswand heizt sich auf und strahlt Wärme ab", schildert Maschinist Frank Bielefeldt. Das treibe zusätzlich den Schweiß ins Gesicht. Schkoldow und Bielefeldt sind froh, von der Hubbühne aus arbeiten zu können. Für andere Aufträge hingen sie schon mit dem Presslufthammer in Kletterseilen am Fels. Händische Bearbeitung des Gesteins gehört jedoch auch zum Job in Bautzen. Mit dem Presslufthammer bohren Michael Schkoldow und Frank Bielefeldt Löcher für Mikronägel. Daran wird Bewehrung befestigt und später mit Spritzbeton verfüllt. Die Mitarbeiter der Felssicherung schließen damit Risse und Spalten. 18 Kubikmeter Beton werden sie insgesamt in der Felswand auftragen. Die Betonflächen sollen dann farblich an den Felsen angepasst werden, damit sie kaum auffallen.

Ameisen halten Felssicherung auf

Der Bauplan sieht vor, dass die Felssicherung unterhalb der Alten Wasserkunst Mitte September abgeschlossen ist. Eine Entdeckung bei den Bauvorbereitungen an der oberen Felskante bringt diesen Plan durcheinander. Die Bauarbeiter haben dort ein Nest der Roten Waldameise entdeckt, eine geschützte Insektenart. Schkoldow und Bielefeldt haben den Bereich auf dem Fels mit weißem Kalkspray markiert. "Dort darf erstmal nicht gearbeitet werden", sagt Josephine Brinkel von der Stadtverwaltung. Mitarbeiter des Naturschutzamtes wollen sich das Nest ansehen. Erst dann werde entschieden, wie es an dieser Stelle weitergeht. "Klar ist, dass die Arbeiten länger dauern werden", sagt Stadtsprecherin Brinkel.

95.000 Euro investiert die Stadt Bautzen in die Sicherung der Felswand an der Alten Wasserkunst. Für die Folgejahre sind weitere Bauabschnitte flussaufwärts der Spree unter anderem im Humboldthain geplant. Zum Schutz von Vögeln und Reptilien könne immer nur in einem streng vorgegebenen Zeitraum gearbeitet werden, erläutert die Stadtverwaltung.

Unterhalb des Rundturms der Alten Wasserkunst in Bautzen wurden im vergangenen Jahr bereits an der Felswand flussabwärts Sicherungsmaßnahmen durchgeführt. Jetzt ist die Wand rechts im Bild dran.
Unterhalb des Rundturms der Alten Wasserkunst in Bautzen wurden im vergangenen Jahr bereits an der Felswand flussabwärts Sicherungsmaßnahmen durchgeführt. Jetzt ist die Wand rechts im Bild dran. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Stabile Felsen - gesichertes Wahrzeichen

Michael Schkoldow und Frank Bielefeldt arbeiten sich von links nach rechts durch die Felswand. Unter ihrer Baustelle rauscht die Spree. Über ihnen thront Bautzens Wahrzeichen, der Rundturm der Alten Wasserkunst – erbaut im Jahr 1558. "Die Gesamtkulisse ist schon beachtenswert", sagt Michael Schkoldow aus Dippoldiswalde nüchtern. Seine Arbeit dient auch der Standsicherheit des Bautzener Wahrzeichens. Doch Schkoldows Aufmerksamkeit gilt der Bohrmaschine neben sich. Schon nach der ersten Bohrung hat ihn das Gerät von oben bis unten besudelt. Deshalb will Schkoldow den Bohrer mit Vlies "einhausen". "Sonst sind acht Stunden ganz schön lang", kommentiert der Bauarbeiter trocken. Wie es ihm nach einer Schicht neben dem lärmenden Bohrer gehe? "Ich hab erstmal Durst auf ein Bier. Man nennt es dann auch Bohrwasser", sagt Schkoldow grinsend.

MDR (mk)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen | 16. August 2022 | 12:30 Uhr

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