Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch.
Die Sozialarbeiterin Lydia Roschke unterstützt und schult die ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater der Suizidprävention "U25". Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Tabuthema Suizidprävention "U25" in Dresden auf der Kippe

24. Februar 2024, 13:00 Uhr

Jedes Jahr sterben mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Verkehrsunfälle, Mord, Totschlag und illegale Drogen zusammen. 2022 gab es mehr als 10.000 Fälle in Deutschland. In Sachsen ist die Suizidrate bundesweit am höchsten. Das Online-Hilfsprojekt "U25" in Dresden unterstützt seit einigen Jahren suizidgefährdete Jugendliche. Doch nun steht es vor einer ungewissen Zukunft.

Dem Online-Hilfsprojekt der Caritas für suizidgefährdete junge Menschen "U25" in Dresden droht das Ende, weil staatliche Fördergelder wegfallen. "Die Anschub-Finanzierung durch das Bundesfamilienministerium läuft Ende 2024 aus," sagte Sozialarbeiterin Lydia Roschke MDR SACHSEN. Ebenso endet Roschke zufolge dann eine Förderung über das Caritas-Projekt "Ausweglos", die über die Sächsische Aufbaubank (SAB) bezahlt wird. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums gebe es aktuell einen Austausch mit der Caritas, um zu prüfen, ob und wie das Projekt weiter finanziert werden könne.

Eine junge Frau schaut in die Kamera. 1 min
Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid
1 min

Do 22.02.2024 17:46Uhr 01:24 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/dresden/video-dresden-online-hilfsprojekt-suizid-praevention-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Sozialarbeiterin: "Ehrenamtliche sind in der Lebenswelt der Betroffenen"

Betroffen seien eineinhalb Stellen, darunter die halbe Stelle von Lydia Roschke.Sie und ihre zwei Kollegen sind in dem Projekt für die fachliche Betreuung von 25 ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater zuständig. Das Ganze war vor elf Jahren in Dresden vom Caritasverband gegründet und als niederschwelliges Konzept angelegt worden: Gleichaltrige junge Menschen beraten anonym Jugendliche bis 25 Jahre, die keinen Ausweg mehr wissen und Suizidgedanken haben.

"Es geht darum, die Klienten auf Augenhöhe zu begleiten und nicht zu therapieren. Und dafür sind Ehrenamtliche genau die Richtigen, weil sie in der Lebenswelt der Betroffenen sind", erklärte Roschke.

Es geht darum, die Klienten auf Augenhöhe zu begleiten und nicht zu therapieren.

Lydia Roschke Sozialarbeiterin beim Projekt "U25" in Dresden

Zudem würden die Ehrenamtlichen vor Beginn ihrer Beratung auch fachlich geschult und erhielten Supervision. "Wir lesen auch die Beratungen gegen und wenn doch eine Suizidankündigung kommt, nehmen wir den Ehrenamtlichen die Verantwortung ab". Etwa 100 junge Menschen werden von den Ehrenamtlichen pro Jahr betreut. Es könnten aber deutlich mehr sein, sagte Roschke - wenn "U25" besser finanziell ausgestattet wäre. Gespräche darüber gebe es sowohl mit den zuständigen Ministerien im Bund und auf Landesebene.

Gesetzentwurf für Suizidprävention bei der Bundesregierung in Arbeit

Dass das Caritas-Projekt mit Ehrenamtlichen wichtig ist, weiß auch der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Lars Rohwer, der im Parlamentskreis Suizidprävention mitarbeitet: "Das ist ein wunderbares Beispiel für junge Leute, die sich engagieren in unserer Gesellschaft und anderen jungen Leuten in der 'Peergroup' etwas erzählen", sagte Rohwer im MDR-Talk "Fakt ist!". "Diese Mittel dürfen wir nicht kürzen. Die braucht es in diesem Land".

Das ist ein wunderbares Beispiel für junge Leute, die sich engagieren in unserer Gesellschaft.

Lars Rohwer (CDU) Bundestagsabgeordneter

Für Suizidprävention seien neben den Ehrenamtlichen aber auch mehr Hauptamtliche wichtig, so Rohwer. Für eine bessere Suizidprävention will die Bundesregierung Rohwer zufolge im April ein Konzept vorgelegen, im Juni sollte ein Gesetzentwurf eingebracht werden. "Dieses Jahr muss das Jahr der Suizidprävention werden", betonte Rohwer.

Mit dem neuen Gesetz könnte auch die Finanzierung des "U25"-Projekts auf sichere Füße gestellt werden, ist die Dresdner Projekt-Leiterin Lydia Roschke überzeugt.

Was ist "U25"?

  • "U25" ist ein Projekt der Caritas. Es richtet sich an Kinder, Jugendliche und junge Menschen bis 25. Seit 2013 gibt es die Beratung am Standort Dresden. Deutschlandweit gibt es insgesamt elf Standorte. Das Konzept des Projekts basiert auf digitaler Beratung: Junge Menschen helfen Gleichaltrigen in Krisen und bei Suizidgedanken.


  • Ziel ist es, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene durch Krisen zu begleiten und für sie da zu sein. Das Projekt ersetzt allerdings keine Therapie, sondern versteht sich als niedrigschwelliges Beratungsangebot. Die sogenannten Peers (englisch: Gleichberechtigte oder Ebenbürtige) durchlaufen eine mehrwöchige Schulung, bis sie Beraterinnen und Berater werden.

Dresdner Ärztin: Suizidprävention muss verbessert werden

In Deutschland nehmen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Schnitt täglich mehr als 25 Menschen das Leben. Demnach lag die Zahl der Suizide 2022 erstmals seit acht Jahren wieder über 10.000, mit am höchsten ist die Suizid-Rate in Sachsen.

Die Psychiaterin an der Uniklinik Dresden und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, Ute Lewitzka, ist der Meinung, dass man das so nicht hinnehmen kann. "Wir haben etwa 2.500 bis 3.000 Verkehrstote im Jahr in Deutschland, was auch furchtbar ist. Wieviel wird dafür getan und wieviel wird für die Suizidprävention getan?" Angesichts der Zahl der Toten müsse das mehr sein, verlangte Lewitzka bei "Fakt ist". Auch solche niedrigschwelligen Angebote wie die Telefonseelsorge oder das "U25"-Hilfsprojekt seien bei den Menschen noch zu wenig bekannt.

Verzweifelter Mann hinter staubiger, zerkratzter Glasscheibe 1 min
Bildrechte: IMAGO / Panthermedia
1 min

Rund 10.000 Menschen nehmen sich jährlich in Deutschland das Leben. Vor allem Sachsen weist eine hohe Suizidrate auf.

MDR SACHSEN Mo 05.02.2024 19:16Uhr 00:48 min

https://www.mdr.de/fakt-ist/redaktionen/dresden/video-suizid-statistik-deutschland-sachsen-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Forschungs-Projekt zu Suizid-Hotspots in Sachsen

Zur Suizidprävention gehört Lewitzka zufolge auch ein Forschungsprojekt, dass in Sachsen untersucht, wo es sogenannte Hotspots gibt, an denen Menschen Suizid begehen oder androhen. Dabei seien auch zwei Rettungsleitstellen eingebunden. "Wenn Bahngleise hinter psychiatrischen Kliniken langlaufen, kommt es zu einer Häufung von Suiziden". Ziel sei eine "Hotspot-Datenbank", damit solche Areale besser gesichert werden, sagte die Dresdner Ärztin.

Auch die Wirksamkeit des "U25"-Hilfsprojekts der Caritas wurde in den vergangenen Jahren in zwei Studien wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse der maßgeblichen zweiten Studie sollen bis September vorliegen. "Es sieht alles danach aus, dass es eine Wirksamkeit der Arbeit gibt", so Sozialarbeiterin Lydia Roschke.

Anmerkung zur Berichterstattung über das Thema Selbsttötung - Eine Berichterstattung zum Thema Suizid findet bei MDR.DE aufgrund der hohen Nachahmungsquote nur in Ausnahmefällen und nach den Richtlinien des Pressekodex statt.

- Sie haben suizidale Gedanken oder eine persönliche Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen! Sie können jederzeit kostenlos anrufen:
0 800 111 0 111
0 800 111 0 222
0 800 116 123.

Mehr zum Thema

MDR (kbe/sth)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Fakt ist! | 05. Februar 2024 | 21:45 Uhr

Mehr aus Dresden und Radebeul

Mehr aus Sachsen