Auf der Intensivtherapie-Station (ITS) im Klinikum St. Georg steht eine Mitarbeiterin am Bett einer Patientin.
Um Sachsens Kliniken halten zu können, müssen sie sich spezialisieren und enger mit niedergelassenen Ärzten zusammenarbeiten, so Gesundheitsministerin Köpping. Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Waltraud Grubitzsch

Medizinische Versorgung Sachsens Ministerin Köpping spricht sich für Krankenhausreform aus

31. März 2023, 15:04 Uhr

In Zeiten von knappen Kassen, Überalterung und Ärztemangel wird es schwer, die Krankenhauslandschaft zu erhalten. Eine bundesweite Reformierung ist notwendig und wird gerade hitzig diskutiert. Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping hat genaue Vorstellungen, wie die Kliniken im Freistaat vor der Schließung bewahrt werden können.

Sachsen will keine Klinikstandorte einsparen. Doch um die Krankenhauslandschaft zu erhalten, sind grundlegende Veränderungen nötig, betont die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) und schließt sich damit der Meinung der Expertenkommission des Bundes an. "Wir im Sozialministerium sind uns da mit allen sächsischen Vertretern der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen und der sächsischen Kommunen einig. Wir brauchen diese Reform dringend, gerade um die Standorte zu sichern und weiterzuentwickeln."

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte sich im Interview mit dem Nachrichtenportal "t-online" gegen die Reformvorschläge von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ausgesprochen. "Die Krankenhausreform, die Herr Lauterbach sich ausgedacht hat, darf auf keinen Fall Realität werden", sagte er dem Nachrichtenportal. In Sachsen wären durch die Reformpläne bis zu zehn Klinikstandorte von einer Schließung bedroht. Die Reformierung der Krankenhäuser war am Freitag Thema einer Sonderkonferenz der ostdeutschen Länderchefs mit dem Bundesgesundheitsminister in Berlin.

Köpping für bessere Verzahnung von stationärer und ambulanter Behandlung

Bereits am Dienstag hatte sich Köpping für eine bessere Verzahnung von stationärer und ambulanter Versorung ausgesprochen. "Wir wollen unsere 77 Krankenhausstandorte erhalten", sagte die SPD-Politikerin. "Aber sie werden nicht so bleiben können, wie sie sind."

Dabei setzt die Ministerin zum einen auf mehr Spezialisierung: Ein Haus soll nicht alle Behandlungen anbieten, dafür aber in einem Bereich besondere Expertise erweisen. Damit würde sich laut Köpping die Qualität der Patientenbehandlung verbessern. So seien etwa die Heilungschancen für Krebspatienten um 25 Prozent höher, wenn sie in einem Krebszentrum statt in einem normalen Kreiskrankenhaus behandelt würden.

Wir wollen unsere 77 Krankenhausstandorte erhalten.

Petra Köpping (SPD) Sachsens Gesundheitsministerin

Gesundheitszentren als Zukunftsperspektive für Kliniken auf dem Land

Zum anderen müsse noch mehr ambulant behandelt und zugleich ambulante und stationäre Behandlung stärker verzahnt werden, so Köpping. Nach einer Operation müsse beispielsweise klar sein, wo der Patient zum Wechseln der Verbände und zur Nachkontrolle hingehen kann. Mit einer besseren Verzahnung ließen sich auch kostenintensive Doppeluntersuchungen vermeiden.

Der Geschäftsführer der sächsischen Krankenhausgesellschaft (KGS), Friedrich München, sieht vor allem für Kliniken im ländlichen Raum wegen des Ärztemangels die Aufgabe, mehr ambulante Behandlungen anzubieten. "Hierzu sind allerdings Gesetzesänderungen erforderlich, die den Krankenhäusern eine sektorenübergreifende Behandlung, also ambulant-stationär, ermöglicht", so München. Dann wären Behandlungen aus einer Hand denkbar, bei denen Patienten in guter Qualität vom Krankenhaus ambulant und stationär behandelt werden.

Der KGS-Chef sieht hier Potenzial in den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in Trägerschaft von Krankenhäusern und auch in den im neuen Sächsischen Krankenhausgesetz eingeführten "Integrierten Gesundheitszentren". Beide Modelle könnten - wie zu DDR-Zeiten die Polikliniken - den Patienten unter einem Dach Behandlungen aus verschiedenen Fachgebieten anbieten. Das sei eine Zukunftsperspektive für kleinere Krankenhäuser in ländlichen Regionen.

KGS-Chef: Weite Anfahrtswege durch Konzentration von Behandlungen

Der Abschied vom Krankenhaus als Alleskönner hin zu Spezialbereichen hat für Patientinnen und Patienten auch Nachteile, wie der KGS-Chef ausführt. "Die Konzentration von Behandlungsleistungen auf einzelne Krankenhausstandorte kann weite Anfahrtswege zur Folge haben. Deswegen ist auch über ÖPNV-Anbindungen für die Bevölkerung nachzudenken", so München. Bund, Land und Kommunen müssten die Frage beantworten, wie der Patient zu seiner Behandlung kommt.

Auch sei zu hinterfragen, ob bei manchen Erkrankungen weite Anfahrtstrecken zumutbar sind, zum Beispiel bei regelmäßigen Arztterminen zur Chemo- und Strahlentherapie oder zur Nachsorge nach Operationen.

Die Konzentration von Behandlungsleistungen auf einzelne Krankenhausstandorte kann weite Anfahrtswege zur Folge haben.

Friedrich München Geschäftsführer der sächsischen Krankenhausgesellschaft

Ärztekammer für Spezialisierung und mehr Miteinander

Von Sachsens Landesärztekammer (SLÄK) wird eine Spezialisierung der Kliniken grundsätzlich begrüßt: "Wir haben einfach zu wenig Fachpersonal, um an allen Standorten in Sachsen spezialisierte Versorgung mit den Qualitätsstandards vorzuhalten, die ein Patient erwarten darf", erklärt Kammerpräsident Erik Bodendieck. Selbst im Notfall seien weitere Wege zur fachgerechten Versorgung besser als kurze Wege in eine Einrichtung, die überfordert ist und dann weiterverlegen muss.

Wir haben zu wenig Fachpersonal, um an allen Standorten eine spezialisierte Versorgung vorzuhalten.

Erik Bodendieck Präsident der Landesärztekammer

Auch die Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung wird von der SLÄK begrüßt. Das Heil liege weder in der ausschließlichen Organisation durch Krankenhäuser noch durch niedergelassene Ärzte. "Das Wichtige ist das Miteinander, aber das haben wir in den letzten 30 Jahren leider in der Gesellschaft, aber eben auch im Gesundheitswesen verlernt", so Bodendieck.

Keine Klinik mehr in Reichenbach

"Wir wollen mit den vorhandenen Kapazitäten das Angebot erweitern. Dazu brauchen wir Zeit. In Reichenbach hat die Zeit nicht gereicht", sagte Gesundheitsministerin Köpping mit Blick auf das Schicksal der Paracelsus-Klinik Reichenbach im Vogtland. Die Klinik mit rund 320 Mitarbeitern ist insolvent und schließt an diesem Freitag. Wegfallende Angebote sollen nun von anderen Anbietern übernommen werden, darunter von Krankenhäusern in Zwickau oder im thüringischen Greiz. Landkreis und Kommune planen ein Versorgungszentrum in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft.

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MDR (ama)/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 31. März 2023 | 19:00 Uhr

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