Eine Klasse in der Universitätsschule Dresden
Eine Gemeinschaftsschule ohne Noten mit viel Praxis und klassenübergreifendem Unterricht - das umreißt das Konzept der Universitätsschule Dresden, einem Modellversuch der Technischen Universität und der Stadt Dresden. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wissenschaftliches Projekt Universitätsschule Dresden: Wie läuft es an der Schule ohne Noten?

12. Januar 2023, 05:00 Uhr

Keine Noten, keine Ferien, Lernbausteine statt Schulfächer: Die Universitätsschule, ein Schulprojekt der TU Dresden, gestaltet Schule nicht mehr linear und wird immer stärker nachgefragt. Für die wissenschaftliche Bewertung des Modells liegen erste Daten vor, die nun ausgewertet werden.

"Wir haben nicht gedacht, dass die Schule so viel Anklang findet", freut sich Schulleiterin Maxi Heß von der Universitätsschule Dresden. Habe es zu Beginn des Schulprojekts mit 83 Anmeldungen noch genauso viele Bewerbungen gegeben wie Plätze, sei die Nachfrage nach drei Jahren enorm gestiegen. "Mittlerweile hatten wir für dieses Schuljahr über 200 Anmeldungen", so Heß.

Die Universitätsschule im Dresdner Süden läuft seit diesem Jahr auch als Gemeinschaftsschule. Kinder können hier in der ersten Klasse starten und später ihren Hauptschulabschluss, ihren Realschulabschluss und auch ihr Abitur absolvieren. Die Auswahl erfolgt laut Heß aus leistungsstarken, leistungsschwachen, beeinträchtigten und auch migrantischen Kindern. "Wir wollen an unserer Schule die ganze Gesellschaft abbilden."

Keine Selektion nach der 4. Klasse

Das war jedoch nicht immer so. Beim Start des Schulversuchs der TU Dresden im Schuljahr 2019/2020 war die Universitätsschule noch als Ganztagsschule von Klassenstufe 1 bis 8 angelegt. Dann erlaubte Sachsen Gemeinschaftsschulen. Damit ist die Universitätsschule eine von zwei Gemeinschaftsschulen in Dresden. Sachsenweit gibt es derzeit drei Gemeinschaftsschulen.

Jetzt können alle Schülerinnen und Schüler hier auch einen staatlichen Schulabschluss ihrer Wahl ablegen. "Gemeinsames Lernen bringt Vorteile für alle", erklärt Schulleiterin Heß. "Die Leistungsschwächeren profitieren von den Leistungsstarken. Die Leistungsstarken vervollkommnen sich durch die Leistungsschwächeren." Bildung könne erfolgreicher und realitätsnaher sein, wenn "sie die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegele". Zudem würden die Kinder nicht schon in jungen Jahren enorm unter Druck geraten. "Wir müssen nicht mehr nach der 4. Klasse selektieren", erläutert Heß. "Eine solche frühe Selektion wirkt sich nachweislich nachteilig auf die Schülerinnen und Schüler aus."

Eine von drei Gemeinschaftsschulen in Sachsen

"Der Selektionsgedanke im System bewirkt ganz viel", erklärt auch Anke Langner, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Inklusive Bildung an der TU Dresden. "Eine frühe Selektion funktioniert nur für die Elite, für die leistungsstarken Kinder. Wir wollen jedoch eine Schule für alle." Ziel sei deswegen, ein Schulformat zu entwickeln, das für alle passend ist.

Bisher kaum Langzeitstudien zur Entwicklung von Kindern

Langner hat den Schulversuch selbst gestartet und begleitet ihn jetzt wissenschaftlich. "Meine Studierenden sagten mir, die Praxis da draußen sehe anders aus als die Theorie", erinnert sich die junge Professorin. Mit dem Projekt wolle man Schule jetzt moderner, fortschrittlicher und auf die Entwicklung der Kinder zugeschnitten gestalten.

Ergebnisse zur Schule ohne Noten stehen noch aus

Gleichzeitig sollten wissenschaftliche Daten erhoben werden. "Bislang haben wir kaum Daten von Kindern zu langfristigen Entwicklungsprozessen", erklärt Langner. Das solle sich mit dem Modellversuch ändern. Dies geschehe durch Fragebögen für Kinder und Lehrende sowie die Auswertung der Lernprogramme auf den schuleigenen Laptops. Gerade erst hat Professorin Langner neue Stellen für ein Team zur Analyse der ersten Daten bewilligt bekommen. Diese können dann erste wissenschaftliche Aussagen liefern. Langner geht es jedoch vor allem um die langfristigen Prozesse. "Hier gibt es große Forschungslücken", sagt sie. Dann werde sich auch zeigen, ob die Schule ohne Noten ein Modell für die Zukunft ist.

Die Universitätsschule Dresden
In dem alten DDR-Schulgebäude der Universitätsschule lernen die Großen. Die meisten Schüler lauschen jedoch im Containerbau im Innenhof der Schule dem Unterricht. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Viele Besonderheiten und freie Lernbausteine

Jedes Kind auf der Universitätsschule hat seinen eigenen Laptop, der in der Schule bleibt und auf dem eine spezielle Schul- und Lernsoftware installiert ist. "Die Kinder können alle ihre Lernmaterialien hier hoch- und herunterladen", erklärt Schulleiterin Maxi Heß. Doch abseits dessen gibt es noch viele Dinge, die in der Universitätsschule völlig anders laufen.

  • keine Noten bis Ende der 8. Klasse, sondern Lernpfade, die mit Punkten versehen werden
  • jahrgangsübergreifender Unterricht
  • keine Ferien, sondern Urlaub
  • Lernbausteine: Schüler können sich ihr Thema jeden Tag selbst wählen
  • Vier-Tage-Woche in der 7. und 8. Klasse sowie ein Praktikumstag in der Werkstatt

"Wir bauen eine Schule nach der Entwicklung des Kindes", erklärt Professorin Langner. Die Gesellschaft habe sich verändert, sei längst nicht mehr homogen und funktioniere mit der zunehmenden Digitalisierung auch immer weniger linear. "Diese Veränderungen im Denken versuchen wir mit unseren Lernbausteinen aufzugreifen", erklärt Langner. "Die Kinder entscheiden assoziativ und aus ihrer Motivation, auf welches Thema sie gerade Lust haben."

Gleichzeitig werde der Druck in der Schule durch die Leistungsgesellschaft und auch den Lehrermangel immer größer. "Den Druck geben die Lehrer weiter", sagt Langner. Das solle an der Universitätsschule verhindert werden. Jeder könne hier sein eigenes Tempo finden.

Eine Klasse in der Universitätsschule Dresden
Die Kinder in der Universitätsschule wählen sich ihre Lernbausteine selbst, die sie sich mit älteren und jüngeren Schülern anderer Jahrgänge erarbeiten. Bildrechte: MDR/Madeleinen Arndt

Praktische Erfahrungen in der Pubertät

Um weniger Druck auszuüben, verzichtet die Universitätsschule auch auf Noten. "Die staatliche Schule rückt nicht ab von dem rigiden System der Bewertung", kritisiert Schulleiterin Maxi Heß. "Die Lehrpläne sind mit einer enormen Stofffülle gegeißelt, alles wird nur an der Oberfläche abgearbeitet und Richtung Prüfung getrimmt." Das wolle man mit dem Modellversuch ändern. Hier setze man auch auf haptische und praktische Erfahrungen. "In der Phase der Pubertät können die Schüler nicht viel kognitiv aufnehmen", erklärt Schulleiterin Heß. Deswegen gehöre zum Konzept eine Vier-Tage-Woche für die 7. und 8. Klasse mit einem fünften Praktikumstag in den Werkstätten der Alten Ziegelei vom Umweltzentrum Dresden sowie der Semperoper Dresden.

Lernbausteine statt Noten: Können Eltern darauf vertrauen?

Statt Noten werden die Leistungen der Universitätsschule bis zur neunten Klasse mit Lernbausteinen bewertet. "Lernpfade sind aussagekräftiger als Noten, weil sie detaillierter sind und sich jederzeit der Kontext der Leistungserbringung nachvollziehen lässt", erklärt Professorin Langner. Noten hingegen seien nur Zahlen, die keine Aussage über eine Fähigkeit treffen, sondern nur über eine Leistungserbringung zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt.

Grundschüler während des Unterrichts 119 min
Muss sich Bildung mit der Gesellschaft verändern und in welcher Form kann das gelingen? Bildrechte: imago images/photothek

Doch kommen Eltern und Schüler damit klar, wenn es überhaupt keine Noten mehr gibt? Vertrauen sei natürlich enorm wichtig, erklärte Schulleiterin Heß. "In vereinzelten Fällen fällt es Eltern schwer, dem Bildungsprozess ihrer Kinder ohne Noten zu vertrauen." In der Regel seien dies Akademiker, "die Angst haben, dass ihr Kind kein Abitur machen kann." Einzelne Schülerinnen und Schüler hätten deswegen die Universitätsschule auch wieder verlassen.

Einmal im Jahr 2019 habe ein Fünftklässler auch einmal von selbst gesagt, es sei ihm zu anstrengend. Eine Statistik werde darüber nicht geführt. Ansonsten sei es wie an anderen Schulen auch: Kinder gingen wegen Umzügen, weil sie (in der Zeit vor der Gemeinschaftsschule) ans Gymnasium wechselten oder sich mit ihrem Verhalten Regeln widersetzten. Schulleiterin Heß rät: "Wenn Eltern Orientierung suchen, kann immer mit den Lehrerinnen und Lehrern gesprochen werden."

Etwa 650 Kinder und 55 Pädagogen

Etwa 650 Kinder und 55 Pädagogen lernen und lehren derzeit in der Schule, die in einem alten DDR-Schulbau sowie in einem angrenzenden Containerbau untergebracht ist. Derzeit werde ein neues Schulgebäude geplant, wo alle Platz finden. Doch wohin geht die Reise? "Das können wir noch gar nicht sagen", sagt Langner. Das zeige sich mit der Zeit und auch den Lernerfolgen der Kinder. Zudem gebe es noch viel Dynamik beim Personal durch Fluktuation, Schwangerschaften und Elternzeitvertretungen. "Wir sind ein sehr junges Team und wünschen uns auch erfahrene Pädagogen in der Runde", formuliert Schulleiterin Heß einen vagen Blick in die Zukunft.

Wieder Spaß in der Schule

Eines scheint jedoch schon gelungen: Viele Kinder, die sonst Schwierigkeiten in der Schule hatten, haben wieder Spaß am Unterricht. "Wir haben die Auswahl zwischen verschiedenen Bausteinen. Dazu gehören auch manchmal Videos und die erklären uns das dann", erzählt der zehnjährige Florin Stefanski MDR SACHSEN. "Ich finde das besser als vorher. Früher kam ich manchmal nicht hinterher, wenn der Lehrer geredet hat. Jetzt habe ich mein eigenes Tempo."

Seine Mutter Madeleine Stefanski ist darüber sehr froh: "Ich habe den Eindruck, dass Florin, seitdem er an die Universitätsschule geht, sehr viel Freude hat - das kommuniziert er auch so. Das ist der größte Pluspunkt", erklärt sie. Das unbekannte Konzept sei jedoch auch für Eltern eine Probe und eine Phase des Vertrauenfassens und Loslassens.

Erste positive Schulerfahrung

Die Mutter Anke Thiele freut sich, dass ihr Sohn endlich positive Erfahrungen in der Schule sammelt. "Jannes ist Asperger-Autist. Seine Beschulung an der Unischule ist die mit Abstand glücklichste Schulerfahrung, die er (und wir als Familie) auf seiner bisherigen schulischen Laufbahn machen konnte", schreibt sie MDR SACHSEN. Die Fahrt von täglich drei Stunden von Gohrisch in die Dresdner Südhöhe sei zwar kräftezehrend, "doch dafür lohnt sich der Schulweg."

Zahlen und Fakten zur Universitätsschule Dresden


  • Zahl der Schüler insgesamt: 650 Kinder
  • Es werden die Klassenstufen 1 bis 12 unterrichtet.
  • Eltern zahlen kein Schulgeld.
  • Auswahlverfahren: Die Schule wählt nach einem festen Schlüssel aus, um alle gesellschaftlichen Schichten abzudecken. Es sind auch Kinder aus einem migrantischen Umfeld sowie aus einkommensschwachen Familien und Kinder mit Beeinträchtigungen vertreten.
  • Pädagogisches Profil der Schule: Gemeinschaftsschule in Trägerschaft der Stadt Dresden
  • Besonderheiten: keine Noten, viel Praxis, jahrgangsübergreifender Unterricht, Lernbausteine, keine Ferien sondern Urlaub
  • Weitere Informationen zur Universitätsschule Dresden gibt es auf deren Internetseite.

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Wie geht Schule heute? Dieser Frage geht MDR SACHSEN in der Woche vom 9. bis 15. Januar 2023 in einem Themenschwerpunkt nach. Wir besuchen verschiedenen Schulen in Sachsen, stellen Modelle und neue Lernmethoden vor.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 10. Januar 2023 | 20:00 Uhr

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