Wohnraum Debatte um Flüchtlinge in Bad Berka - Ehrenamtliche helfen bei Integration

21. Februar 2024, 17:08 Uhr

In Thüringen ist der Wohnraum für Flüchtlinge knapp. Überall wird danach gesucht - auch im Weimarer Land. Ein Investor in Bad Berka bietet seine Immobilie ukrainischen Familien an. In der alten Quellbrunn-Klinik wohnen bereits elf von ihnen. Allerdings ist das Projekt nicht unumstritten.

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"Ich habe rein gar nichts gegen Flüchtlinge, aber der Ort ist der falsche." Bürgermeister Michael Jahn (CDU) ist verärgert. Die Quellbrunn-Klinik in Bad Berka steht seit Jahren leer - und das in einer Premiumlage, direkt am Kurpark, nebenan die Reha-Klinik.

"Die Quellbrunn-Klinik ist für die Stadtentwicklung extrem wichtig. Es ist meine Intention, in diesem Gebiet etwas für den Kurort zu tun. Dort soll Entwicklung stattfinden, die dem Kurort und auch der Reha-Klinik gut tut." Jahn macht keinen Hehl daraus: Wie auch seine Vorgänger würde er in dem alten Gebäude gern ein Hotel unterbringen. Das würde ihm auf dem Weg hin zum Kneippkurort helfen. Bad Berka fehlt es an geeigneten Betten.

Ein Zimmer mit einem Doppelstockbett, einem Schrank und einem Tisch.
Einige Zimmer in der alten Quellbrunn-Klinik in Bad Berka sind bereits für Geflüchtete hergerichtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vorübergehend Unterkunft für Ukrainer

Doch der Investor und sein Vermieter Alexander von Hohentramm haben aktuell andere Pläne mit der Quellbrunn-Klinik. "Natürlich wollen wir das Objekt in ein paar Jahren einer anderen Nutzung zuführen. Es kann zum Beispiel altersgerechtes Wohnen sein. Aber aktuell, in den nächsten zwei bis drei Jahren, sind nun einmal Unterkünfte für Ukrainer geplant."

Die Ausnahmegenehmigung dafür liegt vor. Zwei Jahre lang darf der Eigentümer ganz offiziell die Immobile als Wohnraum nutzen. Danach werden die Karten neu gemischt.

Im Landratsamt ist ein Aufatmen zu spüren. Apoldas Gemeinschaftsunterkunft ist voll belegt und auch in Eckolstädt ist kaum mehr Platz. "Die Menschen sind im Weimarer Land sehr ungleich verteilt", sagt Landrätin Christiane Schmidt-Rose (CDU). "Ich habe schon einen Aufruf an die Bürgermeister gestartet, Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Doch der ist verhallt. Ein Angebot aus Kranichfeld wurde nicht angenommen."

33 Wohnungen bereitgestellt

33 Wohnungen stellt Vermieter von Hohentramm bereit. Auch das ärgert Bürgermeister Jahn. "Ich fühle mich getäuscht. Ich habe nur von zehn Wohnungen gewusst." Tatsächlich hat das Landratsamt auch nur wenige Wohnungen selbst angemietet. Doch durch die komplizierte juristische Lage ist das Amt nach einem Monat Aufenthalt auch gar nicht mehr zuständig.

"Die Menschen wechseln laut Bundesbeschluss nach vier Wochen den Rechtskreis. Sie sind dann unabhängig und frei in ihrer Entscheidung und können sich überall eine Wohnung mieten", sagt Landrätin Schmidt-Rose. "Ich kann ihnen Vorschläge unterbreiten, mehr aber nicht." Von Hohentramm auf der anderen Seite ist privatwirtschaftlich unterwegs und bemüht, die Appartements voll zu bekommen.

Einwohnerversammlung in Bad Berka

200 Bürgerinnen und Bürger waren zur Einwohnerversammlung am Dienstagabend gekommen. "Das zeigt, dass sie Sorge haben und informiert werden wollen", sagt Bürgermeister Jahn.

Sorgen hat allerdings niemand öffentlich geäußert. "Wir haben noch nie ein schlechtes Erlebnis gehabt. Sie grüßen freundlich und fallen nicht weiter auf", berichtet eine Nachbarin. "Die Ukrainer integrieren sich auch ins Gemeindeleben. Ich habe sie auch schon in der Kirche gesehen." Ein anderer Bewohner Bad Berkas hat die ukrainischen Familien noch gar nicht bemerkt.

Vermieter von Hohentramm weiß zu berichten: "Unser Hausmeister hat sie auch schon zu Pflegearbeiten motiviert. Sie haben Büsche abgeholzt und Schutt abgefahren. Ich kann bisher nichts Negatives sagen." In der Versammlung gab es kaum laute Stimmen, keinen Eklat oder Beschwerden. Wenn die Bürger Sorgen haben, wie von Michael Jahn befürchtet, dann haben sie sie am Abend nicht geteilt.

Menschen bei einer Einwohnerversammlung in einem Saal.
Auf großes Interesse stieß die Einwohnerversammlung in Bad Berka. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ehrenamtliche helfen bei Integration

Vielleicht ist aber auch das Ehrenamt der Schlüssel zum Integrationserfolg. Der Unterstützerkreis in Bad Berka arbeitet rege. Ehrenamtliche kümmern sich um die Geflüchteten. Sie organisieren Freizeitangebote und helfen bei behördlichen Fragen. "Es wäre natürlich schön, wenn das ausgebaut wird. Erst recht, wenn jetzt noch mehr Flüchtlinge kommen. Aktuell sind es in Bad Berka 67 Ukrainer. Erwartet werden insgesamt 33 Familien", sagt Landrätin Schmidt-Rose.

Sie sieht eine ganz anderere Herauforderung auf Stadt und Landkreis zukommen. "Das werden die Schulplätze sein. Die Schulen haben mir jetzt schon signalisiert, dass es knapp wird. Und noch sind kaum ukrainische Kinder in den Klassen untergebracht."

Das Schulamt ist informiert. "Aber wir kommen jetzt an die Grenzen, deshalb werde ich bewusst keine Vermittlungen nach Bad Berka mehr forcieren." Doch wieder erinnert die Landrätin an die Bewegungsfreiheit der Ukrainer. Am Ende können und dürfen sie überall wohnen.

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MDR (cma/mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 21. Februar 2024 | 19:00 Uhr

42 Kommentare

Mediator vor 7 Wochen

Wenn jeder nach dem St. Floriansprinzip agiert, dann wird kein Problem gelöst werden.

Es ist klar, dass man als Kommunalpolitiker mit einer neuen Gewerbeansiedlung mehr Freunde gewinnt als mit einem Flüchtlingsheim, aber als Bürgermeister muss man sich eben auch um Angelegenheiten kümmern die kontroverser sind.
Realpolitiker lösen eben Aufgaben die sich ihnen stellen statt diese wie Rechtspopulisten zu negieren, wegzuschieben und irgendwelche Sündenböcke zu benennen.

Hier hat man ein leerstehendes Gebäude mit geeigneter Infrastruktur. Warum also nicht dem Land und Flüchtliugen helfen?

Jana vor 7 Wochen

Was stört sie daran, wenn Menschen sich einen anderen Wohnort suchen?
Vermutlich eine Konsequenz davon, dass man in manchen Gegenden Mitteldeutschlands als Ausländer nicht wirklich glücklich werden kann oder auch nur ein sicheres und unbedrohtes Leben zu erwarten hat.

Im Allgemeinen bezeichnet man so etwas als "brain drain", wenn kluge, gut ausgebildete und flexible junge Menschen eine Gegend verlassen.

Jana vor 7 Wochen

Sie machen es sich ein wenig einfach um nicht zu sagen sie hetzen gegen Flüchtlinge aus dem arabischen und afrikanischen Raum.
Erklären sie doch mal wie sie sich in einem Land in dem sie zu verhungern drohen für "bessere Lebensumstände" einsetzen wollen? Junge Männer werden in diesen Ländern auch gerne mal als Kanonenfutter für irgendwelche Milizen zwangsrekrutiert. Auch das ist ein Fluchtgrund.
10 € aus Deutschland im Monat können übrigens in diesen Regionen durchaus etwas für eine Familie verbessern, egal ob die jetzt von einer Wohltätigkeitsorganisation kommen oder von einem Geflüchteten.

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