Weimarer Land Ukrainische Kinder pendeln weiter stundenlang zur Schule

05. Januar 2024, 15:12 Uhr

Im Streit um stundenlange Schulwege für ukrainische Kinder im Weimarer Land gibt es noch keine Lösung. Das zuständige Schulamt Mittelthüringen und das Schulverwaltungsamt in Apolda haben trotz mehrfacher Treffen und Gespräche noch keinen Kompromiss gefunden.

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Rund zwei Stunden Schulweg

Ein einfacher Schulweg von rund zwei Stunden - eigentlich unzumutbar, doch im Weimarer Land ist das nach wie vor Realität. Mehr als zehn Schüler aus der Ukraine pendeln täglich von ihrem Wohnort Apolda in ihre Schule. Die liegt im 35 Kilometer entfernten Kranichfeld. Eine Lösung wurde bislang nicht gefunden.

Es scheint das typische Schwarze-Peter-Spiel zu sein: Das in Apolda zuständige Schulverwaltungsamt verweist auf das Schulamt Mittelthüringen. Das nämlich ist für die Zuweisung der Kinder verantwortlich und entscheidet, welches Kind in welche Schule geht. Beim Schulamt Mittelthüringen aber sucht man die Schuld in Apolda. Das Schulverwaltungsamt hat nämlich für ausreichend Schulen, oder aber wenigstens für gute Beförderungsmöglichkeiten zu sorgen.

Wohnungen in der Nähe der Schule angeboten

Ein Streit, ausgetragen auf dem Rücken der Kinder. Immer noch laufen sie frühmorgens zum Bus, steigen danach in die Bahn, um in Weimar umzusteigen und von Kranichfeld erneut einen Fußmarsch in Richtung Schule anzutreten. "Sie werden sehr wohl im Ort wahrgenommen. Sie kommen ja immer gemeinsam. Und in Freistunden oder wenn ihr Zug mal ausfällt, hängen sie im Jugendclub ab. Was sollen sie auch tun?" , sagt Kranichfelds Bürgermeister Jörg Bauer (Aktiv für Kranichfeld). Er ist unglücklich über die Situation, hat versucht zu helfen.

"Nachdem der Hilferuf aus dem Landratsamt kam, haben wir Wohnungen bereitgestellt. Über Monate haben wir sie vorgehalten, doch die Familie zogen nicht aus Apolda weg. Sie sind dort geblieben, brauchten den Wohnraum nicht. Jetzt haben wir ihn weiter vermietet. Es kostet ja auch alles Geld."

Rückenansicht eines kleinen Mädchens mit Schulranzen auf einer Treppe sitzend.
Die Familien der betroffenen Kinder und Jugendlichen zogen nicht aus Apolda weg. Für die Schülerinnen und Schüler heißt das: weiter pendeln und warten, wenn Unterricht ausfällt. Bildrechte: imago images/Westend61

Eltern tragen Verantwortung für Schulweg

Warum die Ukrainer das Angebot der Stadt Kranichfeld ausgeschlagen haben, weiß Bürgermeister Bauer nicht. Auch im Landratsamt schüttelt man darüber den Kopf. "Für den Schulweg tragen in erster Linie die Eltern Verantwortung", heißt es aus dem Schulverwaltungsamt.

Busse einzusetzen, die ausschließlich die 35 Kilometer von Apolda nach Kranichfeld fahren, sei illusorisch. Es fehle an Fahrzeugen und auch Personal. Der Schulbusverkehr sei ohnehin schwer abzudecken. "Zudem verkürzt auch der Einsatz eines Busses die Wegezeiten nicht wesentlich, da ein Schulbus im Überlandverkehr in der Geschwindigkeit begrenzt ist."

Vorschlag: Auch samstags unterrichten

Aus dem Landratsamt kommen aber auch Lösungsvorschläge. Warum nicht über gestaffelten Unterricht nachdenken? Einheiten am Vormittag und für andere Schüler am Nachmittag, heißt es. Dann wären alle Unterrichtsräume gut genutzt und ausgeschöpft. Auch an Samstagen dürfte gesetzlich unterrichtet werden. Wenn man das ausnutzen würde, könnten die Schüler in Apolda bleiben.

"Auf keinen Fall", sagt dazu der Leiter des Schulamtes Mittelthüringen, Ralph Leipold. "Unter so einem Modell litten dann alle Schüler. Wie sollte ich den Eltern erklären, dass ihre Kinder künftig auch samstags in die Schule gehen?"

Kranichfeld als Ausnahme

Leipold wirft der Landrätin eine grobe Pflichtverletzung vor. Sie habe Sorge zu tragen, dass ausreichend Schulgebäude vorhanden sind. Aber gerade in Apolda ist es eng. Dort landen die meisten der ankommenden Flüchtlinge und werden auch dort beschult. Christiane Schmidt-Rose (CDU) und ihr Team sind nach eigenen Angaben bemüht, die Kinder auf andere Schulen und Orte im Kreis zu verteilen.

Zug der Erfurter Bahn im Weimarer Land
Mit Bus und Zug geht es für die ukrainischen Schüler von Apolda nach Kranichfeld. Auf andere, näher gelegene Schulen konnten sie laut Landratsamt nicht verteilt werden. Bildrechte: picture alliance/dpa/Arne Immanuel Bänsch

Gelungen ist das auch im näheren Umfeld - die Schule in Kranichfeld sei eine Ausnahmesituation. Einen Hinweis von Eltern, in Apoldas Pestalozzi-Schule seien durchaus noch Plätze für ukrainische Kinder frei, weist Ralph Leipold ab. "Die wenigen freien Plätze würden nicht für alle Kranichfelder Kinder reichen. Und wen sollte ich wählen?"

Die wenigen freien Plätze würden nicht für alle Kranichfelder Kinder reichen. Und wen sollte ich wählen?

Ralph Leipold Leiter des Schulamtes Mittelthüringen

Leipold hat sich bei der Kommunalaufsicht über seine Kollegen im Schulverwaltungsamt beschwert. Gespräche blieben aber auch dort bislang ohne Ergebnis. "Man muss sich in Apolda um das Problem kümmern und endlich Immobilien schaffen." Leipold bleibt dabei.

Doch selbst wenn das Schulverwaltungsamt neue Immobilien ertüchtigt, braucht es am Ende Lehrer, die sie mit Leben füllen. Für die wiederum ist das Schulamt mit Leipold an der Spitze verantwortlich. Für ihn wäre das kein Problem: "Personal sollte nicht der Hindernisgrund sein." Eine Lösung für die Kinder, die nach wie vor stundenlang pendeln, ist also nicht in Sicht. Schon gar nicht kurzfristig. Sie werden weiter im öffentlichen Nahverkehr unterwegs sein.

MDR (cma/mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 05. Januar 2024 | 06:40 Uhr

8 Kommentare

Erfurter192 vor 19 Wochen

Ihre Ansicht halte ich für ziemlichen Quatsch. Man hat den Familien den Umzug angeboten und die wollten nicht. Das Problem ist, dass Deutschland meint, allen, die herkommen, den A…. pudern zu müssen und die haben auch ein entsprechendes Anspruchsdenken.

TomTom vor 19 Wochen

Es sind laut Artikel 2h pro Strecke. Das ist schon etwas heftig.

Aber das Beispiel zeigt das eigentliche Dilemma in Deutschland. Unsere Bürokratie! Es gibt zu viele Schreibtische, zwischen denen die Probleme verschoben, statt gelöst werden. Jeder sucht nach Argumenten, warum er nicht zuständig ist. Das kann man leider in vielen Ämtern und Firmen beobachten.

Tpass vor 19 Wochen

So kann man auch Ablehnung gegen andere schüren. Ich persönlich finde es gibt zu viel Unterstützung für andere Menschen die hier her kommen ohne nachgewiesene Not. Kümmert euch um unsere eigene Gesellschaftliche Verantwortung für Rentner Obdachlose und Behinderte.

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