Furcht vor Spaltung Tag der Einheit in Erfurt: Krieg und Krisen bestimmten Festakt

Wenig Euphorie, eher sorgenvolle Töne. Es war der Tag der Deutschen Einheit, doch die Furcht vor Spaltung, Krieg und Krise schwang mit bei der Feier in Erfurt. Bei den dreitägigen Feiern kamen Zehntausende Besucher.

Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen und Bundesratspräsident, spricht zum Festakt bei der Einheitsfeier am 3. Oktober im Theater Erfurt.
Beim Festakt zum Tag der Einheit kamen hunderte Gäste ins Erfurter Theater. Bildrechte: dpa

Führende deutsche Politiker haben in Erfurt bei einem Festakt zum Tag der Deutschen Einheit an den gesellschaftlichen Zusammenhalt und in das Vertrauen auf die eigenen Stärken angesichts aktueller Krisen appelliert.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), noch blass und hager nach seiner Corona-Quarantäne, bemühte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach seiner Infektion noch einmal Alt-Kanzler Willy Brandt mit dem Satz vom Zusammenwachsen des Zusammengehörenden - dann sprach er über die Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und versuchte, die Energiesorgen der Menschen zu dämpfen. Beides lastet auf dem Land und der Politik 32 Jahre nach der Vereinigung.

Die Reden betonten wie üblich an diesem Feiertag Gemeinsamkeit und Solidarität, doch klangen eben auch Bedenken über ein erneutes Auseinanderdriften an.

Festakt mit Staatsspitze im Erfurter Theater

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) war dafür, in der Krise zusammenzuhalten und Streit demokratisch auszutragen. "Wie wir miteinander umgehen, entscheidet wesentlich über die Stärke unseres Landes", sagte sie beim Festakt im Erfurter Theater. "Spaltungsversuche von innen und außen sind nicht spurlos an uns vorübergegangen." Fake news, Hass und Hetze richteten sich gegen den Zusammenhalt, der gerade jetzt dringend nötig sei. Sie wünsche sich weniger Wut und mehr Respekt, weniger Rechthaberei und mehr Neugier, weniger Vorurteile und mehr Empathie.

Bärbel Bas (SPD), Bundestagspräsidentin, spricht zum Festakt anlässlich der Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober.
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) spricht zum Festakt beim Tag der Einheit Erfurter Theater. Bildrechte: dpa

Sie erklärte aber auch, dass Politiker noch mehr den Kontakt von Bürgern suchen müssten. Dabei sollten sie eine verständliche Sprache verwenden sowie Teilhabe von Bürgern besser fördern. Sie warb für Bürgerräte, um Menschen zu erreichen, die sonst nicht mitdiskutieren würden. Schließlich sollte Jüngeren zugehört werden und sie mitentscheiden lassen. "Die Krisen und Aufgaben unserer Zeit treffen vor allem sie in der Zukunft", erinnerte sie. Sie erinnerte auch daran, dass vor allem Jüngere und Ältere von der Corona-Pandemie besonders betroffen gewesen seien.

Olaf Scholz im Gespräch im Theater Erfurt beim Festakt zum Tag der Einheit
Beim Empfang nach dem Festakt im Erfurter Theater. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Bundesratspräsident und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) warb für ein Miteinander der Deutschen auf Augenhöhe. Gräben könne man nur schließen, wenn man sie sich bewusst mache. Nur durch Gemeinsamkeit und Solidarität könnten die Krisen und Herausforderungen gemeistert werden, die viele Menschen in Sorge versetzten. Der Linken-Politiker nannte die Corona-Pandemie, Energieknappheit und den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. "All diese Ereignisse und Prozesse werden unsere Wirtschaftsstruktur, unsere Arbeitswelt und unsere gesamte Lebensweise verändern", sagte Ramelow.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte sich am Montag in Erfurt am Rande der Festaktes zuversichtlich gezeigt, dass Deutschland weiter zusammenwächst. Die Zukunft, die die Deutschen gemeinsam gewännen, würde eine andere, eine CO2-neutrale sein. Investitionen in erneuerbare Energien und moderne Arbeitsplätze würden für Wohlstand sorgen. Der Kanzler äußerte sich zum Festakt für die Deutsche Einheit am Montag im Erfurter Theater zuversichtlich, dass die Energieversorgung auch im Winter gesichert werden kann.

Thüringens Landeshauptstadt ist in diesem Jahr Gastgeber der zentralen deutschen Einheitsfeier, zu der Hunderte Gäste kamen, darunter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Ministerpräsidenten der Länder. Die friedliche Revolution von 1989 und die Wiedervereinigung vor 32 Jahren wurden seit Samstag mit einem dreitägigen Bürgerfest mit zehntausenden Besuchern gefeiert.

Ökumenischer Gottesdienst im Erfurter Dom

Der Tag der Einheit war am Montagvormittag zunächst mit einem ökumenischen Gottesdienst im Erfurter Dom gestartet. Gekommen waren unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundestagspräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (alle SPD), Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke).

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der mitteldeutsche Bischof Friedrich Kramer, mahnte in seiner Predigt zu Gewaltlosigkeit in Deutschland und weltweit. Der Ruf "Keine Gewalt" sei jener Konsens, der durch die friedliche Revolution in das neue Deutschland eingebracht wurde. "Und es ist die Grundlage der Demokratie". Er kritisierte dabei die Feindseligkeit bei Kundgebungen, die als Nachfolger der DDR-Montagsdemonstrationen ausgegeben werden.

Bischof Kramer erinnerte auch an die Veränderungen, die Ostdeutschen nach 1989 viel abverlangt hätten: „Für viele hier im Osten Deutschlands und in Thüringen schmeckten die Jahre nach der Vereinigung nicht nach Milch und Honig, sondern gerade die Zeit der Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit, lässt heute noch vielen hier in Thüringen die Galle aufstoßen." Jedoch gebe es auch "viele Geschichten des gelingenden Wachsens".

Bundeskanzler Scholz empfängt am Abend anlässlich der Feierlichkeiten noch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Berlin, um über die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine sowie die Zukunft der EU zu sprechen.

Dreitägiges Bürgerfest zum Tag der Einheit in Erfurt

Mehr als 100.000 Menschen besuchten von Sonnabend bis Montag die thüringische Landeshauptstadt. Nach einem regnerischen Start des dreitägigen Bürgerfests wurde der Zustrom bis zum Montag immer größer: Ramelow sprach von 90.000 Besuchern allein bis Sonntag. Zehntausende begingen in Erfurt die Einheit - nicht als Jubelfeier, aber als Fest.

Das dreitägige Bürgerfest fand in diesem Jahr unter dem Motto "Zusammen wachsen" statt. Bei Regen und Wind war der Andrang am Sonnabend zunächst verhalten, erst am Nachmittag stellten sich besseres Wetter und mehre Besucher ein. Eröffnet worden war das Fest am Sonnabend von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) auf dem Domplatz.

Eröffnung des Bürgerfestes in Erfurt.
Bei unwirtlichem Wetter wurde das Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit in Erfurt eröffnet. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Angesichts des schlechten Wetters musste ein geplantes Konzert des "Kyiv Symphony Orchestras" aus der Ukraine entfallen. Stattdessen trommelte die Samba-Gruppe Como Vento aus Altenburg.

Das Symphonieorchester, das auf unbestimmte Zeit in Gera in Ostthüringen unterkommen ist, habe es lange probiert. Letztlich sei es aber zu kalt und zu nass für die empfindlichen Instrumente gewesen. Einzelne Mitglieder des 80-köpfigen Orchesters rund um Chefdirigent Luigi Gaggero kamen dennoch auf die Bühne und bedankten sich für die Unterstützung Deutschlands.

Trommlerinnen aus Altenburg spielen zur Eröffnung eines dreitägigen Bürgerfestes zum Tag der Deutschen Einheit in der Landeshauptstadt Erfurt. Traditionell richtet das Bundesland die zentrale Feier rund um den 3. Oktober aus, das den Präsident der Länderkammer stellt.
Zur Eröffnung trommelte eine Sambagruppe aus Altenburg auf dem Domplatz. Bildrechte: dpa

Programm über Erfurter Altstadt verteilt

Noch bis Montag präsentieren sich Bundesrat, Bundestag und Bundesverfassungsgericht auf dem Domplatz. Bis in den späten Abend spielen auf den Bühnen in der Innenstadt Musiker und Bands aus ganz Deutschland. Auf dem Petersberg konnte der eigens kreierte Einheitswein probiert werden - ein gemeinsames Produkt eines Thüringer Weingutes in Bad Sulza und eines Mainzer Weingutes aus Rheinland-Pfalz.

Für die Feierlichkeiten war außerdem der Erfurt-Schriftzug auf dem Petersberg in goldene Folie gehüllt worden. Wegen des starken Windes musste diese am Sonnabend wieder entfernt werden. Zum Abschluss des Tages erstrahlt die Stadt in verschiedenen Lichtinstallationen, die am Sonntagabend wiederholt werdem.

Ramelow rechtfertigt Feiern zur Einheit trotz Krise

In seiner Ansprache erinnerte Ministerpräsident Ramelow an die Bedeutung Erfurts für die Wiedervereinigung. Die Stadt stehe für herausragende Ereignisse der deutschen Geschichte, sagte der Ministerpräsident unter Hinweis auf den Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt 1970 und den Sturm auf die Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989.

Gleichzeitig rechtfertigte Thüringens Ministerpräsident die Feiern zum Tag der Deutschen Einheit trotz Ukraine-Krieg und Energiekrise: "Ich denke, wir müssen in solchen Zeiten auch in der Lage sein zu feiern."

Stasi-Unterlagen
Seit die Stasi-Akten kurz nach der deutschen Wiedervereinigung geöffnet wurden, können ehemalige DDR-Bürgerinnen und Bürger ihre Unterlagen einsehen. Doch nicht alle haben die Möglichkeit der Akteneinsicht genutzt. Bildrechte: imago/epd

Auch Thema: Hilfen bei Gas- und Strompreisen

In seiner Rede sagte Ramelow, die Krise sei "gestaltbar" und "lösbar". Daran arbeiteten die Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen mit Nachdruck gemeinsam mit dem Bundestag, bis unmittelbar vor dem Beginn der Feierlichkeiten und wieder ab Dienstag, bekräftigte Ramelow.

"Weil die Gaspreise runter müssen, die Energiepreise runter müssen." Am kommenden Dienstag beraten die Regierungschefs der Länder mit Kanzler Olaf Scholz (SPD) über Hilfen in der Energiekrise. Die Bundesregierung hatte ein Rettungspaket von bis zu 200 Milliarden Euro angekündigt.

Erfurter Kunstwerk enthüllt

Ramelow und Erfurts Oberbürgermeister Bausewein enthüllten am Samstagvormittag auch symbolisch eine Plastik des Erfurter Künstlers Marc Jung - eine 22 in den Nationalfarben Schwarz, Rot, Gold, die mit Graffiti, Taubenmotiven und dem Schriftzug "Peace Please" verziert wurde. Die Plastik war zuvor bei einer Reise durch Thüringen und Deutschland mit vielen Unterschriften versehen worden.

Mehrere Menschen stehen auf einer Bühne.
Marc Jung (2.v.l.) bei der Enthüllung seiner Plastik. Bildrechte: MDR/ Isabelle Fleck

Auf dem Bürgerfest präsentieren sich alle Bundesländer sowie Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht. Rund 60 Institutionen und Aussteller haben ihre Teilnahme angekündigt. Auf einer Ländermeile zeigen alle 16 deutschen Länder ihre kulturellen und kulinarischen Besonderheiten.

Mehr als 60.000 Besucher am Sonntag

Nachdem am Samstag bereits rund 30.000 Besucher das Bürgerfest zum Tag deutschen Einheit besuchten, waren es am Sonntag mehr als doppelt so viele Gäste. Die Schätzungen stammen vom Veranstalter, der Thüringer Staatskanzlei. Die Regierungsbehörde nannte das bessere Wetter als Grund für den gestiegenen Zuspruch.

Besonders gut besucht war der Domplatz. Der Bundestag war mit einer simulierten Plenarsitzungen und Gesprächen mit Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen vor Ort. Ein Sprecher sagte, die Besucher seien sehr interessiert gewesen und hätten an den Informationsständen viele Fragen gestellt.

Ebenfalls gut besucht waren die einzelnen Bühnen der Bundesländer. Für den Feiertag am Montag werden noch einmal deutlich mehr Gäste erwartet. Am Mittag beginnt der offizielle Festakt. Dieser wird live aus dem Erfurter Theater in der ARD übertragen. Zum Tagesabschluss singen mehrere Chöre gemeinsam auf den Domstufen.

2.000 Polizisten am Montag in Erfurt

Scholz' Kommen war lange offen, weil er sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Eine Sprecherin der Bundesregierung sagte am Sonntagmorgen, der Kanzler werde voraussichtlich nach Erfurt reisen. Die Polizeipräsenz soll bis Montag von rund 500 Beamtinnen und Beamten auf knapp 2.000 in der Stadt verstärkt werden. Thüringen hat aktuell den Vorsitz im Bundesrat inne und richtet daher in diesem Jahr die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit aus.

Kinder tanzen vor der Bühne mit Kika-Figuren.
Auch die kleine Gäste gab es ein Bühnenprogramm auf dem Petersberg. Bildrechte: MDR/ Isabelle Fleck

Einen Überblick über das Programm in Erfurt sowie Informationen zur Anreise und Sperrungen finden Sie hier im Überblick.

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MDR (rom/dst/cfr)/dpa/epd

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 01. Oktober 2022 | 12:00 Uhr

482 Kommentare

Bernd1951 vor 9 Wochen

Hallo Wessi,
was die Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf das 3. Reich auf dem Gebiet der gebrauchten Bundesländer angeht, so gibt es unter
https://www.mdr.de/geschichte/der-fall-globke100.html
auf den Internetseiten des mdr einen m. E. dafür charakteristischen Beitrag. Gehört mit seinen Schattenseiten auch zum Tag der Deutschen Einheit.

THOMAS H vor 9 Wochen

Wessi: Das ist nicht die Ursache allein, da ja zwischendurch auch andere Parteikonstellationen regiert haben und die Unterschiede auch nicht richtig angegangen sind.

Bogensee vor 9 Wochen

Gute Analyse… Danke für das Eingeständnis, dass Leistung nicht zählt. Traurig, dass der westdeutsche selbstverliebte Netzwerker immer noch den Ton angibt. Die Evolution wird es richten.

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