Ein Brief, der ausgehängt ist
Der Brief, in dem die ältere Dame an die mutmaßliche Diebin appelliert, das Geld zurückzugeben, hängt im Supermarkt. Bildrechte: MDR/Sophie Hartmann

Geld für Enkel "Dein Gewissen wird es dir danken": Warum eine Oma an eine mutmaßliche Diebin appelliert

11. Juli 2024, 08:00 Uhr

Eine Frau findet eine Geldbörse, wirft sie später weg. Die Börse wird gefunden - es fehlen nach Angaben der Besitzerin 200 Euro. Daraufhin schreibt ihre Schwiegermutter der mutmaßlichen Diebin. Die Geschichte dahinter.

"Es war ein schon ein sehr turbulenter Tag", erinnert sich Physiotherapeutin Juliane M. Im Kindergarten liefen die letzten Vorbereitungen für die Abschiedsfete der Schulkinder. Zwei der vier Kinder von Juliane werden dieses Jahr eingeschult. Um ihren Erzieherinnen eine kleine Freude zu machen, ging die 33-Jährige während ihrer Mittagspause ein paar Geschenke einkaufen.

Nach dem Bezahlen fiel ihr versehentlich die Geldbörse aus der Tasche. Kurze Zeit später hob eine Frau das verlorene Portemonnaie auf und steckte es ein. Die Szene wurde laut Polizei von einer Überwachungskamera aufgezeichnet. Einige Tage später wurde das Portemonnaie von einer anderen Person im Weimarer Fundbüro abgegeben. Darin fehlte nach Angaben der Besitzerin nichts - außer 200 Euro Bargeld.

Viele Eurobanknoten stecken in einer Geldbörse 3 min
Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleul
3 min

Per Brief in einem Supermarkt appelliert eine Frau in Weimar an eine Taschendiebin, das gestohlene Geld für ihre Enkel zurückzugeben. MDR THÜRINGEN-Reporterin Sophie Hartmann mit der Geschichte.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 11.07.2024 08:20Uhr 02:37 min

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Geld war für Schulmaterialien der Kinder gedacht

Mit dem Geld wollte Juliane die neuen Schulmaterialien für ihre Kinder bezahlen. Eigentlich trägt die Physiotherapeutin nie so viel Bargeld mit sich herum. Sie wollte nur der kleinen lokalen Buchhandlung, in der sie die Schulhefte bestellt hat, die hohen EC-Gebühren ersparen. "Dadurch war es natürlich noch ärgerlicher, weil ich ja eigentlich nur was Gutes tun wollte", sagt Juliane.

Das ging auch Schwiegermutter Marion W., der Oma der angehenden Schulkinder, nicht mehr aus dem Kopf. "Ich habe tagelange darüber nachgedacht, weil das auch ein Thema ist, was man überall hört", erzählt sie. Mit einem Zettel-Aushang in dem Supermarkt appelliert Marion W. nun an die mutmaßliche Diebin.

Der Theaterplatz in Weimar
Im Supermarkt im Tiefgeschoss des Weimarer Goethekaufhauses (rechts) fiel Juliane die Geldbörse aus der Tasche. Bildrechte: MDR/Sebastian Großert

In dem Schreiben fordert sie die Unbekannte auf, das gestohlene Geld zurückzugeben. "Das Geld kann dir kein Glück bringen", schreibt sie. Dann weist sie die mutmaßliche Diebin an, das Geld in einen Briefumschlag zu legen und in der Physiotherapie-Praxis von Juliane abzugeben. "Dein Gewissen wird es dir danken", beendet die Oma ihren Appell.

Ich glaube, da hat jemand aus einem Moment der Schwäche heraus verkehrt gehandelt. Und ich finde, diese Schwäche sollte man korrigieren dürfen.

Marion W., Schwiegermutter des Opfers

Marion W. vermutet, dass es sich nur um einen "Gelegenheitsdieb" handelt, dem die Hand ausgerutscht ist. "Ich glaube, da hat jemand aus einem Moment der Schwäche heraus verkehrt gehandelt. Und ich finde, diese Schwäche sollte man korrigieren dürfen. Mir ist der Appell an das Gewissen und die Moral viel wichtiger als eine Bestrafung." Es gehe ihr vordergründig auch nicht um die Geldsumme. Vielmehr wolle sie alle Leser des Briefes zum Innehalten und Nachdenken anregen.

Geld noch nicht zurückgegeben

Physiotherapeutin Juliane erfuhr erst Tage später von dem Brief. Sie selber hätte sich das nicht getraut und ist von dem Einsatz ihrer Schwiegermutter gerührt. Weiterhin hofft die 33-Jährige, dass das Geld für ihre Kinder wieder auftaucht. Laut Polizei wurde das Überwachungsmaterial aus dem Supermarkt gesichert und wird derzeit ausgewertet. Sollte sich die mutmaßliche Diebin dazu entscheiden, das Geld anonym zurückzugeben, könnte sich das strafmildernd auswirken. Aber: Geschehen ist das bisher nicht.

MDR (caf)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 11. Juli 2024 | 08:20 Uhr

15 Kommentare

Gucker vor 22 Stunden

@ Anita Ich kenne die Gebühren für die EC-Zahlung - ich wollte den Kommentar nur kurz halten. Für SIe aber jetzt mal ein Detail: Bei der Sparkasse sind es 7 Cent pro Zahlung, zzgl 0,193% vom Umsatz. Hinzu kommt eine monatlche Gebühr für das EC-Gerät von 21 Euro bei Läden dieser Größe. Alles netto logischerweise. Es würden bei 200 Euro Umsatz also um die 40 Cent Gebühren für die EC-Zahlung anfallen, wenn ich es im Kopf jetzt richtig überschlagen habe. Und nein, die Finderin ist keine Diebin, sie hat nicht aktiv irgendwas gestohlen - es gab keine "Tat". Sie ist eine unehrliche Finderin, es geht hier um Fundunterschlagung. Und bei 200 Euro sind wir noch im geringfügigen Bereich.
Und bitte jetzt mal alle die Aspekte "Gewissen"-"Moral" usw. wieder einfangen, die sind was fürs Lagerfeuer. Wenn es danach geht, hätte der Bücherladen der Oma die Schulbücher schenken müssen, weil ja für die Enkel, eine gute Tat für die Vertreter unserer Zukukunft? Passiert aber auch nicht.

astrodon vor 22 Stunden

@goffman: "kann man beziffern, wie groß der Schaden für die heimische Wirtschaft durch die Einführung der Bezahlkarte ist " - Ich bin zwar nicht der @mdr, aber ich behaupte einfach mal: NULL. Für alle Waren und Leistungen, die mit der Beazhlkarte zu erwerben sind, wurden der Preis durch die Anbieter für ALLE Bezahlvarianten kalkuliert. Es mag vereinzelt Handler/Dienstleister geben (oder gegeben haben), die sich der bargeldlosen Zahlung bisher verweigerten. Bei allen anderen ist es egal, ob Sie mit VISA, Debitkarte oder "Bezahlkarte" zahlen.

astrodon vor 22 Stunden

@goffman: Es geht sehr ins OT, aber: Kreditkarten haben höhere Gebühren (0,6+0,9%) als EC-/Debitkarten (0,2+0,3%; die sind in dieser Hinsicht gleich). Von den Transktionsgebühren schrieb ich ja schon (9~12ct). Daher wird ein ordentlich kalkulierender Händler wohl die teuerste Zahlungsart mit einpreisen.

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