Landkreis Greiz Kommunal-Ehe Wünschendorf und Berga: Jetzt sprechen die Fast-schon-Verlassenen

Die Gemeinden Berga und Wünschendorf im Landkreis Greiz wollen fusionieren. Eine Hochzeit aus pragmatischen Gründen: Berga muss sich dringend vergrößern, Wünschendorf fühlt sich nicht wohl in der Verwaltungsgemeinschaft mit zehn weiteren Gemeinden. Die weisen die Vorwürfe nun zurück.

Der Ort Wünschendorf an der Elster von oben.
Wünschendorf an der Elster im Landkreis Greiz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist so eine Sache mit Paarbeziehungen: Wenn zwei sich glücklich verlieben, bleibt möglicherweise ein Dritter enttäuscht zurück. So auch im Landkreis Greiz. Berga und Wünschendorf flirten heftig miteinander und planen eine Fusion zum 1. Januar 2024 - zumindest, wenn es nach den Plänen ihrer Bürgermeister Peter Beyer (pl) und Marco Geelhaar (pl) und der zugehörigen Stadträte geht.

Der enttäuschte Dritte ist die Verwaltungsgemeinschaft Wünschendorf/Elster, der neben dem namensgebenden Wünschendorf zehn weitere Gemeinden angehören. Die Mitglieder haben sich nun zu den Austrittsplänen ihres Namensgebers geäußert.

Hochzeit statt WG

"Wir möchten betonen, dass wir den Schritt respektieren, dass Wünschendorf aus der VG austreten und mit Berga fusionieren will", sagt die VG-Vorsitzende Katrin Dix. Verwaltungsgemeinschaft oder Einheitsgemeinde durch Fusion, das seien unterschiedliche Lebensmodelle. "Eine VG ist wie eine Wohngemeinschaft: Man lebt in einer Wohnung, aber in getrennten Zimmern. Die Fusion ist eine Hochzeit, ich lebe zusammen und baue etwas Großes auf."

Alexander Zill, Bürgermeister von Linda, ergänzt: "Wir wollen Wünschendorf nicht zum Bleiben überreden." Komisch sei aber, dass scheinbar nur eine Gemeinde mit der VG Probleme habe, zehn andere nicht. Klarstellen möchten die VG-Mitglieder einige Vorwürfe, die Wünschendorf anführt und die zum Austritt bewogen haben sollen.

Der Ort Berga an der Elster in Thüringen von oben.
Berga an der Elster im Landkreis Greiz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stimmengerangel in der VG

So kritisiert Wünschendorfs Bürgermeister Geelhaar, dass seine Gemeinde als größter Geldgeber der VG nur eine Stimme bei Entscheidungen habe und sich häufig übergangen fühlte. Das sei so nicht richtig, sagt Zill: "Wir haben nur eine gemeinsame Verwaltung, ansonsten ist jeder Ort mit seinem Gemeinderat allein zuständig für sein Glück oder Unglück."

Für Abstimmungen hat jede Mitgliedsgemeinde neben dem jeweiligen Bürgermeister je angefangene 1.000 Einwohner eine zusätzliche Stimme. Bei Wünschendorf macht das neben dem Bürgermeister drei weitere Vertreter, Bürgermeister Zill aus dem Dörfchen Linda hat nur eine weitere Stimme. Dazu stellt Zill klar: Alle Gemeinden zahlen die gleiche Umlage an die VG, nämlich 110 Euro pro Einwohner. "Wünschendorf zahlt natürlich mehr ein, hat aber als große Gemeinde auch mehr zu verwalten."

Paitzdorfer Bürgermeister: Austritt spart keine Personalkosten

Und genau diese Aufgaben übernehme ja die VG, denn für keines der Mitglieder allein lohne es sich wirklich, eine eigene Verwaltung für alle Bereiche wie Bau- oder Ordnungsamt, Kämmerei oder Einwohnermeldeamt zu beschäftigen. "Mit dem Austritt spart Wünschendorf keine Personalkosten", ist sich der Paitzdorfer Bürgermeister Jörg Trillitzsch sicher.

Austritt von Wünschendorf kein Problem

In vielen Bereichen könnten die VG-Mitglieder darüber hinaus selbst entscheiden: "Wenn wir in Paitzdorf ein neues Feuerwehrhaus bauen wollen, geht das die anderen Gemeinden nichts an." Sollten Wünschendorf und Berga wie geplant fusionieren und Wünschendorf damit aus der VG austreten, würden der Gemeinschaft gut 300.000 Euro jährlich fehlen.

Finanziell sei das aber kein Problem, es gebe ja auch weniger zu verwalten, so Trillitzsch. Und die VG-Vorsitzende Dix ergänzt, dass auch kein Personal entlassen werden müsste, das könne beispielsweise über Altersteilzeit geregelt werden.

Anbau und Umbau bringen das Fass zum Überlaufen

Seit 2020 spielt Wünschendorf mit dem Gedanken, aus der VG auszutreten. Das Fass zum Überlaufen brachte wohl ein Neubau am Verwaltungsnebensitz in Seelingstädt und der Auszug der Verwaltungsmitarbeiter aus dem Wünschendorfer Rathaus in die leerstehenden Räume der ehemaligen Sparkasse. So erklärten es Geelhaar und Vertreter des Gemeinderates bei drei Einwohnerversammlungen Mitte Mai.

Ihnen stoßen Neubau und Umzug sauer auf, weil beim Beitritt Wünschendorfs 2012 festgelegt worden war, dass Wünschendorf Verwaltungshauptsitz ist. Geelhaar kritisierte, dass alle Vorschläge Wünschendorfs, wie beispielsweise der Umbau des alten Bahnhofs zum modernen Verwaltungssitz, abgelehnt worden seien. Außerdem müsste die VG Miete zahlen für die Sparkassenräume.

Bürgermeister verteidigen Auszug aus Rathaus

"Wir zahlen dort nur 1.000 Euro mehr Miete im Jahr, als wir der Gemeinde Wünschendorf an Abnutzungsgebühr und Nebenkosten zahlen müssen für die Nutzung der Räume im Rathaus", stellt der Paitzdorfer Bürgermeister Trillitzsch klar. Das Rathaus sei auf dem Sanierungsstand von 1990, nicht barrierefrei und im Winter sei es in den oberen Räumen viel zu kalt, ergänzt Lindas Bürgermeister Zill.

Man brauchte eine zeitnahe Lösung und die sei in den seit Kurzem leerstehenden Sparkassenräumen gegeben. Dort musste nicht umgebaut werden, sagt die VG-Vorsitzende Dix. Der kleine Anbau in Seelingstädt mit vier neuen Büros sei außerdem wahrlich kein Prunkbau. Aktuell müssten die Bürgermeister in der Kaffeeküche der VG tagen. Die 750.000 Euro Kosten für den Anbau wurden laut Trillitzsch zu zwei Drittel aus Fördermitteln bezahlt.

Liebe nach zehn Jahren erloschen

Wünschendorf und die Verwaltungsgemeinschaft - nach zehn Jahren scheint die Liebe der beiden zueinander erloschen und ein Fall für den Paartherapeuten. Beide Seiten wirken enttäuscht und hatten sich vermutlich mehr voneinander erhofft.

Die Gemeinderäte von Berga und Wünschendorf wollen noch in diesem Sommer über den Ehevertrag zur Fusion abstimmen, damit bestenfalls noch in diesem Jahr der Thüringer Landtag das notwendige Gesetz verabschieden kann.

MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Mai 2022 | 19:00 Uhr

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