Arbeitszeitmodell Thüringer Unternehmen führt Vier-Tage-Woche ein

In skandinavischen Ländern wird die Vier-Tage-Woche nicht nur diskutiert, sondern teils schon praktiziert. In Belgien ist sie sogar gesetzlich geregelt. Auch deutsche Unternehmen zeigen sich zunehmend offener für das Thema. Ein kleiner Familienbetrieb in Kahla macht jetzt Nägel mit Köpfen. In der Dr. Eberhardt GmbH gilt ab 1. Oktober 2022 die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich.

Eine Frau lehnt auf einem Schild vor einem Firmengelände.
Ab Oktober gibt es im Unternehmen Dr. Eberhardt in Kahla die Vier-Tages-Woche. Vieles spreche für die Einführung, sagt die Chefin Constanze Szabo. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Die Dr. Eberhardt GmbH im Kahlaer Gewerbegebiet Am Camisch (Saale-Holzland-Kreis) ist spezialisiert auf Klebetechniken - Klebstoffe, Klebebänder, technische Folien und die Gerätetechnik dazu. Vor drei Jahren hat das Familienunternehmen den neuen Firmensitz bezogen. Eine 3,5 Millionen Euro teure Investition, die sich gelohnt habe, so Geschäftsführerin Constanze Szabo. 

Alle Führungskräfte sind Frauen

Die Lage unweit der A4 sei einfach perfekt. Viele ihrer Kunden aus der optischen Industrie, dem Gerätebau oder dem Medizintechnikbereich finden sich auch im Großraum Jena. Ihr Vater, ein ehemaliger Zeissianer, hat die Firma 1990 gegründet. Nach und nach ist das Team auf inzwischen 20 Beschäftigte gewachsen - 17 davon sind Frauen.

Auch alle Führungskräfte seien weiblich, sagt die 38-Jährige nicht ohne Stolz. Sie selbst hat nach einer Banklehre Psychologie studiert und im Fernstudium ihren Master-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre gemacht. Vor fünf Jahren hat sie die Firmenleitung von ihrem Vater übernommen. Der etablierte Name Dr. Eberhardt GmbH ist geblieben. Auf einen Tochterbonus kann sie verzichten. Constanze Szabo weiß, was sie will, hat noch viele Pläne. Einen davon setzt sie nun um.

Zwei Frauen an einem Tisch.
Bei der Dr. Eberhardt GmbH sind 17 der 20 Angestellten Frauen. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Vier-Tage-Woche auch als Dankeschön gedacht

Im Sommer habe sie intensiv über das Thema Vier-Tage-Woche nachgedacht. Vieles spreche dafür. Vor allem aber sei es ein Dankeschön an die treue Belegschaft. Zusammen hätten sie in der für alle anstrengenden Corona-Zeit Hochs und Tiefs durchlebt - mit nicht funktionierenden Lieferketten und noch immer schwierigen Kunden-Lieferanten-Beziehungen.

Zudem, sagt Szabo, machten es Handwerker auf Montage vor. Bis zum Donnerstag alles schaffen, dann ist der Freitag frei.

Dieser Grundgedanke, dass man einfach Arbeitsabläufe effizienter machen kann, um so mit den Mitarbeitern in eine Win-Win-Situation zu kommen, das hat für mich den Ausschlag gegeben.

Constanze Szabo

So wird ab Oktober in der Dr. Eberhardt GmbH nur noch von Montag bis Donnerstag gearbeitet - jeweils neun Stunden - bei vollem Lohnausgleich. Pro Urlaubswoche werden nur vier Tage Urlaub angerechnet. Das Ganze solle keine Mogelpackung sein, sagt die Chefin. Auch die jährlichen Lohnerhöhungen bleiben.

Mehr Zeit für die Familie

Im Vorfeld hatte es bei einer Umfrage unter den Beschäftigten viel Zustimmung und nur wenige Bedenken gegeben. Sicher werde es etwas stressiger angesichts des größeren Arbeitspensums, so eine ältere Mitarbeiterin. Das Mehr an Erholungszeit wiege das aber wieder auf. Hausarbeit könne sie nun am Freitag erledigen und das Wochenende bleibt für die Familie, nennt eine andere als großen Vorzug.

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch.
Constanze Szabo ist für den Testlauf der Vier-Tage-Woche in ihrer Firma zuversichtlich. Bildrechte: MDR/Anke Preller

36 Stunden arbeiten und 40 bezahlt bekommen. Dazu Benzingeld sparen, weil einen Tag weniger zur Arbeit fahren, ist für eine weitere Kollegin ein unschlagbares Argument. Einspareffekte sieht auch die Chefin. Einen Tag weniger Fixkosten pro Woche, das rechne sich fürs Unternehmen gerade mit Blick auf die steigenden Energiepreise.

Denkanstoß für andere Unternehmen

Ein halbes Jahr lang soll das neue Arbeitszeitmodell in der Firma nun getestet werden. Es muss sich rechnen.

Wir dürfen natürlich nicht noch enorm drauflegen. Wir sind kein Sozialunternehmen. Es muss nach wie vor wirtschaftlich laufen.

Constanze Szabo

Constanze Szabo ist zuversichtlich. Vielleicht, sagt sie, gebe es auch anderen Unternehmern einen Denkanstoß. Dass nicht jedes Industrieunternehmen die Vier-Tage-Woche umsetzen kann, weiß sie. Taktzeiten und Schichtbetrieb machen es schwierig.

Überwiegt aber die manuelle Arbeit wie in ihrer Firma, dann hält sie es für einen guten Weg, um Mitarbeiter zu motivieren und neue zu gewinnen. Ob gerade jetzt der richtige Zeitpunkt ist für das Experiment, ist sie sich nicht sicher. Aber wann ist schon der richtige Zeitpunkt?

Ein Mitarbeiter erfasst seine Arbeitszeit digital an einem Terminal. 5 min
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39 Stunden auf Arbeit sind zumutbar und nicht alle wünschen sich weniger Stunden im Job. Doch Flexibilität und Individualität sind gefragt, sagt Arbeitsmarktforscher Prof. Enzo Weber.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 29.09.2022 08:20Uhr 04:43 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-arbeitsmarktforscher-arbeitszeit-vier-tage-woche-100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 28. September 2022 | 06:50 Uhr

12 Kommentare

Tom0815 vor 8 Wochen

Einer der Kernpunkte der 4-Tage-Woche ist eine erwartete höhere Produktivität der Mietarbeiter. Also im Idealfall wird an 4 Tage genauso viel oder mehr geschafft, als vorher an 5 Tagen. Damit könnte man vielleicht sogar den Betrieb einen Tag länger schließen und die Mitarbeiter haben mehr Freizeit.
Dazu läuft derzeit z.B. in UK ein großer Test, bei dem sich etwa 70 Unternehmen mit etwas 3300 Mitarbeitern beteiligen. Das Zwischenfazit ist dort bisher sehr positiv zugunsten der 4-Tage-Woche.

Natürlich funktioniert das nicht immer und schon gar nicht überall, aber wenn es denn funktioniert, warum denn nicht?

Ruhig mal etwas positiv denken. Es ist nicht per se alles schlecht, womit nicht alle etwas anfangen können und was in alle Gegebenheiten passt. ;-)

Fakt vor 8 Wochen

@camper21:

Wo lesen Sie denn etwas von "Staat um Hilfe bitten"?
Die Möglichkeit, dass es auch in Krisenzeiten gesunde Unternehmen gibt, ziehen Sie garnicht erst in Betracht? Es gibt eben Unternehmer die es können und solche, die es nicht so gut auf die Reihe kriegen.

Peter Pan vor 8 Wochen

Hier wird so getan, als ob das rad neu erfunden wurde. Landkaufmann in Thörey hat Monate lang neue Leute mit einer 4 Tage Woche angeworben. trotzdem sind es noch 36 Std die Woche und es wird nichts über die Stundenlöhne gesagt.
In bayern und hessen gibt es genügend Betriebe, in den es seit Jahren die 35 bzw die 30 std Woche gibt bei vollem Lohnausgleich und da geht es um deutlich höhere Löhne. Da liegen wir noch immer weit zurück.

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