Bildungswesen Laptop, Tablets und WLAN: Der lange Weg der Schulen in Thüringen zur Digitalisierung

Die einen wollen sie, die anderen haben sie, die nächsten können sie nicht nutzen - die Rede ist von Laptops und Tablets an Thüringer Schulen. Im Zuge des Digitalpakts wurden in den vergangenen drei Jahren mehr als 900 Schulen mit knapp 50.000 von solchen Geräten ausgestattet. Thüringen hat bislang 41 Millionen Euro in die Digitalisierung an den Schulen gesteckt. Dazu gehört auch die Ausstattung mit WLAN.

Die Regelschule Wilhelm Hey in Ichtershausen
Die Regelschule Wilhelm Hey in Ichtershausen im Ilm-Kreis. Bildrechte: MDR/ Andreas Kehrer

Die technische Ausstattung an den Schulen im Freistaat ist auch abhängig von der Schulform. So sind weiterführende und berufsbildende Schulen weitaus digitaler als es Grundschulen sind. Und auch bei den Pädagogen selbst gibt es unterschiedliche Voraussetzungen, sich mit digitalem Unterricht auseinander zu setzen.

Immerhin sollen bis Ende Juni alle Lehrer an staatlichen Schulen mit Laptops ausgestattet sein, teilte das Thüringer Bildungsministerium mit. Doch weit gefehlt, wer dann glaubt, ab sofort braucht es weder Papier noch Stift im Unterricht.

Laptops mit stark eingeschränkten Nutzungsrechten

An der Staatlichen Regelschule "Wilhelm Hey" in Ichtershausen im Ilm-Kreis könnten die Laptops seit gut einem Monat genutzt werden. Wie? Da seien die Pädagogen mehr sich selbst überlassen statt angeleitet worden, so Schulleiter Thomas Umbreit. Hinzu komme ein weiteres Problem. "Das sind eigentlich sehr gute Geräte. Das Problem ist aber, dass die Nutzerrechte stark eingeschränkt sind", sagt Umbreit. So könnten die Lehrer beispielsweise keine eigenen Programme aufspielen und müssten mit der Software auskommen, die bereits vorinstalliert ist.

Ein Laptop steht auf einem Tisch
Seit gut einem Monat können die Laptops an der Regelschule Wilhelm Hey" in Ichtershausen genutzt werden. Bildrechte: MDR/ Andreas Kehrer

Doch diese Software verweigere sich zum Teil Standard-Dateiformaten: "Ich arbeite schon länger im Unterricht mit den Tafeln digital und habe meine Schulstunden entsprechend vorbereitet. Der Lehrer-Laptop kann die Dateien aber nicht lesen oder formatiert sie falsch", erzählt Sebastian Kief, der seit anderthalb Jahren in Ichtershausen Ethik, Geschichte und Informatik unterrichtet.

2013 bekam die Schule die erste interaktive Tafel, bestehend aus Whiteboard, Laptop und einem Beamer mit Soundanlage. Die Schule ist mit 245 Schülerinnen und Schülern nicht gerade groß. Zwölf Klassen führen zweizügig von der fünften bis zehnten Klasse. Trotzdem dauerte es sechs Jahre, um alle Räume mit den interaktiven Tafeln auszustatten - geradezu sinnbildlich für die schleppende Digitalisierung im Thüringer Bildungssektor.

Thomas Umbreit schreibt an eine digitale Tafel.
Die "Wilhelm-Hey-Schule" in Ichtershausen hat sich schon früh selbst um eine Digitalisierung bemüht. Bildrechte: MDR/ Andreas Kehrer

WLAN immer noch nicht überall ausgebaut

Doch allein mit der Ausstattung von Schulen mit Laptops, Beamern und Tablets ist es nicht getan, denn vielen Einrichtungen in Thüringen fehlt es weiter an kabellosem Internet. Eine nicht repräsentative Umfrage des Thüringer Lehrerverbands (TLV) unter Lehrerinnen und Lehrern an 80 Schulen in Thüringen ergab, dass es in gerade einmal in einem Drittel der befragten Einrichtungen WLAN gibt.

Und dieses sei oft nur der Schulverwaltung vorbehalten. "Da werden viele Milliarden aus dem Digitalpakt abgerufen, doch an der Umsetzung scheitert es", moniert Tim Reukauf, Digitalisierungsexperte und Sprecher des jungen TLV. Der TLV fordert daher, zunächst in die Infrastruktur zu investieren.

Das hat auch die Regelschule in Ichtershausen getan - und zwar nicht mit Geldern aus dem Digitalpakt, sondern mehr oder weniger in Eigenregie. Die Internetverbindung besteht seit etwa zehn Jahren über eine Richtfunkstrecke aus dem nahe gelegenen Gewerbegebiet am Erfurter Kreuz.

Das schulinterne WLAN wurde einst mit Geldern des Schulfördervereins aufgebaut. Erst viel später wurde durch den Landkreis ein DSL-Anschluss gelegt - allerdings nur für die Schulverwaltung. Ohne die Richtfunkverbindung aus dem Gewerbegebiet gäbe es also bis heute kein Internet für den Unterricht an der Regelschule.

Warten auf Schüler-Tablets

Doch wer glaubt, damit habe sich die Schule einen Gefallen getan, der irrt abermals. Denn genau diese Richtfunkverbindung ist jetzt der Grund dafür, dass die Regelschule noch immer keinen Glasfaseranschluss hat. Und der wiederum ist eine Förderbedingung für Schüler-Tablets. Der Antrag liegt längst beim Breitband-Beauftragten des Ilmkreises. Doch andere Schulen seien noch viel schlechter dran, heißt es. Deswegen muss Ichtershausen jetzt warten. Auch auf die Schüler-Tablets, die im Unterricht aber durchaus benötigt würden.

"Die Schüler haben zwar noch ein Lehrbuch in Papierform, aber das gibt es eben auch digital mit Unterrichtsfilmen zu jeder Lektion", sagt Sophia Wirsing, die seit fünf Jahren in Ichtershausen Englisch unterrichtet. Die Filme aus dem Lehrbuch zeigt sie deshalb vorn an der Tafel. Schon vor Jahren hat Wirsing eine Lehrerfortbildung zum Thema "iPad-Klassen" gemacht und war damit vielen ihrer Kollegen einen Schritt voraus. 

Unterschiedliche Ansichten über digitale Fortbildungen

Ein Arbeitsblatt einscannen, dieses in die Schulcloud hochladen und dann von den Schülern ausdrucken und bearbeiten lassen - das sei kein digitaler Unterricht, sagt Tim Reukauf vom TLV. Er begrüßt regelmäßige Fortbildungen dazu, wie Laptops und Tablets im Unterricht eingesetzt werden. Diese bietet unter anderem das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) an.

In zentralen Veranstaltungen als auch mit regionalen Fachberatern könnten die Pädagogen sich zur digitalen Medienbildung schulen lassen. Doch von den Schulungen gebe es zu wenig, diese seien zu schnell ausgebucht und gingen oft am Bedarf der Lehrerinnen und Lehrer vorbei, so das Resümee der Umfrage des Lehrerverbands.

Die Regelschule Wilhelm Hey in Ichtershausen
Die Regelschule Wilhelm Hey in Ichtershausen Bildrechte: MDR/ Andreas Kehrer

Dem widerspricht das ThILLM vehement und verweist auf knapp 2.400 Veranstaltungen mit mehr als 23.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den vergangenen zwei Jahren. Die fänden zum Teil online statt, seien also einer unbegrenzten Menge an Interessierten zugänglich.

Wunschdenken und Wirklichkeit

"Dem ThILLM liegen keine Erkenntnisse vor, dass die angebotenen Fortbildungen nicht ausreichen oder am Bedarf der Schulen vorbeigehen würden", teilte ein Sprecher MDR THÜRINGEN mit. Auch die Schulträger selbst könnten den Bedarf an den jeweiligen Schulen ermitteln und Weiterbildungen anbieten.

Dennoch bleibt vieles an Thüringer Schulen Stückwerk - trotz der vielen investierten Millionen. So eben auch an der Wilhelm Hey-Regelschule in Ichtershausen - wo Glasfaser vor der Schule liegt, aber nicht angeschlossen ist. Wo Lehrerin Sophia Wirsing zwar die Fähigkeit hat, Schülerinnen und Schüler am Tablet zu unterrichten, aber die Geräte nicht da sind. Und wo Lehrer-Laptops gängige Dateiformate nicht öffnen können.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 26. Mai 2022 | 07:00 Uhr

15 Kommentare

Nordth81 vor 4 Wochen

Da stimme ich grundsätzlich zu, aber die Welt entwickelt sich nun einmal weiter.
Wie Hobby-Viruloge007 weiter unten schon schrieb ist es zwingend notwendig Medienkompetenz und Datenschutz zu vermitteln. Aber wer soll das vermitteln???
Der überwiegende Teil der Lehrkräfte sind doch selber im Bereich IT und Medien im Tiefflug unterwegs.
An der Schule unseres Sohnes wissen 95% der Lehrkräfte nicht was Sie tun.
Ohne Kinder die technisch einigermaßen bewandert sind, scheitert es schon einen Laptop per HDMI an einen Beamer anzuschließen. Bei uns ist der gute alte Polilux und Karteikarten noch das Maß der Dinge. Mit einer Powerpoint ist man der Exot. Ich habe mehrere Lehrer in der Verwandtschaft, daher weiß ich an vielen Schulen in Thüringen ist es nicht weniger katastrophal. Auch die Einstellung der meisten Lehrkräfte zu diesen Thema ist eine Katastrophe.
Aber die Schulen bereiten ja so super auf das spätere ( Berufs- ) Leben vor......
Das ich nicht Lache........

sorglos vor 4 Wochen

Wie wäre es, wenn die Kinder erst mal Lesen und Schreiben OHNE tablets etc.lernen? Wie wäre es, wenn die Kinder rechnen lernen OHNE digitale Medien? Erst dann haben sie Verständnis, dass diese Medien kein Ersatz für das menschliche Gehirn sind. Erst dann würden sie lernen, in ganzen Sätzen zu sprechen und in der 10. Klasse Prozentrechnung beherrschen...

Hobby-Viruloge007 vor 4 Wochen

Ich sehe es etwas komplexer. Es gibt sicherlich an einigen Punkten Mehrwerte (z.B. Fremdsprachen). Möglicherweise erläutert Lehrer Schmidt auf YT Sachverhalte besser, als mancher schlechte Mathelehrer.

Gelehrt werden muss unbedingt Medienkompetenz und Datenschutz, damit die Schüler verstehen, wie sie sich in dem Medium bewegen und wann sie das Produkt sind.

Dann hätte man noch die IT selbst, also die Frage wie programmiere ich, wie funktioniert die Technik.

Zusätzlich sind Computer auch ein wunderbares Werkzeug um kreativ zu sein. (Film oder Musikproduktion)

Die Schulen mit ihren Konsum-Ipads bleiben leider häufig bei Punkt 1 stecken und schaden, da sie die Kinder nur an geschlossene Konsum-Systeme gewöhnen.

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