Ausbildungsprojekt Azubis aus Vietnam in Südthüringen: Die Sprache ist die größte Hürde

Porträt Regionalkorrespondentin Marlene Drexler
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Seit fünf Jahren wirbt die Industrie- und Handelskammer gemeinsam mit der Handwerkskammer in Südthüringen Auszubildende aus Vietnam an. Ein Mittel, um dem Fachkräftemangel in der Region zu begegnen. Wie erfolgreich ist das Projekt in der Praxis? Welche Erfahrungen machen die Betriebe? Und wie viele der Auszubildenden bleiben ihren Betrieben am Ende erhalten? Eine erste Bilanz.

Neue Azubi-Staffel ´21 der IHK Südthüringen
Die Azubis des Jahrgangs 2021 der IHK: Seit 2017 wurden über 150 Jugendliche aus Vietnam nach Südthüringen geholt. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Nguyen Manh Hung hat seine Heimat Vietnam vor zwei Jahren in Richtung Südthüringen verlassen. Seine Eltern waren erst skeptisch, wie der 21-Jährige erzählt. Mittlerweile ist Hung im dritten Lehrjahr. Er macht eine Ausbildung zum Metallbauer. Hung ist einer von zwei vietnamesischen Auszubildenden in seinem Lehrbetrieb, dem Maschinen- und Förderanlagenhersteller Huldreich Lind.

Das kleine Familienunternehmen mit Sitz in Rippershausen bei Meiningen beschäftigt insgesamt zwölf Mitarbeiter. Auch für Huldreich Lind ist es den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, auf gewöhnliche Art Azubis zu finden. Über die Teilnahme an dem Vietnamprojekt sagt Geschäftsführerin Marion Schlegel: "Wir haben uns darauf eingestellt, dass das ein kleines Abenteuer wird."

Hung an seinem Arbeitsplatz
Nguyen Manh Hung an seinem Arbeitsplatz. Der 21-Jährige ist mittlerweile im dritten Lehrjahr der Ausbildung zum Metallbauer. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Im Gespräch mit Hung wird auch klar: Für ihn war der Weg nach Deutschland nicht nur eine Chance, seine eigene Zukunft zu gestalten. Verlassen hat er seine Familie auch, um sie finanziell unterstützen zu können. Neben der Ausbildung arbeitet er am Wochenende noch in einem Schnellrestaurant.

Über 150 vietnamesische Jugendliche in fünf Jahren vermittelt

Seit 2017 wurden über das Ausbildungsprojekt von Industrie- und Handelskammer (IHK) und Handwerkskammer (HWK) mehr als 150 Jugendliche aus Vietnam nach Südthüringen geholt. Die Südthüringer Kammern arbeiten dafür mit einem Dienstleister in Vietnam zusammen. Dieser sucht in Schulen nach interessierten Jugendlichen. Teilnehmer bekommen dann mindestens ein Jahr Sprachunterricht.

Die Einreise nach Deutschland ist erst dann möglich, wenn ein Sprachtest mit dem Niveau B2 bestanden wurde. Damit liegt die Sprachanforderung des Projekts höher, als es das Gesetz vorschreibt. Laut dem Fachkräfte-Einwanderungsgesetz reicht für ausländische Azubis auch schon ein Nachweis über B1, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Trotz Förderung: Vietnamesische Azubis für die Betriebe teurer

Die Kosten für die Sprachausbildung in Vietnam trägt das Land Thüringen. Den Flug nach Deutschland müssen die Jugendlichen selbst bezahlen. Dennoch bedeutet die Aufnahme eines vietnamesischen Azubis für die Betriebe einen finanziellen Mehraufwand. So müssen ausländische Azubis laut Gesetz in der Lage sein, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Der Gesetzgeber benennt dafür eine Orientierungssumme von mindestens 950 Euro pro Monat. Geld, das vom Betrieb als monatlicher Lohn bezahlt werden muss.

Darüber hinaus werden die vietnamesischen Azubis durchgängig sozialpädagogisch betreut. Teile der dadurch anfallenden Kosten übernehmen ebenfalls die Lehrbetriebe. Zudem ist es Aufgabe der Betriebe, den Azubis eine Unterkunft zu vermitteln.

Neue Azubi-Staffel ´21 der IHK Südthüringen
Die Azubi-Staffel 2021 aus Vietnam: Die Sprachbarriere erwies sich zu Beginn als das größte Problem. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Sprache als größte Herausforderung

Marion Schlegel hat ihren vietnamesischen Lehrlingen eine Wohnung im nahegelegenen Walldorf organisiert. Mittlerweile fühle er sich in dem kleinen Ort wohl, sagt Nguyen Manh Hung. Gegen das anfängliche Heimweh habe auch die familiäre Stimmung im Betrieb geholfen. Anders als er früher gedacht hatte, seien die Deutschen auch lustig, nicht nur streng.

Hung sei handwerklich sehr talentiert, erzählt seine Chefin Schlegel. Auch übernehme er jetzt schon Arbeiten am Computer, die so in der Ausbildung eigentlich noch nicht vorgesehen seien. Die größte Herausforderung - darin sind sich beide Seiten einig - war die Sprache. "Am Anfang ging das nur mit Händen und Füßen", berichtet Schlegel. Ein B-Sprachniveau sei das bei Weitem nicht gewesen.

Die erste Ausbildungszeit sei daher vor allem für Deutsch-Nachhilfe draufgegangen. Ähnliches ist auch aus anderen Betrieben zu hören. Trotz umfangreicher Sprachausbildung hätten die Deutschkenntnisse oft für einen guten Start in die Ausbildung nicht ausgereicht. In vielen Fällen sei Nachhilfe notwendig gewesen.

Kunstobjekt als Metall
Handwerkliches Talent unter Beweis gestellt: Während seiner Ausbildung hat Hung bei Huldreich Lind dieses Kunstobjekt angefertigt. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Wie hoch ist die Quote derer, die bleiben?

Für die Unternehmen ist am Ende die zentrale Frage: Wie hoch ist die Chance, dass die Azubis auch nach der Ausbildung im Betrieb bleiben, sodass sich die Investitionen lohnen? Laut den Statistiken der IHK sind bisher rund 80 Prozent der mehr als 150 vietnamesischen Azubis ihren Betrieben erhalten geblieben.

Unter den Teilnehmenden der Staffel, die im September ihre Abschlusszeugnisse bekommen haben, waren es zuletzt 17 von 19. Ob die Verbleibequote von 80 Prozent auch längerfristig gilt, bleibt natürlich abzuwarten. Denn ob die Gebliebenen auch nach einem Jahr noch da sind, erfasst die Statistik nicht.

Manche Betriebe verlieren die meisten Projektteilnehmer wieder

Natürlich gebe es trotz der auf den ersten Blick positiven Zahlen auch Probleme, wie IHK-Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas einräumt. Nicht alle Betriebe hätten gleiches Glück. Ein Beispiel sind die Meininger Wurstspezialitäten. Ihre Quote ist zum Beispiel deutlich schlechter. Das Unternehmen hat mehrere Jahre in Folge an dem Vietnam-Projekt teilgenommen. Von insgesamt zwölf Azubis, die ihre Lehre erfolgreich abgeschlossen haben, ist bisher nur einer im Betrieb geblieben.

"Ich denke, wir hatten auch einfach Pech", so Geschäftsführer Alexander Voigt. Die Gründe für den Weggang seien unterschiedlich gewesen und doch - hört man sich in den Betrieben um - auch exemplarisch. Einige seien direkt nach der Ausbildung zu Familienmitgliedern außerhalb von Südthüringen gezogen, andere hätten in die Großstadt gewollt.

Alexander Voigt, Geschäftsführer der Meininger Wurstspezialitäten am Tisch
Der Geschäftsführer der Meininger Wurstspezialitäten, Alexander Voigt: "Ich denke, wir hatten auch einfach Pech." Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Auch Heimweh nach Vietnam spiele eine Rolle. Grundsätzlich hätte der Betrieb die vietnamesischen Azubis gerne übernommen, so Voigt: "Die Leistungen waren eigentlich durchgängig sehr gut." Auch die Integration in die Belegschaft sei nie ein Problem gewesen. Unterschiedliche Kulturen - das sei bei den Meininger Wurstspezialitäten ganz normal. "Bei uns arbeiten Menschen aus 17 verschiedenen Nationen", so Geschäftsführer Voigt.

Projekt soll weiterentwickelt werden

Auf den bisher gemachten Erfahrungen möchten die Kammern das Projekt weiterentwickeln. Zum einen wollen sie sich darum bemühen, dass Teile der Sprachausbildung nach Deutschland verlagert werden. Die Hoffnung sei, dass die Sprachkenntnisse dadurch verbessert werden können und die Jugendlichen gleichzeitig mehr Zeit hätten, sich vor dem Ausbildungsstart einzuleben.

Viele Themen seien für die Jugendlichen komplett neu, ob nun das deutsche Steuer- und Sozialsystem, einen Mietvertrag abzuschließen oder die Frage, wie man eine Waschmaschine anschließt. Erfahrungen, die auch Alexander Voigt von den Meininger Wurstspezialitäten gemacht hat. "Die Jugendlichen haben in der Regel vorher nicht alleine gewohnt, da muss viel Grundlegendes erklärt werden."

Jugendliche auch aus ländlichen Regionen Vietnams

Laut Pieterwas akquiriert der vietnamesische Kooperationspartner zudem neuerdings nicht mehr nur Jugendliche in Hanoi, sondern auch in ländlichen Regionen. Es bestünde die Hoffnung, dass sich diese Jugendlichen leichter an die Südthüringer Region anpassen können und der Reiz der Großstadt für sie möglicherweise geringer ist.

Perspektivisch möchte die IHK die Zahl der Azubis deutlich erhöhen. Ziel sei es, von bisher jeweils weniger als 40 auf bis zu 100 Vermittlungen pro Ausbildungsjahr zu kommen. Dafür müssten jetzt weitere Südthüringer Betriebe für das Projekt geöffnet werden, so Pieterwas.

IHK Südthüringen Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas
Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer der IHK Südthüringen: Der vietnamesische Kooperationspartner werbe neuerdings nicht mehr nur Jugendliche in Hanoi, sondern auch in ländlichen Regionen für das Projekt an. Bildrechte: imago images/ari

Trotz einiger Schwierigkeiten: Betriebe loben das Projekt

Auch wenn nicht alles glatt läuft, zieht Alexander Voigt von den Meininger Wurstspezialitäten unterm Strich eine positive Bilanz: "Das Engagement von IHK und HWK ist gut und richtig." In diesem Jahr hat der Betrieb zwar ausgesetzt, er wolle jedoch beobachten, welche Erfahrungen die anderen Betriebe weiterhin machen.

Über die Teilnahme an einem anderen Projekt haben die Meininger Wurstspezialitäten in diesem Herbst vier Azubis aus der Mongolei gewinnen können. Laut Voigt sind sie älter als die vietnamesischen Azubis und dadurch auch eigenständiger, so sein Eindruck.

Hung mit seinem vietnamesischen Azubi-Kollegen
Hung mit seinem vietnamesischen Azubi-Kollegen: Seine Abschlussprüfung möchte der junge Mann schon nach drei Jahren absolvieren. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Bei Huldreich Lind in Rippershausen will Geschäftsführerin Marion Schlegel ihre beiden vietnamesischen Azubis zunächst einmal bis zur Abschlussprüfung begleiten. Ob der Betrieb danach ein zweites Mal an dem Vietnam-Projekt teilnehmen wird, ist noch nicht klar. Für ihr kleines Familienunternehmen seien die Kosten doch recht hoch.

Dennoch bereut Schlegel ihre Entscheidung keineswegs: "Wir haben dadurch viele neue Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte." Hung möchte beantragen, seine Abschlussprüfung schon nach drei Jahren absolvieren zu dürfen. Schlegel wird ihn dabei unterstützen und hofft, dass er danach bei Huldreich Lind bleibt.

MDR (sar)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 14. Oktober 2022 | 18:35 Uhr

7 Kommentare

OOOO vor 5 Wochen

Das Bürgergeld wird weiter dafür sorgen, das sich einige in die soziale Hängematte verabschieden, Arbeit lohnt nicht mehr bei der Umverteilung zu Gunsten Arbeitsunwilliger
Was hat D schon alles unternommen um Fachkräfte zu rekrutieren, Greencard u. was ist daraus geworden, nichts
Jedes Jahr verlassen sehr gut ausgebildete Akademiker das beste D, warum?

O.B. vor 6 Wochen

Gute fachmännische Ausbildung und dann geht es ab nach Hause. Da wird man dann sicher mit offenen Armen empfangen. Es ist so albern zu denken das man Jugendliche aus aller Welt ran holen muss um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Vielleicht ist das der letzte Versuch den Niedriglohnsektor aufrecht zu erhalten. Polnische Pendler sind ja zb auch weiterhin heiß begehrt. Im Namen der Weltoffenheit schafft man ein Land stk für stk ab. Ich wüsste kein anderes europäisches Land welche so an seiner Auflösung arbeitet wie wir.

schwester65 vor 6 Wochen

Warum werden die wenigen ausländischen Azubis hier als solcher Durchbruch gefeiert, wenn man zeitgleich noch immer nichts gegen die Abwanderung von Fachkräften unternimmt oder versucht, die einheimischen Hartz-4-Empfänger und die Hunderttausenden Geflüchteten in Lohn und Brot zu bringen.
Für mich ist das nichts als Augenwischerei. Auch diese jungen Vietnamesen werden sicher größtenteils nicht in Deutschland verbleiben, wenn sich an den Nettogehältern nicht endlich etwas ändert und es sich in Deutschland nicht endlich wieder lohnt, einer Arbeit nachzugehen.

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