Kinder und Betreuer im Jugendklub Nordlicht in Suhl
Für viele Kinder und Jugendliche ist das "Nordlicht" ein zweites Zuhause. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Erhebliche Kürzungen Suhl spart bei der Jugend: "Es trifft die, die sich am wenigsten wehren können"

14. März 2024, 17:50 Uhr

Ab kommendem Jahr werden in Suhl die Mittel für Jugendarbeit empfindlich gekürzt. Als Folge muss auch einer von drei Jugendclubs schließen. Was bedeutet das für die Betroffenen?

Porträt Regionalkorrespondentin Marlene Drexler
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Kindern und Jugendlichen von heute wird oft vorgeworfen, dass sie zu viel am Smartphone hängen. Für manche, die zuhause wenig Strukturen haben, ist das auch eine Frage der Alternativen. Ein niedrigschwelliges Angebot, um die Freizeit sinnvoll und nicht allein zu verbringen, bieten Jugendclubs. Auch in Suhl gibt es drei Stück davon.

Jugendförderplan sieht Kürzungen vor

Weil die Stadt allerdings sparen muss, wird einer davon - das "Nordlicht" - zum Ende des Jahres geschlossen. Hintergrund ist der neue Jugendförderplan, der insgesamt weitreichende Mittelkürzungen vorsieht.

Demonstration
Die Kinder und Jugendlichen haben gegen die Kürzungen protestiert. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Gegen die Pläne stimmten im Stadtrat die Fraktionen Linke und SPD. Die Linke sprach von einem "Schlag ins Gesicht und dem Ende einer soliden Jugendhilfe in der Stadt."

Zufluchtsort für Kinder und Jugendliche

Ein gewöhnlicher Nachmittag im "Nordlicht". In einem Raum spielen Jungs Tischtennis, in einem anderen macht ein Mädchen seine Hausaufgaben. Der Jugendclub ist immer von Dienstag bis Samstag zwischen 13 und 19 Uhr geöffnet. Laut Einrichtungsleiter André Strauß kommen täglich zwischen zehn und zwanzig Mädchen und Jungs vorbei.

Kinder und Betreuer im Jugendklub Nordlicht in Suhl
Die Sozialarbeiter haben einfach Zeit für die Kinder und Jugendlichen. Bildrechte: Nordlicht

Vor allem Heranwachsende aus sozial benachteiligten, zum Beispiel bildungsfernen oder migrantischen, Familien. Auch aus dem benachbarten betreuten Wohnen, in dem vom Jugendamt in Obhut genommene Jugendliche leben, gebe es regelmäßige Besucher: "Wir locken sie noch mal raus und geben den Jugendlichen auch die Möglichkeit, sich in verschiedenen Bereichen auszuprobieren", beschreibt der Pädagoge das Ziel der Jugendclub-Arbeit.

Im "Nordlicht" werden zum einen sportliche Angebote organisiert. Ein Junge berichtet vom Bogenschießen im Sommer, ein Erlebnis, das ihm offenbar besonders in Erinnerung geblieben ist.

Schlagzeug
Wer möchte, kann hier auch Musik machen. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Die Jugendlichen können sich aber auch musikalisch ausprobieren, einmal die Woche gibt es zum Beispiel Gitarrenunterricht. "Wir sind dann auch in der Lage, sie an Vereine weiterzuvermitteln, wenn sie ein Talent entdecken oder Spaß an einer Sache haben", so Clubleiter Strauß.

Wir locken sie noch mal raus und geben den Jugendlichen auch die Möglichkeit, sich in verschiedenen Bereichen auszuprobieren.

André Strauß Einrichtungsleiter

Es gehe darum, die Jugendlichen positiv in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Auch einen gut genutzten PC-Raum gibt es, die Nutzungszeit sei aber auf maximal zwei Stunden pro Jugendlicher am Tag begrenzt.

Stellen in der Jugendhilfe gestrichen

Seit 2018 hat Suhl jährlich 1,2 Millionen Euro für Jugendsozialarbeit plus einer eingespeisten Teuerungsrate ausgegeben. Ab 2025 soll die Gesamtsumme auf eine Million gedeckelt werden. Konkret bedeutet das: In der offenen Jugendarbeit fallen ab dem kommendem Jahr 6,6 Vollzeitstellen weg. Und weil der neue Jugend-Etat keine Teuerungsrate berücksichtigt, werden in den kommenden fünf Jahren weitere Stellen wegfallen. Ein Umstand, auf den die Stadt selbst hinweist.

Kinder und Betreuer im Jugendklub Nordlicht in Suhl
Auch Sport spielt im "Nordlicht" eine wichtige Rolle. Bildrechte: Nordlicht

Bis 2029 werden das schätzungsweise fünf weitere Vollzeitkräfte sein. In der Schulsozialarbeit sollen dafür ab 2025 3,4 neue Vollzeitstellen entstehen. Die Stadt rechtfertigt den neuen Jugendförderplan einerseits mit Spardruck. Auch das Land habe seine Zuschüsse gesenkt. Und andererseits spricht sie von angeblich veränderten Bedarfen. So seien laut der Verwaltung die Nutzerzahlen des Jugendklubs "Nordlicht" rückläufig.

Die Pädagogen vor Ort rund um André Strauss widersprechen dem, ihrer Dokumentation nach sind die Zahlen stabil. "Wir wollen der Stadt nicht vorwerfen, dass sie lügt, aber wir verstehen nicht, wie sie zu dieser Aussage kommt", so einer der Mitarbeiter.

Wir wollen der Stadt nicht vorwerfen, dass sie lügt, aber wir verstehen nicht, wie sie zu dieser Aussage kommt.

Jugendclub-Mitarbeiter

Die Bevölkerung in Suhl sinkt, laut Stadt nimmt auch der der Anteil von Kindern und Jugendlichen ab. Das "Nordlicht" befindet sich im Stadtteil Suhl Nord, aus dem seit der Wende viele Menschen weggezogen sind. Die Stadt hat deshalb Wohnblöcke, in Suhl Nord sind es vor allem Plattenbauten, nach und nach abgerissen.

Weniger Bewohner im Stadtteil

Von ehemals 15.000 Menschen leben in dem Stadtteil heute nur noch um die 2.000. Die Zahl erscheint klein, dahinter stecken aber Familien und Kinder mit besonderen Bedarfen. Es sind Kinder, die beispielsweise bei Problemen mit Hausaufgaben oft nicht auf ihre Eltern zählen können.

Jugendclub-Leiter André Strauß sagt: "Es trifft hier die, die sich am wenigsten wehren können". Er hätte sich gewünscht, dass es eine weniger radikale Entscheidung gegeben hätte. "Einen Weg für das Nordlicht, der mit dem langsamen Tempo des weiteren Rückbaus von Suhl Nord korrespondiert".

Betreuer im Jugendklub Nordlicht in Suhl
Jugendclub-Leiter André Strauß bedauert die Entscheidung der Stadt. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Er und sein Team hätten sich im Sinne der Kinder gefreut, wenn wenigstens noch zwei oder drei Vollzeitbeschäftigte geblieben wären und das Angebot verringert, aber nicht gleich abgeschafft wird.

Es trifft hier die, die sich am wenigsten wehren können.

Jugendclub-Leiter André Strauß

Zukunft der Mitarbeitenden noch unklar

Wie es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im neuen Jahr weitergeht, ist noch offen. Die Stadt schreibt, sie hoffe, alle diejenigen, die wollen, an anderer Stelle weiter beschäftigen zu können. Für den größten verbliebenden Jugendclub, die "Jugendschmiede" im Suhler Stadtzentrum, wird derzeit ein neuer Träger gesucht.

Keine Alternative für Kinder und Jugendliche

Fragt man den 11-jährigen Oliver, warum er gerne Zeit im "Nordlicht" verbringt, bekommt man eine freche Antwort: "Herr Strauß ärgert zwar gerne Kinder, hat aber auch eine nette Seite". Man kann erahnen, dass es hier nicht immer nur harmonisch zugeht. Klar ist aber, der Jugendclub bietet einen Raum, in dem keine Ansprüche an die Kinder gestellt werden. Und gleichzeitig durch die Erzieher und Pädagogen Menschen da sind, die ein offenes Ohr für ihre Probleme haben.

Kinder im Jugendklub Nordlicht in Suhl
Die Kinder wissen nicht, wo sie in Zukunft hingehen sollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und was dachte der 11-Jährige als er davon gehört hat, dass der Club schließt? "Ich dachte, warum? Warum machen die sowas?" Auch für Kira, ebenfalls 11 Jahre alt, die fast täglich in den Jugendclub kommt, ist die radikale Entscheidung schwierig zu verkraften: "Ich finde es gemein, dass er schließt. Ich kenne sonst keinen anderen Ort, an den ich gehen kann." Sie habe im Nordlicht sogar eine Freundin gefunden.

Das zierliche, rothaarige Mädchen springt selbstbewusst zwischen Tischtennisplatte und Theke, an der man Getränke und Kleinigkeiten zu Essen bekommt, herum.

Ich finde es gemein, dass er schließt. Ich kenne sonst keinen anderen Ort, an den ich gehen kann.

Kira

Ein kleines Mädchen mit lockigen Haaren und Brille zeigt stolz ein Bild von sich auf einer Demonstration für den Erhalt des Clubs vor wenigen Tagen auf dem Marktplatz. Was bedeutet ihr das "Nordlicht"? "Dass man hier immer viel lachen kann."

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MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 14. März 2024 | 07:20 Uhr

8 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 10 Wochen

So geht Umverteilung. Für diverses Zeitgeschehen ist nix zu teuer und aufwendig.
Man wird es weiter spüren bei Kindern + Jugendlichen, denn =>
"Die Bundesregierung plant nach eigenen Angaben kein weiteres Milliardenprogramm zum Ausbau von Kitaplätzen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Unionsfraktion hervor, die dpa am Freitag vorlag."
90.000 zusätzliche Kindergartenplätze fallen, wohin auch immer, weg.

Hobby-Viruloge007 vor 10 Wochen

Nordlicht hat eine Webseite. Die bringen richtig was auf die Strasse, was gut und wichtig ist.
Man findet dort aber auch sieben Mitarbeiter, die anscheinend dort arbeiten. Nun werden die nicht alle Vollzeit da sein.
Das ist trotzdem eine Menge Holz. Vermutlich kann und sollte man etwas sparen. Die vom Einrichtungsleiter genannte Größe von 2-3 VZB erscheint angemessen
Bei uns in der Region neben die Inobhutnahmen gerade sprunghaft zu. Anscheinend kommen viele Eltern nicht mehr klar.
Umso wichtiger sind Auffangeinrichtungen für Kinder und Jugendlichen, wer da ohne Sinn und Verstand spart, wird es in der Zukunft mit Problemen bezahlen



AlexLeipzig vor 10 Wochen

Es ist aber auch nicht sinnvoll, die einen Schwachen gegen die anderen Schwachen auszuspielen. Vielleicht hätte die Stadt auch Möglichkeiten gehabt, das fehlende Geld an anderer Stelle einzusparen, dort, wo es weniger wehtut - beispielsweise in der Verwaltung...

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