Polen Wie die PiS die rebellische Jugend umerziehen will

Polens Regierungspartei PiS hat ein Problem – sie findet keinen Draht zur polnischen Jugend, die immer liberaler wird und mit dem nationalkonservativen Profil der PiS nichts anfangen kann. Bildungsminister Czarnek startet deshalb eine Art Kulturrevolution an Polens Schulen: Junge Menschen sollen zu treuen PiS-Wählern und eifrigen Katholiken (um)erzogen werden.

Polen gilt als katholisch-konservative Hochburg der EU – ein Land, in dem die größte Christusstatue der Welt steht, die Kirchen noch voll sind und die Regierungspartei sich als Hüterin des Glaubens gibt. Doch das könnte schon bald Geschichte sein. Denn die polnische Jugend hat, ein wenig unbemerkt, einen enormen Wandel vollzogen: Die Generation "Netflix" ist überwiegend weltoffen, (links)liberal und tolerant – und unempfindlich für patriotische und religiöse Gefühle.

Polens Jugend säkularisiert sich rasant

Die polnische Jugend distanziert sich immer stärker vom Glauben. Während 55 Prozent der älteren Polen (über 40) noch Woche für Woche die Sonntagsmesse besuchen, liegt der Anteil der regelmäßigen Kirchgänger unter jüngeren Befragten nur noch bei 26 Prozent. Tägliches Beten deklarieren 39 Prozent aus der älteren Gruppe und lediglich 14 Prozent aus der jüngeren.

Quelle: Pew Research Center, 2018

"Regenbogen-Freitag"

Besonders sichtbar waren diese Tendenzen nach der Verschärfung des Abtreibungsrechts im Oktober 2020. Damals beteiligten sich junge Menschen massenhaft an den Protesten. In der anschließenden Zeit des Fernunterrichts luden viele Schüler das Logo des "Frauenstreiks" als Profilbild auf Facebook und in den Lernplattformen hoch – was ihnen nicht selten Ärger mit der Schule einbrachte.

Menschen mit Regenbogenfahne
Bei der jährlichen "Aktion Regenbogen" demonstrierten für mehr Toleranz gegenüber LGBTQ-Community - oft auch gegen den Willen der Schulleitungen. Bildrechte: imago images/Eastnews

Ebenso zahlreich beteiligte sich Polens Jugend ein Jahr zuvor an der Aktion "Regenbogen-Freitag", die an Schulen für mehr Toleranz gegenüber Lesben, Schwulen und Transgender-Personen warb. Dort, wo die Schulleitung auf Druck der Politik den "Regenbogen-Freitag" abgesagt oder verboten hatte, organisierten Schüler ihn in Eigenregie und kamen demonstrativ mit Regenbogen-Socken, -Blusen und -Fahnen in den Unterricht.

Solche "Umtriebe" will der konservative Bildungsminister Przemysław Czarnek unterbinden. Ihm schwebt eine Art "Konterrevolution" vor, die das Rad der Geschichte zurückdrehen soll: Polens liberale Jugend soll wieder konservativ(er), patriotisch(er) und gläubig(er) werden – damit sie später die PiS-Partei wählt. Dass dies das vorrangige Ziel dieses neuen Kulturkampfs ist, gab Czarneks Parteikollege und stellvertretende Parlamentspräsident Ryszard Terlecki unumwunden zu.

Przemyslaw Czarnek
Polens Bildungsminister Przemysław Czarnek will Polens Jugend zu katholischen Patrioten erziehen. Bildrechte: imago images/newspix

Przemysław Czarnek: Polens konservativer Bildungsminister

Przemysław Czarnek: Jahrgang 1977, studierter Jurist, Dozent an der Katholischen Universität Lublin, 2015-2019 Woiwode ("Regierungspräsident") der Region Lublin, seit Oktober 2020 Bildungsminister.

Nach dem Tod seiner Eltern nahm sich sein Onkel, der katholische Priester und Universitätsprofessor Jerzy Pałucki, des damals 15-Jährigen an und protegierte ihn später bei seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Czarnek fiel außerdem als Redner bei Kundgebungen polnischer Ultranationalisten und als Anti-LGBT-Aktivist auf. Für Aufsehen sorgten seine zahlreichen homophoben Äußerungen.

Ein neues Fach an Polens Schulen: Polnische Zeitgeschichte

Die größten Änderungen wird es in den Fächern Geschichte, Polnisch, Religion und Sexualkunde geben. Um Polens Jugend patriotischer zu machen, soll es ab dem kommenden oder spätestens übernächsten Schuljahr ein neues Fach geben: Polnische Zeitgeschichte. Derzeit werde in den Lehrplänen Epochen wie dem Altertum zu viel Zeit gewidmet, während gleichzeitig die Zeit fehle, "die Wahrheit über Polens neueste Geschichte" zu vermitteln, die von linksliberalen Kräften verschwiegen werde, begründete Bildungsminister Czarnek das Vorhaben. Für Polen, die solche Debatten seit Jahren beobachten, ist klar, was er will: die eigene Nation verklären, ihre Heldentaten über Gebühr loben und unbequeme Kapitel wie den polnischen Antisemitismus unter den Teppich kehren.

Noch bevor dieser zusätzliche Geschichtsunterricht startet (das reguläre Fach Geschichte bleibt daneben weiter bestehen), legt der Minister ein anderes Programm zur Stärkung des Patriotismus auf: Unter der Losung "Lerne Polen kennen" vergibt das Bildungsministerium Zuschüsse zu Klassenfahrten, die junge Menschen an die glorreichen Orte der polnischen Geschichte bringen, etwa Warschau mit dem Museum des Warschauer Aufstands.

Papst-Werke im Polnischunterricht

Einen patriotisch-konservativen Kreuzzug startet Czarnek auch im Polnischunterricht. Die Schüler würden momentan zu viele weltliche Werke und zu wenig christliche Literatur lesen, so der Minister. Deshalb ließ er die Aufstellung der sogenannten Pflichtlektüre ändern, also Bücher, die Schüler einer bestimmten Altersstufe kennen sollten. Die Älteren müssen künftig Werke von Johannes Paul II. im Original lesen, die Jüngeren wenigstens Erzählungen über seine Kindheit.

Polnischlehrer spotten unter der Hand, sie bräuchten ein Aufbaustudium in Theologie, da der Papst nun dem Nationaldichter Adam Mickiewicz gleichgestellt sei und viel mehr Platz im Unterricht einnehme als polnische Literaturnobelpreisträger. Die "Rekatholisierung" geht übrigens mit Säuberungen einher: Autoren, die nicht ins ideologische Konzept der PiS-Partei passen, das sich mit den drei Worten "Gott, Ehre, Vaterland" umschreiben lässt, wurden von der Liste gestrichen.

36 Meter hohe Christusstatue in Polen
Die höchste Christusstatue der Welt steht in dem polnischen Städtchen Swiebodzin. Bildrechte: dpa

Reliogionsunterricht wird de facto zum Pflichtfach an Polens Schulen

Folgerichtig wird Religion unter Czarnek de facto zu einem Pflichtfach an Polens Schulen. Bislang haben Kinder und Jugendliche drei Optionen: Religion, Ethik oder gar nichts. Immer mehr kehren dem klassischen Religionsunterricht den Rücken – u.a. weil darin veraltete Geschlechterrollen und Homophobie vermittelt werden. Um diese Massenflucht zu stoppen, will Bildungsminister Czarnek nun die Option "gar nichts" abschaffen – wer sich nicht für Religion entscheidet, muss künftig in den Ethikunterricht. Allerdings: Ethiklehrer sind in Polen Mangelware, das Fach wird in der Praxis von Religionslehrern unterrichtet, die dann ihr katholisches Weltbild vermitteln. Die Wahl zwischen Religion und Ethik ist dadurch meist nur eine scheinbare.

Polens Schüler wollen keinen Religionsunterricht

Immer mehr Schüler verzichten auf den Religionsunterricht. In Großstädten wie Warschau, Posen oder Breslau sind es oft etwa 70 Prozent, in mittelgroßen Städten um die 30 Prozent. An 1.747 Schulen wird wegen fehlendem Interesse gar kein Religionsunterricht mehr angeboten – die Zahl hat sich in nur acht Jahren mehr als verdoppelt.

Quelle: Bildungsministerium

"Weibliche Tugenden" festigen

Auch im Fach Sexualkunde – das in Polen den verschleiernden Namen "Erziehung zum Leben in der Familie" trägt und sich neben Aufklärung mit Rollenbildern beschäftigt – wird bereits jetzt oft genug die katholische Sexualmoral an Mann und Frau gebracht – je nachdem, welche Ansichten der Lehrer privat vertritt. Künftig soll das zur Regel werden und das Fach besondere Priorität bekommen. Czarneks Berater, Paweł Skrzydlewski, kündigte an, die Schule werde bei den Mädchen "weibliche Tugenden" festigen. Dazu zählten Bescheidenheit, Mütterlichkeit, Sparsamkeit, Treue und Religiosität. "Es ist unumgänglich, eine gesunde Familie zu haben, die auf einer monogamen, unauflöslichen Beziehung zwischen Mann und Frau beruht", sagte Skrzydlewski.

Kein Antidiskriminierungsunterricht mehr

Gleichzeitig wird Antidiskriminierungsunterricht, bei dem es um LGBT- und Menschenrechte geht, aus Polens Klassenzimmern de facto verbannt. Dafür sorgt eine geplante Gesetzesänderung, die das Wirken von NGOs an Schulen stark einschränkt. Denn bislang wurde er überwiegend von NGOs in Form von Aktionstagen wie dem "Regenbogen-Freitag" durchgeführt. Künftig brauchen NGOs dafür aber die Zustimmung der Schulaufsichtsbehörde, wobei die besprochenen Themen mit zwei Monaten Vorlauf mitzuteilen sind. Dass solche Inhalte grünes Licht bekommen, ist angesichts der homophoben Äußerungen des Bildungsministers mehr als fraglich. "Wir müssen uns gegen die LGBT-Ideologie wehren und aufhören, uns diese Idiotismen von irgendwelchen Menschenrechten und irgendeiner Gleichheit anzuhören", sagte Czarnek im Juni 2021 und schob nach: "Diese Menschen sind normalen Menschen nicht gleich und wir sollten mit dieser Diskussion endlich aufhören."

Stärkere Kontrolle dank neuem Schulgesetz

Die im Volksmund unter dem Namen "lex Czarnek" bekannte Gesetzesänderung soll dem Minister übrigens auch die Mittel dazu geben, seine ideologischen Vorstellungen an Schulen durchzusetzen. Die Schulaufsichtsbehörden bekommen künftig deutlich mehr Einfluss auf die Besetzung der Direktorenposten und auch das Recht, missliebige Schuldirektoren abzusetzen. Außerdem sollen sie noch mehr Kontrollbefugnisse erhalten und ein Veto bei unerwünschten Klassenfahrten oder Schülerprojekten einlegen können. Die Schulaufsicht wird so zum Moralwächter und verlängerten Arm des Ministers.

Blick auf eine Lehrerin in einer Schule in Bytom
Unterricht an einer Schule in Bytom Bildrechte: IMAGO / CTK Photo

Kann die Umerziehung der polnischen Jugend tatsächlich gelingen?

Allerdings ist es fraglich, ob die Umerziehung der polnischen Jugend wirklich gelingen kann. Ähnliche Pläne vor 1989, als man "sozialistische Persönlichkeiten" formen wollte, sind kläglich gescheitert und alles spricht dafür, dass auch die nationalkonservative Neuauflage das gleiche Schicksal teilen wird. Die heutige Jugend ist ganz anders als frühere Generationen: selbstbewusst und mutig, nimmt sie nicht widerspruchslos hin, was die Obrigkeit sagt. Auf willkürliche Verbote reagiert sie mit Häme, Spott und Trotz.

Denn in den ersten Jahrzehnten nach dem Systemwechsel wetteiferten alle Schüler um die besten Leistungen – davon hing ihr Fortkommen ab. Nur, wer die besten Noten hatte, konnte von einem guten Studienplatz träumen. Für Engagement oder Protest blieben weder Zeit noch Energie. Doch die Maxime "Null Aktivismus" ist einer Werteorientierung gewichen: Den heutigen Teenagern sind Toleranz, Weltoffenheit und Solidarität sehr wichtig. Ob Bildungsminister Czarnek mit einer solchen Jugend gewinnen kann?

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Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell Radio | 11. September 2021 | 07:15 Uhr

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