Militärische Ausrüstung Werden Panzer an die Ukraine geliefert?

Gepanzerte Kettenfahrzeuge werden durch die Slowakei in die Ukraine transportiert – das zeigen zwei Fotos, die ein MDR-Reporter nahe eines slowakisch-ukrainischen Grenzübergangs am vergangenen Sonntag gemacht hat. Um was für Lieferungen handelt es sich?

Zwei Sattelschlepper mit je zwei abgedeckten Schützenpanzerwagen auf der Ladefläche
Gepanzerte Kettenfahrzeuge auf dem Weg durch die Slowakei Bildrechte: MDR/Danko Handrick

Auf Fotos eines MDR-Reporters sind zwei zivile Schwertransporter zu erkennen, die vier militärische Kettenfahrzeuge transportieren. Die Lkw gehören ihren Kennzeichen nach höchstwahrscheinlich zu einem Transportunternehmen aus dem ukrainischen Oblast Transkarpatien. Das genaue Ziel der Fahrzeuge ist unbekannt. Klar ist, sie transportieren militärisches Gerät von der Slowakei in die Ukraine.  Das slowakische Verteidigungsministerium teilt auf MDR-Anfrage mit, dass es sich nicht um eine Lieferung des slowakischen Militärs handelt.

Ein Youtube-Video belegt und mehrere Experten bestätigen dem MDR, dass es bereits in der Vergangenheit zu Lieferungen dieser Art durch die Slowakei in die Ukraine gekommen ist. Bei der Lieferung vom vergangenen Sonntag handelt es sich offenbar um Schützenpanzerwagen beziehungsweise gepanzerte Mannschaftstransporter. Der Typ ist nicht klar identifizierbar, da die Panzer mit einer Plane abgedeckt waren.

Vermutlich leichte Panzer zum Soldaten-Transport

Der Historiker und Direktor des Panzermuseums Munster, Ralf Raths, kann anhand der Panzerketten das Material dennoch einordnen: "Durch die Abdeckung ist nicht klar erkennbar, welcher Typ genau sich auf den Ladeflächen befindet. Aber an den Laufrollen ist zu erkennen, dass es sich um den Panzertyp BMP-1 oder BMP-2 handeln muss." In der vom MDR dokumentierten Lieferung vom Sonntag handelt es sich somit mit hoher Wahrscheinlichkeit um leicht bewaffnete Panzer, mit dem eigentlichen Zweck, Soldaten sicher aufzunehmen und zu transportieren.

Schützenpanzer aus Zeiten des Kalten Krieges

Russland und auch das ukrainische Militär nutzen im Krieg in der Ukraine unter anderem die veralteten Schützenpanzer BMP-1 und BMP-2 aus Zeiten des Kalten Kriegs. Im Jahr 2018 hatten die ukrainischen Streitkräfte mehr als 1.000 BMP-1 und BMP-2 in ihren Beständen. Der Panzertyp BMP-1 und sein Nachfolger BMP-2 sind schwimmfähige Schützenpanzer. Die Abkürzung BMP steht im Russischen für Боевая Машина Пехоты (Bojewaja Maschina Pjechoty), was so viel wie "Gefechtsfahrzeug der Infanterie" bedeutet.

Der Schützenpanzer BMP-2 kann in der Regel mit einer 30-mm-Maschinenkanone bestückt werden und gegen gepanzerte Fahrzeuge und Bunker eingesetzt werden. Die Panzer selbst sind schlecht gegen den Beschuss durch Panzerabwehrwaffen geschützt. In Videos und auf Fotos aus der Ukraine sind immer wieder brennende oder zerstörte Panzer zu sehen.  

Da die Schützenpanzer BMP-1 und BMP-2 die am weit verbreitetsten Panzerwagen der Welt sein sollen, finden sie sich in vielen Armeebeständen. So waren ab 1991 23 BMP-1 der NVA zunächst an die Bundeswehr gegangen, zwei davon später an Frankreich, 15 an die USA; und einer steht heute auf dem Außengelände des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden.

Polen und Tschechien liefern seit Jahren Waffen an die Ukraine

Für den Sicherheitsexperten Gustav Gressel im Berliner Büro des European Council on Foreign Relations ist die Lieferungen von gepanzerten Fahrzeugen an die Ukraine nicht überraschend: "Polen und die Tschechische Republik liefern schon seit Jahren Panzer als Ersatzteilspender oder auch als komplette Fahrzeuge aus eigenen Beständen an die Ukraine, das geschieht auch in der jetzigen Situation", sagte er dem MDR.  Dass es sich auch bei der vom MDR dokumentierten Lieferung vom vergangenen Sonntag um polnische oder tschechische Panzer handelt, liegt nahe, da es schon in der Vergangenheit immer wieder zu Lieferungen dieser Art gekommen ist.

Nach Angaben des polnischen Zentrums für Osteuropa-Studien in Warschau (OSW) nahmen nach 2017 die Verkäufe von Rüstungsgütern und militärischer Ausrüstung an die Ukraine zu. Das sei teilweise mit umfassender Rüstungskooperation einhergegangen. Der Kauf von Waffen und Ausrüstung aus Nato-Ost-Ländern, vor allem aus Polen und Tschechien, spielte demnach eine wichtige Rolle bei der Stärkung der ukrainischen Armee. So habe Kiew sowohl neue als auch postsowjetische militärische Ausrüstung gekauft.

Polen lieferte auch Munition und Aufklärungsdrohnen

Polnische Unternehmen sollen auch Munition und Mini-Aufklärungsdrohnen, gepanzerte Oncilla-Radfahrzeuge, 54 gepanzerte Mannschaftstransportwagen MT-LB, Granatwerfer und Mörser, Pistolen, Gewehre sowie Munition geliefert haben, schreibt das polnische Institut in einer Veröffentlichung. Der Wert der Ausfuhren von Rüstungsgütern in die Ukraine zwischen 2014 und 2020 belief sich demnach auf 122 Millionen Euro.

Auch einige Lieferungen (auch aus Beständen der tschechischen Armee) erfolgten in Zusammenarbeit tschechischer und polnischer Firmen. Nach 2017 wurden 46 BMP-1 und 33 gebrauchte Panzerhaubitzen 2S1 Goździk an die Ukraine verkauft.

Tschechische Waffenexporte für Ukraine für 48 Millionen Euro

Das tschechische Unternehmen Excalibur Army lieferte weitere 37 Schützenpanzer und 16 Haubitzen des genannten Typs und unterzeichnete 2020 einen Vertrag über den Verkauf von 26 Panzerhaubitzen Dana-M2 mit Munition. Insgesamt beliefen sich tschechische Waffenexporte in die Ukraine von 2014 bis 2020 auf 48 Millionen Euro.

Im Jahr 2018 wurde ein Vertrag über die Lieferung solcher Panzerfahrzeuge zwischen Tschechien und dem staatlichen ukrainischen Beschaffungsunternehmen Ukroboronprom (Укроборонпром, UOP) geschlossen. Die ersten Fahrzeuge wurden Ende 2018 in die Ukraine geliefert. Nach einem Medienbericht folgten im April 2020 dann 37 weitere. Ob es sich bei der dokumentierten Lieferung vom vergangenen Sonntag um weitere Fahrzeuge aus diesem Vertrag handelt, wollte das tschechische Verteidigungsministerium auf MDR-Anfrage nicht bestätigen und bezog sich auf Geheimhaltung wegen des Kriegs in der Ukraine.

Youtube-Video von 2018 zeigt ähnlichen Konvoi

Es ist nicht das erste Mal, dass ein slowakischer Grenzübergang für derartige Lieferungen an die Ukraine genutzt wird. Ein Video, das am 21.12.2018 auf YouTube veröffentlicht wurde, zeigt einen Konvoi und ähnliche Lkw-Kennzeichen. Einem slowakischen Medienbericht zufolge hatte am 4. Dezember ein Konvoi denselben Grenzübergang in die Ukraine passiert. Er soll mindestens zwölf BMP-1 befördert haben, und einer der Lkw-Fahrer soll slowakischen Journalisten gesagt haben, dass die Fahrzeuge vor Kurzem überholt worden und aus der Tschechischen Republik gekommen seien.

Der Direktor des Panzermuseums Munster, Ralf Raths, bestätigt, dass es sich bei den im Video erkennbaren Panzern, um Schützenpanzer des Typs BMP-1 sowjetischer Bauart handelt, identifizierbar an dem erkennbaren Kanonenrohr.



Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 26. März 2022 | 19:30 Uhr

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