Männergesundheit Depression: Männer leiden anders

Männer gehen mit Ängsten und Depressionen anders um als Frauen. Sie brauchen auch andere Diagnostiken und Therapien, betont Psychiaterin Prof. Katarina Stengler. Die Direktorin des Zentrums für Seelische Gesundheit am Helios Parkklinikum Leipzig erklärt auch, wie Angehörige helfen können.

Ein Mann sitzt deprimiert auf einer Treppe.
"Wenn Männer nicht in die Psychotherapie kommen, kann man ihnen nicht helfen", sagt Prof. Katarina Stengler. Bildrechte: Colourbox

Depression und Angsterkrankungen nehmen seit der Corona-Zeit stark zu. Welche Unterschiede gibt es bei Männern und Frauen? 

Prof. Katarina Stengler: Es gibt eine unterschiedliche Häufigkeit bei Männern und Frauen bei psychischen Erkrankungen. Wir wissen, dass Depressionen und Angsterkrankungen bei Frauen häufiger sind als bei Männern. Aber Fakt ist auch, dass Männer mit Depressionen und Angst das Gesundheitssystem weniger in Anspruch nehmen und sich seltener Hilfe suchen.

Äußern sich seelische Erkrankungen bei Männern anders?

Prof. Katarina Stengler: Männer haben andere Symptome bei verschiedenen psychischen Erkrankungen. Die klassische Depression geht mit Symptomen einher, die vorwiegend auf Frauen bezogen sind: Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, morgendliches Tief, Schlafstörungen, auch Leistungsdefizite. Das sind alles Symptome, die Männer nicht nur nicht ansprechen, sondern die sie möglicherweise bei einer beginnenden Depression auch gar nicht haben. Das heißt, die Überforderung im Beruf, soziale Konfliktsituationen und Trauer führen bei Männern zu anderen Symptomen. Sie verbergen nicht nur ihre Traurigkeit und reden nicht nur nicht darüber, sie haben diese Symptome oft auch nicht – oder anders.

Prof. Katarina Stengler, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum
Prof. Katarina Stengler ist Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum. Bildrechte: Christian Hüller

Wie lässt sich eine Depression dann bei Männern erkennen?

Prof. Katarina Stengler: Männer können oft nicht zum Hausarzt gehen und sagen: "Ich bin so traurig in letzter Zeit". Sie sind eher gereizter, ihnen geht alles auf die Nerven, sie haben vielleicht das Gefühl, alles zusammenschlagen zu können, sie zeigen vermehrt Risikoverhalten wie Geschwindigkeitsübertretungen beim Autofahren, sind vielleicht näher am Glas Wein, als noch vor einem halben Jahr. Sie müssten also eigentlich ganz andere Dinge erzählen. Und auf der anderen Seite müsste der Hausarzt oder Facharzt auch erkennen: Auch das können Zeichen einer klassischen Depression sein. 

Warum fällt es Männern schwerer, psychische Probleme anzusprechen?

Prof. Katarina Stengler: Das ist bei Depressionen und Angststörungen ganz ähnlich. Sie sind schambelastet und empfinden es als peinlich, von Angst zu reden. Welcher Mann will schon sagen: "Ich hab' Angst, wenn ich auf einem großen Platz stehe." oder "Ich hab' Angst vor Spinnen". Das können Frauen viel leichter, weil es sozial viel akzeptierter ist.

Wie wirkt sich das aus?

Prof. Katarina Stengler: Wir haben in Deutschland zwischen 9.000 und 10.000 Selbstmorde im Jahr. Dreiviertel der vollendeten Suizide werden von Männern begangen. Das heißt, hier ist die Selbstmordrate dreimal höher als bei Frauen. Der Anteil von Männern, die vorher eine bestehende Depression hatten, ist extrem hoch. Das sind existenzielle, lebensbedrohliche Entwicklungen, wenn Männer frühe Warnzeichen nicht erkennen wollen oder können.  

Gibt es bestimmte psychische Erkrankungen, die bei Männern häufiger sind?

Prof. Katarina Stengler: Suchterkrankungen mit Alkohol, aber auch mit illegalen Drogen sind bei Männern deutlich häufiger als bei Frauen. Wir wissen, dass Suchterkrankungen auch soziale Erkrankungen sind und dass das männliche Geschlecht mit einer ganz anderen Beziehung zu Alkohol und Drogen aufwächst. Das ist nicht nur der Whiskey im Film. Da gibt es Rollenbilder, die den Alkohol- und Drogenkonsum bei Männern viel mehr fördern als bei Frauen. Alkohol und Drogen mal auszuprobieren, ist bei jungen Männern viel stärker ausgeprägt als bei Mädchen. "Das Runterzuspülen mit einem starken Whiskey und dann ist das Problem weg", das ist typischer bei Männern als bei Frauen.

Warum fällt es psychisch kranken Männern so schwer, sich Hilfe zu suchen?

 Prof. Katarina Stengler: Ich glaube, das ist ein ganz stark kulturell und fast noch evolutionsbedingt geprägtes Rollenbild, solange weiter zu machen und Power zu zeigen, solange es irgendwie geht. Die Funktion als starkes Geschlecht, und das wird immer noch so gesehen, aufrecht zu erhalten. Die Idee "Ich schwächele und lasse mich mal durchchecken", das ist nicht die Idee des "starken" Mannes. Wenn ein Fußballstar sagt, er hat eine Depression, dann gehört da auch immer dazu, dass er sich auch outen kann, weil er ein anerkannter Star ist und weil er sozial extrem akzeptiert ist. Wenn ein Bauarbeiter sagt, ich habe eine Depression, dann kann er auf eine andere Baustelle gehen, weil die anderen Bauarbeiter sagen werden: "Du Looser". Dieses Rollenbild ist für Männer leider sehr oft noch führend.

Wie lässt sich das ändern?

Prof. Katarina Stengler: Ich glaube, wir tun an dieser Stelle für Männer in der Gesellschaft zu wenig. Wir haben sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Frauen stärker sein müssen, auch in der Gesellschaft stärker sein dürfen, und das ist uneingeschränkt gut und wichtig. Aber wir haben möglicherweise zu wenig Wert darauf gelegt, dass die Männer akzeptiert schwach sein dürfen. Das ist aus meiner Sicht nicht ausreichend gelungen, auch nicht im Versorgungssystem. Wir haben gerade bei psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angst das Problem, dass wir zu wenig Männer im Versorgungssystem aufnehmen.

Was bedeutet das konkret für die Therapie?

Prof. Katarina Stengler: Ich bin nicht zwingend dafür, dass wir viele geschlechtergesonderte Spezialambulanzen einrichten, aber ich bin dafür, dass wir unsere Diagnostikinstrumente und unser diagnostisch-therapeutisches Vorgehen geschlechtssensibler anpassen. Bei der Diagnostik werden hauptsächlich Symptome für Depressionen abgefragt, die eher Frauen-typisch sind. Hier würde uns helfen, wenn wir geschlechtersensiblere Instrumente entwickeln, die typisch männliche Symptome berücksichtigen. Männer müssen die Botschaft bekommen, wenn du gereizter und aggressiver bist, bist du nicht einfach unangepasst und vielleicht kriminell, sondern möglicherweise entwickelst du eine Depression. Und das sollten wir auch offener kommunizieren. Momentan ist es gerade in den Psychotherapien wichtig, männersensibler zu werden. Geschlechtergerecht heißt auch männersensibler in der Behandlung von psychischen Erkrankungen. Und das tut am Ende auch uns Frauen gut.

Wie erleben Sie männliche Patienten in der Therapie?

Prof. Katarina Stengler: Wenn Männer nicht in die Psychotherapie kommen, kann man ihnen nicht helfen. Wir wissen, dass deutlich mehr Psychopharmaka an Frauen verordnet werden als an Männer. Bei der Psychotherapie ist es für Männer besonders schwierig, weil sie natürlich dazu einlädt, über Probleme zu reden, auch über Gefühle zu sprechen, sich in lange therapeutische Prozesse zu begeben. Das ist nichts, was Männer grundsätzlich wollen. Frauen setzen sich eher und selbstverständlicher zusammen, um zusammen zu reden. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich für Männer. Auch beim Thema Gruppentherapien ist das sehr unterschiedlich. Es ist nicht so schwierig, Männer in Sportgruppen zu integrieren, was etwa bei Depressionen ein wichtiger Teil der Therapie ist. Aber in Gesprächsgruppen mit anderen über die eigenen Probleme zu reden, ist eine große Hürde. In reinen Männergruppen ist das leichter, das ist eine Erfahrung aus der Suchttherapie. Und ich glaube, dass wir genau das machen müssen, weil es am Ende hilft. Wir wissen, wenn Männer über ihre Probleme, die zu psychischen Erkrankungen führen können, reden, wenn sie diesen Schritt wagen, dass es erfolgreich ist und dass dann Veränderungen gut möglich sind.

Wie können Angehörige oder Freunde depressiven Männern helfen?

Prof. Katarina Stengler: Das ist der Klassiker, dass Männer sagen: "Du willst mir doch nicht sagen, dass ich verrückt bin". Das wird sofort abgelehnt. Wenn psychische Erkrankungen aus der Familie oder dem Freundeskreis bekannt sind und man weiß, dass psychische Hilfe von außen unterstützend war, dann ist das immer gut. Man kann auch sagen: "Ich merke, du bist gereizter in letzter Zeit, uns fällt es schwerer zu reden". Du-Botschaften sind schwierig. "Du bist aggressiver geworden", ist schlechter als "Ich merke, es fällt dir schwerer ausgeglichen zu sein, wenn wir schwierige Themen haben". Das ist leichter akzeptabel für alle Menschen – besonders für Männer. Diese Ansprache "Ich merke, dass sich bei dir etwas verändert und damit verändert sich etwas bei uns", ist hilfreich, so wenig stigmatisierend wie möglich und mit einer Ich-Botschaft. Der erste Schritt zur Akzeptanz ist aber in jedem Fall, es anzusprechen, dass man merkt, es hat sich etwas verändert. Das ist die größte Hürde. Angehörige fragen uns oft: Wie mache ich das, wie spreche ich das an? Wenn das zu Beginn vielleicht erstmal nicht geht, dann am übernächsten Sonntag einfach nochmal ansprechen: "Wir haben doch da schon mal darüber geredet, das wird für mich auch immer schwieriger, wenn du so und so bist…".  Die Empfehlung ist: Nicht wegschweigen, nicht es aus Furcht nicht ansprechen. Männer mit einem Suizidversuch sagen fast immer: "Ich hab' keinen Ausweg gefunden, ich konnte mit niemandem darüber reden, ich konnte niemandem mitteilen, wie ich mich gefühlt habe". Also ansprechen, ansprechen, ansprechen. Das ist auch eine der wichtigsten guten und erfolgreichen Präventionsstrategien.

Telefonseelsorge hilft bei seelischen Krisen!

Sie haben Selbsttötungsgedanken oder eine persönliche Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen rund um die Uhr: 0800 1110111 und 0800 1110222. Der Anruf ist anonym und taucht nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. Auf der Webseite finden Sie weitere Hilfsangebote.

Stichwort: Männergesundheit (bitte aufklappen)

"Männergesundheit umfasst diejenigen Dimensionen von Gesundheit und Krankheit, die insbesondere für Männer und Jungen relevant sind. Gesundheit ist physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden, das aus einer Balance von Risiko- und Schutzfaktoren entsteht, die sowohl in individueller, partnerschaftlicher, als auch kollektiver Verantwortung liegen. Als Schutzfaktoren wirken ein gesunder und achtsamer Lebensstil, Akzeptanz der eigenen Stärken, aber auch Schwächen als Mann, Sinnerfahrung und Lebensfreude, soziale Unterstützung und Anerkennung. Die Risiko- und Schutzfaktoren sind besonders bei Männern in Abhängigkeit von Bildung, Herkunft, Einkommen und beruflicher Stellung ungleich verteilt. Die gesundheitlichen Probleme der Männer bedürfen im gesamten Lebenslauf besonderer Präventions- und Versorgungsangebote, die größtenteils noch zu entwickeln sind", erklärt die Stiftung Männergesundheit auf ihrer Homepage.

Mehr zur Internationalen Männergesundheitswoche (bitte aufklappen)

Immer in der Woche des Internationalen Vatertags (jeder 3. Sonntag im Juni) findet die Internationale Männergesundheitswoche statt. Dies ist in diesem Jahr die Woche vom 13. bis 19. Juni. Männer achten in der Regel weniger auf ihre Gesundheit. Darauf soll die Aktionswoche aufmerksam machen und zum Umdenken bewegen. Das diesjährige Motto lautet – nach weiterhin oft anzutreffendem Bewegungsmangel und Gewichtszunahmen im Zuge der Corona-Pandemie – "Mann, beweg dich!".

Tipps für eine gesündere Lebensweise gibt die Stiftung Männergesundheit, die zur Internationalen Männergesundheitswoche das Onlineportal "Seelische Gesundheit der Männer" gestartet hat. Diese befasst sich mit dem Thema Depressionen, nach Angaben der Stiftung in Zusammenarbeit von "Wissenschaftler*innen, Betroffenen und Expert*innen aus der Praxis". Neben dem Erfahrungsaustausch und praktischen Tipps (etwa Symptome erkennen und ein Selbsttest), bietet das Portal auch eine Liste von Anlaufstellen für Betroffene an.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 13. Juni 2022 | 22:10 Uhr

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