Dreiundzwanzigster Prozesstag Rechtsanwältin zum Halle-Attentäter: "Sie haben versagt"

Am 23. Verhandlungstag im Prozess um den Anschlag in Halle hat es weitere Schlussplädoyers von den Rechtsanwälten gegeben. Vertreten wurden unter anderem der Sicherheitsmann der Gemeinde und die Besucher der Synagoge am Tag des Anschlages.

Der angeklagte Stephan Balliet sitzt zu Beginn des 22. Prozesstages mit Handschellen im Verhandlungssaal.
Die Rechtsanwältin Assia Lewin spricht den Angeklagten direkt an und und hebt hervor, dass er eigentlich versagt hat. Bildrechte: dpa

Im Prozess gegen den Attentäter von Halle wurden am 23. Verhandlungstag weitere Plädoyers gehört. Der Tag begann mit dem Plädoyer der Rechtsanwältin Assia Lewin. Sie betonte, sie schließe sich aus juristischer Sicht voll und ganz der Bundesanwaltschaft an: "Gestern ist von meinen Vorrednern sehr viel richtiges und wichtiges in diesem Prozess gesagt worden. Diesem möchte ich mich anschließen." Normalerweise würde sie damit ihr Plädoyer beenden. "Aber dies ist kein normaler Prozess", sagt Lewin. Da es sich um einen rassistischen und menschenverachtenden Anschlag handele, wolle sie ihr Plädoyer weiterführen.

Moralische Verantwortung der Familie des Angeklagten

Sie setzte ein Augenmerk darauf, dass auch wenn dies strafrechtlich nicht verfolgt werden könne, auch die Familie des Angeklagten eine moralische Verantwortung trage. "Es ist nicht nachvollziehbar, dass weder die Mutter noch der Vater in ihren eigenen vier Wänden über Jahre nicht festgestellt haben, dass der Täter Waffen baute", sagte die Rechtsanwältin.

Lewin sprach den Attentäter auch direkt an: "Wachen Sie auf Herr Angeklagter und sehen Sie den Tatsachen ins Gesicht: Niemand aus der von Ihnen bezeichneten weißen Rasse möchte von Ihnen beschützt werden. Der Krieg und die Feinde existieren nur in Ihrem Kopf." Trotz der Tat gedeihe das jüdische Leben in Deutschland, so Lewin weiter. "Sie haben auf ganzer Linie versagt."

Appell von Anwältin Assia Lewin an alle

Assia Lewin hat auch einen Appell an alle: "Wenn Ihnen Rassismus und Antisemitismus begegnet, fühlen Sie sich angesprochen, fühlen Sie sich zuständig! Tun Sie das für sich selbst, wenn nicht für diese Menschen. Sonst könnten Sie möglicherweise spazieren gehen und über Ihren Namen als Stein stolpern."

Antisemitismus in Deutschland

Weiter ging der 23. Verhandlungstag mit dem Plädoyer von Rechtsanwalt Juri Goldstein. Er vertritt einen Teil der Besucherinnen und Besucher der Synagoge am Tag des Anschlags – unter anderem Roman Remis, Kantor Lewin und Josef Lewin. "Die Tat ist in Abscheulichkeit nicht zu überbieten", ordnete Goldstein ein. Der Täter habe mit dem Anschlag das Thema Antisemitismus in den Mittelpunkt gerückt. Goldstein hob hervor, wie bedenklich es sei, dass das Tragen einer Kippa einen Angriff auslösen könne und dass Synagogen durch die Polizei geschützt werden müssten. Sein Plädoyer beendete der Rechtsanwalt mit einem Zitat von Bundespräsident Steinmeier: "Es reicht nicht diesen Anschlag zu verurteilen und dann wieder zur Tagesordnung zurückzugehen. Wir alle müssen Haltung zeigen. Dieser Kampf geht uns alle an."

Prozess wird am 8.Dezember mit weiteren Schlussplädoyers fortgesetzt

Der Prozesstag wurde mit den Plädoyers von Rechtsanwalt Kalweit und Rechtsanwalt Feige weitergeführt. Feige vertritt im Prozess zwei Besucher der Synagoge. Er beendete sein Plädoyer mit der Bitte an den Angeklagten, nicht von seinem Recht auf das letzte Wort Gebrauch zu machen. "Verschonen Sie uns mit Ihrer zerebralen Diarrhö!"

Die letzten Plädoyers werden laut Richterin am 8. Dezember gehalten. Am 9. Dezember stehen die Schlussworte der Verteidiger und des Angeklagten an.

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. Dezember 2020 | 13:00 Uhr

3 Kommentare

ossi1231 vor 7 Wochen

In einem Rechtstaat wird einem Beschuldigten eine Tat nachgewiesen, da sind falsche Geständnisse unzureichend.

MDR-Team vor 7 Wochen

Dieses Recht macht ihm auch niemand streitig. Es wurde eine Bitte formuliert. Das steht auch sehr klar im Text.

jackblack vor 7 Wochen

Wenn wir ein Rechtsstaat sein wollen hat der Angeklagten auch das Recht auf das LETZTE WORT.

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