Silbersalz Festival Heimat Erde – wir können noch handeln, bevor alles kippt

Viele Bereiche auf unserem Planeten Erde stehen vor dem Kipp-Punkt: Die Wissenschaftler auf dem Silbersalz-Festival in Halle zeichnen eine düstere Bilanz. Doch für die Zukunft sehen Sie nicht schwarz.

Eine 8 Meter große Erdkugel als Installation auf dem Silbersalzfestival in Halle
Bildrechte: Gerald Perschke

Unser Planet im Wandel

"Wir unternehmen eine Reise, um unsere Erde besser kennenzulernen", sagt die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven, Professor Antje Boetius. Es gehe an diesem Abend darum, wie sich die Wissenschaft mit den großen Fragen, mit dem einen Planeten – der einen Heimat – beschäftige. Zum einen "sind etwa unter der Oberfläche der Ozeane noch über eine Millionen Arten zu entdecken und bei den Insekten könnten es sogar bis zu 10 Milliarden sein", sagt die Meeresbiologin in der Ulrichskirche in Halle am 19. Juni 2020 zum Start des Silbersalz-Festivals. Das findet in diesem Jahr aufgrund der Corona-Krise vorerst nur online und damit per Videostream statt. Der Planet sei noch lange nicht vollständig erforscht, sagt Boetius. Dabei sei dennoch klar, dass er sich sehr stark wandelt – durch den Menschen. So sei nur noch ein Viertel des ursprünglichen Waldes vorhanden und der Mensch produziere mehr CO2 als alle Vulkane.

Deshalb ist es "das Heute, das über die Zukunft entscheidet. Wir sind die Generation, die entweder die nachhaltigen Veränderungen hinbekommt, oder wir sind die Generation, die die Selbstzerstörung einleitet", sagt Boetius. Es ist der wissenschaftlich begründete Auftakt zu einer Reihe an aufschlussreichen Vorträgen und Debatten zum Thema "Heimat Erde" mit einigen der renommiertesten Wissenschaftler Deutschlands. Eine Debatte, an der die Zuschauer mit ihren Fragen über die Social Media-Kanäle direkt teilnehmen konnten.

Biodiversität – Schützen und geschützt werden

"Wir greifen so tief in unser Erdsystem ein, dass wir in einigen Bereichen Kipp-Punkte erreicht haben", erklärt der Zeit-Redakteur Fritz Habekuß. Dies betreffe nicht nur das Klima, sondern etwa auch den Verlust der Biodiversität. Die Auswirkungen könnten massiv sein. Deshalb stellt er ein Beispiel von Aktivisten aus den USA vor. Die fordern, dass der Fluss Mississippi Rechte bekommen soll – ähnlich wie diese etwa eine Aktiengesellschaft bereits hat. "Warum haben Wälder und Flüsse solche Rechte eigentlich nicht? Denn diese sind für das Überleben der Menschen viel wichtiger", fragt Wissenschaftsjournalist Habekuß.

Es ist ein positiver Ansatz, denn "Optimismus ist Pflicht", sagt dann auch Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. "Denn sonst brauchen wir unsere Arbeit nicht zu machen." Anschließend macht Settele aber doch erst einmal auf viele Probleme aufmerksam. Er ist einer von drei Co-Chairs des Berichtes des Weltbiodiversitätsrates, der vor einem Jahr weltweit für Aufsehen sorgte. Eine der wichtigsten Erkenntnisse daraus: Die Biosphäre und Atmosphäre wurden massiv durch den Menschen beeinflusst. Drei Beispiele:

• 75 Prozent der Landfläche massiv verändert

• 66 Prozent der Ozeane unterliegen kumulativen Einwirkungen

• Über 85 Prozent der Feuchtgebiete gingen verloren

"Die globale Aussterberate ist 10 bis 100 Mal höher als sie im Durchschnitt in den letzten 10 Millionen Jahren war", erklärt Professor Settele weiter. Der wichtigste Punkt dabei sei: Todesursache ist der Mensch. Und dabei schaffe der Mensch auch noch schlechtere Bedingungen für sich selbst. So könne der Mensch ohne die Natur natürlich nur schwer überleben. Zudem schaffe der Mensch auch perfekte Bedingungen für das Übertragen von Krankheitserregern von Tier zu Mensch. Schlimm, aber nicht unabwendbar. Und zurück zum Optimismus stellt Settele anschließend Maßnahmen vor, die die Auswirkungen der aktuellen Pandemie verringern und die Gefahr künftiger Krankheitsausbrüche mindern könnten.

Gesundheit im Wandel – der Umgang mit der aktuellen Pandemie

"Alles ist mit allem verbunden – das ist selten so eindrucksvoll vor Augen geführt worden, wie in dieser Pandemie", erklärt Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt zum Beginn der Debatte zu "Gesundheit im Wandel – der Umgang mit der aktuellen Pandemie". Es habe mit einem Fledermausvirus angefangen, der einen Menschen im Süden Chinas infiziert hat. "Jetzt haben wir fast eine halbe Millionen Tote, eine weltweite Wirtschaftskrise und geopolitische Verwerfungen. Und das alles ist vermutlich erst der Anfang."

Da stellt sich durchaus die Frage, sind die Maßnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, gerechtfertigt? Auf dem Weg zu einer Antwort stellt der Historik-Professor Alfons Labisch in einem Vortrag einen Vergleich mit der Ausbreitung anderer Krankheiten an – und fragt nach den "Real Killer".

Eine 8 Meter große Erdkugel als Installation auf dem Silbersalzfestival in Halle 4 min
Bildrechte: Gerald Perschke

Ein Beispiel: Malaria. Daran seien allein im 19. Jahrhundert rund 200 Millionen Menschen gestorben. Auch derzeit sterben daran jährlich noch bis zu einer Millionen Menschen. Auch in Deutschland gebe es starke Killer. So gibt es etwa durch Infektionen in Krankenhäusern pro Jahr bis zu 20.000 Tote. "Durch Corona sind es derzeit bislang 5.000 im Jahr 2020", sagt Labisch, der sich seit Jahrzehnten mit der Frage beschäftigt, wie und warum Gesellschaften Seuchen bekämpfen.

Im Gegensatz etwa zu Malaria sei die Cholera eine skandalisierte Krankheit, erklärt der emeritierte Professor für Medizingeschichte. "Damals war der eigentliche Killer der gemeine Durchfall und nicht Cholera. Doch es habe dennoch umfassende Änderungen für die Gesellschaften gegeben.

Ist Covid-19 eine "skandalisierte" Krankheit?

Anschließend stellt Labisch die Frage, ob Covid-19 eine skandalisierte Krankheit ist oder ein richtiger "Killer"? Vollständig und abschließend beantworten kann der Forscher diese Frage derzeit nicht: "Ja und Nein." Allerdings zieht er Schlussfolgerung zum besseren Umgang mit künftigen Pandemien und fordert, dass auch nach dem Ende der Corona-Pandemie eine Evaluation, also eine Bewertung aller Maßnahmen, erfolgen sollte.

Lothar Wieler
RKI-Chef Lothar Wieler. Bildrechte: dpa

Dem entgegnet Professor Lothar Wieler in seinem Vortrag: "Ich versuche Ihnen aufzuzeigen, wie welche Entscheidungen getroffen worden sind – in einer Pandemie, wie wir sie seit 1918 nicht mehr hatten". Am Freitag, als der Chef des Robert-Koch-Instituts dies sagte, hat es weltweit 181.000 neue Corona-Fälle gegeben. "Seit Beginn der Pandemie hat es keinen Tag gegeben, an dem wir so viele neue Fälle hatten." Deshalb dürfte die Situation nicht unterschätzt werden, auch wenn das Virus in Deutschland derzeit gut im Griff sei. "Es ist ein dynamisches Geschehen und das wird auch noch einige Monate so bleiben."

Anschließend stellt Wieler - studierter Tierarzt und Professor für Mikrobiologie und Tierseuchenlehre - die wichtigsten aktuellen Daten zu Inkubationszeit, Übertragungswegen und R-Faktor vor. "Das sind Daten, die kannten wir vor fünf Monaten noch nicht", sagt der RKI-Chef. Im Weiteren erklärt er den neu aufgestellten Plan, der an den Influenza-Pandemie-Plan angelehnt worden sei, aber deutlich geändert werden musste. "Denn das Virus hat eine enorme Potenz, dass viele Menschen erkranken."

Dass die Situation in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern so gut im Griff sei, erklärt Wieler so:

Eine Pandemie hängt vom Krankheitserreger und vor allem vom Verhalten der Menschen ab.

Lothar Wieler Chef des RKI

"Wenn die Menschen dem Virus keine Chance geben, den neuen Wirt zu geben, dann haben wir eine Chance, die Pandemie zu beherrschen. Das haben wir in Deutschland auch exzellent geschafft", erklärt Wieler.

In der abschließenden Diskussion über die Maßnahmen und den Vergleich mit anderen Pandemien sind sich Labisch und Wieler einig, dass diese Pandemie nicht so schnell vorbei sein wird. Der RKI-Chef erklärt dann noch: "Wir wissen inzwischen genug, um das Virus in Schach zu halten. Die Frage sei, ob die Disziplin dafür vorhanden ist."

Heimat Erde: Wachsen wir uns arm?

"Mit bestehenden Technologien könnten wir unsere Emissionen um 80 Prozent reduzieren und es würde gar nicht so weh tun." Diese Auffassung vertritt der Klimaforscher, Geologe und Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaft Leopoldina, Gerald Haug. Dem stimmt auch die Politökonomin und Expertin für Nachhaltigkeitspolitik Professorin Maja Göpel zu und untermauert dieses Statement in ihrem Vortrag. Dabei versucht sie anhand der Zahlen und deren Betrachtungsweise den Blick auf die Realität zu verändern: Immer mehr Wachstum funktioniere auf einem begrenzten Planeten mit begrenzten Ressourcen nicht.

Es gehe nun – ähnlich wie bei Corona – um "flatten the curve", erklärt Göpel weiter. "Denn momentan laufen wir auf multiple Kipppunkte zu." So sei Deutschland Exportweltmeister – und exportiere immer mehr. Das erscheine in einer Grafik, als werde es immer besser. Die Tendenz geht nach oben. "Aber wenn man dagegen betrachtet, was wir an natürlichen Ressourcen entnommen haben, dann sieht man: Wir wachsen uns arm an natürlichen Ressourcen", so die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen. So lasse sich die Geschichte, ob wir erfolgreich wirtschaften, sehr unterschiedlich erzählen. "Je nachdem, welche Brille wir aufsetzen und welchen Zahlen wir folgen."

Als Beispiel nennt sie die Ernährung und die Bilanzierung. "Es werden 10 Billionen Dollar pro Jahr in der Ernährungsindustrie umgesetzt", sagt Göpel. Dabei müssten aus ihrer Sicht noch die Kosten für die Gesundheit abgezogen werden, die wegen falscher Ernährung – etwa Unterernährung und Übergewicht – auflaufen. "Würde man diese Kosten abziehen, dann sieht die Bilanz finanziell schon etwas schlechter aus." Anschließend zieht sie weitere Faktoren heran und am Ende steht neben den vielen umgesetzten Scheinen in der Ernährungsindustrie eine negative Bilanz.

"Doch wenn die Konsumenten nun ihr Interesse auf diese andere Art der Bilanzierung richten würden, da könnte auch wieder etwas ganz tolles Neues wachsen", ist die Expertin überzeugt.

mpö

3 Kommentare

part vor 23 Wochen

Noch nie seit Bestehen der Erde hat eine einzelne Spezies den Planten so nachhaltig in sehr kurzer Zeit verändert und unzählige Arten in Flora und Fauna für immer ausgelöscht. Noch immer herrschen Politiker in den Schaltzentralen, nebst Bündnispartnern, die den Planeten per Knopfdruck den Microben überlassen würden. Die internationale Geiz-Geil- Politik und Expansionsbestrebungen gepaart mit kontraproduktiver Entwicklungshilfe befördert keine Nachhaltigkeit in den Beziehungen der Menscheit untereinander. Die Menscheit braucht wieder mehr Staat statt Kontrolle des Staates von Konzernen.

Eulenspiegel vor 23 Wochen

„Viele Bereiche auf unserem Planeten Erde stehen vor dem Kipp-Punkt“
Ich denke wir müssen jetzt handeln.
Aber tun wir das:
So wie ich das sehe wohl eher nicht.
Dazu kann ich nur sagen:
Der Mensch braucht die Erde um zu leben und zum überleben.
Die Erde benötigt den Menschen nicht.

wer auch immer vor 23 Wochen

Gut oder auch schade, das wir nicht in die Zukunft schauen können.
Alles zu spät!