Debatte unter Fachleuten Corona: Das große Rätselraten um die Immunität

Es ist die große Frage rund um Covid-19: Sind wir vielleicht gar nicht immun, nachdem wir die Krankheit durchgemacht haben? Die Idee einer Herdenimmunität wäre damit hinfällig. Aber was bedeutet das dann für eine Impfung, wenn man kurze Zeit später wieder an dem Virus erkranken könnte? Und wenn wir doch immun sind, wie lange eigentlich? Fragen über Fragen! Gibt es Antworten?

Ein Laborantin hält eine Blutprobe.
Keine Antikörper im Blut - keine Immunität? Bildrechte: imago images / ZUMA Wire

Die Frage, wie es eigentlich um die Immunität von Genesenen gegen das Coronavirus aussieht, ist eine spannende, sagt der Chef-Virologe des Universitätsklinikums Leipzig, Prof. Uwe Liebert. Man wisse über Immunität - also das, was die körpereigene Abwehr als Schutz aufbaut - noch relativ wenig.

Antikörper allein wenig aussagekräftig

Das liegt daran, dass unser Immunsystem unglaublich komplex ist und für uns noch ziemlich unübersichtlich.

Ein Mann benutzt den COVID-19 Antikörper-Testkit zum Eigentest im Privat-Einsatz am Küchentisch, mit der sterilen Einwegkapillare saugt er den Bluttropfen von seinem Mittelfinger für den Teststreifen.
Die Antikörper im Blut allein entscheiden noch nicht über die Immunität. Bildrechte: imago images/MiS

Über einen Teil dieses Abwehrsystems, diese Armee, wissen wir recht gut Bescheid. Es sind die Antikörper, bekannt aus den Antikörpertests, die gemacht werden, um das Virus nachzuweisen. Diese Tests zeigen nun immer häufiger: Die Antikörper gehen zurück. Der Körper zieht einen Teil seiner Armee also relativ schnell wieder ab. Was sagt das aber über die Immunität? Da noch andere Akteure des Immunsystems mitwirken könnten, recht wenig, sagt Chef-Virologe der TU Dresden, Alexander Dalpke.

Insofern kann man  alleine aus der Abwesenheit von Antikörpern noch nicht schließen, dass jemand zum Beispiel nicht immun wäre. Es wäre durchaus möglich, dass die T-Zellen einen gewichtigen Beitrag dazu leisten.

Prof. Dr. Alexander Dalpke, TU Dresden

Mit den T-Zellen haben wir den zweiten Arm der Immun-Armee. Es könnte sein, dass die einen Bärenanteil der Immunabwehr gegen Sars-CoV2 stemmen. Die sehen wir aber nicht in den Antikörpertests. Monika Brunner-Weinzierl, Immunologin der Uni Magdeburg ist deswegen nicht allzu beunruhigt darüber, dass die Antikörper zurückgehen. "Also ich finde sinkende Antikörper jetzt nicht so dramatisch", sagt sie und ergänzt: "Man muss erstmal verstehen, wie sich das Immunsystem an diesen Virus erinnert. Und die T-Zellen, die ja ein Gedächtnis aufbauen, die könnten dann sofort die B-Zellen, wieder instruieren, dass die Antikörper machen." Das Problem mit den T-Zellen: Sie sind viel schwerer nachzuweisen als Antikörper. Die Tests sind kompliziert, noch nicht standardisiert und verfügbar. Deswegen weiß man noch so wenig über sie, obwohl sie so wichtig sind.

Immunologin Prof. Dr. Monika Brunner-Weinzierl von der Universität Magdeburg. Sie erforscht aktuell die Reaktion von T-Zellen im Immunsystem von Menschen, die trotz einer Corona-Infektion keine Krankheitssymptome zeigen.
Bildrechte: Privat: Monika Brunner-Weinzierl

Diese zugrunde liegenden Mechanismen und Wechselwirkungen bei der Abwehr der Coronaviren durch die T-Zellen bestimmen letztlich den Ausgang von Infektionen und diese Mechanismen sind noch nicht verstanden. Wir wissen also nicht, warum in manchen Patienten die Krankheit ganz leicht verläuft, andere aber daran sterben.

Prof. Dr. Monika Brunner-Weinzierl, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Hinweise auf nachlassende Immunität?

Und damit ist eben auch unklar, ob wir immun sind und wenn ja, wie lange. Tests und Studien geben bisher nur Hinweise darauf, dass möglicherweise die Immunität nachlässt. Das zeigt auch ein Blick auf andere Coronaviren. Virologe Alexander Dalpke erläutert, dass man von anderen Coronaviren wie dem SARS-Coronavirus wisse, dass von ein bis drei Jahren Immunität ausgegangen werden könne. "Von den üblichen Schnupfencoronaviren geht man eigentlich eher davon aus, dass die Immunität eher unter einem Jahr im Bereich von Monaten liegt", ergänzt der Dresdner.

Insofern wäre es nicht ganz überraschend, wenn jetzt die Immunität auch bei SARS-CoV2 nicht so ganz besonders lang anhaltend ist.

Prof. Dr. Alexander Dalpke, TU Dresden

Weil die Tests bisher so wenig aussagen können, sind auch Beobachtungen gefragt: Gibt es Zweitinfektionen?

Virologe Prof. Liebert von der Uniklinik Leipzig im Interview
Der Leipziger Virologe, Prof. Dr. Liebert, berichtet von möglichen Zweitinfektionen. Bildrechte: MDR

Der Leipziger Virologe Uwe Liebert sagt: Ja! Er ist sich ziemlich sicher: In Leipzig hätte es drei Patienten gegeben, die sich erneut mit dem Virus angesteckt haben. "Das sind bei uns allerdings nur drei Patienten, die eine Infektion hatten, dann Antikörper gebildet hatten - neutralisierende Antikörper - und dann nach ungefähr acht neun Wochen noch Mal eine zweite Infektion gekriegt haben, erläutert Liebert. Bei allen drei Fällen seien die Erkrankungen sehr milde verlaufen. Immunologin Monika Brunner-Weinzierl hat deshalb eine ganz andere Mutmaßung.

Man könnte sich das schon vorstellen, dass das möglich ist, vor allem, wenn sie vielleicht beim ersten Mal keine richtige Immunantwort aufgebaut haben. Ich denke Mal, die meisten Menschen wären schon immun, aber nicht alle.

Prof. Dr. Monika Brunner-Weinzierl, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Das heißt, es könnte theoretisch Zweitinfektionen geben. Allerdings ist das unter Wissenschaftlern noch umstritten. Vor allem, weil es keine einhundertprozentig sicheren SARS- CoV-2 Tests gibt. Im Falle einer Immunantwort weiß auch niemand, wie lange die dann anhält.

Ein Mann pipettiert in einem Labor des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac eine blaue Flüssigkeit.
Die Immunitäts-Frage hat auch Einfluss auf die Impfstoff-Entwicklung. Bildrechte: dpa

Die Antwort auf diese Frage ist aber wichtig, wenn es um eine Impfung geht. Denn eine Impfung soll ja genau das aufbauen: eine Immunantwort. Wahrscheinlich sei es nicht ganz so einfach eine Impfung zu machen, erläutert Magdeburgerin Monika Brunner-Weinzierl: "Aber Impfungen sind grundsätzlich so angelegt, dass sie die Immunantwort verstärken, sodass sie so angelegt sind, dass sie bestimmt länger halten können." Die Immunologin und die Virologen sind optimistisch: Unter den 150 Impfstoffen, die gerade geprüft werden, seien sicherlich hilfreiche Kandidaten dabei.

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