Ernährung und Umwelt Was hat Lebensmittelverschwendung nun eigentlich mit dem Klimawandel zu tun?

Lebensmittelabfälle zu vermeiden ist super, das Klima zu retten auch. Beides zusammen ist die Steigerungsform von super. Und es gehört auch zusammen, wie aktuelle Studiendaten zeigen. Etwas tun muss sich vor allem in der Landwirtschaft.

Bild von Bioabfall
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Diese schrumpelige Tomate noch zu essen, das wäre klug, vorbildlich, nachhaltig. Diese schrumpelige Tomate zu entsorgen, aus Schrumpligkeitsgründen, das wäre nicht klug und schade drum. Bei aller Bemühung, Lebensmittel vor der Tonne zu retten, müssen wir uns an dieser Stelle trotzdem eingestehen: Eben dieses unansehnliche Stück Gemüse nicht wegzuwerfen, rettet nicht automatisch unser Klima. Gut: Wenn Tomaten schon bald nicht mehr ganz so oft entsorgt, sondern verzehrt werden, werden wahrscheinlich unterm Strich auch irgendwann weniger Tomaten gekauft (damit sie nicht so oft schrumpelig werden). Und wenn das die Landwirtschaft spitzkriegt, produziert sie auch eines Tages weniger Tomaten. Verbraucht weniger Flächen, weniger Pestizide, weniger Energie für Gewächshäuser, das ganze Pipapo eben, das sich positiv auf unsere Umwelt und das Klima auswirkt – schlussendlich.

Alte Bananen und Tomaten
Kann man alles noch verwerten. Und was ist schon Abfall? Chilis müssen doch sogar schrumpelig und trocken sein! Bildrechte: IMAGO

Um zu verstehen, was Lebensmittelabfälle mit dem Klimawandel zu tun haben, müssen wir uns aber nicht nur selbst an den Ohren ziehen, sondern uns den Umgang mit Lebensmitteln zu einem Zeitpunkt ansehen, der vor Supermarkt und Vorratsschrank kommt: Die Produktion. Aber erstmal eine Zahl: Zehn Prozent. Und zwar zehn Prozent aller Treibhausgasemissionen. Die gehen auf das Konto der Lebensmittelverschwendung, teilt der WWF im Juli mit.

Mehr als eine Milliarde Tonnen Essen geht schon in der Landwirtschaft flöten

Das ist das Ergebnis der Studie Driven To Waste, zu Deutsch in etwa "in den Müll getrieben" oder "ins Verderben getrieben". Erstaunlicherweise hatte die Umweltschutz-Organisation WWF mit dem Lebensmitteleinzelhändler Tesco einen ziemlich dicken Partner aufgegabelt. (Der Einzelhandel ist zwar nicht maßgeblich für die Verschwendung von Lebensmitteln verantwortlich, in Sachen Nachhaltigkeit aber vor allem dann aktiv, wenn sich diese Ambitionen gut verkaufen lassen.) Dennoch, das, was WWF und Tesco da ausgerechnet haben, ist beachtlich: 1,2 Milliarden Tonnen Lebensmittel werden jährlich bereits im landwirtschaftlichen Stadium verschwendet. Da sind wir in einer Größenordnung, die sich gar nicht mehr so leicht verbildlichen lässt. Der WWF vergleicht die Menge mit dem Gewicht von zehn Millionen Blauwalen. Für Deutsche vielleicht besser: Das ist so viel wie eine Milliarde VW Golf 7 (Leergewicht), wobei nicht mal ansatzweise so viele bis heute hergestellt wurden.

Diese 1,2 Milliarden Tonnen sind mehr als die 931 Millionen Tonnen, die im Lebensmitteleinzelhandel, der Gastronomie und daheim weggeworfen werden. Das Problem ist nicht nur, dass auf diese Weise große Mengen an Geld und Ressourcen verschwendet werden, die an anderer Stelle fehlen. Sondern auch, dass Energie und Wasser in erheblichem Maße ohne Nutzen verbraucht werden. Da Energieproduktion in der Regel zu Treibhausgasemissionen führt, lässt sich also ein direkter Zusammenhang zwischen Lebensmittelverschwendung und Klimawandel herstellen. So einfach ist das.

Ein Drittel der Treibhausgase durch Lebensmittelproduktion

Wie massiv der Energieverbrauch von Lebensmitteln ist, und damit auch der potenzielle Klima- und Umweltschaden, ist seit dem Frühjahr in einer Datenbank hinterlegt, die den ulkigen Namen EDGAR-FOOD trägt. Erstmals wird ein umfassender globaler Datenzusammenhang zwischen Treibhausgasen und dem Lebensmittelsystem hergestellt. Die Datenbank wurde Anfang März im Fachjournal Nature Food vorgestellt. Dort geben die Autorinnen und Autoren an: Die durch die Lebensmittelproduktion verursachten Emissionen betragen im Jahr 2015 18 Gigatonnen CO2-Äquivalente im Jahr. Das ist mehr als ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen.

Muelleimer mit toten Ferkeln
Mülleimer mit toten Ferkeln. Die Verluste in der Intensivtierhaltung sind besonders groß. Bildrechte: imago/blickwinkel

Darin eingerechnet sind Verkauf, Transport, aber auch industrielle Prozesse und Verpackung. Der größte Anteil gehe allerdings auf die Kappe der Landwirtschaft und Flächennutzung, die 71 Prozent der Emissionen ausmachen. Wenn man nun bedenkt, dass den neuen WWF-Zahlen zufolge vierzig Prozent der Lebensmittel gar nicht erst auf dem Teller landen – nun denn. Diese Schätzungen beruhen allerdings auf einer weniger konservativen Methode, als das bisher der Fall war. So werden in der Studie von WWF und Tesco auch Lebensmittelverluste vor oder während Ernte und Schlachtung berücksichtigt. Ist eben alles eine Definitionsfrage.

Was das Unterfangen, herauszufinden, wie hoch die globale Verschwendung an Lebensmitteln tatsächlich ist, zu einem recht komplizierten macht. Auch in Deutschland. Verlässliche Zahlen, wie viel Essen auf dem Feld liegen bleibt und wie viel als Tierfutter oder in der Biogasanlage landet, existieren hierzulande nicht, so der WWF. Hier sei jetzt die Politik gefragt, entsprechende Weichen zu stellen.

Es soll ja Menschen geben, denen die Endstücke von Toastbroten nicht behagen. Da es ganz offensichtlich ein Verkaufsargument ist, Röstbrot ohne Endstücken anzubieten, landen die dann möglicherweise im Tierfutter. Da es keine Tiere gibt, die vom Verzehr der Toastbrotscheiben im Vergleich zu ihrer natürlichen Nahrung profitieren würden, kann man hier kaum von kluger Weiterverwertung sprechen. So wird sehr viel Toast nutzlos gebacken, ist nach EU-Abfallrahmenrichtlinie aber keine Lebensmittelverschwendung.

Was Abfall ist, ist Ansichtssache. Der Wert des Essens auch.

Noch absurder wird’s bei einem Blick aufs Feld: Unter Umständen komme es erst gar nicht zur Ernte, so die WWF-Studie. Wenn Erzeugerpreise fallen, kann es für Landwirt*innen unter Umständen kostengünstiger sein, das Grünzeug einfach unterzupflügen statt zu ernten. Und irgendwie kann man ihnen diese simple wirtschaftliche Konsequenz nicht mal verübeln. Stabile Preise, die den tatsächlichen Wert eines Lebensmittels abbilden, sorgen also auch dafür, dass weniger Essen verschwendet wird und weniger Treibhausgasemissionen auf das Konto von Lebensmittelabfällen geht.

Karotten werden auf einem Feld entsorgt
In der Nähe von Kiew, Ukraine, mussten Tonnen von Möhren entsorgt werden: Der Landwirtschaftsbetrieb konnte Sie auf Grund der Covid-19-Pandemie nicht verkaufen. Dorfbewohner*innen nehmen ein paar Karotten als Tierfutter mit. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Die verlorene Tomate im Gewächshaus macht, zusammen mit anderem Gemüse und Obst, mit 38 Prozent auch den größten Abfallanteil in der Landwirtschaft aus. Zum Vergleich: Fleisch und tierische Produkten sind nur mit 13 Prozent beteiligt. Mit Blick auf den Anteil an den Treibhausgasemissionen sieht die Welt aber genau andersrum aus: Diese 13 Prozent an Milch, Rindfleisch und dergleichen sind für vierzig Prozent der Emissionen verantwortlich, Obst und Gemüse für gerade einmal acht Prozent.

Macht es also unterm Strich doch nichts, das schrumpelige Tomätchen in die braune Tonne zu geben? Muss am Ende jede*r selbst entscheiden. Schön ist es jedoch allemal, wenn es das Rispengemüse überhaupt erstmal bis in die heimische Küche schafft. Und offenbar nicht selbstverständlich.

Link zu den Studien

Die WWF-Studie Driven To Waste: The Global Impact of Food Loss And Waste on Farms erschien im Juli 2021 und ist hier abrufbar.

Die Studie Food systems are responsible for a third of global anthropogenic GHG emissions erschien im März 2021 im Journal Nature Food.
DOI: 10.1038/s43016-021-00225-9

1 Kommentar

wer auch immer vor 2 Wochen

Ein Thema was zwar diskutiert wird, eine Änderung tritt jedoch so gut wie nicht ein.
Schauen wir und die Menschen an, zu schwer - zu dick.
Essen aus lange Weile oder aus Frust ?
Auch die Discounter, immer volle Regale, ob es konsumiert wird oder nicht.
Was abgelaufen oder vergammelt ist fliegt weg, wurde eh vom Verbraucher schon durch die Kalkulation im vorhinein bezahlt. So ein Supermarkt macht kein MINUS.
Dabei könnte die Ware preiswerter sein wenn diese Verschwendung abgeschafft wird.
Und der Umwelt kommt es auch zu gute, weniger Wasser, weniger Energie und Ressourcen.
Nur dann gibt es zu viele Erzeuger. Wieder ein Problem.
Somit, es wird sich nichts ändern!

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