Umstrittener Aufsatz zum Zweiten Weltkrieg Wer war Schuld am Zweiten Weltkrieg? Wie Putin die Geschichte umdeutet

In einem Aufsatz weist Russlands Präsident Wladimir Putin die Mitverantwortung Moskaus am Zweiten Weltkrieg zurück und erklärt die Sowjetunion zum Opfer. Seine Thesen sorgen für Aufsehen - nicht nur aus inhaltlichen Gründen, sondern auch, weil die russische Botschaft den Artikel an zahlreiche Osteuropa-Historiker verschickt hat, mit der Aufforderung, die Thesen in Publikationen einfließen zu lassen. Doch wie haltbar sind Putins Argumente? MDR ZEITREISE hat zwei namhafte Historiker um Einschätzung gebeten. Russlands Staatschef betreibe Propaganda, sagt Joachim von Puttkamer, Professor für Osteuropäische Geschichte und Direktor des Imre-Kertész-Kollegs in Jena. Professor Stefan Rohdewald von der Universität Leipzig erklärt, Putin wolle die Rolle der Sowjetunion in der Nachkriegsordnung für das heutige Russland reklamieren.

Interview mit Prof. Joachim von Puttkamer

Prof. Dr. Joachim von Puttkamer
Prof. Joachim von Puttkamer Bildrechte: Imre Kertész Kolleg Jena

Herr Prof. Puttkamer, wie sieht Putins Deutung der Geschichte aus? Es scheint, dass er die Konsequenzen des Münchner Abkommens und die des Hitler-Stalin-Paktes umdeuten will. Das Münchner Abkommen steigt zum eigentlichen Kriegsgrund auf, mit einem stark mitschuldigen Polen, während die Bedeutung des Hitler-Stalin-Paktes und die Rolle der Sowjetunion bagatellisiert wird.

Es ist eine sehr unkonventionelle Deutung, die Putin hier vorlegt. Sie ist weit weg von Forschungsdiskussionen und ist ganz offensichtlich politisch motiviert. Denn aus dem Beitrag Putins wird für mich vor allem eines deutlich: wie verletzend es offensichtlich für die russische Regierung ist, mit Blick auf den Hitler-Stalin-Pakt auf die Seite derjenigen gestellt zu werden, die den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit zu verantworten haben. Putin versucht hier, einen ganz starken Gegenakzent zu setzen, in offensichtlich propagandistischer Absicht. Dabei greift er auf Deutungsmuster zurück, die die Sowjetunion schon benutzt hat, nämlich dass der sowjetische Einmarsch in Polen defensiv gewesen sei, dass er notwendig gewesen sei, um sich einen zeitlichen Puffer zu verschaffen und sich auf einen möglichen deutschen Angriff vorbereiten zu können. Und dass man allein gelassen worden sei von den Westmächten, dass man also keine andere Wahl gehabt habe. All das wird hier wieder aufgekocht und sogar zugespitzt.

Und wie war es tatsächlich?

Was den Hitler-Stalin-Pakt angeht, so hat sich die Sowjetunion im Wissen darum, dass Deutschland einen Angriff auf Polen vorbereitet, mit Hitlers Außenminister darauf geeinigt, dass man bei diesem bevorstehenden Krieg gegen Polen doch gemeinsame Sache machen könnte. Das war für Deutschland eine hochgradig attraktive Lösung. Der Krieg war zwar beschlossene Sache, aber dass man auf diese Weise einen Zweifrontenkrieg vermeiden konnte, das hat die deutsche Kriegsführung deutlich erleichtert. Das war Stalin auch klar. Also die Hauptverantwortung für den Überfall auf Polen liegt natürlich bei Deutschland, um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, aber Stalin hat sich zum Komplizen gemacht. Man stelle sich vor, Stalin hätte Hitler deutlich gemacht: Wenn ihr in Polen einmarschiert, bereiten wir euch gemeinsam mit England und Frankreich einen Zweifrontenkrieg. Dann hätte die Situation im Herbst 1939 völlig anders ausgesehen. Polen wäre trotzdem zum Schlachtfeld geworden, aber den Vorwurf, dass sich Stalin zum Komplizen Hitlers gemacht hat, müsste sich Putin heute nicht anhören.

In Putins Augen sieht das anders aus. Er gibt Polen eine erhebliche Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, unter anderem weil Polen nach dem Münchner Abkommen das tschechoslowakische Olsa-Gebiet besetzt hat. Was ist daran an der Behauptung?

Putin bauscht das in einer Art und Weise auf, die meines Erachtens die Verhältnisse stark verzerrt. Dass Polen sich an der Zerschlagung der Tschechoslowakei beteiligt hat, ist unstrittig. Es ging dabei um einen alten Grenzkonflikt noch aus der Gründungszeit der beiden Staaten, und ohne das Münchner Abkommen hätte Polen diese Gebietsgewinne sicher nicht erreichen können. Aber es ging um ein relativ kleines und überschaubares Territorium. Das rechtfertigt nicht, dass Deutschland und die Sowjetunion ein Land wie Polen komplett aufteilten. Putin verfehlt hier völlig die Proportionen, sowohl in Bezug auf die NS-Aggression als auch darauf, was sich die Sowjetunion in den kommenden Jahren alles herausgenommen hat.

Präsident Putin spekuliert in seinem Text auch über "unbekannte Geheimprotokolle", zum Beispiel zum Münchner Abkommen, und beklagt nicht zugängliche Archivdokumente. Wie ist das zu bewerten?

Also da kann man nur schmunzeln, wenn man das liest, denn die Möglichkeiten für westliche Forscher, in russischen Militärarchiven zu forschen, die sind zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber doch marginal. Putin müsste also bei sich anfangen, und wenn er ernsthaft Archive zum Zweiten Weltkrieg öffnen wollte, vor allem das Militärarchiv, aber auch die Akten der obersten Führungsriege rund um Stalin, hätte er alle Möglichkeiten dazu. Und da gäbe es viel zu öffnen, bis man auf dem Niveau ist, auf dem westliche Akten schon längst zugänglich sind.

Wo sieht Wladimir Putin Russland heute bzw. wo will er hin?

Wohin Putin eigentlich zurück will, das sind, wenn man so will, die Siebziger und Achtziger Jahre, als fünf Atommächte im UN-Sicherheitsrat die Welt kontrolliert haben oder zumindest Schlüsselpositionen in der internationalen Ordnung innehatten. Die Nachdrücklichkeit, mit der Putin das Vetorecht dieser fünf Mächte verteidigt und jegliche Versuche abschmettert, irgendetwas an dieser Konstellation zu verändern, zum Beispiel die EU oder Indien als ständige Mitglieder aufzunehmen, finde ich in diesem Zusammenhang sehr kennzeichnend.

Aus dem ganzen Putin-Beitrag spricht für mich – das ist jetzt keine Fachperspektive eines Historikers mehr, sondern die eines politisch interessierten Bürgers – eine aggressive Rhetorik, die aber einer defensiven Grundhaltung entspringt. Putin sieht, dass Russland heute nicht mehr diese Position hat wie die Sowjetunion in den Siebziger und Achtziger Jahren, und er will Russland auf Augenhöhe mit den USA und mit China auf der Weltbühne etabliert sehen. Das ist 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion ein nachvollziehbares, aber meiner Meinung nach nicht sehr erfolgversprechendes Anliegen. Wir befinden uns in einer neuen Welt, da sollte man in die alte nicht mehr zurück wollen – und das tut er schon. Mit zum Teil innovativen und kreativen Mitteln, das kann man schon anerkennen, aber ob sie deshalb erfolgsträchtig sind, das ist eine andere Frage.

Interview mit Prof. Stefan Rohdewald

Prof. Dr. Stefan Rohdewald, Lehrstuhl für Ost- und Südosteuropäische Geschichte
Prof. Stefan Rohdewald Bildrechte: Stefan Rohdewald

Herr Professor, wie sieht Putins Deutung der Geschichte aus?

Der Text geht im Kern immer noch vom Konzept des "Großen Vaterländischen Krieges" zwischen 1941 und 1945 aus, der in der Sowjetunion zentral für die Erinnerungspolitik war, auch wenn Putin stärker den Begriff "Zweiter Weltkrieg" berücksichtigt. Bezeichnenderweise steht dabei ein Hinweis auf den Holocaust bzw. die Shoa immer noch ganz am Rande. Das Gedenken an überproportional hohe jüdische Opfer des Nationalsozialismus bleibt auch hier weiterhin ganz im Hintergrund. In Russland wird der Holocaust-Begriff weiterhin selten verwendet und die Tötung der Juden Europas höchstens als "eine der dramatischsten Episoden" des Kriegs bezeichnet. Der Auftritt Putins im Januar 2020 in der Gedenkstätte Yad Vashem veränderte diese Prioritätenliste teilweise. Er stand aber in erster Linie im Kontext mit Putins kurz zuvor geführtem Schlagabtausch mit Polen, dem er die Schuld am Zweiten Weltkrieg zugeschrieben hatte. Gleichzeitig hat Putin die Sowjetunion als nahezu einzigen Sieger des Zweiten Weltkriegs dargestellt, was er erneut in diesem Artikel tut.

Präsident Putin geht mit Polen hart ins Gericht. Wie sehen Sie das?

Putin stilisiert Polen einseitig zu einem Kriegstreiber. Er wirft Polen vor, sich an der Zerschlagung der Tschechoslowakei nach dem Münchner Abkommen beteiligt zu haben. Außerdem bringt er den Vorwurf vor, dass Polen 1934 einen Nichtangriffspakt mit Deutschland abschloss. Dabei unterschlägt Putin, dass Polen bereits 1932 einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion unterschrieb und nur versuchte, sich gegen alle Seiten zu versichern. Der US-Historiker Timothy Snyder betont, dass Polen von 1934 bis 1939 trotz deutscher Einladungen nicht bereit war, mit NS-Deutschland gemeinsam gegen die Sowjetunion Krieg zu führen, während sich Stalin nach nur drei Tagen Verhandlungen im späten August 1939 bereit erklärte, mit Hitler Polen aufzuteilen. Das war die Entscheidung, die unmittelbar zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führte. Ohne den Hitler-Stalin-Pakt hatte sich Hitler angesichts der Garantien Großbritanniens und Frankreichs gegenüber Polen offensichtlich zu schwach gesehen, Polen anzugreifen. Die Vorwürfe Putins gegenüber Polen sind somit ein leicht durchschaubares Ablenkungsmanöver, um von der sowjetischen Verstrickung abzulenken. Neben der einseitigen Argumentation ist Putins Gehässigkeit gegenüber Polen auffällig. Bei der Rezeption des Artikels in Deutschland sollte auch dies mit Befremden zur Kenntnis genommen werden.

Gibt es in dem Putin-Aufsatz noch andere Dinge, die Sie mit Befremden wahrnehmen?

Putin unterschlägt verschiedene historische Tatsachen. Dazu zählt die stalinistische Gewalt gegenüber der Bevölkerung Polens und der baltischen Staaten. Katyn steht für die serielle Erschießung tausender Offiziere, Akademiker und Beamter durch den NKWD und wird im Artikel nicht erwähnt. Stattdessen wird das Dorf Chatyn in Belarus genannt, das in der Sowjetunion zum Gedenkort ausgebaut worden ist. Dort hatten SS und Schutzmannschaft zahlreiche Zivilisten verbrannt.

Zu den Auslassungen zählt auch die unterlassene Hilfe beim Warschauer Aufstand, die Rote Armee wartete am anderen Weichselufer ab. Ebenso der Kampf der Roten Armee gegen die polnische Heimatarmee. Auch wenn sie, wie die allermeisten Akteure im Zweiten Weltkrieg, nicht von Schuld frei ist, handelte es sich bei ihr zunächst um die größte Widerstandsarmee des Zweiten Weltkriegs, sie erlangte deutlich früher als die französische Résistance hohen Zulauf und war anfangs allenfalls mit den Partisanen Titos vergleichbar.

Ausgelassen wird schließlich die Grundlage der gesamten Nachkriegsordnung: Die Etablierung des Sozialismus im östlichen Mitteleuropa war nur mit der Präsenz der Roten Armee in Folge des Zweiten Weltkriegs möglich. Für die dortigen Völker waren Rotarmisten Befreier und Besatzer zugleich. Putin verwahrt sich dagegen. Solange aber diese Tatsache in seinem Geschichtsbild nicht reflektiert wird, sondern nur undifferenziert mit Panzerparaden der Sieg gefeiert wird, stößt das nicht nur in Polen auf Ablehnung.

Was wollte Präsident Putin mit diesem Artikel erreichen?

Er will damit die Rolle der Sowjetunion in der Nachkriegsordnung für das heutige Russland retten und reklamieren. Das ist das explizite Ziel des Textes. Ich sehe das äußerst kritisch, denn nicht die Spaltung Europas auf der Grundlage von Jalta sollte das Ziel sein, sondern die Einhaltung der Regeln der KSZE und der OSZE. Gerade das in diesen Akten und Organisationen aufgebaute Regelwerk, das auf der Beachtung von Menschenrechten und der Anerkennung der bestehenden Staatsgrenzen gründet, hat Präsident Putin nachhaltig zerstört: mit seiner Innenpolitik sowie mit der Annexion der Krim. Diese Aktion ist geradewegs vergleichbar mit den Annexionen von Teilen der Tschechoslowakei, die Putin in seinem Aufsatz erwähnt, allerdings ganz ohne vorheriges internationales Abkommen. Militärische Interventionen auf dem Gebiet von Nachbarstaaten und die Annexion "verlorener Gebiete" sind aber unter keinem Vorwand der Realpolitik international stillschweigend zu akzeptieren. Sie dürfen sich nie wieder auszahlen – alle Grenzen Europas stehen ansonsten zur Diskussion, das illustriert gerade der Artikel am Beispiel der Grenzen Polens.

Unsere Gesprächspartner Prof. Joachim von Puttkamer studierte osteuropäische Geschichte und Wirtschaftspolitik in Freiburg und London. Seit Dezember 2002 ist er Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Jena. Seit 2010 leitet er dort gemeinsam mit Dr. Michal Kopeček das Imre-Kertész-Kolleg "Europas Osten im 20. Jahrhundert. Historische Erfahrungen im Vergleich."

Prof. Stefan Rohdewald studierte osteuropäische Geschichte, slawische Literaturwissenschaft, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich. Nach seiner Promotion habilitierte er sich bis 2012 an der Universität Passau. 2013 wurde als er als Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Universität Gießen berufen. Im April 2020 wechselte er als Professor für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an die Universität Leipzig.

Das Münchner Abkommen von 1938 Das Münchner Abkommen wurde in der Nacht auf den 30. September 1938 zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien geschlossen. Das Abkommen bestimmte, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten und binnen zehn Tagen räumen musste. Die Tschechoslowakei war zu der Konferenz nicht eingeladen. Der Einmarsch der Wehrmacht begann am 1. Oktober 1938. Die Tschechoslowakei verlor infolge des Abkommens rund 30 Prozent ihres Territoriums.

Das Münchner Abkommen gilt als Höhepunkt der so genannten britisch-französischen Appeasement-Politik (auf deutsch "Beschwichtigungspolitik"). Sie zielte darauf ab, einen Krieg mit Nazi-Deutschland zu verhindern. Nachdem die deutschen Truppen im März 1939 neben dem Sudetenland auch die restliche Tschechoslowakei besetzten, wurde die Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler aufgegeben.

Hitler-Stalin-Pakt Am 24. August 1939 haben der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop und sein russischer Kollege Wjatscheslaw Molotow den Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, benannt nach den beiden Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin, sicherte Nazi-Deutschland die Neutralität der Sowjetunion bei einem Konflikt mit Polen zu. Der Überfall auf Polen - und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs - erfolgte am 1. September 1939. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 brach Nazi-Deutschland schließlich den Hitler-Stalin-Pakt.

Geheimes Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts über die Annexion der baltischen Länder und Aufteilung Polens In einem geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts teilten Nazi-Deutschland und die Sowjetunion Polen und die baltischen Staaten unter sich auf. Finnland, Estland und Lettland wurden zur sowjetischen Interessensphäre erklärt, Litauen zur deutschen. In Polen vereinbarten Deutschland und die Sowjetunion eine Demarkationslinie. Am 2. September marschierten Hitlers Truppen in Polen ein. Zwei Wochen später, am 17. September 1939, griffen sowjetische Truppen im Osten Polens an.

baz/me/dpa/afp

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 24. Juni 2020 | 17:45 Uhr