Das Altpapier am 15. Januar 2020 Wie Europas Medien über Geflüchtete schrieben

Eine neue Studie weitet den Blick und vergleicht die europäische Berichterstattung über Flucht und Migration. Und: Die Bauer Media Group übernimmt heute eine DuMont-Zeitung. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 15. Januar 2020: Schwarze Silhouetten von Menschen, die vor einer Europakarte von Ost nach West laufen.
Bildrechte: MDR/Panthermedia / Collage: MEDIEN360G

Vor kurzem ist Greta Thunberg einmal Zug gefahren. Luke Mockridge hat bekloppte Witze in einer ZDF-Show erzählt. Und dann war noch irgendwas mit… ach Mist, vergessen. Jeder einzelne Aufreger ist kurz nach seinem Höhepunkt, wenn sich langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass es eigentlich um nichts ging, ja immer schon wahnsinnig lange her.

Die medialen Aufmerksamkeitszyklen sind kurz, die Lust am Eklat ist groß. Und so kann man es vielleicht schon als potenziellen Beitrag fürs Geschichtsressort werten, dass die Schweizer Medienwoche dieser Tage noch einmal zwei neue – oder waren es alte? – Bekannte der deutschen Journalismusbranche hervorgekramt hat: Holger und Silke Friedrich, deren Schaffen als Eigentümer bei der Berliner Zeitung wochenlang alleallealle (naja, zumindest viele, und uns hier schon auch) interessiert hat. Bevor das ganz große Interesse dann quasi zyklusgemäß zum Erliegen kam.

Interessenkonflikte sind das Thema des Medienwoche-Texts von Adrian Lobe, und der Dreh, den er da findet, ist gut. Er weitet den Blick weit über Berlin hinaus und fragt, nur zum Beispiel, wie es eigentlich so im Medienhause Bloomberg läuft, seit der Oberchef US-Präsident werden will:

"Ein branchenfremder Unternehmer an der Spitze eines Verlags kann zu Interessenkonflikten führen. Ebenso problematisch ist es, wenn der steinreiche Verleger auch noch politische Ambitionen hegt. Nachdem jüngst der Medienunternehmer und frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg ankündigte, für die Demokraten bei der US-Präsidentschaftswahl anzutreten, erteilte der Chefredakteur von Bloomberg News, John Micklethwait, der Redaktion eine Art Maulkorb."

Und: "Auch seine demokratischen Mitbewerber im Rennen um das Präsidentschaftsamt sollten der Fairness halber geschont werden." Was Bloombergs Journalisten im Grunde eine sinnvolle Wahlkampfberichterstattung verbietet.

Wäre interessant, das genauer zu verfolgen (bzw. verfolgt zu bekommen, vielen Dank im Voraus).

Eine neue Studie über die Migrationsberichterstattung

Die Weitung des Blicks über die Grenzen der eigenen Medienwelt hinaus jedenfalls hilft oft weiter: Wenn alles gesagt scheint und es auch nichts Neues gibt, kann man ein Thema immer noch aufs Internationale hieven. Man sieht die Dinge dann im größeren Zusammenhang. Und kann vielleicht sogar besser das einschätzen, was vor der eigenen Tür geschieht.

So verhält es sich auch mit einer neuen Studie, die sich mit der Migrations- und Fluchtberichterstattung 2015 bis 2018 beschäftigt. Die Studie heißt "Stumme Migranten, laute Politik, gespaltene Medien" und kommt von der TU Dortmund und der Otto-Brenner-Stiftung.

Das Interessante an ihr ist, dass sie, anders als bisherige Studien zum Thema, einen internationalen Vergleich vor- und, neben den USA, 16 europäische Länder inklusive Russland in den Blick nimmt.

Wie "die Medien" – immer im Sinn von: große ausgewählte Medien – in Deutschland über Geflüchtete und alles, was sie in der deutschen Debatte betraf, berichtet haben, dazu gab es bislang (mindestens) zwei Studien:

  • eine der, ebenfalls, Otto-Brenner-Stiftung von 2017, die seinerzeit etwa mit dem Satz "Wichtige deutsche Tageszeitungen haben während der Flüchtlingskrise der Jahre 2015 und 2016 bei der kritischen Berichterstattung versagt" zusammengefasst wurde. (Wobei es aber um die Frage, welche zusammenfassende Zuspitzung gerade noch angemessen war, Streit gab; siehe Altpapier).

  • Und eine Mainzer Studie von 2018, deren Ergebnisse, wie es damals hieß, "deutlich differenzierter" ausfielen. So differenziert, dass sueddeutsche.de damals titeln konnte: "Lügenpresse-Vorwürfe sind nicht haltbar", während faz.net "Nicht ausgewogen genug" schrieb – und beide Überschriften waren im Grunde von der Studie gedeckt (Altpapier).

Auch aus der nun neuen Studie kann sich selbstredend jede und jeder herauspicken, was gerade genehm ist. Das ist auch nicht per se schlimm, solange die Ergebnisse nicht umgedichtet werden und es genügend verschiedene Picks gibt.

Was zur großen Frage führt, die immer im Raum steht, wenn es um die Flucht- und Migrationsberichterstattung nach 2015 geht: Gab es denn genügend verschiedene Picks?

Nun, die einen werden es bejahen, die anderen verneinen – siehe oben. Denn wieder sind die Ergebnisse in der Hinsicht grau. Betont wird, dass es Meinungsvielfalt gab – "in Ländern wie Ungarn und Polen und erst recht in Deutschland". Zugleich gebe es innerhalb der Medienlandschaft Europas inhaltliche Unterschiede zweifacher Art: Es gebe "eine geographische (Ost- vs. Westeuropa, wobei die Berichterstattung in Osteuropa kritischer ausfällt) und eine politische (rechte/konservative vs. linke/liberale Zeitungen)".

Allgemein, heißt es in einer Kurzzusammenfassung (die ich im Gegensatz zur langen Studie ganz gelesen habe), "kamen in den westeuropäischen Mediendeutlich mehr Akteure zu Wort, die eine positive Haltung gegenüber Migration und Flucht einnehmen. Ähnliche Cluster finden sich, wenn man die – eher positive – Berichterstattung der linksliberalen Medien mit der Berichterstattung der konservativen Medien vergleicht, die tendenziell negativer ausfällt." Unscharf zugespitzt gesagt: In liberalen deutschen Medien wurde anders berichtet als in regierungstreuen ungarischen. Aber auch anders als in konservativen deutschen. Das könnte den Hans-Georgs der Twitterwelt im Zweifel natürlich schon genügen, um mittels ausgewählter Weglassungen ein großes Fass dummdreister Medienverschwörungssülze aufzumachen. Aber dagegen gibt es derzeit wohl eh kein Kraut.

Alle Ergebnisse zusammenzufassen würde den Rahmen an dieser Stelle sprengen. Bei einem Überblick helfen etwa Deutschlandfunk und sueddeutsche.de.

Eine Zahl in der Studie freilich ist eindeutig: "Deutschland sticht absolut heraus, was die Zahl der veröffentlichten Artikel angeht", wird Susanne Fengler, eine der Autorinnen, im Deutschlandfunk zitiert – wobei das "absolut" wohl nur beinahe stimmt, denn es folgt ein Nachsatz: "nur getoppt von Ungarn". Die Zahl der Beiträge allein sagt allerdings noch nichts über etwaige inhaltliche Tendenzen aus. Auch Beiträge, in denen etwa die Forderungen der AfD verhandelt wurden, sind ja Beiträge über Migration und Flucht.

Einer der interessantesten Punkte ist dann jedoch die Konzentration der Berichterstattung insgesamt, also in den Untersuchungsländern, auf politische Akteure unter Vernachlässigung persönlich betroffener Akteure:

"Es fällt auf, wie stark die Medienberichterstattung in dem von uns untersuchten Sample von Akteuren der Regierung – im Gegensatz zu Vertretern von Oppositionsparteien – dominiert wird. Dieser Fokus auf die jeweils handelnde Exekutive ist einerseits nachvollziehbar und gerade in der Auslandsberichterstattung verbreitet, hat insbesondere in der Migrationsberichterstattung jedoch vermutlich ihren Anteil daran, dass Länder in der Außenwahrnehmung pauschal einem offen-hilfsbereiten oder geschlossen-migrationskritischen Lager zugeordnet werden."

So einfach ist es erwartungsgemäß nicht mit den Zuschreibungen: "Die Medien" gibt es in der Form nicht. Nicht in Deutschland, nicht in Ungarn.

Heute, 10 Uhr, in Halle

Um nun aber auf Holger und Silke Friedrich, die Eigner der Berliner Zeitung, zurückzukommen: Sie kommen auch in der tagesaktuellen Berichterstattung kurz vor. In der geht es nämlich auch um den Zeitungsverlag DuMont. Wir Älteren erinnern uns (auch wenn es schon beinahe ein geschlagenes Jahr her ist): DuMont war "womöglich" ein Vorbild für die SWR-Serie von Harald Schmidt. "Der Berliner Verlag ist an das Unternehmerehepaar Friedrich gegangen, wohl ohne" DuMont "einen nennenswerten Erlös eingebracht zu haben", heißt es in der Welt (€).

Und warum heißt es das in der Welt? Weil "am Mittwoch", also heute, "der Verkauf der 'Mitteldeutschen Zeitung' in Halle verkündet werden" könnte. "Der Verlag war direkt nach dem Mauerfall an das Kölner Medienunternehmen DuMont gegangen. Jetzt steht eine weitere Zäsur an." DuMont schafft sich als eines der ehemals wichtigsten deutschen Zeitungshäuser also wohl noch ein bisschen weiter ab, und Meier schreibt auch, wohin die Reise für die Mitteldeutsche gehen könnte: Die Hamburger Bauer Media Group sei "der Favorit der verkaufswilligen Verleger":

"Nun haben sich die beiden Medienunternehmen offenbar geeinigt, darauf deuten alle Zeichen hin. Für den 15. Januar ist eine Mitarbeiterversammlung in Halle angekündigt, DuMont-Chef Christoph Bauer lädt um 10 Uhr zu einem 'Update' ein. Den Termin bestätigt eine Sprecherin des Unternehmens, nicht jedoch den Verkauf."


Next step dann wohl: Hamburger Morgenpost. "DuMont-Chef Bauer will hier bis Ende Januar entscheiden, wie die weitere Zukunft des Boulevardtitels aussieht", schreibt Meedia.

Update: Bauer übernimmt die Mitteldeutsche Zeitung.


Altpapierkorb (Bert-Donnepp-Preis, Mordfall Kuciák, funk-Programmchef Philipp Schild, "Bild", Lawrence Lessig vs. New York Times)

+++ Der Bert-Donnepp-Preis der "Freunde des Grimme-Preises" geht in diesem Jahr an Übermedien-Kolumnistin Samira El Ouassil und die Regisseurin Julia von Heinz (Altpapier). Meldet u.a. sueddeutsche.de.

+++ Im Mordfall Jan Kuciák (Altpapier) gibt es ein Geständnis, melden taz und Tagesspiegel.

+++ Ein interessantes Interview mit funk-Programmchef Philipp Schild steht bei Meedia. Es geht um vieles, was funk betrifft – und nur zum Beispiel um YouTube und die Frage, ob auch alle funk-Inhalte in ein "öffentlich-rechtliches Netflix” hochgeladen werden könnten statt auf US-amerikanische Drittplattformen "ohne die komplette Datenhoheit". Schild: "Klar können wir uns das vorstellen, unsere Strategie ist aber auch, unsere Angebote dort anzubieten, wo sich unsere Zielgruppe bewegt. Solange also diese Drittplattformen in unserer Zielgruppe so gut genutzt werden, werden wir sie auch bespielen. Das sieht unsere Beauftragung auch so vor."

+++ Bild macht zulassungspflichtigen Rundfunk. Rechtsstreit beendet: "Hintergrund ist der massive Ausbau der Bewegtbild-Angebote der 'Bild'" (DWDL).

+++ Und in einem etwas komplizierten Fall verklagt der Harvard-Professor, Spezialist für Urheberrecht, Kritiker eines restriktiven Urheberrechts, Unterstützer der Open-Source-Bewegung, Gründer der Creative-Commons-Initiative und US-Präsidentschaftskandidaturbewerber 2016 Lawrence Lessig die New York Times. Er beschuldigt sie der besagten "clickbait defamation", also der Diffamierung zu Klickköderzwecken, weil sie seine Aussagen in einer Überschrift verdreht habe und sich weigere, den Fehler zu korrigieren. Allein, ob er sich mit dieser Klage einen Gefallen tut? Richtig gute Presse bekommt er bislang nicht: "Harvard Professor Lawrence Lessig Sues New York Times for Describing What He Said" ist ein Vice-Text überschrieben; er verklage die Times also dafür, dass sie schreibe, was er gesagt habe. Lessig hat eine Website eingerichtet. Die Texte, um die es geht, stehen dort auch.

Neues Altpapier kommt am Donnerstag.

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