Das Altpapier am 2. Januar 2019 Mehr Komplexität wagen!

Brauchen wir einen ganz anderen Auslandsjournalismus? Müssen "unsere" Reportagen "amerikanischer" werden? Was können wir aus dem Ende der gedruckten Spex lernen? Ein Altpapier von René Martens.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 2. Januar 2019: Cover der Zeitschrift "Spex" lösen sich in Pixel auf und fliegen von einem Zeitschriftenstapel in einen Tablet-Computer
Bildrechte: MEDIEN360G / Spex / panthermedia

Die erfreulichste Meldung der vergangenen Tage kommt aus der Türkei: Der österreichische Journalist Max Zirngast, zuletzt im Altpapier vom 12. Dezember erwähnt, ist auf freiem Fuß. Es handelt sich allerdings um eine "prekäre Freiheit mit Auflagen", wie das Solidaritätskomitee #FreeMaxZirngast betont.

Das Neue Deutschland und Der Standard berichten, und letzterer geht in dem Zusammenhang auch ausführlich auf die gerade vorgelegte und vom Solidaritätskomitee bereits kurz analysierte Anklageschrift ein. Laut Zirngast selbst ist sie, "wie erwartet, großteils lächerlich und bisweilen lustig".

Dieser halbguten Nachricht setzen wir aber gleich mal etwas Negatives entgegen: Am gestrigen Dienstag hat Rumänien die EU-Ratspräsidentschaft übernommen, und die Organisation Reporters Without Borders weist anlässlich dessen darauf hin, sie sei "concerned about the sharp decline in press freedom in this East European country" und ruft daher nach "active measures to combat disinformation and promote quality journalism".

Wir hätten damit auch einen Übergang geschafft zu unseren fünf monothematischen Jahresrückblicken, die zwischen dem 22. und 30. Dezember erschienen sind. Der Auftakttext war nämlich dem Thema Pressefreiheit gewidmet. Für jene unserer Leser, die diese Spezial-Altpapiere verpasst haben: Um die öffentlich-rechtlichen Politikmagazine, um Influencer ("Die große Werbekennzeichnungsverwirrung"), die immer größeren Medienkonzerne und die Frage, warum 2018 "der Anfang vom Ende von Facebook" war, ging es in den weiteren Kolumnen.

Zehn Rund-um-Relotius-Fragen

Wir werden bei Gelegenheit sicher noch einmal auf diese Rückblicke zurückkommen. Heute gilt es aber natürlich erst einmal, einige ausgewählte Fragen rund um den Fall des ehemaligen Spiegel-Reporters Claas Relotius aufzugreifen, der bereits das vorletzte und das letzte reguläre Altpapier des Jahres 2018 dominiert hat. Ich werde im Folgenden versuchen, die relevantesten Aspekte anhand von zehn Fragen zusammenfassen. Es geht mir dabei vor allem um das, was über den Spiegel und das Thema Fälschungen hinausweist. Naturgemäß kann hier längst nicht jeder "wichtige" Artikel zur Sache Berücksichtigung finden, der seit dem 21. Dezember erschienen ist. Und die nicht wenigen Wortmeldungen von Hardcore-Spinnern habe ich komplett ignoriert. Aber genug der Vorrede, here we go:

1) Ist der Fall Relotius - auch - ein Symptom für einen "Fehler im System" der Auslandsberichterstattung?

Das ist die vielleicht wichtigste Frage. Sie wird unter anderem aufgeworfen von dem auf das Thema Südosteuropa spezialisierten freien Journalisten Krsto Lazarević. Er schreibt bei Übermedien, Relotius’ "Reportagen" aus dieser Region stünden

"stellvertretend für vieles, was in der Berichterstattung aus dem Ausland schiefläuft. Er zeichnet ein Bild von den Regionen, aus denen er berichtet, das wenig mit der Realität zu tun hat (…) Schon bei seiner Themenauswahl exotisiert Relotius die Region. In Albanien schreibt er über eingeschworene Jungfrauen, die nun als Männer leben, und über Blutrache. In Bosnien geht es um ehemalige Feinde aus den Jugoslawienkriegen, die nun gemeinsam eine Traumatherapie machen. Krieg, Blutrache, patriarchale Geschlechterbilder – das sind genau die Klischeethemen, die viele mitteleuropäische Leser und Redakteure mit dem Balkan verbinden. Statt Komplexität darzustellen, werden die Vorurteile der Leser bedient."

Relotius habe "in seinen Texten immer die Vorurteile mancher Redakteure und Leser bedient. Redakteure und Leser, die nicht informiert, sondern unterhalten werden wollen". Lazarević spricht deshalb von "Problemen im System":

"Manchmal sind Redaktionen nicht zufrieden, weil ihnen die Realität nicht krass genug ist. Weil nichts explodiert ist, weil es keinen Amoklauf gab, weil es in Albanien doch nicht üblich ist, seine Mitmenschen zu töten, wenn sie einen zu lange anschauen. Ja, es gibt aus manchen Redaktionen einen Druck, es mit der Wahrheit nicht ganz so genau zu nehmen, damit eine Reportage sich besser liest. Vor allem aus dem Ausland, weil man die Fakten dort schlechter nachprüfen kann und weil es unwahrscheinlicher ist, dass sich jemand beschwert."

Die erste, die das im Zusammenhang mit Relotius ähnlich formuliert hat, war die freie Journalistin und Dokumentarfilmerin Ronja von Wurmb-Seibel, die eine Zeit lang in Afghanistan gelebt hat. Sie erwähnt "Tipps" prominenter Chefs ("Das Gute am Auslandsjournalismus ist ja, dass niemand rausfinden wird, ob der Mann in Kabul das wirklich gesagt hat"). Der Tagesspiegel hat Äußerungen Wurmb-Seibels nach Weihnachten aufgegriffen.

Thomas Assheuer macht in seinem Zeit-Text über "Die Welt als Reportage" noch ein anderes, größeres Fass auf:

"Schon seit längerer Zeit beobachten Kulturwissenschaftler einen Funktionswandel journalistischer Texte. Journalisten versuchen, die Realität nicht mehr bloß zu beschreiben, sondern sie zu erzählen – und zwar so, dass der Text eine geschlossene Welt entstehen lässt, in die der Leser eintauchen kann, die ihn abholt und umfängt. Das Fachwort heißt 'Atmosphäre' (…) Relotius hat diese Technik pervertiert. Er unternahm erst gar nicht den Versuch, sich einer unbekannten Wirklichkeit zu nähern; stattdessen erzeugte er atmosphärische Räume und Erlebnis-Höhlen, die perfekt ins gefühlte Beuteschema der liberalen Öffentlichkeit passten."

In dem Satz, der mit "Schon seit längerer Zeit …" beginnt, wäre ein Link zu den Beobachtungen der Kulturwissenschaftler natürlich ganz schön gewesen, aber vielleicht ist das bloß ein Wunsch von mir, weil ich kulturwissenschaftlich nicht auf dem Quivive bin.

Wie auch immer: Dass Assheuer hier den Begriff "abholen" ins Spiel bringt, ist allemal verdienstvoll. "Wir müssen den Zuschauer/Leser da abholen, wo er ist" - das ist eines der fiesesten und fatalsten Ideologeme in der bisherigen Mediengeschichte des 21. Jahrhunderts (die Formulierung stammt vermutlich noch aus dem ausgehenden 20., aber das spielt jetzt keine Rolle). Stand also auch Relotius für diesen Abhol-Journalismus, der den Rezipienten systematisch unterschätzt bzw. dessen vermeintliche Überfordertheit instrumentalisiert?

Zwischenfazit: Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einerseits Erfindungen à la Relotius und andererseits Wirklichkeitsverzerrungen, die einem Hang zur Unterkomplexität geschuldet sind. Aber offenbar brauchte es erst einen krassen Anlass wie die Enthüllungen von Relotius’ Fälschungen um über Dinge zu reden, über die man auch vorher längst hätte reden können.

2) Warum sind Redakteure und Juroren auf Relotius abgefahren?

Diese Frage wirft Claudius Seidl in der FAS vom 23. Dezember auf. An "Ein Kinderspiel", einer erst Anfang Dezember mit dem Deutschen Reporterpreis prämierten Spiegel-Reportage aus Syrien, bemängelt er:

"Kein Detail weicht hier ab von dem, was man sich erwartet, keine Figur tut etwas anderes als das, was der Rollenbeschreibung für syrische Zivilisten entspricht, es gibt hier nirgendwo das Unverstandene, Unerklärte, noch nicht einmal das Unerwartete; die Beschreibungen der zerstörten Stadt ergeben genau das Bild, das man als Tagesthemen-Zuschauer eh vor Augen hat."

Dass die Jury des Reporter-Preises, "in der einige der prominentesten Köpfe der sinnstiftenden Klasse zusammensitzen", es nicht störte, dass der Text keinen neuen Gedanken bzw. keine neue Information (im weiteren Sinne) zu Syrien enthält - das sei, so Seidl, "erschütternd". Nun gibt es natürlich durchaus gute "Tagesthemen"-Berichte über Syrien (finde ich; ob Seidl das findet, weiß ich nicht), aber von einem Beitrag, der einen Reportage-Preis bekommt, sollte man in der Tat einen anderen Nährwert verlangen als von einem 2:30-Nachrichtenbeitrag.

Eine Liste der 39 diesjährigen Reporterpreis-Juroren bzw. Sinnstifter findet man hier (wenn man lange scrollt).

3) Müssen die Jurys anders besetzt werden?

"(Beim) Reporterpreis, den Relotius gleich viermal bekam (…) sitzen in der Jury nicht wenige prominente Schauspieler und TV-Moderatoren, die noch nie in ihrem Leben journalistisch recherchiert haben, geschweige denn im Ausland",

sagt Wolfgang Bauer, für die Zeit tätiger Kriegsreporter, im Interview mit dem Flensburger Tageblatt.

Hm, 2018 saßen gerade einmal zwei Schauspieler drin. Und dass die TV-Moderatoren, die dort vertreten waren - Claus Kleber, Caren Miosga, Anja Reschke, Jessy Wellmer, Armin Wolf - , "noch nie in ihrem Leben journalistisch recherchiert haben", ist keine sonderlich valide These.

Eigentlich wird ja eher umgekehrt ein Schuh draus: Über einen Preis für schreibende Journalisten sollten - Stichwort: Unabhängigkeit - im Idealfall ausschließlich Personen entscheiden, die selbst keine schreibenden Journalisten sind. Das zentrale Problem bei den prestigeträchtigen Journalistenpreisen ist ja bekanntermaßen, dass in den Jurys Gesandte der Zeitschriften und Zeitungen sitzen, aus denen die Einreichungen stammen. Kleiner nutzwertjournalistischer Exkurs an dieser Stelle: Die Einreichungsfrist für den diesjährigen Nannen-Preis (originale Deppenschreibweise seit einiger Zeit: "Nannen Preis") endet am 9. Januar.

4) Hat Relotius nicht nur gefälscht, sondern auch geklaut?

Anders formuliert: Stammt das, was falsch ist, von ihm, und das, was wahr ist, zu einem nicht geringen Teil von anderen? Monika Bäuerlein, CEO bzw. (laut SZ von heute) "Chefredakteurin" bei der zweimonatlich erscheinenden linken US-Zeitschrift Mother Jones, schreibt in diesem Thread:

"Even aside from Relotius’ fabrications, it’s clear that all his major pieces were retreads of stories that had been deeply reported by US outlets (including Mother Jones). None were credited."

Um den Vorwurf zu konkretisieren:

"The story that alerted them to Relotius’ fraud was in part a ripoff of @shanebauer’s investigation in MoJo, with the names of the characters not even changed."

Demnach hat sich Relotius bei der viel erwähnten Reportage "Jaegers Grenze" also bei diesem Mother-Jones-Text bedient. Und auch die freie Journalistin Greta Taubert kritisiert Relotius als Abschreiber:

"Viele Beschreibungen und Hintergründe gleichen sich in den Texten bis aufs Wort",

schreibt sie nach einem Vergleich zwischen einem ihrer Artikel für Cicero und einem, der "wenige Monate nach meiner Veröffentlichung" in der NZZ erschienen ist.

Falls die Vorwürfe in den genannten Fällen zutreffen: Hätten die, tja, "Überschneidungen" nicht jemandem in den Redaktionen auffallen müssen?

5) Ist es legitim, dass Journalisten sich als allwissende Erzähler gerieren?

Das Literaturmagazin tell-review.de steigt in einen Text über diesen Aspekt mit dem Auftaktbild aus Relotius’ Reportage "Wie der IS aus zwei Kindern Attentäter machte" ein:

"Vier Minuten bevor Nadim, Kind mit geröteten Augen, den Auslöser an seiner Weste ergriff, um sich mit neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod zu reißen, riefen die Muezzine von Kirkuk über Lautsprecher in alle Viertel der Millionenstadt zum Abendgebet."

Ob das Kind vor dem geschilderten Beinahe-Anschlag gerötete Augen hatte, kann natürlich niemand wissen.

Der eben schon erwähnte Claudius Seidl hat bereits 2010 an einem damals für den Nannen-Preis nominierten Angela-Merkel-Porträt, im Spiegel erschienen unter dem Artikel "Die deutsche Queen", kritisiert, "dass der Autor sich die Freiheit nimmt, in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und fühlt in diesem Kopf".

Dass man künftig von solchen Gaukeleien verschont bleibt, ist aber nicht zu erwarten, jedenfalls, wenn man sich anschaut, wie kampfbereit einige Verteidiger des allwissenden Erzählens in diesem Thread agieren.

6) Muss die hiesige Reportage "amerikanischer" werden?

Dafür spricht nicht wenig. Konstantin Richter schreibt bei Zeit Online:

"Ich habe Journalismus an einer amerikanischen Uni studiert. An der Columbia Graduate School of Journalism wurde das Recherchieren als die eigentliche Kunst betrachtet. Das Schreiben dagegen war niederes Handwerk, eine fast industrielle Tätigkeit, die nun einmal mitvermittelt werden musste. Der Basiskurs war berühmt, eine Art Bootcamp, er hieß RW1. (Das R steht für reporting, danach erst kommt das W für writing.) Ich habe Dinge gelernt, die ich heute noch im Kopf habe: 'Der Einstiegssatz enthält eine einzige Idee und lässt Subjekt, Verb und Objekt aufeinanderfolgen – er sollte nicht mehr als 35 Worte haben.' Und bloß nicht zu viele Adjektive. Eine knappe Personenbeschreibung reicht völlig aus. Jede Aussage muss mit einer Zahl belegt werden. Oder mit einem Zitat. Eine Professorin, die einen Text von mir korrigierte, schrieb an den Rand: "No innuendo please". Sie wollte mir damit sagen, dass ich auf Andeutungen verzichten solle. So klar wie möglich schreiben. Und nichts assoziativ mitschwingen lassen."

Richter schreibt, er wundere sich immer,

"dass die deutschen Reporter den amerikanischen Journalismus so häufig als Vorbild nennen. Die New York Times können sie damit kaum meinen, denn die New York Times ist berühmt für das, was manche deutschen Journalisten abfällig als 'Sachkack' bezeichnen. Schon der erste Satz der typischen New-York-Times-Geschichte ist unspektakulär, es geht um Relevanz und Information, nicht darum, den Leser in den Text hineinzuziehen. Oder der New Yorker, der hierzulande ebenfalls oft gelobt wird. Auffällig ist da, wie ausgiebig die Protagonisten zu Wort kommen, oft völlig unkommentiert. Der Reporter lässt den Leuten die Möglichkeit, die eigene Geschichte zu erzählen, und man merkt beim Lesen erst, wie viel man auf diese Weise über Menschen erfährt. In der deutschen Reportage dagegen wird selten ausführlich zitiert, der deutsche Reporter ist kein Stenograf, lieber arbeitet er mit Zitatschnipseln und indirekter Rede."

7) Muss das hiesige Factchecking "amerikanischer" werden?

Eva Wolfangel schreibt in ihrem Blog über ihre Erfahrungen:

"Wenn man als Journalistin aus der deutschen Fact-Checking-Kultur kommt und auf einmal mit der angelsächsischen konfrontiert ist, kann das erstmal ziemlich verstörend sein – so zumindest ging es mir, als ich erstmals 2018 beim Magazin nature mit einem monatelangen Fact-Checking-Prozess konfroniert war: Ich hatte deutlich das Gefühl, dass mir eben nicht über den Weg getraut wird - was dort einfach zum Vorgehen gehört (ich aber nicht wusste)."

Wolfangels Thema: "die deutsche Forschungslandschaft" und "die Besonderheiten im Vergleich zu anderen Ländern". Zu den Umständen der Entstehung des Artikels schreibt sie:

"Ich hatte in einem Nebensatz über eine Forschungskooperation geschrieben, Deutschland habe eine starke Automobilindustrie, während in Indien die IT-Branche eine große Rolle spiele. "Bitte ergänze hier die Quelle", stand freundlich-bestimmt an ungefähr 35 Stellen in meinem Manuskript, das mir die Redakteurin einige Tage nach Abgabe per Google Doc zurück schickte. Wir haben dieses Dokument bestimmt 20 Mal hin und hergeschickt, jedes Mal gab es neue Nachfragen nach Quellen."

8) Leidet nicht nur die Reportage, sondern auch der Brot-und-Butter-Journalismus unter einem "Unmittelbarkeitsfetischismus"?

Clara Drechsler, die frühere Spex-Redakteurin und -Herausgeberin, äußert sich in der allerletzten Ausgabe des Musikmagazins (um die es weiter unten noch ausführlich gehen wird) zwar nicht zum Fall Relotius und den Folgen, aber in unseren Kontext passt es dennoch. Drechsler vergleicht hier, sehr grob gesagt, früheren (spexigen) und heutigen Kulturjournalismus:

"Man fühlte sich von jemandem angepisst und schrieb dann etwas Böses über ihn oder sie. Das geht heute nicht mehr, heute gibt es zu viele checks and balances. Ich könnte kotzen, wenn ich irgendwelche Feuilletonartikel lese, in denen es heißt: 'Der Junge hat so und so ein Jäckchen an und bestellt sich sich erst mal einen Latte.'"

Solche Café-Latte-Einstiege müssen aber auch Medienseitenleser nicht selten ertragen. Das überdosierte szenische Schreiben ist jedenfalls nicht nur ein Merkmal von Reportagen, die (bisher) als preiswürdig oder preisverdächtig galten, sondern auch von Texten über eher profane Presse- und Ortstermine, die genau deshalb misslingen, weil Autor*innen meinen, die Personen, die sie treffen, möglichst genau beschreiben zu müssen. Eines meiner Lieblingsbeispiele: ein Porträt der Schauspielerin Emilia Schüle, im März 2018 im Tagesspiegel erschienen:

"Im ZDF-Studio Unter den Linden gibt sie Interviews zu "Ku’damm 59" (…) Sie sitzt in einem Konferenzzimmer mit Blick auf den verglasten Innenhof. Dort geben Palmen die Anmutung einer Welt im Draußen. Sie trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Island Paradise". Es ist ihr Schlafshirt, es ist nachmittags um vier, sie zieht die Schuhe aus und winkelt die Beine zum Schneidersitz. Sie ist schön und jung und sie hat diese dunklen Augen, die die Kamera so liebt. Emilia Schüle ist 25 Jahre alt und die Hälfte ihres Lebens steht sie schon vor dieser Kamera."

Auf einen anderen Text aus dieser Preisklasse, erschienen in der SZ, bin ich gerade erst im Altpapier eingegangen. Der Begriff  "Unmittelbarkeitsfetischismus" stammt übrigens von Claudius Seidl (vgl. Frage 2).

9) Muss das Genre Reportage verteidigt werden gegen Kritiker, die wegen Relotius gleich eine Pauschalkritik anstimmen?

Ja, findet Deike Diening (Tagesspiegel):

"In der Debatte (sind) (…) einige verstörende Annahmen über die machtvollste journalistische Gattung unwidersprochen stehengeblieben, die die Entgleisungen Einzelner mit dem Eigentlichen verwechseln. Eine gute Reportage stellt nicht den Autor heraus, sondern legt sich wie ein gut sitzender Handschuh um ihr Thema. Sie kann nicht nur dieses selbst erzählen, sondern auch die Bedingungen ihrer Entstehung. Eben diese Geschmeidigkeit der Form macht sie so kraftvoll, sie funktioniert als Verstärker des Inhalts und gibt den Erkenntnissen der Recherche mehr Gewicht."

Ja, findet auch Malte Henk (Zeit Online):

"Es gibt den seelenlosen Drehbuchjournalismus, wer wollte das bestreiten. Aber das heißt doch nicht, dass Reporter sich nicht um die Wahrheit bemühen, nur weil sie erzählerische Mittel einsetzen."

10) Wird die ganze Sache hochgejazzt?

Der Meinung ist jedenfalls Detlef Esslinger (SZ, Ausgabe vom 29. Dezember, offenbar nicht mehr frei online), er hat in diesem Zusammenhang vor allem Holger Stark auf dem Kieker. Letzterer war mal beim Spiegel, und jetzt ist er bei der Zeit. Esslinger steigt mit einem Stark-Zitat aus diesem Text ein:

"Der deutsche Journalismus durchläuft eine Wahrhaftigkeitskrise, wie es sie seit der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher im Stern 1983 nicht mehr gegeben hat", schreibt der frühere Spiegel-Redakteur, der jetzt bei der Zeit ist. Diese Berufsgruppe ist derart verknallt in Übertreibungen, dass sie sich lieber zugrunde schwätzt, als je auf eine zu verzichten."

Esslingers Text firmiert übrigens als "Zwischenruf" - und an solchen Rufen zu Fragen rund um Relotius wird es wohl auch in den kommenden Tagen nicht mangeln.

Schluss mit der Anlassorientierung!

Das zweite große Medienthema, das zumindest mich in den letzten Tagen beschäftigt hat: die Zukunft des Musikjournalismus (bzw. die Frage, ob er eine hat). Anlässlich des oben bereits erwähnten Endes der gedruckten Spex - die letzte Ausgabe der 1980 gegründeten Musikzeitschrift erschien am 27. Dezember - schreibt Christoph Twickel (Spiegel Online):

"Wer Spex kaufte, wollte nicht Empfehlungen oder eine Auswahl, sondern Teilhabe an einem Popdiskurs, den es eben nur mit der "Spex" gab, die Kulturwissenschaftlerin Nadja Geer nennt es: Pop als "intellektuellen Selbstentwurf". Umgeben von den richtigen Platten und Büchern der unansehnlichen Gegenwart trotzen."

Felix Klopotek dazu in der Kölner Stadt-Revue:

"Die Botschaft war klar: Musik ist kein Objekt der naiven Identifikation, kein soziologisches Feld, kein Nebenkriegsschauplatz ideologiekritischer Entlarvungen. Sie ist ein radikales Mittel des Weltumgangs, vielleicht der einzig adäquate. Deshalb greift es zu kurz, dass das Ende der Spex — oder auch das Ende von Intro — so häufig mit dem Verlust ihrer Gatekeeper-Funktion erklärt wird."

Weil Musik aber mittlerweile kein "radikales Mittel des Weltumgangs" (Klopotek) mehr ist (bzw. für eine immer kleiner werdende Gruppe) und die "richtigen Platten" beim Trotzen der "unansehnlichen Gegenwart" (Twickel) keine Rolle mehr spielen, gibt es Spex nun nicht mehr.

Zu den generellen Perspektiven des Musikjournalismus äußert sich Aaron Gilbreath (Longreads) relativ optimistisch:

"Immersive music writing can provide as pleasurable an experience as an hour alone with your streaming service."

Sehe ich im Prinzip auch so, aber ich gehe mal davon aus, dass Gilbreath und ich einer Minderheit angehören.Weiter schreibt er:

"The print magazine might be dead, but music journalism is continually evolving, impacting listeners on various levels. People will always hold music and stories close to their hearts, which makes storytelling eternally relevant, no matter the medium. But before music writing can thrive, music must be valued, not just heard. Jason Pierce, of Spacemen 3, put it well: 'I mean, now we can download the whole Neu! or Steve Reich catalogue immediately. People can have their lives stuffed with music, but that’s not the same as it knocking you sideways and becoming part of who you are.'"

In der aktuellen, also letzten Spex sagt Diedrich Diederichsen:

"Ich denke, es wäre jetzt Zeit, sich eine ganz andere Sorte von Publikation auszudenken, bei der Pop-Musik auch eine Rolle spielt, aber nicht die entscheidende."

Die "Regeln" des Feuilletons, so DD, sollten dabei nicht zur Anwendung kommen:

"Filme werden besprochen, wenn sie neu sind, Theaterstücke zur Premiere. Das ist so ein Tagebuch dessen, was passiert. Davon müsste man sich trennen. Gegenwartsorientiert, aber nicht mehr anlassorientiert. Ich hätte eine Idee für eine Zeitschrift, aber ich weiß, dass sie unmöglich zu finanzieren ist."

Falls einer der zahlreichen gutsituierten Altpapier-Leser investieren will: Wir vermitteln gern.

Altpapierkorb (Slime, fehlende Qualitätskontrollen bei Netflix, letzter Viva-Sendetag, Zeit Hamburg, Hans A. Nikel)

+++ Mit Rechten reden? Zwecklos, meint Ralf Sotschek, der Großbritannien-Korrespondent der taz, in einem Beitrag für die entsprechende Debattenreihe seiner Zeitung. Was Gauland, Sarrazin, Höcke und Konsorten äußerten, habe "alles nichts mit Verrohung der Sprache zu tun, wie der Politologe Hajo Funke meint. Es sind keine Entgleisungen, sondern kalkulierte Testballons. Wenn die Proteste dagegen verklungen sind, kann man nachlegen. Das braune Fußvolk, mit dem man offiziell nichts zu tun haben will, erledigt die Drecksarbeit, etwa in Chemnitz. Und mit solchen Leuten soll man reden? Es ist naiv zu glauben, dass man sie bekehren oder gar instrumentalisieren könne. Eine Parallele zumindest gibt es zu den 1920er und 1930er Jahren: Die Konservativen waren die Steigbügelhalter für die Faschisten."

+++ Sich bei Rechten entschuldigen? Hat gerade das ZDF gemacht, nachdem sich ein paar Trolle aus dem AfD-Milieu darüber beschwert haben, dass bei einem Wolfgang-Schäuble-Interview kurz ein Kameramann (!) mit einer Jacke aus dem Merchandising-Segment der Altpunk-Band Slime zu sehen war (siehe unter anderem taz). Offenbar der Grund fürs Getrolle: der 2016 veröffentlichte Slime-Song "Sie wollen wieder schießen (dürfen)". Meine Slime-Fanphase liegt ja nun schon mehr als dreieinhalb Jahrzehnte zurück, aber die Jacke werde ich mir wohl besorgen müssen für den Fall, dass mich das ZDF mal interviewt.

+++ Während das fiktionale Fernsehen in Deutschland oft als "Redakteursfernsehen" kritisiert wird, weil dort zu viele Redakteure meinen, Einfluss nehmen zu müssen, scheint bei Netflix und Amazon Prime das genau gegenteilige Problem zu bestehen: Hier nimmt offenbar niemand Einfluss. Es fehle jedenfalls an "Qualitätskontrollen", bemerkt Fabian Schmid im Standard. Dass "Serienerfinder und Regisseure tun und lassen können was sie wollen, solange sie dafür mit ihrem Namen einstehen", wie es etwa Netflix-Manager Ted Sarandos im Frühjahr 2018 formuliert hat, bringt allemal auch Nachteile mit sich. Es sei "immer öfter zu beobachten, dass für sehr viel Geld sehr schlechte Serien produziert werden", meint Schmid.

+++ Peer Schader (dwdl.de) würdigt anlässlich des letzten Sendetages von Viva, was den Sender zumindest in seiner frühen Zeit ausgemacht hat: Dass Moderatoren sich dort "ausprobieren konnten, um ihren eigenen Weg zu finden": Womöglich sei "das der eigentliche Verdienst" des Senders, "in jedem Fall aber so etwas wie ein Vermächtnis: In seinen erfolgreichsten Jahren funktionierte VIVA als eine Art inoffizielle Talentförderungsanstalt der hiesigen TV-Branche, bei der sich die übrigen Sender nach Belieben bedienten, um Talente abzuwerben, die man selbst aufzubauen versäumt hatte".

+++ Print stirbt, sogar in einem pumperlgsunden Laden wie dem Zeit-Verlag. Der hat die Erscheinungsfrequenz seines Hamburg-Teils verringert: Bis jetzt lag er jeder Ausgabe der Wochenzeitung bei, aber ab Januar erscheint er nur noch jeden letzten Donnerstag im Monat. Ich habe für die taz Nord darüber geschrieben.

+++ Verstorben im Alter von 88 Jahren ist Hans A. Nikel, der Gründer der Satirezeitschrift Pardon (von der sich 1979 die Titanic abspaltete). Willi Winkler ruft ihm in der heutigen SZ nach.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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